Joa­chim Mey­er­hoff bril­liert:

Shy­lock als hass­er­füll­tes Op­fer der Ge­sell­schaft

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Es sind Men­schen oh­ne ech­ten in­ne­ren Kern, die hier die Büh­ne be­völ­kern. Die­se Chris­ten fei­ern im­mer­wäh­ren­den ge­wal­ti­gen Kar­ne­val, tra­gen Mas­ken und wech­seln jäh ih­re Ko­s­tü­mie­rung, spie­len Spie­le und blei­ben doch trau­rig, er­wer­ben Lie­be für Ba­res und ver­ach­ten An­ge­hö­ri­ge ge­sell­schaft­li­cher Min­der­hei­ten. So ei­ner ist Shy­lock – sei­nes Zei­chens Geld­ver­lei­her und Ju­de. Als Ein­zi­ger scheint er ei­ne fest­ge­füg­te Iden­ti­tät zu be­sit­zen. Doch auch das be­deu­tet nichts Gu­tes. Denn ra­ben­schwarz ge­klei­det und da­bei wie ge­schnitzt wir­kend, wan­delt Shy­lock ali­as Joa­chim Mey­er­hoff (Foto) auf Er­den gna­den­los un­ver­söhn­lich in sei­nem Hass auf die Chris­ten.

Er ver­langt den Wu­cher­zins ei­nes Pfunds Fleisch aus dem Kör­per sei­nes Kon­tra­hen­ten, des me­lan­cho­li­schen Kauf­manns An­to­nio (Car­lo Lju­bek), dem er 3000 Du­ka­ten ge­ge­ben hat und die die­ser we­gen ei­ner wirt­schaft­li­chen Not­la­ge nicht zu­rück­er­stat­ten kann. Zu solch hass­er­füll­tem Tun treibt Shy­lock, dass er als ge­brand­mark­ter Au­ßen­sei­ter ei­gent­lich das Op­fer sei­ner Mit­men­schen ist. Auf Ge­walt ant­wor­tet er mit Ge­walt. Doch am En­de - nach ei­ner ge­witz­ten Ge­richts­ver­hand­lung mit der als An­wäl­tin ver­klei­de­ten jun­gen Por­tia (An­ge­li­ka Rich­ter) - wird er halb­nackt und ge­bro­chen ir­gend­wo im Dun­keln lan­den, ver­ur­teilt, sein Ver­mö­gen an Chris­ten ab­zu­ge­ben und zum Chris­ten­tum zu kon­ver­tie­ren. Sei­ne idea­lis­ti­sche Toch­ter Jes­si­ca (Ga­la Ot­he­ro Win­ter) ver­fällt der­weil dem Wahn.

Das zeit­los düs­te­re und zwie­späl­ti­ge Ge­sell­schafts­bild zeich­net Ka­rin Bei­er am Deut­schen Schau­spiel­haus Ham­burg in ih­rer Ins­ze­nie­rung von Wil­li­am Sha­ke­speares um 1600 ge­schrie­be­nem Stück „Der Kauf­mann von Ve­ne­dig“. Mit dem Thea­ter­star Mey­er­hoff als en­er­ge­ti­schem und elo­quen­tem Mit­tel­punkt fei­er­te ih­re um mo­der­ne Fremd­tex­te und All­tags­wör­ter er­wei­ter­te Auf­füh­rung jetzt Pre­mie­re - ge­nau am Tag des Ge­den­kens an die Op­fer des NS-Ter­rors. Viel Bei­fall zoll­te das Pu­bli­kum dem zehn­köp­fi­gen En­sem­ble und sei­ner Re­gis­seu­rin, die zugleich In­ten­dan­tin des Schau­spiel­hau­ses ist. Sinn­fäl­li­ge akus­ti­sche Zei­chen setzt an dem Abend ei­ne Zwei-Per­so­nen-Band mit Kom­po­si­tio­nen von Jörg Gol­lasch.

Bei al­ler ab­grün­di­gen mensch­li­chen Tris­tesse re­spek­tiert Bei­er die Be­zeich­nung des Werks durch den Au­tor als „Ko­mö­die“. Es geht durch­aus lau­nig und un­ter­halt­sam zu an den bei­den Hand­lungs­or­ten Ve­ne­dig und Bel­mont, dem Som­mer­sitz der rei­chen Por­tia. Men­schen in eli­sa­be­tha­ni­schen Klei­dern wer­fen sich Bäl­le zu, be­ge­ben sich auf die Jagd nach so et­was wie Lie­be und Freund­schaft.

An­ge­nehm schlicht ist da­bei das Büh­nen­bild: Jo­han­nes Schütz hat ei­ne rie­si­ge Fas­sa­de na­he der Ram­pe auf­ge­stellt, de­ren ers­te Eta­ge an­fangs als Lauf­steg für sich pro­du­zie­ren­de Jüng­lin­ge dient. „Je­der Mensch ist ein Kunst­werk. Je­der Mensch ist ein Künst­ler, der je­der­zeit das Recht hat, sich in das Kunst­werk zu ver­wan­deln, das er oder sie sein möch­ten“, heißt es da­zu aus dem Mund ei­ner Büh­nen­fi­gur.

An Iden­ti­tät wird al­so nicht ein­mal mehr ge­glaubt in die­ser künst­li­chen Welt. Die sym­bol­haf­te Fas­sa­de rei­ßen zwar ver­mumm­te, als Ju­den ver­klei­de­te Ak­ti­vis­ten un­ter lau­tem Ge­schrei im Ver­lauf des Ge­sche­hens ein. Viel mehr als Trüm­mer hin­ter­las­sen sie aber nicht. Das Ko­mö­di­en­haf­te an der Ge­schich­te ist schließ­lich wohl die iro­ni­sche Er­kennt­nis von der Gleich­heit al­ler Men­schen in Be­zug auf ei­ne in­ne­re Lee­re, die sie mit Geld und Gut aus­fül­len wol­len - was bei Nie­man­dem klap­pen kann.

„Was sind die Chris­ten doch für Men­schen. Ihr eig­ner har­ter Um­gang in Ge­schäfts­din­gen lässt sie von sich auf an­de­re schlie­ßen“, sagt Shy­lock - ist den­noch selbst nicht frei von aus­ufern­der Be­rech­nung.

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