Auf Sand ge­baut: Körn­chen fast so wert­voll wie Was­ser

Ur­laubs­träu­me von Strand­pa­ra­die­sen. Doch für die Bau­in­dus­trie ist Sand mit der wich­tigs­te Es klingt pa­ra­dox, aber so­gar Wüs­ten­staa­ten set­zen auf San­d­im­por­te.

Amerika Woche - - Leben -

Es sind nur Mil­li­me­ter gro­ße Körn­chen, die nach Was­ser als wich­tigs­ter Roh­stoff welt­weit gel­ten. Kein Roh­stoff wird mehr ge­nutzt als Sand und Kies, wie aus ei­nem Be­richt des Um­welt­pro­gramms der Ver­ein­ten Na­tio­nen (UNEP) her­vor­geht. San­de und Kie­se sind der Bun­des­an­stalt für Geo­wis­sen­schaf­ten und Roh­stof­fe zu­fol­ge auch die men­gen­mä­ßig größ­te in Deutsch­land ge­won­ne­ne Roh­stoff­grup­pe. Rund 239 Mil­lio­nen Ton­nen Kies und Sand wer­den in et­wa pro Jahr ver­baut, denn Be­ton be­steht haupt­säch­lich aus die­sen bei­den Ma­te­ria­li­en.

„Es gibt welt­weit ei­nen rie­si­gen Be­darf an Sand, man rech­net mit et­wa 14 Mil­li­ar­den Ton­nen pro Jahr, mehr als die Hälf­te wird in Asi­en ver­braucht“, sagt Kay-Chris­ti­an Emeis (run­des Fo­to links), In­sti­tuts­lei­ter am Helm­holtz-Zen­trum für Ma­te­ri­alund Küs­ten­for­schung in Geest­hacht bei Ham­burg.

Auch in Deutsch­land hält der Bau­boom an: Je­des Jahr steigt die Zahl neu­er Woh­nun­gen. 2016 sind Da­ten des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes in Wies­ba­den zu­fol­ge über 270.000 Woh­nun­gen neu oder durch Um­bau ent­stan­den. In die­sem Jahr sol­len mehr als 300.000 Woh­nun­gen fer­tig­ge­stellt wer­den, wie ein Spre­cher des Haupt­ver­ban­des der Deut­schen Bau­in­dus­trie schätzt. Der Ver­band spricht von ei­nem Re­kord­hoch: Für das ers­te Halb­jahr 2017 mel­det er ein Um­satz­plus von 10 Pro­zent und ein Auf­trags­plus von 5,5 Pro­zent.

Um im­mer neue Ge­bäu­de ent­ste­hen zu las­sen, braucht es vor al­lem Sand. Der fran­zö­si­sche Fil­me­ma­cher De­nis De­le­s­trac hat 2013 in sei­ner ARTE Do­ku­men­ta­ti­on „Sand - Die neue Um­welt­zeit­bom­be“auf den glo­ba­len Sand­hun­ger auf­merk­sam ge­macht. Im in­di­schen Bun­des­staat Ma­ha­rash­tra rund um Groß­städ­te wie Mum­bai wird Sand Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NGO) zu­fol­ge il­le­gal ab­ge­baut. Die NGO Awaaz Foun­da­ti­on be­rich­tet über Kin­der, die mit ih­ren blo­ßen Hän­den und Ei­mern un­ter Le­bens­ge­fahr nach Sand tau­chen.

Auf die Fol­gen für die Um­welt weist die in­di­sche Ak­ti­vis­tin und Grün­de­rin von Awaaz, Su­mai­ra Ab­dula­li, seit Jah­ren hin: Zer­stö­rung von Fluss- und Mee­resöko­sys­te­men, Lan­de­ro­si­on und da­durch Schä­den an Brü­cken und an­de­rer In­fra­struk­tur, Ge­fah­ren für die Was­ser­ver­sor­gung und den Hoch­was­ser­schutz.

„Zum Bau­en braucht es Sand, wir al­le wis­sen das. Aber wir blei­ben nicht ste­hen und über­le­gen, wo­her der Sand kommt, wie er ge­för­dert wird und wie das Men­schen be­trif ft“, kri­ti­siert Ab­dula­li bei ei­nem Vor­trag am St. Xa­vier‘s In­sti­tu­te of En­gi­nee­ring in Mum­bai.

Selbst Wüs­ten­staa­ten wie Sau­diA­ra­bi­en oder die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te sind für den Bau ih­rer Hoch­häu­ser auf San­d­im­por­te et­wa aus Aus­tra­li­en an­ge­wie­sen. Der Grund: Wüs­ten­sand ent­spricht nicht den ho­hen Qua­li­täts­an­for­de­run­gen, wie Mi­ne­ral­zu­sam­men­set­zung und Korn­grö­ßen­ver­tei­lung, die zum Bau­en not­wen­dig sind, er­klärt Ha­rald Els­ner (rechts), Geo­lo­ge bei der Bun­des­an­stalt für Geo­wis­sen­schaf­ten und Roh­stof­fe (BGR) in Han­no­ver.

In Eu­ro­pa kann Els­ner zu­fol­ge von Sand­man­gel je­doch kei­ne Re­de sein. „Es gibt kei­ne se­riö­sen Schät­zun­gen zur Men­ge an ver­füg­ba­ren San­den“, sagt der Geo­lo­ge, „Das liegt dar­an, dass von Berlin bis Han­no­ver al­les von Eis­zei­ten über­la­gert wur­de. Die Mäch­tig­keit der San­de in Nord­deutsch­land über­steigt teil­wei­se meh­re­re hun­dert Me­ter. Die sind auch grund­sätz­lich al­le nutz­bar, aber weil Sand so güns­tig ist, ge­winnt ihn na­tür­lich kei­ner aus die­ser Tie­fe.“

Sand und Kies kom­men in Deutsch­land aus rund 2000 Sand­und Kies­wer­ken von ört­li­chen Un­ter­neh­men. Der Preis liegt bei zwei bis drei Eu­ro pro Ton­ne. „Die Prei­se sind nur im Cent Be­reich ge­stie­gen und ins­ge­samt sehr sta­bil“, sagt Els­ner. Ex­por­tiert wer­den dem Bun­des­ver­band Mi­ne­ra­li­sche Roh­stof­fe zu­fol­ge rund fünf Pro­zent der Pro­duk­ti­on.

„Der Be­darf ist da“, sagt Tho­mas Mül­ler, Ver­triebs­lei­ter ei­nes ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Bau­un­ter­neh­mens. „Da­bei geht es bis­her aber eher um Spe­zi­al­san­de für die Was­ser­fil­tra­ti­on, Ab­was­ser­be­hand­lung oder für die Gie­ße­rei­in­dus­trie.“Das Un­ter­neh­men ha­be Quarz­san­de zum Bei­spiel nach Du­bai und 2500 Ton­nen Fil­ter­san­de nach Jor­da­ni­en für die Was­ser­auf­be­rei­tung für Brun­nen ge­lie­fert.

Nur ein ge­rin­ger An­teil des in Deutsch­land ge­won­ne­nen San­des kommt aus dem Meer. „In Deutsch­land wird der Sand aus dem Meer fast aus­schließ­lich zum Vor- oder Auf­spü­len von Küs­ten ge­nutzt, zum Bei­spiel um zu ver­hin­dern, dass das Kliff in Sylt wei­ter ab­bricht oder um Strän­de zu näh­ren“, sagt Geo­lo­ge Emeis.

Auch wenn es in Deutsch­land kei­nen Man­gel an Sand gibt, zeigt sich auf glo­ba­ler Ebe­ne das Los vie­ler na­tür­li­cher Roh­stof­fe: Sie sind end­lich. „Das Pro­blem bei na­tür­li­chen Res­sour­cen ist, dass es lan­ge dau­ert, bis sie sich auf­bau­en“, sagt Emeis. „Seit der letz­ten Eis­zeit, aus der un­ser Sand stammt, sind nur 10 000 Jah­re ver­gan­gen und der Pro­zess der na­tür­li­chen Sand­an­samm­lung an den heu­ti­gen Küs­ten ist im­mer noch nicht ab­ge­schlos­sen.“

Um den Roh­stoff zu scho­nen ar­bei­ten Wis­sen­schaft­ler dar­an, Bau­schutt zu re­cy­celn. Doch Diet­mar Ste­phan macht sich kei­ne gro­ßen Hoff­nun­gen auf schnelle Er­fol­ge: „Die Ent­wick­lun­gen in die­sem Be­reich sind re­la­tiv lang­sam“, sagt der Ex­per­te für Bau­stof­fe an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Berlin. Es ge­be kei­ne fi­nan­zi­el­len An­rei­ze da­für.

Das Re­cy­cling­ma­te­ri­al wird haupt­säch­lich im Tief- und Stra­ßen­bau ver­wen­det, denn der wie­der­auf­be­rei­te­te Sand aus Bau­schutt er­reicht nicht die glei­che idea­le Kör­nung, die der Ur­sprungs­sand hat. Sand bleibt da­mit zum Bau­en noch un­ver­zicht­bar.

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