Li­ni­en­flug im Ro­si­nen­bom­ber, dem Blo­cka­de-Bre­cher

Amerika Woche - - Global -

Sie flie­gen noch, die le­gen­dä­ren Ro­si­nen­bom­ber, die vor fast 70 Jah­ren Wes­tBer­lin wäh­rend der so­wje­ti­schen Blo­cka­de ver­sorgt hat­ten. Heu­te lan­den sie in ab­ge­le­ge­nen Dör­fern Ko­lum­bi­ens.

Die 20 Pas­sa­gie­re sit­zen mit dem Rü­cken zum Fens­ter. Die blank po­lier­te, sil­ber­far­be­ne DC-3 von Air Co­lom­bia ist Bau­jahr 1942. Die zwei Pro­pel­ler sprin­gen an. Der Old­ti­mer hebt kräf­tig brum­mend um 9.00 Uhr ab in Vil­la­vicen­cio.

Das Zen­trum der DC-3-Flot­te mit rund zwölf in­tak­ten Ve­te­ra­nen liegt gut 120 Ki­lo­me­ter süd­öst­lich von Ko­lum­bi­ens Haupt­stadt Bo­go­tá. Die Mi­li­tär­va­ri­an­ten wur­den als Ro­si­nen­bom­ber welt­be­rühmt, die DC-3-Ty­pen der Dou­glas Air­craft Com­pa­ny wur­den nur zwi­schen 1935 und 1945 pro­du­ziert. Sie sind un­ver­wüst­lich, auch an­no 2017.

Im hin­te­ren Teil piept und tschilpt es kräf­tig. Et­wa 400 Kü­ken flie­gen in ge­sta­pel­ten Kar­tons mit Luft­lö­chern mit. Die Pas­sa­gie­re, vie­le Ur­ein­woh­ner, gu­cken durch di­cke Rie­men, die Kis­ten und Sä­cke si­chern, auf ih­re Nach­barn.

Jo­aquin San­cle­men­te ist ein ver­sier­ter Pi­lot. Er ha­be al­lein im DC3-Cock­pit über 10.000 Flug­stun­den ab­sol­viert, er­zählt er spä­ter. Und die Si­cher­heit der al­ten Kis­ten? „Die In­spek­ti­ons-In­ter­val­le sind kurz, die Checks enorm gründ­lich“, be­tont der Co­man­dan­te.

Er weiß auch et­li­ches über die Blo­cka­de West-Ber­lins durch die kom­mu­nis­ti­sche So­wjet­uni­on und die Luft­brü­cke der west­li­chen Al­li­ier­ten USA, Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich. Die ver­sorg­ten von Ju­ni 1948 bis Sep­tem­ber 1949 mit DC-3-Mi­li­tär­ver­sio­nen er­folg­reich die Be­woh­ner West-Ber­lins mit al­lem zum Le­ben Not­wen­di­gen.

San­cle­men­te hat auch die Über­set­zun­gen für „Ro­si­nen­bom­ber“pa­rat: „Can­dy bom­ber“und „Rai­sin bom­ber“. Luft­waf­fen­pi­lo­ten war­fen da­mals für Kin­der klei­ne Fall­schir­me mit Sü­ßig­kei­ten ab und hat­ten auch Tro­cken­früch­te an Bord. Vie­le der Flü­ge führ­ten un­ter an­de­rem von Frank­furt am Main, Cel­le in Nie­der­sach­sen und Ham­burg durch die Luft­kor­ri­do­re der West-Al­li­ier­ten auf den Flug­ha­fen Ber­lin-Tem­pel­hof und auf den klei­ne­ren in Ber­lin-Staa­ken.

Der Pi­lot von Air Co­lom­bia spricht gu­tes Eng­lisch, was ge­wiss nicht selbst­ver­ständ­lich für DC-3-Cr­ews in Ko­lum­bi­en ist. Auf Char­ter­flü­gen hat­te er in den al­ten Pro­pel­ler­ma­schi­nen auch schon teu­re Renn­pfer­de so­wie in Tei­le zer­leg­te Last­wa­gen und Trak­to­ren an Bord.

Wie vor rund 70 Jah­ren trans­por­tie­ren die Ol­dies heu­te Le­bens­mit­tel, Bau­stof fe und Me­di­ka­men­te, in Not­fäl­len auch Schwer­kran­ke. Die DC-3 ist ro­bust, wen­dig und leicht zu re­pa­rie­ren. Sie lan­det in Ko­lum­bi­en in Re­gio­nen, zu de­nen es kei­ne Stra­ßen gibt, nur um­ge­ben von Step­pe, Busch, Dschun­gel und ent­le­ge­nen Dör­fern mit Ur­ein­woh­nern.

Vil­la­vo, so der Kurz­na­me für Vil­la­vicen­cio, ist das Tor zu Los Lla­nos mit Sa­van­ne, Vieh­her­den, Cow­boys, Ha­ci­en­das. Doch ein ech­ter DC-3-Fan in­ter­es­siert sich da­für erst in zwei­ter Li­nie. Fast al­le Pas­sa­gie­re sind an­ge­schnallt. Si­cher­heits­hin­wei­se durch Flug­be­glei­ter und Gurt­kon­trol­len gibt es nicht. Der ein­zi­ge Mit­ar­bei­ter im ge­mein­sa­men Pas­sa­gier- und Ge­päck­raum ist um die 50 und sehr freund­lich, hilft Müt­tern und Kin­dern beim Aus­stei­gen und auch beim Ent­la­den der Kü­ken.

Die Ma­schi­ne lan­det kurz in Cu­ma­ri­bo, ei­ner Sied­lung in der Ein­sam­keit. Das Flug­feld hat ei­ne asphal­tier­te Bahn und ei­ne Holz­ba­ra­cke. Die DC-3 könn­te auch auf ei­ner Gras- oder Sand­pis­te lan­den. Die Cr­ew prüft den Treib­stoff­tank ma­nu­ell. Die An­zei­ge im Cock­pit funk­tio­niert. Ver­trau­en ist gut, Kon­trol­le bes­ser, sagt der Co­pi­lot. Die nächs­te Lan­dung ist auf ei­nem rich­ti­gen Flug­ha­fen: Ini­ri­da. Die DC-3 parkt zwi­schen ei­ner Mi­li­tär­ma­schi­ne und ei­nem Am­bu­lanz­flug­zeug.

Um 15.00 Uhr, nach sechs St­un­den Rei­se­zeit und - für DC3-Fans will­kom­me­nen Um­we­gen - lan­det der Sil­ber­vo­gel in Barran­co Mi­nas. Bi­lanz: drei Starts, drei Lan­dun­gen und knapp 800 DC3-Flug­ki­lo­me­ter für gut 110 Eu­ro. Für man­che Ein­hei­mi­sche ist das ein Mo­nats­lohn. Nur 30 Mi­nu­ten spä­ter lan­det ei­ne an­de­re DC-3 der Air­line La­ser Aé­reo.

Ste­phan Po­intl emp­fiehlt Rei­sen­den den 4000-See­len-Ort Barran­co Mi­nas als ur­sprüng­li­ches Ko­lum­bi­en-Er­leb­nis. Der Bay­er ar­bei­tet in Bo­go­tá für das Rei­se­bü­ro Kon­tour Tra­vel. Die Mit­ar­bei­ter dort sind DC-3-Fans. Sein Chef Ge­org Ru­bin, ein Schwei­zer, sagt: „Die Flü­ge sind ein un­ver­gess­li­ches Aben­teu­er, bis­her in­ter­na­tio­nal fast un­be­kannt.“

Sol­da­ten kon­trol­lie­ren in Barran­co Mi­nas am Air­port freund­lich und po­sie­ren für Fotos. Ein Gast aus den USA über­ragt mit sei­nen et­wa 1,75 Me­ter vie­le Ein­hei­mi­sche fast um Haup­tes­län­ge. Die In­dí­ge­na-Völ­ker der Re­gi­on ha­ben ih­re ei­ge­nen Spra­chen und ler­nen Spa­nisch oft erst in der Schu­le.

Fisch­fang, ein biss­chen Agrarund Gar­ten­bau, Fluss-Ha­fen, Hol­zund St­ein­häu­ser, Re­stau­rants mit le­cke­rem Fisch, ka­tho­li­sche Kir­che, zwei Schu­len, ei­ne klei­ne Dis­co - das bie­tet das Dorf am Gua­vi­a­re-Fluss.

Beim Rück­flug fehlt das Pie­pen der Kü­ken, da­für riecht es nach Fisch. Der ge­kühl­te Fang, in Sä­cken ver­staut, muss schnell zu den Käu­fern in die Stadt. Drei jun­ge Män­ner öff­nen ih­re mit­ge­brach­ten Bier­büch­sen. Prost, auf die un­ver­wüst­li­chen Ro­si­nen­bom­ber! Viel­leicht be­kom­men sie im Sep­tem­ber gött­li­chen Se­gen - dann lan­det Papst Fran­zis­kus in Vil­la­vicen­cio und hält dort ei­ne Mes­se ab.

Newspapers in German

Newspapers from USA

© PressReader. All rights reserved.