Bei Hod­ler ist nicht al­les Hei­di Schwei­zer Na­tio­nal­ma­ler in Bonn

Amerika Woche - - Alpenregion -

Ach­tung Al­pen-Freun­de: Die Bun­des­kunst­hal­le in Deutsch­land zeigt jetzt den Schwei­zer Na­tio­nal­ma­ler Fer­di­nand Hod­ler (1853-1918, run­des Bild). In der Bon­ner U-Bahn kün­den be­reits ge­wal­ti­ge Ge­birgs­zü­ge auf Pla­ka­ten da­von und in der rie­si­gen Aus­stel­lung mit rund 100 Ge­mäl­den und 40 Zeich­nun­gen wird die Er­war­tungs­hal­tung auf den ers­ten Blick voll be­frie­digt: um­ne­bel­te Gip­fel, son­nen­be­schie­ne­ne Hän­ge und kris­tall­kla­re Berg­seen - al­les wie aus dem Rei­se­pro­spekt.

Dann der Schock: Mit­ten zwi­schen all dem Al­pen­glü­hen liegt Hod­lers Ge­lieb­te, ge­stor­ben an Krebs. Am Tag nach ih­rem Tod hat er sie ge­malt, ge­ra­de so als hät­te er ei­ne Land­schaft vor sich, das aus­ge­mer­gel­te Ge­sicht ver­schat­tet und zer­klüf­tet wie ein Fels­mas­siv. Nein, bei Hod­ler ist nicht al­les Hei­di.

Das muss­te auch die Schwei­zer Na­tio­nal­bank fest­stel­len, als sie ihn 1908 um die Gestal­tung von Bank­no­ten bat. Hod­ler woll­te so­wohl sei­ne Ehe­frau als auch sei­ne Ge­lieb­te als Hel­ve­tia ver­ewi­gen. Das pass­te den Ban­kern nicht so recht zur sau­be­ren Al­pen­re­pu­blik, der Ent­wurf wur­de ab­ge­lehnt. Her­aus ka­men ein „Holz­fäl­ler“für den 50-Fran­ken-Schein und ein „Mä­her“für den 100-Fran­ken-Schein.

Hod­ler hat ei­ne Tel­ler­wä­scherKar­rie­re ge­macht: Er stamm­te aus ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen, sein Va­ter war Schreiner. El­tern und Ge­schwis­ter star­ben früh an Tu­ber­ku­lo­se - ein Kur­auf­ent­halt auf dem Zau­ber­berg war für sie nicht drin. Der über­le­ben­de Fer­di­nand brach­te es dann aus ei­ge­ner Kraft zum Mul­ti­mil­lio­när. Die Gro­ßen des klei­nen Lan­des lie­ßen sich von ihm por­trä­tie­ren, et­wa Wil­ly Russ, In­ha­ber der Scho­ko­la­den­fa­brik Suchard.

Auch in Deutsch­land war er lan­ge ein Star. Die tan­zen­den Fi­gu­ren­grup­pen, die er dort für viel Geld ver­kauf­te, könn­te man sich heu­te am ehes­ten im Eu­ryth­mie-Saal ei­ner Wal­dorf­schu­le vor­stel­len. Sie soll­ten zeit­los sein, wir­ken aber heu­te ge­ra­de sehr zeit­ge­bun­den.

Da­ne­ben er­hielt Hod­ler aus dem Pi­ckel­hau­ben-Reich von Kai­ser Wil­helm auch ei­ni­ge sehr re­prä­sen­ta­ti­ve Groß­auf­trä­ge. So lie­fer­te er für das pa­las­t­ar­ti­ge Neue Rat­haus in Han­no­ver das Mo­nu­men­tal­ge­mäl­de „Ein­mü­tig­keit“.

Noch be­kann­ter ist „Der Aus­zug der deut­schen Stu­den­ten in den Frei­heits­krieg von 1813“(Fo­to), ei­ne Auf­trags­ar­beit für die Uni­ver­si­tät Je­na. Hod­ler soll­te zei­gen, wie sich Jena­er Stu­den­ten 1813 frei­wil­lig zum Mi­li­tär­dienst mel­de­ten, um ihr Land von Na­po­le­on zu be­frei­en. Das ge­wal­ti­ge Bild, das im­mer noch in Je­na hängt, wur­de für die Aus­stel­lung in ei­ner gro­ßen Rol­le nach Bonn trans­por­tiert.

Es zeigt zwei über­ein­an­der an­ge­ord­ne­te Rei­hen von Per­so­nen­dar­stel­lun­gen. Un­ten ist zu se­hen, wie sich die Stu­den­ten die Uni­for­men an­zie­hen und ih­re Pfer­de be­stei­gen. Oben ist je­de In­di­vi­dua­li­tät aus­ge­löscht: In Reih und Glied mar­schie­ren die Sol­da­ten in den Krieg, von­ein­an­der nicht mehr un­ter­scheid­bar und zu ei­nem gro­ßen Gan­zen ver­schmol­zen. Im Nach­hin­ein er­scheint die Darstel­lung wie ei­ne Vor­weg­nah­me des Ers­ten Welt­kriegs.

Mit des­sen Be­ginn fiel Hod­ler in Deutsch­land in Ungna­de - durch ei­ne ein­zi­ge Un­ter­schrift: Im Sep­tem­ber 1914 setz­te er sei­nen Na­men un­ter ei­ne Pro­test­no­te ge­gen die Be­schie­ßung der Ka­the­dra­le von Reims durch deut­sche Trup­pen. Sein Wand­bild in Je­na wur­de dar­auf­hin ver­deckt, er selbst aus al­len deut­schen Künst­ler­ver­ei­ni­gun­gen aus­ge­schlos­sen. Noch vor En­de des Krie­ges starb er 65-jäh­rig an ei­ner Lun­gen­krank­heit - mit Blick auf den Mont Blanc.

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