„Kin­der der Son­ne“in Mün­chen

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Drau­ßen tobt die Cho­le­ra, drin­nen sind die Men­schen nur mit sich selbst be­schäf­tigt. Ma­xim Gor­kis Dra­ma „Kin­der der Son­ne“hält der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ei­nen Spie­gel vor. Der Che­mie­pro­fes­sor Pro­tas­sow, sei­ne Fa­mi­lie und ih­re Freun­de le­ben in ei­ner Bla­se, in der sie von all dem Elend nichts mit­be­kom­men. Statt um Krank­heit und Tod dreht sich bei ih­nen al­les um ih­re ei­ge­nen Be­find­lich­kei­ten. Nur Pro­tas­sows Schwes­ter Li­sa weiß, was drau­ßen vor sich geht: Ar­mut, Ver­zweif­lung und un­ge­heu­re Wut.

Das Baye­ri­sche Staats­schau­spiel hat mit dem so­zi­al­kri­ti­schem Dra­ma des rus­si­schen Schrift­stel­lers sei­ne Spiel­zeit er­öff­net. Jetzt war am Re­si­denz­thea­ter in Mün­chen Pre­mie­re der Ins­ze­nie­rung von Da­vid Bösch, die et­was un­be­que­mer hät­te sein kön­nen.

Nor­man Ha­cker spielt den Che­mi­ker Pa­wel, der an ei­ner For­mel tüf­telt, um selbst Le­ben zu er­schaf­fen. Ein un­ent­behr­li­cher Hel­fer ist der ewig be­sof­fe­ne Schlos­ser Je­gor (Tho­mas Hu­ber), ein Stö­ren­fried in der in­tel­lek­tu­el­len Welt der Fa­mi­lie Pro­tas­sow, den au­ßer Pa­wel je­der am liebs­ten los­wer­den wür­de. Doch der Che­mi­ker will da­von nichts hö­ren.

Über sei­ner For­schung ver­gisst er al­les, auch sei­ne Frau Je­le­na (Han­na Schei­be), die sich des­halb von dem Kunst­ma­ler Dmi­trij um­gar­nen lässt. Von Lie­be be­ses­sen ist Me­la­ni­ja (Kat­ha­ri­na Pich­ler). Sie be­tet Pa­wel an und er­nied­rigt sich re­gel­recht, da­mit er sie er­hört. Auch ihr Bru­der Bo­ris ist schwer ver­liebt, in Pa­wels Schwes­ter Li­sa, ge­spielt von Mat­hil­de Bund­schuh. Das jun­ge Mäd­chen gilt als kränk­lich und ner­vös, doch sie ist die Ein­zi­ge, die das Elend auf den Stra­ßen ge­se­hen hat und den an­de­ren die Au­gen öff­nen will.

„Ich ha­be den blan­ken Hass auf der Stra­ße ge­se­hen, Mas­sen von ra­sen­den Bes­ti­en, die sich ge­gen­sei­tig voll Lust ab­ge­schlach­tet ha­ben“, sagt Li­sa mit leich­tem Grau­en. „Sie has­sen euch, weil ihr euch ent­frem­det habt und ihr har­tes un­mensch­li­ches Da­sein igno­riert. Ihr Hass ist blind, aber ihr pro­vo­ziert ihn und er wird euch ver­nich­ten!“

Es ist der ur­al­te Ge­gen­satz arm ge­gen reich, den Gor­ki an­pran­gert. Die ei­nen le­ben in un­vor­stell­ba­rem Elend, die an­de­ren in ih­rer hei­len Welt, in der sich Ar­mut und Leid so schön aus­blen­den las­sen. Gor­ki schrieb sein Stück 1905, als er we­gen Auf­ru­fen zu Streik und Pro­tes­ten ge­gen den Zar kur­ze Zeit in Fe­s­tungs­haft saß. „Kin­der der Son­ne“spielt 1892, als in Russ­land ei­ne Cho­le­ra­epi­de­mie vor al­lem un­ter den Ar­men Op­fer for­der­te. Ein Um­stand, den die Men­schen nicht län­ger hin­neh­men woll­ten. Sie prob­ten den Auf­stand.

Ein bri­san­ter Stoff, der bis heu­te nichts von sei­ner Ak­tua­li­tät ein­ge­büßt hat. Mil­lio­nen Men­schen sind auf der Flucht, er­lei­den Krank­heit, Fol­ter und an­de­re Grau­sam­kei­ten, wäh­rend sich an­de­re in ih­rem Wohl­stand ab­schot­ten. Bösch, der auch am Wie­ner Burg­thea­ter und der Baye­ri­schen Staats­oper in­sze­niert, ver­zich­tet auf au­gen­fäl­li­ge ak­tu­el­le Be­zü­ge. Er setzt auf die Wir­kung des Tex­tes und lässt die ein­dring­lichs­ten Pas­sa­gen in Mo­no­lo­gen wie­der­ho­len. Dass „Kin­der der Son­ne“mehr als nur ein Sit­ten­ge­mäl­de der da­ma­li­gen Zeit sein will, macht das Pro­gramm­heft mit ei­ner Re­por­ta­ge über die Cho­le­ra im Je­men deut­lich. Der Ti­tel: „Die Em­pa­thie ist of­fen­bar auf­ge­braucht“.

Al­ler­dings: Wirk­lich un­be­quem und auf­rüt­telnd ist Böschs Ins­ze­nie­rung nicht. Sie ist mehr Ko­mö­die, als Dra­ma und auch die Kon­se­quen­zen für die ent­rück­ten Wohl­stands­bür­ger hal­ten sich in Gren­zen. Erst am En­de fällt der er­zürn­te Mob in Gestalt des Schlos­sers über sie her. Glei­ßen­des Licht, lau­te Mu­sik, ein biss­chen Ver­wüs­tung. Und schon ist der Sturm auch wie­der vor­bei.

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