Das gro­ße Af­fen-Thea­ter

Amerika Woche - - Meinung -

Al­le ru­fen „Skan­dal“, ethi­sche und mo­ra­li­sche Wer­te wer­den be­müht, Kon­zern­chefs sind ent­setzt und rin­gen um Ent­schul­di­gun­gen, und auf­ge­reg­te Kom­men­ta­to­ren wit­tern ei­ne Kriegs­er­klä­rung der „Ge­ne­rä­le“in der deut­schen Au­to­in­dus­trie. Wo­mög­lich mit Hil­fe von Wis­sen­schaft ge­gen je­ne Wis­sen­schaft, die nicht erst seit den VW-Ma­ni­pu­la­tio­nen nicht nur die Die­sel­tech­nik, son­dern das Au­to über­haupt ab­schaf­fen will.

Kei­ne Fra­ge, dass die Ent­schei­der bei deut­schen Au­to­fir­men mit ih­rem be­schränk­ten er­folgs­ori­en­tier­ten Tun­nel­blick und vor dem Hin­ter­grund ei­ner ag­gres­si­ven Recht­fer­ti­gungs­stra­te­gie mit Stutt­gar­ter Zei­tung An­statt sich über den Mil­li­ar­den­ge­winn Daim­lers zu freu­en, er­reg­te sich die Öf­fent­lich­keit über ei­nen Ver­such mit zehn Af­fen in Ame­ri­ka. De­ren Be­fin­den schien wich­ti­ger zu sein als das Wohl­er­ge­hen ei­nes der wich­tigs­ten deut­schen Un­ter­neh­mens. Ei­ne deut­sche Dis­kus­si­on al­so, mit ver­rutsch­ten Maß­stä­ben? Ja und nein. Um die Af­fen geht es nur vor­der­grün­dig. Die Bil­der der Ma­ka­ken ver­hal­fen aber ei­nem The­ma zu je­ner Auf­merk­sam­keit, die es schon lan­ge ge­braucht hät­te. An­statt al­le An­stren­gun­gen dar­auf zu kon­zen­trie­ren, sau­be­re Die­sel­mo­to­ren zu ent­wi­ckeln, be­müh­ten sich die Kon­zer­ne, mit­hil­fe ih­res Lob­by­ver­eins EUGT die Schäd­lich­keit der Ab­ga­se zu re­la­ti­vie­ren. Stutt­gar­ter Zei­tung Wie­der ein­mal muss man lei­der kon­sta­tie­ren, dass ei­ni­gen Spit­zen­ma­na­gern der Au­to­in­dus­trie oder der an­gren­zen­den Lob­by der ethi­sche Kom­pass ab­han­den ge­kom­men ist. Was mit den Be­trü­ge­rei­en bei VW im Zu­sam­men­hang mit dem Die­selskan­dal be­gann und sich mit der wohl le­ga­len, die­ser Ha­ra­ki­ri-Me­tho­de al­len ge­scha­det ha­ben. Vor al­lem den Ver­suchs­tie­ren, dem An­se­hen der be­tei­lig­ten Un­ter­neh­men und der Tech­nik des Die­sel-Mo­tors, die ei­gent­lich ge­för­dert wer­den soll­te. Dar­aus wur­de ein fa­ta­les Ei­gen­tor.

Da­bei woll­ten die Ver­ant­wort­li­chen in der Au­to­in­dus­trie wohl end­lich je­ne Be­le­ge auf dem Prüf­stand se­hen, die bis­her Um­welt­or­ga­ni­sa­tio­nen und Po­li­ti­ker schul­dig ge­blie­ben sind: Zwar gibt es seit Jah­ren die sehr un­ter­schied­li­chen Grenz­wer­te für die Schad­stoff­be­las­tun­gen in den Städ­ten und an den Ar­beits­plät­zen.

Da­bei geht es um Staub, um klein-ste Par­ti­kel und um Stick­oxi­de, die mit dem Die­sel-Ab­gas in die Luft ge­lan­gen. Dar­aus wer­den die Grenz­wer­te für die Luft­be­las­tung in den Städ­ten ab­ge­lei­tet und de­ren Über­schrei­tun­gen wie­der­um sind dann die Grund­la­ge für For­de­run­gen nach Fahr­ver­bo­ten.

Da­für lie­fert die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) je­ne Da­ten, die spä­ter in po­li­tisch er­wirk­ten Ge­set­zen und Nor­men vom po­li­ti­schen Wil­len für ver­bind­lich er­klärt wer­den. Zu­dem gibt es ei­ni­ge Stu­di­en, die nicht nur alt sind, son­dern auch mit we­nig wis­sen­schaft­li­chen Me­tho­den, zum Bei­spiel beim Um­gang mit die­sel­be­trie­be­nen Trans­port-Fahr­zeu­gen in ge­schlos­se­nen Räu­men, ver­an­stal­tet wur­den. aber gleich­wohl höchst pro­ble­ma­ti­schen viel­fa­chen Über­schrei­tung der Schad­stoff­grenz­wer­te vie­ler Fahr­zeu­ge ab­seits der Prüf­sta­tio­nen fort­setz­te, er­fährt nun mit den Tests an Af­fen und Men­schen ei­nen neu­en, un­ge­ahn­ten Hö­he­punkt, der die Bran­che sehr hart tref­fen wird. Die Welt, Berlin Die Af­fen-Af­fä­re zieht im­mer wei­te­re Krei­se. In der Po­li­tik wird wie­der die mitt­ler­wei­le ein­ge­üb­te Em­pö­rung über die deut­schen Au­to­her­stel­ler ven­ti­liert. Dass die­se Re­zep­ti­on ei­ne sehr deut­sche ist, geht in der all­ge­mei­nen Auf­re­gung völ­lig un­ter. Um­so mehr Be­ach­tung ver­dient, dass in Ame­ri­ka ein Um­stand im Fo­kus steht, der hier­zu­lan­de fast durch­gän­gig igno­riert wird: dass näm­lich Volks­wa­gen so­gar im Ver­suchs­la­bor mit Ab­schalt­ein­rich­tung , al­so Soft­ware­ma­ni­pu­la­tio­nen, ge­ar­bei­tet hat. Für noch dro­hen­de Scha­den­er­satz­zah­lun­gen könn­te die­ser Aspekt der Af­fä­re am En­de der we­sent­lich re­le­van­te­re sein. Wenn in Deutsch­land den­noch al­le Sor­ge ein­zig zehn Äff­chen gilt, dann wirft das ein­mal mehr ein Schlag­licht auf ein durch­aus ku­rio­ses

Wie die WHO-Da­ten ent­stan­den sind, wel­chen An­sprü­chen sie stand­hal­ten, wel­che Me­tho­den für ih­re Ein­schät­zung ei­ner ge­sund­heit­li­chen Ge­fähr­dung an­ge­wen­det wur­den, ob und wenn ja, wel­che Ver­su­che da­hin­ter ste­cken, das al­les muss doch hin­ter­fragt wer­den. Sol­che Un­rechts­be­wusst­sein. Dem Tier­schutz mag da­mit ge­dient sein. Der Sa­che da­ge­gen - Deutsch­lands in­dus­trie­po­li­ti­schen In­ter­es­sen, den VW-Mit­ar­bei­tern und -Ak­tio­nä­ren, dem Image von Ma­de in Ger­ma­ny - wird das letzt­lich nur be­dingt för­der­lich sein. FAZ Die deut­sche Au­to­in­dus­trie hat sich mit dem Ver­such, den wis­sen­schaft­li­chen Sach­stand zur Ab­gas­wir­kung im Kör­per mit be­stell­ten und über­dies frag­wür­di­gen For­schungs­stu­di­en aus­zu­he­beln und so ih­ren Kri­ti­kern ans Schien­bein zu fah­ren, hoch­gra­dig bla­miert. Nein, das For­schungs­land Deutsch­land ist bla­miert. Wie lan­ge will auch die Po­li­tik sol­chen PR-Ma­nö­vern ei­ner Bran­che zu­se­hen, in de­nen es oft ge­nug eben nicht um Wahr­heits­fin­dung geht, son­dern im Ge­gen­teil: Tei­le der Wis­sen­schaft wer­den für die stra­te­gi­schen Zie­le ei­ner In­dus­trie ein­ge­setzt, die ih­re in­dus­trie­po­li­ti­sche Über­macht da­zu ver­wen­det, be­rech­tig­te Kri­tik klein­zu­re­den und die In­no­va­ti­ons­po­li­tik in die ge­wünsch­ten Bah­nen zu len­ken. Er­geb­nis­se ei­ner Da­tenNach­denk­lich­keit sind noch nicht ab­ruf­bar. Des­halb tut es Not, von der Po­li­tik mehr zu ver­lan­gen, als die WHO-Da­ten zur Norm der Die­sel-Ver­teu­fe­lung zu er­he­ben.

Vi­el­leicht bringt die Em­pö­rung über die Af­fen-Ver­su­che auch neue An­sät­ze zur Er­for­schung der rea­len Die­sel-Be­las­tung in Frank­fur­ter Rund­schau Die von der EUGT - und da­mit von den Gro­ßen des Au­to­baus ver­ant­wor­te­ten Men­schen­ver­su­che sind völ­lig an­de­rer Na­tur. Es ging nicht dar­um, Er­kran­kun­gen zu hei­len oder zu lin­dern. Die Tests wur­den durch­ge­führt, um Grenz­wer­te für Stick­stoff­di­oxid in­fra­ge zu stel­len. Man setz­te Men­schen dem Gas aus, um zu zei­gen: Pas­siert nichts, ist halb so wild. Man forsch­te nicht, um Schad­stof­fe zu re­du­zie­ren, son­dern, um de­ren Un­ge­fähr­lich­keit be­le­gen zu kön­nen. Es bleibt un­fass­bar, dass die­se Tests von ei­ner Bran­che ver­an­lasst wur­den, die seit Jah­ren sys­te­ma­tisch und mit teils be­trü­ge­ri­schen Me­tho­den die NO2-Be­las­tung durch ih­re Er­zeug­nis­se her­un­ter­ma­ni­pu­lier­te. Eben­so, dass dies in ei­nem Land ge­schieht, in dem die Be­grif­fe «Men­schen­ver­such» und «Gas» ein Ta­bu mar­kie­ren soll­ten, dies aber of­fen­bar nicht mehr tun. Neue Zürcher Zei­tung Ob die Af­fen­tests auch aus tie­re­thi­scher Sicht ver­werf­lich wa­ren, lässt sich we­ni­ger ein­fach be­ur­tei­len. Da­für müss­te man die ge­naue Fra­ge­stel­lung der Un­ter­su­chung deut­schen Städ­ten. Es muss eben nicht nur am Stutt­gar­ter Neckar­tor ge­mes­sen wer­den.

Wr sich der Em­pö­rung über Af­fen-Ver­su­che hin­gibt, soll­te bes­ser für mehr Klar­heit in der deut­schen Die­sel-De­bat­te sor­gen. Und die deut­schen Au­to-Bos­se soll­ten sich nicht zum Af­fen ma­chen las­sen. und die De­tails des Ex­pe­ri­ments ken­nen. Denn Af­fen­ver­su­che sind in der Um­welt­to­xi­ko­lo­gie ein eta­blier­tes Mit­tel, um die aku­ten Aus­wir­kun­gen von Schad­stof­fen zu mes­sen. Da­bei wer­den die Tie­re auch Kon­zen­tra­tio­nen aus­ge­setzt, die über der All­tags­be­las­tung lie­gen. Die Re­sul­ta­te aus sol­chen Af fen­ex­pe­ri­men­ten sind ei­ne wich­ti­ge Grund­la­ge für die heu­ti­gen ge­setz­li­chen Mass­nah­men zur Luf­t­rein­hal­tung. HNA, Kas­sel Tier­ver­su­che an sich sind schon frag­wür­dig. Weil der Nut­zen ih­rer Er­geb­nis­se oft be­grenzt und die Er­kennt­nis­se nicht eins zu eins auf den Men­schen über­trag­bar sind. Weil Tie­re oh­ne Not lei­den, und weil es nur all­zu oft schlicht um Ge­schäfts­in­ter­es­sen geht. Das al­les pas­sier­te 2014. Ge­bracht hat es dem Kon­zern nichts. Ein Jahr spä­ter im Sep­tem­ber flog der Die­selskan­dal auf und Vor­stands­chef Mar­tin Win­ter­korn muss­te sei­nen Pos­ten räu­men – denn von all dem Die­sel-Schum­mel hat er ja nach ei­ge­nen Wor­ten nichts ge­wusst. Un­glaub­lich.

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