Mehr Frau­en­ver­ste­her als Frau­en­held - Vor 100 Jah­ren starb Klimt

u eb­zei­ten war Gus­tav Klimt ge­ach­tet und um­strit­ten. Nach dem od ge­riet er ahr­zehn­te in er­ges­sen­heit. Die De­bat­te um die Raub unst brach­te sein Wer wie­der in die Schlag­zei­len. Heu­te ist er ubli um­s­ma­gnet.

Amerika Woche - - Personalien -

Der „Kuss“zieht um. Das welt­be­kann­te und sünd­haft teu­re Bild Gus­tav Klimts wan­dert vom West- in den Ost­flü­gel des Bel­ve­de­re in Wi­en. Auch wenn es nur gut 100 Me­ter sind, ist sich der Lei­ter des Aus­stel­lungs­ma­nage­ments, Ste­phan Pum­ber­ger, si­cher: „Das ist ei­ne sehr auf­re­gen­de Sa­che.“Am neu­en Stand­ort, der für die vie­len Be­trach­ter mehr Kom­fort bie­ten soll, wird das Ge­mäl­de, das Klimt und sei­nen Le­bens­freun­din Emi­lie Flö­ge eng um­schlun­gen zeigt, in ei­ner Vi­tri­ne aus Stahl plat­ziert. Und es be­kommt ei­nen ku­gel­si­che­ren Schutz aus Glas. „Die al­te Glas­plat­te half nur ge­gen Farb­beu­tel“, sagt Pum­ber­ger.

An­lass des Um­zugs ist die Neu­prä­sen­ta­ti­on der Samm­lung des Bel­ve­de­re, das mit 24 Ge­mäl­den die welt­weit größ­te Klimt-Samm­lung be­sitzt. An­lass ist auch der 100. To­des­tag des Ju­gend­stil­ma­lers am 6. Fe­bru­ar. Der wort­kar­ge, erns­te Klimt hat als Kopf der Wie­ner Se­zes­si­on Kunst­ge­schich­te ge­schrie­ben. Sei­ne Bil­der lös­ten oft Skan­da­le aus, sein Le­ben war ein Bei­spiel für mu­ti­ges Künst­ler­tum.

Neue Stu­di­en zei­gen Ös­ter­reichs ge­ra­de in Asi­en be­lieb­ten Kunst-Star in teils et­was an­de­rem Licht. So sei Klimts oft stra­pa­zier­tes Ver­hält­nis zu den Frau­en von gro­ßer ge­gen­sei­ti­ger Wert­schät­zung ge­prägt ge­we­sen, sagt die Kunst­his­to­ri­ke­rin Mo­na Horn­cast­le, die zu­sam­men mit Al­f­red Wei­din­ger ei­ne ak­tu­el­le Klimt-Bio­gra­fie ver­fasst hat.

„Klimt war ein Frau­en­ver­ste­her und -lieb­ha­ber, aber kein Frau­en­held.“Kei­ne sei­ne Lieb­ha­be­rin­nen, kei­nes sei­ner Mo­del­le - mit ei­ni­gen hat­te er Kin­der - ha­be je et­was Ne­ga­ti­ves über ihn ge­sagt oder ge­schrie­ben, so Horn­cast­le.

Ein Schlüs­sel für die­se Ein­schät­zung sei­en die Se­ri­en­zeich­nun­gen über Frau­en bei der Selbst­lie­be. In ei­ner Zeit, in der sinn­li­ches Ver­gnü­gen durch ei­ge­ne Hand teils mit chir­ur­gi­schen Ein­grif­fen be­straft wur­de, ha­be Klimt „der weib­li­chen Lust ein Denk­mal ge­setzt“, meint Horn­cast­le. Aus­ge­stellt hat er die­se Zeich­nun­gen aber nie.

Klimt, 1862 in Wi­en in äu­ßerst ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen ge­bo­ren, war un­be­strit­ten ein höchst un­ab­hän­gi­ger Geist, zu­min­dest ist er im Lauf sei­nes Le­bens da­zu ge­wor­den. Als 21-jäh­ri­ger gut aus­ge­bil­de­ter Ma­ler grün­de­te er zu­sam­men mit sei­nem Bru­der Ernst und Franz Matsch ei­ne Künst­ler­kom­pa­nie.

Die Ge­schäf­te in der da­ma­li­gen Do­nau­mon­ar­chie lie­fen dank öf­fent­li­cher Auf­trä­ge gut. Künst­le­risch und hand­werk­lich per­fekt ori­en­tiert sich das Trio am Ge­schmack der Zeit. Klimt eta­bliert sich als Por­trät­ma­ler und zeigt sei­ne Meis­ter­schaft in dem fast fo­to­rea­lis­ti­schen Bild­nis „Sit­zen­des jun­ges Mäd­chen“(1894).

Die ent­schei­den­de Wen­de in Klimts Le­ben ist 1894 der Auf­trag, drei Bil­der für den Fest­saal der Wie­ner Uni­ver­si­tät zu ma­len. Mit die­sen so­ge­nann­ten Fa­kul­täts­bil­dern über „Phi­lo­so­phie“, „Me­di­zin“und „Ju­ris­pru­denz“schockt er sei­ne Auf­trag­ge­ber. Denn Klimt ver­lässt die be­kann­ten Pfa­de, ent­deckt den fast sur­rea­len Sym­bo­lis­mus für sich.

In der „Me­di­zin“malt er ein Ske­lett und stellt da­mit nach Mei­nung der da­ma­li­gen Pres­se den „Tri­umph des To­des“dar. Die Pro­fes­so­ren hat­ten an­ge­sichts des Fort­schritts in der Me­di­zin das Ge­gen­teil er­war­tet. In der 1900 aus­ge­stell­ten „Phi­lo­so­phie“zei­gen nack­te, ver­zwei­fel­te Men­schen eher die dunk­le Kehr­sei­te von Ver­nunft und Er­kennt­nis. Ei­ne Vor­ab-Prä­sen­ta­ti­on ge­rät zum größ­ten Kunst­skan­dal in Wi­en.

Im Streit mit sei­nen Auf­trag­ge­bern wei­gert sich Klimt, die Bil­der an­zu­pas­sen. Im Ge­gen­teil: Fort­an ver­zich­tet er auf öf­fent­li­che Auf­trä­ge. „Wenn ich ein Bild fer­tig ha­be, so will ich nicht noch Mo­na­te ver­lie­ren, es vor der gan­zen Men­ge zu recht­fer­ti­gen. Für mich ent­schei­det nicht, wie vie­len es ge­fällt, son­dern wem es ge­fällt“, schwimmt sich Klimt völ­lig frei. 1897 ist er ei­ner der Grün­der der Wie­ner Se­zes­si­on, die mit vie­len Tra­di­tio­nen bre­chen will.

Oh­ne öf­fent­li­che Auf­trä­ge hal­ten Klimt die Ar­bei­ten für das auf­stre­ben­de jü­di­sche Groß­bür­ger­tum bes­tens im Ge­schäft. „Klimt war ei­ner der ganz we­ni­gen, der nicht an­ti­se­mi­tisch war“, meint Horn­cast­le. Klimt malt un­ter dem Ein­fluss ja­pa­ni­scher Vor­bil­der, die die Flä­che statt die Per­spek­ti­ve be­to­nen, in sei­ner gol­de­nen Pe­ri­ode zwi­schen 1900 und 1910 vie­le Frau­en­por­träts. Das be­rühm­tes­te ist das von Ade­le Bloch-Bau­er, der „Gol­de­nen Ade­le“(1907).

Zu­sam­men mit Flö­ge, viel eher Le­bens­mensch als se­xu­el­le Part­ne­rin, zog es Klimt oft an den ma­le­ri­schen At­ter­see im Salz­kam­mer­gut. Dort ent­stan­den 46 Ge­mäl­de wie „Die gro­ße Pap­pel“von küh­ner Hand­schrift. 17 Jah­re lang ließ sich der Kat­zen­lieb­ha­ber am See von der Na­tur in­spi­rie­ren, wan­der­te und wur­de „Wald­schrat“ge­nannt.

Wäh­rend vie­le Men­schen im Ers­ten Welt­krieg hun­gern muss­ten, kam Klimt dank sei­ner vie­len Ver­bin­dun­gen zu­nächst gut durch die­se Zeit des Man­gels. Aber am 11. Ja­nu­ar 1918 er­lei­det er ei­nen Schlag­an­fall. Er muss ins Kran­ken­haus, wo er sich ei­ne töd­li­che Lun­gen­ent­zün­dung holt.

Klimt wird bald völ­lig ver­ges­sen. Erst in den 1980er Jah­ren und spä­tes­tens mit der De­bat­te über NS-Raub­kunst wird der Ma­ler plötz­lich wie­der hoch­ge­han­delt. „Die The­se, dass der im­mer wie­der un­rühm­li­che Um­gang mit Re­sti­tu­ti­ons­for­de­run­gen Klimts Ruhm be­dingt, ist nicht zu leug­nen“, schrei­ben die Au­to­ren Horn­cast­le und Wei­din­ger.

Spek­ta­ku­lärs­tes Bei­spiel ist die „Gol­de­ne Ade­le“, die die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten der jü­di­schen Samm­lerFa­mi­lie Blo­cher ge­raubt hat­ten. Der jah­re­lan­ge Streit um ih­re Rück­ga­be zwi­schen der Re­pu­blik Ös­ter­reich und der Er­bin in den USA mach­te in­ter­na­tio­nal Schlag­zei­len. 2006 wird das Bild der Er­bin über­las­sen. Kur­ze Zeit spä­ter wird es für 135 Millionen Dol­lar ver­kauft. In die­sem Mo­ment ist Klimt der teu­ers­te Künst­ler der Welt - und ist heu­te Pu­bli­kums­ma­gnet für Wi­en-Be­su­cher.

Newspapers in German

Newspapers from USA

© PressReader. All rights reserved.