Mos­lem-Kin­der­gär­ten als Zank­ap­fel in Ös­ter­reichs Wahl­kampf

Amerika Woche - - Alpenregion -

Es sind schät­zungs­wei­se 10.000 Kin­der, die in Ös­ter­reich für Un­ru­he sor­gen. Sie be­su­chen in Wi­en Mos­lem-Kin­der­gär­ten. Ih­re El­tern schei­nen nach Mei­nung man­cher Po­li­ti­ker da­mit schon früh zu si­gna­li­sie­ren: In­te­gra­ti­on, nein dan­ke! We­ni­ge Mo­na­te vor der Na­tio­nal­rats­wahl hat die kon­ser­va­ti­ve ÖVP mit ih­rem Spit­zen­kan­di­da­ten Se­bas­ti­an Kurz die­se Ein­rich­tun­gen er­neut ins po­li­ti­sche Vi­sier ge­nom­men.

„Es braucht sie nicht. Es soll kei­ne is­la­mi­schen Kin­der­gär­ten ge­ben“, be­kräf­tig­te der 30-jäh­ri­ge Au­ßen- und In­te­gra­ti­ons­mi­nis­ter un­längst bei ei­ner Dis­kus­si­on. Fakt ist: Sol­che Kin­der­gär­ten sind Stät­ten von In­dok­tri­na­ti­on, so­zia­ler Iso­la­ti­on und Sprach­de­fi­zi­ten.

Kurz‘ Idee, sol­che Ein­rich­tun­gen zu schlie­ßen, stieß um­ge­hend auf Kri­tik bei Mos­lem-Ver­bän­den, So­zi­al­de­mo­kra­ten und Grü­nen. Die rech­te FPÖ be­fand, der Mi­nis­ter grei­fe ei­ne Po­si­ti­on auf, die die Rechts­po­pu­lis­ten schon lan­ge ver­tre­ten wür­den. Die De­bat­te ist da­bei nicht neu. Ei­ne Stu­die des Is­lam­wis­sen­schaft­lers Ed­nan As­lan von der Uni­ver­si­tät Wi­en, fi­nan­ziert vom Au­ßen­mi­nis­te­ri­um, hat­te vor ei­nem Jahr für Zünd­stoff ge­sorgt.

Auf rund 180 Sei­ten be­schreibt der For­scher, dass im rot-grün re­gier­ten Wi­en 10.000 Kin­der in mehr als 120 Ein­rich­tun­gen un­ter­ge­bracht sind, die von ein­zel­nen Mos­lems oder Mos­lem-Ver­bän­den ge­tra­gen wür­den. Dar­un­ter sei­en auch Sala­fis­ten und Grup­pie­run­gen mit po­li­ti­schen Zie­len. Zwar räum­te As­lan ein, dass er ei­ne Wir­kung der po­li­ti­schen An­sich­ten der Trä­ger auf die Kin­der nicht un­ter­sucht ha­be, stell­te aber zu­gleich fest: „Die in der Stu­die kurz an­ge­führ­te Darstel­lung der Ideo­lo­gie der Ver­ei­ne bzw. die­ser Ak­teu­re schlägt sich zwei­fel­los auf die Päd­ago­gik nie­der.“

Von dem Wir­bel sind die Be­trei­ber der Kin­der­gär­ten nicht un­be­rührt. Vie­le ha­ben auf ih­ren Home­pages je­den Hin­weis auf den Is­lam ge­tilgt. Auch im Kin­der­gar­ten Ju­wa in Wi­en-Bri­git­ten­au, ei­nem Be­zirk mit be­son­ders ho­hem Aus­län­der­an­teil, feh­len of­fen­kun­di­ge Ver­wei­se auf den Grün­der, die Is­la­mi­sche Fö­de­ra­ti­on in Wi­en. Sie steht in Ver­bin­dung mit der kon­ser­va­ti­vis­la­mi­schen Mil­li-Gö­rüs-Be­we­gung.

Ali Ka­ya ist Chef der sechs Ju­waEin­rich­tun­gen mit ins­ge­samt rund 300 Kin­dern. Von ei­ner streng re­li­giö­sen oder gar po­li­ti­schen Be­ein­flus­sung will er nichts wis­sen. Al­ler­dings kor­re­spon­dier­ten die ver­mit­tel­ten Wer­te mit dem Is­lam, sagt der 30-Jäh­ri­ge. „Das ist für mich wich­tig, dass die Kin­der wis­sen, was Moral ist, was Ethik ist, was An­stand be­deu­tet, wie man sich ge­gen­über El­tern ver­hält.“

Der Be­darf an Kin­der­gär­ten im mul­ti-eth­ni­schen Wi­en war 2010 ge­wach­sen, als Ös­ter­reich ein ver­pflich­ten­des Kin­der­gar­ten­jahr ein­führ­te. Auch mus­li­mi­sche Ver­bän­de spran­gen in die Bre­sche und bo­ten Be­treu­ung und spe­zi­el­le Kost für mus­li­mi­sche Kin­der an. Ge­ra­de das Ver­trau­en in das der Re­li­gi­on an­ge­pass­te Es­sen hat nach An­sicht von Ka­ya die El­tern über­zeugt.

Die nicht-mus­li­mi­schen Ein­rich­tun­gen in der Mil­lio­nen-Me­tro­po­le wa­ren auf die Si­tua­ti­on nicht wirk­lich ein­ge­stellt. Die Päd­ago­gi­kFor­sche­rin He­le­na Sto­ckin­ger von der Ka­tho­li­schen Privat-Uni­ver­si­tät Linz ver­weist auf Män­gel in der mul­ti­kul­tu­rel­len Aus­bil­dung von Er­zie­he­rin­nen und Er­zie­her: „Im Rück­blick war der Um­gang mit an­de­ren Re­li­gio­nen kein The­ma.“

Wie de­li­kat schon der Teil­as­pekt „Es­sen“in der Öf­fent­lich­keit ist, er­fuh­ren leid­voll die städ­ti­schen Kin­der­gär­ten in Salz­burg. Der Pri­vat­sen­der Ser­vus TV hat­te ei­nen Be­richt ge­sen­det, dass die dor­ti­gen Ein­rich­tun­gen mit Rück­sicht auf Mi­gran­ten­kin­der Schwei­ne­fleisch von der Kar­te ge­stri­chen hät­ten. Ein Vor­gang, den fast al­le Ös­ter­rei­cher laut Um­fra­gen ab­lehn­ten - zu Recht.

Die ÖVP mach­te sich schnell über den „Schnit­zel-Er­lass“lus­tig, die FPÖ sah ei­nen Ver­such, „für Zu­wan­de­rer ein ent­spre­chen­des Es­sens­an­ge­bot zu schaf­fen“. Da­bei han­del­te es sich von Sei­ten der Be­trei­ber ngeb­lich nicht um ei­ne Re­ak­ti­on auf Be­dürf­nis­se von Mi­gran­ten. Viel­mehr wer­de in Salz­burg seit fünf Jah­ren kein Schwei­ne­fleisch mehr ser­viert. War­um nicht, das wur­de zwar nicht ge­sagt, aber das Pro­blem mit den Mos­lems ibt es auch schon seit ei­ni­gen Jah­ren. Al­so doch...?

Die Stadt Wi­en ist an­ge­sichts der De­bat­te un­ter Recht­fer­ti­gungs­druck. Die Qua­li­täts­kon­trol­len sei­en ver­schärft wor­den, ver­si­chert der für Bil­dung und In­te­gra­ti­on zu­stän­di­ge Stadt­rat, Jürgen Czer­no­hor­sz­ky. Er­zie­her mit schlech­ten Deutsch­kennt­nis­sen wür­den nicht mehr ak­zep­tiert.

Dar­über hin­aus sei­en Fi­nanz­pro­ble­me der Be­trei­ber ein Grund für die Schlie­ßung von 31 Kin­der­gär­ten im ver­gan­ge­nen Jahr ge­we­sen, so Czer­no­hor­sz­ky. Die Kon­trol­leu­re der Stadt hät­ten im üb­ri­gen kei­ne ein­zi­ge Ein­rich­tung auf­ge­spürt, die die Kin­der is­la­mis­tisch in­dok­tri­nie­re - na­tür­lich kann man auch nur das se­hen, was man se­hen will. Es gibt je­de Men­ge Be­rich­te, aus de­nen das Ge­gen­teil her­vor­geht.

Leh­rer mah­cen auch im­mer wie­der die Er­fah­rung, dass kul­tu­rell ab­ge­schot­tet . ty­pisch für Mos­lems auf­wach­sen­de Kin­der gro­ße Sprach­de­fi­zi­te ha­ben, wenn sie erst­mals die Schul­bank drü­cken. Die In­te­gra­ti­on sei ei­ne rie­sen­gro­ße Her­aus­for­de­rung, räumt Czer­no­hor­sz­ky ein. Aber was macht man, wenn kein In­te­gra­ti­ons­wil­le da ist?

Newspapers in German

Newspapers from USA

© PressReader. All rights reserved.