Cla­ra-Li­sa: Deut­sche Ba­hai im is­rae­li­schen Hai­fa

Die Ba­hai stre­ben nach der Ein­heit der Mensch­heit. Die Re­li­gi­on mit ih­ren rund sie­ben Mil­lio­nen An­hän­gern hat ihr Zen­trum in Hai­fa in Is­ra­el. Ein Be­such bei der deut­schen Frei­wil­li­gen Cla­ra-Li­sa Wie­bers aus Frankfurt.

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Cla­ra-Li­sa Wie­bers ar­bei­tet im Pa­ra­dies - zu­min­dest bie­tet ihr Di­enst re­gel­mä­ßig den Blick auf Pal­men, satt­grü­nen Ra­sen und das Mit­tel­meer. Die 18-jäh­ri­ge Frank­fur­te­rin ist als Frei­wil­li­ge für ein Jahr im re­li­giö­sen Zen­trum der Ba­hai im is­rae­li­schen Hai­fa tä­tig. Die Gar­ten­an­la­ge am Kar­mel-Berg mit ih­ren 19 Ter­ras­sen ge­hört zum UNESCO-Wel­ter­be.

„Ich woll­te ei­ne Pha­se in mei­nem Le­ben ha­ben, in dem ich mich ganz dem Di­enst wid­me“, sagt die schma­le, blon­de Frau, die als Ar­beits­klei­dung ein grau­es Po­lo­hemd und ei­ne schwar­ze Ho­se trägt. Mehr als 650 Frei­wil­li­ge be­trei­ben die An­la­ge. Cla­ra-Li­sa Wie­bers kon­trol­liert und in­for­miert vor al­lem Be­su­cher am Ein­gang.

Die jun­ge Frau ge­hört selbst der Re­li­gi­on an, de­ren An­hän­ger an ei­nen Gott glau­ben. Ba­hai se­hen die Gleich­be­rech­ti­gung al­ler Men­schen, Frie­den und Bil­dung als zen­tra­le Ge­bo­te für die Ent­wick­lung hin zur Ein­heit der Mensch­heit an. Bis zu sie­ben Mil­lio­nen Ba­hai gibt es welt­weit, da­von rund 5700 in Deutsch­land, wie die Ge­mein­schaft an­gibt. Vor kur­zem erst fei­er ten die Gläu­bi­gen den 200. Ge­burts­tag ih­res Re­li­gi­ons­grün­ders Ba­ha Ul­lah.

Wie­bers El­tern sind selbst Ba­hai. Als sie 15 war, hat sie sich „er­klärt“, wie Wie­bers sagt, sich da­für ent­schie­den, Ba­hai zu sein. „Mit 15 hat man so­zu­sa­gen das Recht, sei­ne ei­ge­nen Ent­schei­dun­gen zu ma­chen“, sagt sie mit sanf­ter Stim­me. Erst dann kön­nen Ju­gend­li­che Ba­hai wer­den.

Die Re­li­gi­on hat ih­ren Ur­sprung Mit­te des 19. Jahr­hun­derts im Iran. Die Re­li­gi­ons­grün­der Bab (ara­bisch für Pfor­te) und Ba­ha Ul­lah (Pracht Got­tes) wa­ren Mus­li­me. Ih­re An­hän­ger wur­den als Ab­trün­ni­ge vom Is­lam als Got­tes­läs­te­rer ver­folgt, der Bab hin­ge­rich­tet. Bis heu­te kön­nen Ba­hai ih­re Re­li­gi­on im Iran nicht of­fen le­ben.

Ba­ha Ul­lah wur­de des Lan­des ver­wie­sen und kam letzt­lich nach Ak­ko in die dor­ti­ge Ge­fäng­nis­ko­lo­nie des os­ma­ni­schen Rei­ches. In der Ha­fen­stadt liegt heu­te sein Gr­ab, ei­ni­ge Ki­lo­me­ter nörd­lich von Hai­fa. Die Gr­ab­stät­te des Bab be­fin­det sich in ei­nem Tem­pel im Zen­trum der Gär­ten.

Als Ba­hai gel­ten für Wie­bers ver­schie­de­ne Re­geln, ei­ne da­von lau­tet: kein Al­ko­hol. „Das ist ei­nes der ein­fachs­ten Ge­set­ze“, sagt sie. „Ich bin so auf­ge­wach­sen, mei­ne El­tern trin­ken auch kei­nen Al­ko­hol. Es hat mir nie ge­fehlt.“Ih­re Freun­de aus der Schul­zeit hät­ten sie da sehr un­ter­stützt.

Sex vor der Ehe ist eben­falls ver­bo­ten. „Ich fin­de, das macht viel Sinn. Es geht dar­um, je­man­den zu fin­den, mit dem man sein Le­ben auf­baut“, sagt die jun­ge Frau. Das sol­le man nur mit ei­ner Per­son tun. Ba­hai dür­fen auch Nicht-Ba­hai hei­ra­ten. Aber im­mer müs­sen al­le vier El­tern­tei­le der Ehe zu­stim­men.

Wie­bers be­tet zu­dem je­den Tag. Da­für wäscht sie sich Hän­de und Ge­sicht und wen­det sich Rich­tung Nor­den nach Ak­ko.

Die Ein­hal­tung der Ge­set­ze bleibt al­ler­dings weit­ge­hend je­dem Ba­hai selbst über­las­sen. „Wir glau­ben, dass die Be­zie­hung zwi­schen dem In­di­vi­du­um und Gott ist“, er­klärt sie. „Ich bin ver­ant­wort­lich für mein ei­ge­nes geis­ti­ges Wachs­tum.“Die­ses Gr­und­ver­ständ­nis zeigt auch die Struk­tur der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft: „Es gibt kei­nen Kle­rus, kei­ne Pries­ter, al­les sind ge­wähl­te In­sti­tu­tio­nen.“Zen­tra­les Or­gan ist das Uni­ver­sa­le Haus der Ge­rech­tig­keit in Hai­fa.

Ein Grund­satz der Ba­hai ist, dass al­le Re­li­gio­nen den glei­chen Ur­sprung ha­ben. „Wir glau­ben, weil sie al­le von der glei­chen Qu­el­le ab­stam­men, dass die zen­tra­len spi­ri­tu­el­len Leh­ren die glei­chen sind“, sagt Sa­rah Va­der, stell­ver­tre­ten­de Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der in­ter­na­tio­na­len Ba­hai-Ge­mein­schaft. Die ein­zel­nen Glau­bens­rich­tun­gen hät­ten sich nur auf­grund un­ter­schied­li­cher kul­tu­rel­ler und zeit­li­cher Ein­flüs­se an­ders ent­fal­tet.

Die Ba­hai-Ge­mein­schaft wächst laut Va­der welt­weit. „Die Re­li­gi­on ist vor al­lem sehr ein­fach und sehr klar und spricht tat­säch­lich die zen­tra­len Be­dürf­nis­se der Men­schen an“, sagt Mo­sche Scha­ron (Foto rechts), Ba­hai-Ex­per­te und eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor der He­bräi­schen Uni­ver­si­tät in Je­ru­sa­lem. Ge­ra­de Frau­en und jun­ge Men­schen fühl­ten sich von den Ide­en der Gleich­be­rech­ti­gung, des Frie­dens und der Bil­dung an­ge­spro­chen. „Sie wer­den Ba­hai, weil sie spü­ren, dass das in die mo­der­ne Zeit ge­hört.“

Cla­ra-Li­sa Wie­bers will im Ja­nu­ar wie­der nach Deutsch­land zu­rück­keh­ren und Me­di­zin stu­die­ren. In Is­ra­el dau­er­haft blei­ben, kann sie so­wie­so nicht. Ba­ha Ul­lah hat ver­fügt, dass Ba­hai sich nicht im Hei­li­gen Land nie­der­las­sen dür­fen.

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