Aus­lauf­mo­dell oder un­ver­zicht­bar? - Das TV-Du­ell in der Kri­tik

Amerika Woche - - Meinung -

Durch­schnitt­li­che Ein­schalt­quo­ten und Kri­tik am For­mat: Die Zwei­fel am TV-Du­ell zur Wahl sind mit dem Auf­ein­an­der­tref­fen von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) und SPD-Kan­di­dat Mar­tin Schulz am Sonn­tag­abend nicht ge­rin­ger ge­wor­den. Aus Sicht der Sen­der, die die vier Mo­de­ra­to­ren stell­ten, hat sich be­stä­tigt: Ein ein­zi­ges Du­ell - wie vom Kanz­ler­amt ge­wünscht - ist zu we­nig.

Fern­se­hi­ko­ne Tho­mas Gott­schalk be­kann­te et­was rat­los, das TV-Du­ell ha­be ihm bei der Fra­ge, wen er wäh­len sol­le, nicht wei­ter­ge­hol­fen. Noch deut­li­cher fällt das Fa­zit des Me­di­en­wis­sen­schaft­lers Bern­hard Pörk­sen von der Uni Tü­bin­gen aus: „Es gab zu vie­le Mo­de­ra­to­ren, zu we­nig the­ma­ti­sche Viel­falt, zu häu­fi­ge Un­ter­bre­chun­gen, zu we­nig wirk­li­ches Ge­spräch und zu vie­le Ver­su­che, im en­gen Kor­sett des For­mats noch ir­gend­wie zu punk­ten.“

Pörk­sen fin­det, die Sen­dung ha­be dem Zu­schau­er so gut wie Die Welt, Berlin Wenn zwei sich nicht strei­ten, freut sich der Drit­te. Je in­ten­si­ver im Kanz­ler­du­ell ge­nickt, ge­lä­chelt und ge­lobt wur­de, um­so fröh­li­cher dürf­ten wohl die Mie­nen in den Par­tei­zen­tra­len der Lin­ken, der FDP, der Grü­nen und der AfD ge­wor­den sein. Der Gro­ko-Kon­sens prä­sen­tier­te sich nicht von sei­ner auf­re­gends­ten Sei­te. Zwar hat sich die gro­ße Ko­ali­ti­on gro­ße Ver­diens­te um das Wohl des Lan­des er worben. Ins­be­son­de­re die So­zi­al­de­mo­kra­ten ha­ben als Ju­ni­or­part­ner staats­män­nisch viel für das Land ge­tan. Doch wenn es ei­ne Me­ta­bot­schaft des Fern­seh­du­ells und sei­ner Au­f­ar­bei­tung gibt, dann die, dass das Land drin­gend ei­ne an­de­re Re­gie­rungs­kon­stel­la­ti­on braucht. Ger­ne ei­ne, die et­was von Wirt­schaft, Wachs­tum und Bil­dung ver­steht. Noch geht es uns gut. Aber das muss so nicht blei­ben. Frank­fur­ter Rund­schau Im Wahl­kampf sind Mer­kel und Schulz Kon­kur­ren­ten. Aber schlecht ver­ste­hen sie sich nicht. Das liegt nicht dar­an, dass bei­de in der wohl ku­rio­ses­ten Si­tua­ti­on der Sen­dung er­klär­ten, am Sonn­tag nicht in der Kir­che ge­we­sen zu sein, aber bei­de am Wo­che­n­en­de zum To­ten­ge­den­ken ein Got­tes­haus be­such­ten. Es liegt dar­an, dass die bei­den Volks­par­tei­en oh­ne­hin gro­ße Schnitt­men­gen ha­ben. Es nichts Neu­es ge­bracht. „Das TVDu­ell ver­dient schon jetzt den Po­kal für das am meis­ten über­schätz­te Fern­seh­er­eig­nis des Jah­res“, sag­te er.

Ei­nes der Pro­ble­me: Weil es auf Wunsch des Kanz­ler­amts nur ein TV-Du­ell zwi­schen den bei­den Kon­tra­hen­ten gab, war der Zeit­rah­men von 90 Mi­nu­ten für vier gro­ße The­men­blö­cke sehr eng. Selbst für die ge­plan­ten Fra­gen wur­de die Zeit knapp - für wei­te­re The­men wie Di­gi­ta­li­sie­rung oder Kli­ma­wan­del blieb über­haupt kein Platz.

Al­le Sen­der von ARD und ZDF über RTL bis Sat.1 hät­ten ein zwei­tes TV-Du­ell des­halb gut ge­fun­den. Ge­nü­gend Stoff ge­be es, fin­det ZDF-Chef­re­dak­teur Pe­ter Frey: „90 Mi­nu­ten wa­ren für die Fül­le der The­men er­war­tungs­ge­mäß sehr we­nig.“

RTL-Chef­re­dak­teur Micha­el Wulf teilt die­se Kri­tik: „Der Ver­lauf hat un­se­re gro­ßen Be­den­ken ge­gen­über nur ei­nem Du­ell be­stä­tigt.“Zwei wä­ren bes­ser als eins, ar­gu­men­tiert auch ARDChef­re­dak­teur Rai­nald Be­cker: „So wür­de auch nicht mehr die Ge­fahr be­ste­hen, wich­ti­ge The­men wie die Bil­dungs­po­li­tik oder So­zi­al­po­li­tik zu ver­nach­läs­si­gen.“

Die Quo­te war mit 16,23 Mil­lio­nen Zu­schau­ern und ei­nem Markt­an­teil von 46,1 Pro­zent nicht über­ra­gend. Beim TV-Du­ell zwi­schen SPD-Kan­di­dat Peer St­ein­brück und Mer­kel bei der Bun­des­tags­wahl 2013 hat­ten noch 17,64 Mil­lio­nen zu­ge­schaut, beim Schlag­ab­tausch 2005 zwi­schen dem da­ma­li­gen SPD-Kanz­ler Gerhard Schrö­der und sei­ner da­ma­li­gen Her­aus­for­de­rin Mer­kel so­gar 20,98 Mil­lio­nen. liegt an der Be­reit­schaft bei­der, auf­ein­an­der zu­zu­ge­hen. Es kann al­so sein, dass die dann drit­te Neu­auf­la­ge ei­ner CDU/CSU-SPDRe­gie­rung un­ter Mer­kel be­vor­steht, auch wenn sich die Re­gie­rungs­part­ner von­ein­an­der er­schöpft zei­gen. Auch wenn neue Kon­stel­la­tio­nen mit Si­cher­heit fri­sche An­sät­ze her­vor­brin­gen wür­den. Auch wenn ein Zu­sam­men­schluss der bei­den Gro­ßen als er­drü­cken­der, Viel­falt ver­hin­dern­der Ko­loss gilt. Münch­ner Mer­kur Nach wirk­lich span­nen­den Un­ter­schie­den in den Po­li­tik­an­ge­bo­ten von Kanz­le­rin und Kan­di­dat muss­ten die Zu­schau­er des TV-Du­ells mit der Lu­pe su­chen. Ob ein ge­fühl­tes Patt für den Her­aus­for­de­rer aber reicht, um auf den letz­ten Me­tern noch so et­was wie Wech­sel­stim­mung her­bei­zu­zau­bern? Gro­ße Zwei­fel sind er­laubt. Die Leu­te wis­sen in ei­ner un­si­che­rer ge­wor­de­nen Welt mit ih­ren tes­to­ste­ron­ge­steu­er­ten An­füh­rern nicht ge­nau, was Schulz will. Aber sie wis­sen, was Mer­kel kann. Da­zu muss­te die Kanz­le­rin ges­tern nicht mal ihr be­rühmt-be­rüch­tig­tes „Sie ken­nen mich“in die Ka­me­ras säu­seln. Die­na, Ri­ga Die SPD-Lo­ko­mo­ti­ve Mar­tin Schulz hat sei­ne oh­ne­hin be­reits ge­rin­gen Chan­cen, bei den Bun­des­tags­wah­len

Den­noch war das TV-Du­ell die meist­ge­se­he­ne Sen­dung das Jah­res, kein „Tat­ort“konn­te da bis­her mit­hal­ten - ei­ne „enor­me Re­so­nanz“, sag­te ZDF-Chef­re­dak­teur Pe­ter Frey. „Das war wirk­lich ein Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt in die­sem Wahl­kampf und ei­ne Initi­al­zün­dung für die nächs­ten drei Wo­chen. Dem Wahl­kampf hät­te et­was ge­fehlt, wenn es die­ses Du­ell nicht ge­ge­ben hät­te.“

Ähn­lich sieht das RTL: „Das For­mat selbst ist und bleibt un­er­setz­lich, weil es die ein­zi­ge Ge­le­gen­heit für die Wäh­ler bie­tet, die Kanz­ler­kan­di­da­ten im di­rek­ten Aus­tausch zu er­le­ben“, er­klär­te Chef­re­dak­teur Wulf. „Aber das Kor­sett, in das die Sen­dung ge­presst ist, wird dem In­for­ma­ti­ons­be­dürf­nis der Zu­schau­er ein­fach nicht ge­recht. in die­sem Mo­nat die Kon­ser­va­ti­ve An­ge­la Mer­kel an der Spit­ze der Bun­des­re­gie­rung ab­zu­lö­sen, wei­ter ein­ge­engt. Beim ein­zi­gen Fern­seh­du­ell der bei­den Par­tei­füh­rer im Wahl­kampf konn­te der mit her­vor­ra­gen­dem Re­de­ta­lent aus­ge­stat­te­te frü­he­re EU-Par­la­ments­prä­si­dent am Sonn­tag­abend die Po­si­ti­on der seit zwölf Jah­ren re­gie­ren­den Kanz­le­rin nicht er­schüt­tern. Ex­per­ten und Wäh­ler ha­ben Mer­kel als Sie­ger der De­bat­te ge­se­hen. De Stan­daard, Lüt­tich Mer­kels CDU liegt schon seit Wo­chen in den Um­fra­gen mei­len­weit vorn - der Ab­stand der SPD be­trägt rund 15 Pro­zent­punk­te. Aber die Tat­sa­che, dass sich in der ver­gan­ge­nen Wo­che et­wa 46 Pro­zent der Wäh­ler noch nicht ent­schie­den hat­ten, für wen sie stim­men, bot Schulz noch ei­nen Hoff­nungs­schim­mer. Die Chan­ce auf ei­nen Mei­nungs­um­schwung war nicht völ­lig von der Hand zu wei­sen, denn Schulz wur­de all­ge­mein als ein bes­se­rer De­bat­tie­rer an­ge­se­hen als die un­er­schüt­ter­li­che, vor­her­sag­ba­re und ge­mä­ßig­te Mer­kel. (...) Er­war­tungs­ge­mäß wirk­te Schulz denn auch ag­gres­si­ver. Doch zu­gleich saß er in der Klem­me. Im­mer­hin war die SPD in acht der zwölf Kanz­ler­jah­re von Mer­kel an der Re­gie­rung be­tei­ligt, von 2005 Das For­mat ist am Sonn­tag noch ein­mal deut­lich an sei­ne Gren­zen ge­sto­ßen.“

Bernd Gäb­ler, Jour­na­lis­tik­Pro­fes­sor aus Bie­le­feld, kri­ti­siert das Ge­samt­kon­zept: „Die viel zu zahl­rei­chen Mo­de­ra­to­ren tra­ten in ei­nen Über­bie­tungs­wett­be­werb, bei­de Po­li­ti­ker aus­schließ­lich mit Fra­gen zu trak­tie­ren, wie sie von rechts ge­stellt wer­den. Der Wäh­ler, um den es ja an­geb­lich ge­hen soll, schau­te im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes in die Röh­re.“

ARD-Chef­re­dak­teur Be­cker sieht sol­che Kri­tik ge­las­sen: „Vier Sen­der, die in Deutsch­land die meist­ge­se­he­nen sind, ha­ben das TV-Du­ell über­tra­gen, und da­mit wa­ren die vier Mo­de­ra­to­ren ge­setzt. Und sie ha­ben ge­nau das ge­schafft, was wir uns er­hoff­ten: ein Ge­spräch. Da­zu ge­hö­ren kla­re, auch bis 2009 und von 2013 bis heu­te. Das mach­te es na­tür­lich recht schwie­rig, ih­re Po­li­tik an­zu­grei­fen. Schließ­lich hat die SPD sie ja mit­ge­tra­gen. Und Mer­kel un­ter­ließ es nicht, im­mer wie­der dar­auf hin­zu­wei­sen. Cor­rie­re del­la Se­ra, Rom Mar­tin Schulz hat das ver­lo­ren, was ver­mut­li­che sei­ne letz­te Chan­ce war: An­ge­la Mer­kel bei den Bun­des­tags­wah­len zu schla­gen. Er hat den K.o.-Schlag nicht ge­fun­den. Im TV-Du­ell hat der So­zi­al­de­mo­krat ver­sucht, die Kanz­le­rin an­zu­grei­fen: Vor al­lem beim The­ma Ein­wan­de­rung, dann bei den The­men so­zia­le Un­gleich­heit, Au­toskan­da­le und Au­ßen­po­li­tik, in der Mer­kel zu weich ge­gen­über Trump und Er­do­gan sei. Aber die Kanz­le­rin schien nie in Schwie­rig­kei­ten zu kom­men. (...) Und die Dis­kus­si­on hat kei­ne wirk­li­chen Zu­sam­men­stö­ße ge­zeigt, die die Rich­tung des - lang­wei­li­gen Wahl­kampfs än­dern könn­ten. Neue Zürcher Zei­tung Mer­kel wirk­te so si­cher, so kon­zen­triert und gleich­zei­tig über wei­te Stre­cken so ge­löst, dass sie kla­re Aus­sa­gen zur Tür­kei, zur Ren­te und zur Au­to­mo­bil­wirt­schaft nicht scheu­te. Schulz war an­grif­fig, aber er ver­lor sich schnell in De­tails und prall­te im­mer wie­der an Mer­kel ab. Die bei­den wirk­ten über wei­te Stre­cken eher wie die zu­ge­spitz­te Fra­gen, um sein Ge­gen­über aus der Re­ser­ve zu lo­cken. Das macht ei­nen gu­ten Jour­na­lis­ten aus. Von ei­nem Über­bie­tungs­wett­be­werb ha­be ich nichts ge­merkt.“

Me­di­en­wis­sen­schaft­ler Pörk­sen sieht im Hy­pe um das TV-Du­ell al­ler­dings noch ein ganz grund­sätz­li­ches Pro­blem: Es sei ein Bei­spiel für me­dia­len Aber­glau­ben und für die To­tal­über­schät­zung des Fern­se­hens. „Man meint, ei­ne ein­zi­ge De­bat­te könn­te ei­nem schläf­ri­gen, von Kon­sens ge­präg­ten Wahl­kampf noch ir­gend­wie Span­nung und Kon­fron­ta­ti­on ein­hau­chen und Un­ter­schie­de zwi­schen den Kan­di­da­ten sicht­bar ma­chen, die es nicht gibt“, sag­te Pörk­sen. „An sol­chen über­zo­ge­nen Er­war­tun­gen kön­nen al­le Be­tei­lig­ten nur schei­tern - der Her­aus­for­de­rer, die Kanz­le­rin, die Mo­de­ra­to­ren.“ Ko­ali­tio­nä­re, die sie sind, denn wie er­bit­ter­te po­li­ti­sche Geg­ner. Nur schein­bar kon­tro­ver­ser wur­de es, als der Um­gang mit dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan zum The­ma wur­de, ob­wohl Schulz Dif­fe­ren­zen auf ober­leh­rer­haf­te Wei­se her­aus­zu­ar­bei­ten ver­such­te. Wenn er Kanz­ler wür­de, wür­de er den Bei­tritts­pro­zess mit der Eu­ro­päi­schen Uni­on ab­bre­chen; die ro­ten Li­ni­en sei­en über­schrit­ten. Mer­kel mein­te da­zu kühl, sie sei oh­ne­hin noch nie für ei­nen EU-Bei­tritt der Tür­kei ge­we­sen, im Un­ter­schied zur So­zi­al­de­mo­kra­tie. Po­li­ti­ken, Ko­pen­ha­gen Das sach­li­che Ge­spräch und die Form des Du­ells spre­chen für ei­nen zi­vi­li­siert und er­wach­sen er­schei­nen­den Wahl­kampf in ei­ner mo­der­nen De­mo­kra­tie. Der Kon­trast zum ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampf zwi­schen Hil­la­ry Cl­in­ton und Do­nald Trump vor ei­nem Jahr ist auf­fäl­lig. Ei­ni­ge wer­den viel­leicht sa­gen, dass die deut­sche Art, Wahl­kampf zu füh­ren, lang­wei­lig ist. Doch dann be­deu­tet lang­wei­lig auch nu­an­cier­te Ge­sprä­che über kom­pli­zier­te The­men zwi­schen po­li­ti­schen Geg­nern, die Ein­fluss auf die Zu­kunft der Wäh­ler ha­ben wer­den. In dem Fall kön­nen die deut­schen Po­li­ti­ker und Me­di­en ger­ne et­was mehr von die­ser Lan­ge­wei­le nach Nor­den über die dä­ni­sche Gren­ze schi­cken.

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