Zum Gäh­nen: Win­ter­schlaf bei Mensch und Maus

Amerika Woche - - Wissenschaft -

Zzzz, schnarch, gähn - wohl kaum ei­nen Zu­stand kön­nen Co­mic­zeich­ner so tref­fend dar­stel­len wie Mü­dig­keit und Schlaf. Jetzt, wo die Ta­ge sprich­wört­lich kür­zer wer­den und die Dun­kel­heit nach der Zeit­um­stel­lung - wie kürz­lich wie­der in Deutsch­land - abends eher ein­setzt, ver­än­dert sich bei vie­len Men­schen der Schlaf-Wach-Rhyth­mus.

„Die Licht­ver­hält­nis­se ha­ben ent­schei­den­den Ein­fluss“, sagt der Vor­sit­zen­de der Deut­schen Ge­sell­schaft für Schlaf­for­schung und Schlaf­me­di­zin, Al­f­red Wia­ter. Blau­es Licht ma­che wach. Wechs­le das Spek­trum Rich­tung Abend eher zu Gelb- und Rot­tö­nen, wer­de Me­la­to­nin aus­ge­schüt­tet, man wird mü­de. Zeit für den Win­ter­schlaf?

Zwar ha­be der Mensch die ge­ne­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen da­für - wie ei­ni­ge Tie­re, so der Chef­arzt der Kin­der­kli­nik des Kran­ken­hau­ses Köln-Porz, aber der Mensch brau­che kei­nen Win­ter­schlaf, weil er we­der we­gen der Käl­te Ener­gie spa­ren müs­se, noch Nah­rung knapp sei.

Wenn ei­nen die Mü­dig­keit aber trotz­dem über­kommt, emp­fiehlt der Ex­per­te, sich drau­ßen auf­zu­hal­ten. „Da ist die Licht­in­ten­si­tät hö­her, man kann bes­ser wach blei­ben“, so Wia­ter. Kör­per­li­che Ak­ti­vi­tä­ten reg­ten den Kreis­lauf und Stoff­wech­sel zu­sätz­lich an. Da­mit die Qua­li­tät des Schla­fes nicht lei­det, soll­te man je­doch nicht un­mit­tel­bar vor dem Zu­bett­ge­hen Sport trei­ben, sagt der Som­no­lo­ge, wie man Schlaf­for­scher im Fach­jar­gon nennt.

„Die in­ne­re Uhr im Ge­hirn geht ein biss­chen nach“, sagt Wia­ter. Gin­ge es da­nach, müss­te der Tag ein we­nig län­ger sein als 24 St­un­den. Über das Licht kön­ne das von au­ßen re­gu­liert wer­den. Ein Fak­tor im Kör­per sei Hy­po­kre­tin, ein Hor­mon, das das Schlaf-Wach-Ver­hal­ten be­ein­flusst. Ein Man­gel füh­re zu Nar­ko­lep­sie, der Schlaf­krank­heit, und zu Ap­pe­tit­lo­sig­keit. Hy­po­kre­tin macht wach, treibt die Nah­rungs­auf­nah­me an und wirkt aufs Be­loh­nungs­sys­tem, wie der Schlaf­for­scher sagt. „Das könn­te ei­ne mög­li­che Er­klä­rung sein, war­um Tie­re aus dem Win­ter­schlaf er­wa­chen.“

A pro­pos Tie­re. Ge­hen sie in den Win­ter­schlaf, ma­chen sie genau ei­nes nicht: schla­fen. Den Zu­stand, in dem sie sich be­fin­den, nen­nen Ex­per­ten Tor­por, wie Bio­lo­gin Li­sa War­ne­cke sagt. Die Ge­hirn­strö­me sei­en dann ganz an­de­re als in Schlaf­pha­sen. Der Stoff­wech­sel wer­de re­du­ziert, um Ener­gie zu spa­ren. Wach-Pau­sen wür­den bei­spiels­wei­se zum Fres­sen und zur Fort­pflan­zung ge­nutzt. „Das ist bei al­len Tie­ren gleich, egal ob Spitz­maus oder Braun­bär“, sagt die Wis­sen­schaft­le­rin.

Was den Tor­por aus­lö­se, sei aber sehr un­ter­schied­lich: „Bei man­chen Tie­ren ist die Tem­pe­ra­tur aus­schlag­ge­bend, bei man­chen gibt es ei­ne Kör­per­fett­gren­ze, bei an­de­ren ist das ta­ges­licht­ab­hän­gig“, sagt War­ne­cke, die in die­sem Jahr ein Buch über „Das Ge­heim­nis der Win­ter­schlä­fer“ver­öf­fent­licht hat. Die Was­ser­f­le­der­maus et­wa prak­ti­zie­re ei­nen Ta­ge­stor­por mit 10 bis 15 St­un­den Schlaf.

Der Win­ter­schlaf gilt als Er­folgs­re­zept der Art­er­hal­tung, wie War­ne­cke er­klärt: „Win­ter­schlä­fer le­ben län­ger.“Chro­mo­so­men in den Ge­nen sei­en bei ih­nen bes­ser ge­schützt. Wenn Tie­re schla­fen, lau­fen sie auch we­ni­ger Ge­fahr, ge­fres­sen zu wer­den. Und sie könn­ten auf ex­tre­me Wet­ter­be­din­gun­gen fle­xi­bler re­agie­ren. So ha­be der Ener­gie­spar­mo­dus nicht zwin­gend et­was mit Win­ter zu tun, wie War­ne­cke sagt: Le­mu­ren et­wa wech­sel­ten bei 35 Grad in den Tor­por, um Dür­re­pha­sen zu über­ste­hen.

Das Phä­no­men scheint Jahr­mil­lio­nen über­dau­ert zu ha­ben, wie War­ne­cke an Igeln er­forscht hat. An den Tor­por­pha­sen än­der­ten auch die Wär­me und das üp­pi­ge Nah­rungs­an­ge­bot in der Stadt eben­so we­nig wie der Lärm ne­ben Stra­ßen - die Tie­re schlum­mern ein­fach ein.

Bei Mur­mel­tie­ren und an­de­ren Ar­ten hät­ten For­scher hin­ge­gen in den ver­gan­ge­nen 20 bis 40 Jah­ren fest­stel­len kön­nen, dass sich die Win­ter­schlaf­zeit än­dert. „Das könn­te mit dem Kli­ma­wan­del noch zu­neh­men“, so War­ne­cke.

Auch wenn der Be­griff Win­ter­schlaf nicht hun­dert­pro­zen­tig passt, ist er im Volks­mund eta­bliert. Win­ter­ru­he als schwam­mi­ge Al­ter­na­ti­ve hält die Bio­lo­gin aber für wis­sen­schaft­lich sehr schwam­mig und Blöd­sinn. Und sie räumt mit fal­schen Leh­ren auf: Eich­hörn­chen bei­spiels­wei­se kön­nen ih­ren Stoff­wech­sel nicht wie in Tor­por­pha­sen re­du­zie­ren. Der Ver­gleich mit ech­ten Win­ter­schlä­fern pas­se al­so nicht.

Dass der ge­dros­sel­te Ener­gie­ver­brauch mög­lich ist, in­ter­es­siert nach ih­ren An­ga­ben auch die USRaum­fahrt­be­hör­de Na­sa. Viel Geld wer­de in die For­schung ge­steckt, ob auch Men­schen in ei­nen Win­ter­schlaf­zu­stand ver­setzt wer­den kön­nen. Das könn­te wo­mög­lich für Mars­mis­sio­nen re­le­vant wer­den. Da­bei wer­de mit Un­ter­küh­lung ge­ar­bei­tet, er­klärt War­ne­cke. „Das ist phy­sio­lo­gisch aber äu­ßerst be­denk­lich.“

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