Mer­kel oder Schulz?

Sie ha­ben die Wahl!

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Wer ge­glaubt hat, in die­sem Wahl­kampf wür­de es rich­tig rund ge­hen, der hat sich - zu­min­dest bis zum Re­dak­ti­ons­schluss für die­se Aus­ga­be der Ame­ri­ka Wo­che - mäch­tig ge­täuscht. Klei­ne Schar­müt­zel ja, gro­ßer Kampf nein. SPD-Her­aus­for­de­rer Schulz stram­pelt sich zwar nach Kräf­ten ab, nur will ir­gend­wie kaum et­was da­von beim deut­schen Wahl­volk an­kom­men.

Die an­fäng­li­che Eu­pho­rie für den Kanz­ler­kan­di­da­ten Mar­tin Schulz ist ge­ra­de­zu ins Bo­den­lo­se ge­sun­ken. Amts­in­ha­be­rin An­ge­la Mer­kel hin­ge­gen ruht sich an­schei­nend auf dem bis­her er­reich­ten aus, auch sie macht kei­ner­lei An­stal­ten, ih­ren Wi­der­sa­cher rich­tig an­zu­ge­hen.

Der SPD-Spit­zen­kan­di­dat warf der deut­schen Kanz­le­rin zu­letzt vor, den Kon­takt zu ih­ren Wäh­lern ver­lo­ren zu ha­ben, sie sei ge­ra­de­zu „ent­rückt“. Nun, er muss et­was un­ter­neh­men, denn Schulz‘ SPD lag in Um­fra­gen zum Re­dak­ti­ons­schluss weit hin­ter Mer­kels CDU, der Ab­stand be­trägt et­wa 15 Pro­zent­punk­te.

Schulz sag­te im ARD-In­ter­view, dass ihn Mer­kels Ver­hal­ten am En­de ih­rer nun drit­ten Amts­zeit an das Ver­hal­ten von Ex-Kanz­ler Hel­mut Kohl er­in­ne­re. Auch der ha­be En­de der 1990er-Jah­re den Kon­takt zu sei­nen Wäh­lern ver­lo­ren.

„Sie be­nutzt die In­fra­struk­tur des Bun­des für ei­nen Spott­preis, um zu ih­ren Wahl­kampf­auf­trit­ten zu flie­gen“, warf Schulz der CDUChe­fin vor. Vie­le Men­schen hät­ten den Ein­druck, „dass An­ge­la Mer­kel ent­rückt ist“. Au­ßer­dem re­agie­re Mer­kel auf Pro­vo­ka­tio­nen des tür­ki­schen Prä­si­den­ten Er­do­gan zu zö­ger­lich. „Das ist ei­ne Art der Ab­ge­ho­ben­heit, die mo­bi­li­sie­rend für mei­ne Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler im Wahl­kampf ist“, er­klär­te Schulz.

Mer­kel hin­ge­gen ver­mied in ih­rem ZDF-In­ter­view jeg­li­ches Du­ell mit Schulz. Be­züg­lich der Vor­wür­fe von Schulz be­ton­te sie, dass sie ei­nen Eid ge­leis­tet ha­be, dem Woh­le des deut­schen Vol­kes zu die­nen, und die­sem ver­su­che sie ge­recht zu wer­den.

Wirk­lich Auf­re­gen­des war von bei­den Sei­ten kaum zu hö­ren. Bri­sanz kam al­ler­dings zu­letzt auf, weil die Kanz­le­rin den gro­ßen TV-Sen­dern mit ei­nem Boy­kott des ge­plan­ten TV-Du­ells Mer­kel ge­gen Schulz ge­droht hat. Und sie setz­te sich bei der Pla­nung des TV-Du­ells durch. Das er­zürn­te Ex-ZDF-Chef­re­dak­teur Bren­der, der selbst ei­ne le­gen­dä­re Run­de mo­de­rier­te. Ein an­de­rer nennt das Ver­hal­ten „de­mo­kra­ti­e­theo­re­tisch ver­hee­rend“.

Ei­gent­lich woll­ten ARD, ZDF, RTL und ProSie­benSat.1 in die­sem Jahr ein paar Än­de­run­gen am For­mat des TV-Du­ells vor­neh­men: Die Sen­dung soll­te in zwei Blö­cke ge­teilt wer­den, in de­nen in je­weils 45 Mi­nu­ten nur ein Mo­de­ra­to­ren­paar Fra­gen an die bei­den Kan­di­da­ten stellt. Da­durch soll­te, „mehr Raum für Spon­ta­ni­tät und Ver­tie­fung“ge­schaf­fen wer­den. Au­ßer­dem hat­ten sich die vier über­tra­gen­den Sen­der zwei Ter­mi­ne ge­wünscht.

Doch sie schei­ter­ten, weil das Mer­kel-La­ger da­mit nicht ein­ver­stan­den war und ei­ne Teil­nah­me der Kanz­le­rin un­ter die­sen Be­din­gun­gen ab­lehn­ten – ei­ne Boy­kott­dro­hung. Des­halb warf der frü­he­re ZDFChef­re­dak­teur Ni­ko­laus Bren­der der CDU-Po­li­ti­ke­rin vor, das TVDu­ell durch mas­si­ven Druck ih­rer Ver­trau­ten zu ei­nem rei­nen Kanz­ler­for­mat ge­macht zu ha­ben.

„Die Ei­ni­gung ist un­ter Er­pres­sung durch das Kanz­ler­amt zu­stan­de ge­kom­men“, so Bren­der. Sol­che Ver­ein­ba­run­gen nen­ne man sit­ten­wid­rig. Die Ab­sicht da­hin­ter sei glas­klar: „Das Kanz­ler­amt ver­langt ein Kor­sett für die Kanz­le­rin, in dem sie sich nicht be­we­gen muss. Und zu­gleich ei­nes für Schulz, in dem er sich nicht be­we­gen darf.“

Für Bren­der, der die le­gen­dä­re Ele­fan­ten­run­de nach der Bun­des­tags­tags­wahl 2005 mit Mer­kel und Ger­hard Schrö­der mo­de­rier­te, ist das „als Fern­seh­for­mat ei­ne Miss­ge­burt“. Mer­kel ma­che ei­nen Wahl­kampf „im Schlaf­mo­dus“– ein Fern­seh­du­ell, das Fun­ken schla­ge, wür­de da­bei nur stö­ren.

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