65 Jah­re nach der Flut

Nie­der­län­der kämp­fen ge­gen wei­ter Was­ser

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In der Nacht zum 1. Fe­bru­ar 1953 peitscht ein ei­si­ger Nord­west-Sturm über die Nie­der­lan­de. Der Wind türmt die Wel­len haus­hoch auf. Dann bre­chen die Dei­che. In wei­ten Tei­len der süd­west­li­chen Pro­vinz Zee­land hat das Was­ser frei­es Spiel. Dör­fer, Städ­te, Stra­ßen, Äcker und Wei­den ver­sin­ken in den Flu­ten. In die­ser Nacht ster­ben 1835 Men­schen. Die Sturm­flut von 1953 soll­te die bis­her schlimms­te Na­tur­ka­ta­stro­phe des Lan­des sein.

65 Jah­re spä­ter ist Zee­land gut ge­schützt - durch ei­nes der ehr­gei­zigs­ten Was­ser­bau­wer­ke: Die Del­ta­wer­ke (Foto) mit dem gi­gan­ti­schen neun Ki­lo­me­ter lan­gen Sturm­flut­wehr an der Oos­ter­schel­de, ei­nem Sei­ten­arm der Nord­see. Wenn das Was­ser auf drei Me­ter steigt, dann wer­den die mas­si­ven 42 Me­ter brei­ten Stahl­schot­ten ge­schlos­sen.

Das Sturm­flut­wehr wird heu­te wie ein ach­tes Welt­wun­der von Tou­ris­ten aus al­ler Welt be­staunt. Es ist für vie­le der Be­weis in Stahl und Be­ton, dass die Nie­der­län­der die Na­tur­ge­wal­ten im Griff ha­ben.

Ins­ge­samt fünf Sturm­flut­weh­re gibt es in­zwi­schen, und erst vor we­ni­gen Wo­chen wur­den sie al­le gleich­zei­tig ge­schlos­sen. Das hat­te es zu­vor noch nie ge­ge­ben. Für die Be­hör­den war es ein wich­ti­ger Test - und ein ge­lun­ge­ner, wie sie ei­nen Tag spä­ter zu­frie­den mel­de­ten: Das Ver­tei­di­gungs­boll­werk hat­te pro­blem­los stand­ge­hal­ten.

Doch es könn­te ei­ne sehr trü­ge­ri­sche Si­cher­heit sein. Sol­che mas­si­ven Was­ser­bau­wer­ke reich­ten als Schutz nicht mehr aus, sagt Deich­grä­fin Tan­ja Klip-Mar­tin (im Foto). „Der Kli­ma­wan­del hat uns zum Um­den­ken ge­zwun­gen.“Stür­me wer­den hef­ti­ger, der Mee­res­spie­gel steigt und die Re­gen­schau­er neh­men zu. Das Land, so die Deich­grä­fin, müs­se sich auf ex­tre­me Was­ser­stän­de vor­be­rei­ten.

Die Nie­der­lan­de ha­ben kei­ne Wahl, denn gut 40 Pro­zent des Lan­des lie­gen un­ter­halb des Mee­res­spie­gels. Wenn Dei­che und Däm­me an der Nord­see im Wes­ten nicht hal­ten, dann ver­sinkt das ge­sam­te Bal­lungs­ge­biet von Rot­ter­dam bis Ams­ter­dam in den Flu­ten. Zwei Drit­tel des Lan­des sind be­droht. Und aus Os­ten und Sü­den droht das Hoch­was­ser der gro­ßen Flüs­se Rhein, Waal und Maas.

Bis­her ha­ben die Nie­der­län­der dank ei­nes aus­ge­klü­gel­ten Sys­tems von Pum­pen, Dei­chen, Müh­len und Ka­nä­len weit­ge­hend tro­cke­ne Fü­ße be­hal­ten. Für die meis­ten Bür­ger ist das so selbst­ver­ständ­lich wie die Pa­tat saus zu ih­ren ge­lieb­ten Pom­mes.

Doch die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels sind be­reits zu spü­ren. Das Was­ser der Nord­see steigt schnel­ler als er­war­tet und be­droht die Küs­ten. Aus Deutsch­land brin­gen die Flüs­se das Hoch­was­ser, das durch hef­ti­gen Re­gen und Schmelz­was­ser ent­steht. Das ist ei­ne Ge­fahr für das Del­ta bei Rot­ter­dam. Im Sü­den gab es 2016 so vie­le hef­ti­ge Re­gen­fäl­le wie Kli­ma­for­scher ei­gent­lich erst für et­wa 2040 vor­her­ge­sagt hat­ten.

Dei­chen, Müh­len und Pum­pen rei­chen nicht mehr aus, sagt der na­tio­na­le Was­ser-Bot­schaf­ter Henk Ovink. „Wir müs­sen uns an­pas­sen an den Kli­ma­wan­del.“Das gilt auch für Wirt­schaft und Städ­te- und Land­schafts­pla­nung. „Wir brau­chen maß­ge­schnei­der­te Lö­sun­gen.“

Jetzt ist ein Rie­sen­pro­gramm zur Ver­stär­kung der Dei­che an­ge­lau­fen. 1100 Ki­lo­me­ter Deich und rund 500 Schleu­sen sol­len bis 2028 er­neu­ert wer­den und dann den höchs­ten Si­cher­heits­stan­dards ent­spre­chen. Die Kos­ten be­lau­fen sich auf rund 7,4 Mil­li­ar­den Eu­ro.

So­gar der be­rühm­te Ab­schluss­deich im Nor­den ist nach 80 Jah­ren nicht mehr si­cher. Der „Afs­luit­di­jk“ist wie die Del­ta­wer­ke ei­ne Iko­ne des nie­der­län­di­schen Kamp­fes ge­gen das Was­ser. Der 32 Ki­lo­me­ter lan­ge Deich schloss das frü­he­re Süd-Meer - die Zui­der­zee - von der Nord­see ab und schützt da­durch den Nor­den bis nach Ams­ter­dam vor Sturm­flu­ten. Doch dem von Kli­ma­for­schern vor­her­ge­sag­ten An­stieg des Mee­res­spie­gels kann der Deich nicht stand­hal­ten.

Die Nie­der­lan­de set­zen auch auf na­tür­li­chen Schutz. So wer­den vie­le Strän­de im­mer wie­der neu auf­ge­schüt­tet oder neue Dü­nen an­ge­legt. Hoch­was­ser­schutz heißt nicht nur Ab­schot­ten, sagt Was­serBot­schaf­ter Ovink. „Wir le­ben mit dem Was­ser. Das ist ei­ne Kul­tur.“

Ein Pro­blem ist, dass die Was­ser­mas­sen nicht mehr so schnell weg zu pum­pen sind oder im Bo­den ver­si­ckern. Da­her muss das Was­ser dau­er­haft mehr Raum be­kom­men. Flüs­se wer­den ver­brei­tert oder be­kom­men künst­li­che Sei­ten­ar­me. Pol­der, die einst dem Was­ser ab­ge­run­gen wor­den wa­ren, wer­den wie­der ge­flu­tet. In den Städ­ten gibt es Auf­fang­be­cken.

Der Kli­ma­wan­del ist für die Nie­der­lan­de ei­ne Fra­ge des Über­le­bens. Es ist ei­ne Dau­er­auf­ga­be und nicht im Al­lein­gang zu schaf­fen, sagt Ovink. „Wenn die Welt das Kli­ma­pro­blem nicht in den Griff be­kommt, dann krie­gen wir hier mehr als nur nas­se Fü­ße.“

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