Nach his­to­ri­schem Berg­sturz: Ge­stör­te Wan­der­lust in den Al­pen

Amerika Woche - - Alpenregion -

Es war ein ge­wal­ti­ger Berg­sturz: Rund vier Mil­lio­nen Ku­bik­me­ter St­ei­ne, Ge­röll und Schlamm­mas­sen scho­ben sich ins Tal Rich­tung Bon­do. Der ge­wal­tigs­te Berg­sturz seit Jahr­zehn­ten. Seit­her gleicht die Ber­gel­ler Ort­schaft ei­nem Geis­ter­dorf. Meh­re­re Men­schen wur­den bei Re­dak­ti­ons­schluss noch im­mer ver­misst. Die Ret­ter ver­mu­ten sie un­ter den bis u 50 Me­ter ho­hen Ge­röll­mas­sen. Hoff­nung gab es zu­letzt kaum.

Wan­dern im Hoch­ge­bir­ge - für die Per­ma­frost­for­sche­rin Mar­cia Phil­lips (run­des Foto) vom Schwei­zer Schnee- und La­wi­nen­for­schungs­in­sti­tut (SLF) in Da­vos ist das Be­ruf und Lei­den­schaft zu­gleich. „Ich ge­he je­des Wo­che­n­en­de. In ge­wis­sen Ge­gen­den im Hoch­ge­bir­ge wird es ei­nem aber schon manch­mal mul­mig.“War­um? „Man ent­deckt Ris­se in den Fel­sen ober­halb von 3.500 Me­tern, die vor­her nicht da wa­ren. Das sieht man nun sehr häu­fig.“

Ris­se kön­nen höchst ge­fähr­lich wer­den, sagt die Ex­per­tin. So­lan­ge das Gestein ge­fro­ren ist, sind sol­che Ris­se mit Eis ge­füllt. Wenn es aber wär­mer wird, wird die Ver­bin­dung Fels-Eis schwä­cher. Schmilzt das Eis, kann Was­ser in die Spal­ten drin­gen. „Da kann sich enor­mer Druck auf­bau­en, weil das Was­ser nicht ab­flie­ßen kann“, sagt Phil­lips. „Und wenn das Was­ser ge­friert, ent­steht be­son­de­re Spreng­kraft.“

Die Er­wär­mung in­fol­ge des Kli­ma­wan­dels be­schleu­nigt das. „Ein Berg­sturz wie im Bon­das­ca-Tal ist ex­trem sel­ten“, sagt Phil­lips. „Kann gut sein, dass wir das in un­se­rem Le­ben nicht noch ein­mal se­hen.“Sta­bi­le Fel­sen brau­chen aber Per­ma­frost, al­so ge­fro­re­ne Fels­wän­de, die deut­lich un­ter Null Grad blei­ben. Nach ih­ren Mes­sun­gen er­wärmt sich der Per­ma­frost je­doch, in Hö­hen von 2500 bis 3000 Me­tern teils schon auf na­he null Grad. „Klei­ne­re St­ein­schlä­ge gibt es des­halb öf­ter, vor al­lem wenn gro­ße Nie­der­schlä­ge auf Hit­ze­som­mer fol­gen“, er­klärt die For­sche­rin.

Das Ös­ter­rei­chi­sche Ku­ra­to­ri­um für al­pi­ne Si­cher­heit will die wach­sen­de Ge­fahr die­sen Herbst mit Geo­lo­gen in Au­gen­schein neh­men. „Kei­ne Fra­ge, die St­ein­schlag­ge­fahr hat sich durch die Er­wär­mung er­höht“, sag­te Prä­si­dent Karl Gabl. „Die Fra­ge ist: Wie kann man das Ri­si­ko re­du­zie­ren? Wir kön­nen ja nicht die gan­zen Al­pen sper­ren.“Zum ei­nen mit Auf­klä­rung: St­ein­schlag­ge­fähr­de­te Rin­nen müss­ten schnell durch­quert wer­den. Aber Al­pin­ver­ei­ne müss­ten es sich aber auch über­le­gen, in be­stimm­ten Re­gio­nen die aus­ge­zeich­ne­ten Wan­der­we­ge zu ver­le­gen.

Der Deut­sche Al­pen­ver­ein (DAV) mit mehr als ei­ner Mil­li­on Mit­glie­der führt ge­naue Un­fall­sta­tis­ti­ken. Da­nach liegt die ab­so­lu­te Zahl der Un­fäl­le und Not­fäl­le, über­wie­gend in den Al­pen, seit ei­ni­gen Jah­ren knapp un­ter 900. Da aber je­des Jahr mehr Men­schen un­ter­wegs sind, neh­me die Un­fall­ra­te tat­säch­lich ab, sagt Si­cher­heits­for­sche­rin Ju­lia Ja­not­te.

St­ein­schlag oder an­de­re Na­tur­er­eig­nis­se pas­sie­ren so sel­ten, dass sie in der Sta­tis­tik gar nicht auf­tau­chen. „Die häu­figs­ten Un­fall­ur­sa­chen sind Um­kni­cken, Stol­pern, Stür­zen“, sagt Ja­not­te. Zwei Drit­tel der Un­fäl­le ge­hen dar­auf oder auf Kreis­lauf­pro­ble­me oder an­de­re ge­sund­heit­li­che Fak­to­ren zu­rück. 23 Pro­zent der Berg­ret­tun­gen in 2015 wa­ren nö­tig, weil Men­schen sich über­schätzt oder ver­lau­fen hat­ten und er­schöpft wa­ren. Bei den Berg­stei­gern, die mit be­son­de­rem Ge­rät in Klet­ter­stei­gen oder auf Hö­hen­tou­ren un­ter­wegs sind, ent­fal­len auf die­se Ka­te­go­rie so­gar fast 40 Pro­zent.

„Seit ich mich hier mit dem The­ma Si­cher­heit be­schäf­ti­ge, bin ich sen­si­bler ge­wor­den“, sagt Ja­not­te. „Be­vor ich los­ge­he, in­for­mie­re ich mich über Ge­bie­te, die ge­fähr­li­cher sind, ich tra­ge ei­nen Helm und ge­he dicht am Wand­fuß.“

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