Er­do­gan dreht völ­lig am Rad: „Rei­se­war­nung“als Re­tour­kut­sche

Es hört sich an wie Sa­ti­re: Ob­wohl Rei­se­war­nun­gen für an­de­re Län­der in der Tür­kei un­üb­lich sind, hat An­ka­ra nun tat­säch­lich die­se Kar­te und warnt Tür­ken vor Ras­sis­mus und Will­kür in Deutsch­land.

Amerika Woche - - Nachrichten -

Die tür­ki­sche Re­gie­rung hat ei­ne „Rei­se­war­nung“für Deutsch­land er­las­sen. In die­ser ruft das tür­ki­sche Au­ßen­mi­nis­te­ri­um in Deutsch­land le­ben­de oder dort­hin rei­sen­de Tür­ken zur „Vor­sicht“auf - und heitzt da­mit die haus­ge­mach­te Kri­se mit Berlin wei­ter an.

Der Schritt dürf­te ei­ne Re­tour­kut­sche des völ­lig über­kan­di­del­ten tür­ki­schen Staats­chefs Er­do­gan (rechts im Bild) für die Ver­schär­fung der Rei­se­hin­wei­se durch das deut­sche Aus­wär­ti­ge Am­tes sein.

Das tür­ki­sche Au­ßen­mi­nis­te­ri­um warnt in sei­nem Text vor „frem­den­feind­li­cher und ras­sis­ti­scher Be­hand­lung, Ver­hal­ten und Ver­bal­an­grif­fen“ge­gen­über Tür­ken. Sie soll­ten sich in Deutsch­land „nicht auf po­li­ti­sche De­bat­ten ein­las­sen“. Tür­ki­sche Staats­bür­ger soll­ten sich von Wahl­kampf­ver­an­stal­tun­gen po­li­ti­scher Par­tei­en und von Kund­ge­bun­gen oder De­mons­tra­tio­nen fern­hal­ten, „die von Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen or­ga­ni­siert oder un­ter­stützt und von den deut­schen Be­hör­den ge­dul­det wer­den“.

In sei­ner „Rei­se­war­nung“mo­niert das tür­ki­sche Au­ßen­mi­nis­te­ri­um zu­dem, dass tür­ki­sche Bür­ger bei der Ein­rei­se nach Deutsch­land be­son­ders auf Flug­hä­fen von Si­cher­heits­und Zoll­be­hör­den „will­kür­lich hin­ge­hal­ten, be­fragt und re­spekt­los be­han­delt“wür­den.

In Deutsch­land wur­de die tür­ki­sche „Rei­se­war­nung“na­tür­lich und völ­lig zu Recht par­tei­über­grei­fend ver­ur­teilt. Kanz­ler­amts-Chef Pe­ter Alt­mai­er (CDU) nann­te sie auf Twit­ter ei­nen „schlech­ten Witz“. Das Aus­wär­ti­ge Amt woll­te sich auf An­fra­ge nicht da­zu äu­ßern.

In Tei­len scheint sich die Er­klä­rung An­ka­ras an den deut­schen Rei­se­hin­wei­sen zu ori­en­tie­ren. Da­rin wird Deut­schen „zu er­höh­ter Vor­sicht“in der Tür­kei ge­ra­ten. „Seit dem Putsch­ver­such im Ju­li 2016 wur­den in der Tür­kei ver­mehrt deut­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge will­kür­lich in­haf­tiert“, schreibt das Aus­wär­ti­ge Amt in sei­nen Rei­se­hin­wei­sen.

„Es wird drin­gend da­von ab­ge­ra­ten, in der Öf­fent­lich­keit po­li­ti­sche Äu­ße­run­gen ge­gen den tür­ki­schen Staat zu ma­chen be­zie­hungs­wei­se Sym­pa­thie mit ter­ro­ris­ti­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen zu be­kun­den.“Das gel­te auch für „re­gie­rungs­kri­ti­sche Äu­ße­run­gen im In­ter­net und in den so­zia­len Me­di­en“.

An­ge­sichts der In­haf­tie­rung von im­mer mehr Deut­schen in der Tür­kei - ei­ne ab­so­lu­te Far­ce und Un­ver­schämt­heit, zu­mal viel zu leicht zu durch­schau­en ist, dass die­se Maß­nah­men ei­ne rein­weg po­li­tisch auf Deutsch­land ab­zie­len­de Pro­vo­ka­ti­on sind - wa­ren zu­letzt For­de­run­gen an die Adres­se des Aus­wär­ti­gen Am­tes laut ge­wor­den, nicht nur sol­che Hin­wei­se zu ge­ben, son­dern gleich ei­ne Rei­se­war­nung für das bei Ur­lau­bern wei­ter­hin be­lieb­te Land zu er­las­sen. Die Bun­des­re­gie­rung, die letzt­end­lich maß­geb­lich für die Aus­ga­be ei­ner Rei­se­war­nung ist, hat dar­auf bis­lang in ih­rer ty­pisch stoi­schen Art ver­zich­tet.

Zu der er­neu­ten Es­ka­la­ti­on des Kon­flikts dürf­te An­ka­ra auch er­mu­tigt ha­ben, dass die Bun­des­re­gie­rung nach dem Kurs­wech­sel in ih­rer Tür­kei-Po­li­tik un­ver­ständ­li­cher­wei­se in der EU weit­ge­hend iso­liert da­steht. Beim EU-Au­ßen­mi­nis­ter­tref­fen in Tal­linn wur­de deut­lich, dass der­zeit nur Deutsch­land und Ös­ter­reich of­fen für ei­nen Ab­bruch der Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei ein­tre­ten.

In der Mit­tei­lung des tür­ki­schen Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums hieß es, Po­li­ti­ker in Deutsch­land be­trie­ben Wahl­kampf auf der Ba­sis von an­ti­tür­ki­schen Ge­füh­len - und mit dem Ver­such, ei­ne EU-Mit­glied­schaft zu blo­ckie­ren.

Das tür­ki­sche Au­ßen­mi­nis­te­ri­um ruft sei­ne Lands­leu­te na­tür­lich nicht da­zu auf, Deutsch­land zu ver­las­sen, denn der Sul­tan vom Bo­spo­rus sieht die Tür­ken in der BRD gleich­sam als Speer­sit­ze im Kampf ge­gen Mer­kel & Co.. Ge­nau­so leicht zu durch­schau­en ist auch, dass ge­ra­de jetzt Er­do­gan er­ge­be­ne Tür­ken in Deutsch­land über ei­ne völ­lig aus der Luft ge­grif­fe­ne wach­sen­de Frem­den- und Tür­kei­feind­lich­keit be­kla­gen. Deutsch­tür­ken kri­ti­sie­ren auch, dass sie für die Po­li­tik von Staats­prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan mit­ver­ant­wort­lich ge­macht wür­den. Das ist aber auch kein Wun­der, denn der größ­te Teil der in Deutsch­land le­ben­den Tür­ken hat sich vor ei­ni­ger Zeit beim tür­ki­schen Re­fe­ren­dum da­für aus­ge­spro­chen, dem Sul­tan noch mehr Macht ein­zu­räu­men.

Zu­dem ver­sucht Er­do­gan Druck auf sei­ne Lands­leu­te in Deutsch­land, die ei­nen deut­schen Pass ha­ben, zu ma­chen. Sie sol­len bei der Bun­des­tags­wahl kei­ne der „der Tür­kei feind­lich ge­sinn­ten Par­tei­en“- da­mit sind CDU/CSU, Grü­ne und Lin­ke - wäh­len. Hät­te es ei­nen ähn­li­chen Auf­ruf vor dem Re­fe­ren­dum zur Mach­ter­wei­te­rung Er­do­gans an die in Deutsch­land le­ben­den Tür­ken ge­ge­ben, wä­re das Ge­schrei am Bo­spo­rus wohl bis nach Finn­land zu hö­ren ge­we­sen .

Ei­ne Rei­se­war­nung ist ein drin­gen­der Ap­pell des Aus­wär­ti­gen Amts, Rei­sen in ein Land oder in ei­ne Re­gi­on ei­nes Lan­des zu un­ter­las­sen. Deut­sche, die dort le­ben, wer­den zu­dem zur Aus­rei­se auf­ge­for­dert.“Ei­ne Rei­se­war­nung für die Tür­kei hät­te schwer­wie­gen­de Kon­se­quen­zen: Im­mer noch stel­len - kaum zu glau­ben - Bun­des­bür­ger nach den Rus­sen die größ­te Ur­lau­ber­grup­pe in dem Land, an­geb­lich bis En­de Ju­li mehr als 680.000.

Die Rei­se­war­nung hät­te aber auch Aus­wir­kun­gen auf deut­sche Fir­men: Sie wür­den kaum noch Ver­tre­ter in die Tür­kei ent­sen­den kön­nen. Un­klar ist auch, ob und wie deut­sche Ver­si­che­run­gen Bun­des­bür­ger in der Tür­kei un­ter die­sen Um­stän­den noch ver­si­chern wür­den. Tau­sen­de Deut­sche, die vor­über­ge­hend oder dau­er­haft in der Tür­kei le­ben, müss­ten sich ent­schei­den, ob sie der Auf­for­de­rung zur Aus­rei­se Fol­ge leis­ten.

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