28 Jah­re ge­ein­tes Berlin „Va­ter nennt Mut­ter manch­mal noch Os­si“

Ein Satz ist mir schon seit mei­ner frü­hen Kind­heit in Er­in­ne­rung ge­blie­ben: „Oh­ne den Mau­er­fall wür­de es dich gar nicht ge­ben“. Das ha­ben mir mei­ne Groß­el­tern oft ge­sagt.

Amerika Woche - - Die Hauptstadt-Seiten - von Sas­kia Schwa­be

Von da­her ist mir re­la­tiv früh klar ge­wor­den, dass mei­ne Mut­ter im Os­ten auf­ge­wach­sen ist und mein Va­ter im Wes­ten. Und dass dies of­fen­bar zwei ziem­lich ver­schie­de­ne, von­ein­an­der ge­trenn­te Wel­ten wa­ren. Ich kann mir heu­te gar nicht mehr vor­stel­len, dass es da ei­ne un­durch­dring­li­che Gren­ze gab nur zwei Stra­ßen wei­ter von da, wo wir jetzt woh­nen. Mitt­ler­wei­le ist der Mau­er­strei­fen ja vor al­lem ei­ne Tou­ris­ten­at­trak­ti­on, stän­dig hal­ten dort gro­ße Rei­se­bus­se. Latein­ame­ri­ka

Ber­li­ner Mi­schung

Ost und West spie­len für mich und mei­ne Freun­de heu­te kei­ne gro­ße Rol­le mehr. Oft weiß ich gar nicht so ge­nau, ob die El­tern von Freun­den oder Be­kann­ten Os­sis oder Wes­sis sind, mit­un­ter stam­men sie auch aus der Tür­kei, Po­len, Pe­ru oder Bos­ni­en. Ber­li­ner Mi­schung halt, schließ­lich woh­ne ich mit­ten in der Stadt.

Erst spä­ter ha­be ich ver­stan­den, dass die un­ter­schied­li­che Her­kunft mei­ner El­tern auch mei­ne Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung be­ein­flusst ha­ben könn­te: Wo­mög­lich neh­me ich so­zia­le Un­gleich­heit be­wuss­ter wahr und be­ur­tei­le ei­nen Men­schen nicht we­gen sei­ner Her­kunft. Weil mei­ne El­tern ja selbst un­ter­schied­li­cher Her­kunft sind.

Man­che sa­gen auch, ich sei recht selbst­be­wusst oder selbst­be­stimmt. Vi­el­leicht hängt das auch da­mit zu­sam­men, dass mei­ne Mut­ter und auch de­ren Mut­ter ger­ne ihr Ding ma­chen. Ich ha­be schon den Ein­druck, dass Frau­en aus der DDR sich nicht all­zu viel ge­fal­len las­sen.

Latein­ame­ri­ka

Völ­lig krass aber fin­de ich, dass mei­ne Mut­ter frü­her nicht frei rei­sen durf­te, nur in ein paar aus­ge­wähl­te Nach­bar­län­der. Letz­tens er­zähl­te ich ihr von mei­nem Plan, in den Som­mer­fe­ri­en mit ei­ner Freun­din nach Latein­ame­ri­ka zu rei­sen. Da sag­te sie: „Ich hät­te in dei­nem Al­ter nicht mal zu träu­men ge­wagt, den Kon­ti­nent zu ver­las­sen.“

Mei­ne El­tern sind auch teil­wei­se ein we­nig da­von ge­prägt, dass sie aus un­ter­schied­li­chen Tei­len Deutsch­lands kom­men. Ganz sel­ten nennt mein Va­ter mei­ne Mut­ter „Os­si“. Zum Bei­spiel weil sie vie­les erst ein­mal be­hält. Da man es ja noch mal ge­brau­chen könn­te. Plas­tik­tü­ten et­wa. Manch­mal klingt es auch lie­be­voll, weil sie hand­werk­lich recht ge­schickt ist. „Nicht schlecht, Dei­ne po­ly­tech­ni­sche Aus­bil­dung“, sagt er dann.

In der DDR ha­ben die Schü­ler ja auch in Be­trie­ben ge­ar­bei­tet und sich mehr mit tech­ni­schen Din­gen be­schäf­tigt. Auch beim Abitur konn­te mein Va­ter ein­fach sei­ne Leis­tungs­kur­se wäh­len, mei­ne Mut­ter muss­te sich in al­len Fä­chern prü­fen las­sen, hat sie mir er­zählt.

Stren­ger in der DDR

Es ging al­so stren­ger zu in der DDR. Mei­ne Mut­ter sagt manch­mal Din­ge wie: „Der ver­steht das nicht, der kommt ja aus dem Wes­ten.“Dann meint sie zum Bei­spiel die Gol­de­ne Re­gel der Mecha­nik, „Ar­beit ist Kraft mal Weg“, die mein Va­ter nicht kennt. Ist aber eher iro­nisch ge­meint.

In Berlin fin­de ich es heu­te so­wie­so schwer zu sa­gen, wo einst Os­ten oder Wes­ten war. Manch­mal ist es ver­wir­rend: Das Mär­ki­sche Vier­tel könn­te auch ein DDR-Plat­ten­bau­vier­tel sein. Und in Pan­kow ma­chen die Leu­te ei­nen viel rei­che­ren Ein­druck als in Wed­ding, ob­wohl der Os­ten doch an­geb­lich är­mer war.

Groß­el­tern

Am deut­lichs­ten wer­den die Un­ter­schie­de, wenn ich mal mei­ne je­wei­li­gen Groß­el­tern be­su­che. Weih­nach­ten bei mei­nen Groß­el­tern im im Wes­ten fei­ern wir mit Fleisch­fon­due und ei­nem Kir­chen­be­such, bei mei­nen Groß­el­tern aus dem Os­ten gibt es Kar­tof­fel­sa­lat mit Würst­chen und kei­nen Kir­chen­be­such. Statt­des­sen kommt ein ver­klei­de­ter Weih­nachts­mann zu ih­nen nach Hau­se.

Mei­ne Groß­el­tern aus dem Wes­ten woh­nen im­mer noch in der Dop­pel­haus­hälf­te, in dem schon mein Va­ter auf­ge­wach­sen ist, wäh­rend der Plat­ten­bau, in dem mei­ne Mut­ter auf­wuchs, schon vor zehn Jah­ren ab­ge­ris­sen wur­de. Da wächst jetzt Gras.

Mau­er­fall

In der Schu­le ist die Tei­lung Deutsch­lands kein gro­ßes The­ma. Ein­mal muss­ten wir zum Tag der deut­schen Ein­heit ein Re­fe­rat hal­ten. Ich ha­be vor­ge­tra­gen, wie es über­haupt zum Mau­er­fall ge­kom­men ist. Da stell­te ich fest, dass wohl al­les eher ein Zu­fall war mit der Mau­er­öff­nung. Er­staunt war ich da­mals, dass nie­mand über­haupt da­mit ge­rech­net hat.

Ins­ge­samt aber kom­men in mei­ner Jahr­gangs­stu­fe die El­tern der Schü­ler aus vie­len ver­schie­de­nen Län­dern. Da er­scheint mit ei­ne Her­kunft aus Ost- oder West­deutsch­land nur als ei­ne Va­ri­an­te un­ter vie­len. Auch rei­ne Ost-Pro­duk­te ken­ne ich nicht. Nur den Tr­ab­bi. Ok, bei Hal­lo­ren-Ku­geln wuss­te ich gar nicht, dass sie auch als Ost-Pro­dukt gel­ten.

Selt­sam fin­de ich oh­ne­hin das Kür­zel DDR. Das steht ja ei­gent­lich für Deut­sche De­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik. In ei­ner De­mo­kra­tie geht aber doch die Macht vom Vol­ke aus. So hat man es mir bei­ge­bracht. Ei­ne De­mo­kra­tie, in der die Bür­ger nicht die Macht hat­ten, das Land zu ver­las­sen, ist doch kei­ne. So se­he ich das zu­min­dest.

Gleich­heit

An­de­rer­seits: Das Ziel der DDR war ja, ei­ne ge­wis­se Gleich­heit zu schaf­fen. Das ist ja an sich ei­ne gu­te Idee. Heu­te gibt es ja wie­der ei­ne gro­ße so­zia­le Un­gleich­heit. Auch in Berlin. Ei­ni­ge Ju­gend­li­che ha­ben rei­che El­tern, an­de­re den Berlin-Pass. Ei­ni­ge flie­gen stän­dig ir­gend­wo­hin, an­de­re müs­sen auch in den Fe­ri­en noch ar­bei­ten ge­hen.

Bei man­chen fließt viel Geld für ei­ne Pri­vat­schu­le oder Nach­hil­fe, an­de­re ha­ben da­für kei­ne Mit­tel. Ich glau­be, das be­schäf­tigt ei­nen Groß­teil mei­ner Ge­ne­ra­ti­on. Wir dis­ku­tie­ren manch­mal auf dem Schul­hof, dass die Po­li­tik da mehr tun soll­te. So un­po­li­tisch sind wir näm­lich gar nicht.

Der Mau­er­fall aber ist für uns ganz weit weg in ei­ner Zeit, in der es noch kein In­ter­net gab. Mei­ne Ge­ne­ra­ti­on ist eher ge­prägt von den vie­len Ter­ror­an­schlä­gen, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in den USA und Eu­ro­pa pas­siert sind. Wir fra­gen uns, wie das Zu­sam­men­le­ben von Men­schen un­ter­schied­li­cher Her­kunft in Berlin den­noch ge­lin­gen kann.

ZUR PER­SON: Sas­kia Schwa­be ist 16 Jah­re alt und die Toch­ter ei­nes Re­dak­teurs der Ber­li­ner Zei­tung.

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