Teil 78

Amerika Woche - - Roman Extra - Fort­set­zung folgt

Er hat mir ge­sagt, es sei ein Ort, an dem al­les mög­lich ist. Al­les Lie­be, Con­stan­ce PS.: Pas­sen Sie mir gut auf die­se net­te An­ge­la auf, mein lie­ber Jun­ge. Ja? Van­cou­ver Is­land Som­mer 1989

Tre­vor frös­tel­te trotz der war­men Au­gust­son­ne und der La­gen von si­gnal­ro­tem Ny­lon und Neo­pren, die ihn vom Kopf bis zu den Ze­hen­spit­zen um­hüll­ten. Am En­de des Holz­stegs schau­kel­te ein Schlauch­boot an sei­nen Be­fes­ti­gungs­lei­nen im Was­ser auf und nie­der. Der Ka­pi­tän, Bax­ter, leg­te am Ar­ma­tu­ren­brett Schal­ter um und dreh­te an Knöp­fen, wäh­rend der See­funk­dienst über das Funk­ge­rät die Wet­ter­vor­her­sa­ge für die nächs­ten vier­und­zwan­zig St­un­den hin­aus­plärr­te.

„Fer­tig?“Bax­ter dreh­te sich zu Tre­vor um. Das sich bre­chen­de Licht in der mit Spie­gel­glas be­schich­te­ten Son­nen­bril­le des Man­nes ver­setz­te Tre­vors Ma­gen in Auf­ruhr.

Tre­vor hol­te tief Luft. Er hat­te noch nie in sei­nem Le­ben ei­nen Fuß auf ein Boot ge­setzt. Er zog Flug­zeu­ge vor und hat­te mit Freu­den die hun­dert­fünf­und­zwan­zig Dol­lar für den zwan­zig­mi­nü­ti­gen Flug von Van­cou­ver nach Van­cou­ver Is­land lo­cker ge­macht, um die Fahrt mit der Fäh­re über die Stra­ße von Geor­gia zu ver­mei­den. Er war ein Pr­ä­rie­jun­ge. Boo­te wa­ren et­was Un­na­tür­li­ches. Die­ses hier war mit sei­nen knapp sechs Me­tern Län­ge sit­ten­wid­rig.

„Glau­ben Sie wirk­lich, dass das si­cher ist?“, frag­te Tre­vor.

Der Ka­pi­tän, der den glei­chen si­gnal­ro­ten Über­le­bens­an­zug trug wie Tre­vor, sag­te kein ein­zi­ges Wort, hob le­dig­lich die Brau­en und wies auf die ru­hi­ge

0 =7( : ( 2 $ ( 0 * =7( 2 $ ;#fen­sicht­li­che noch zu un­ter­strei­chen. Im Was­ser spie­gel­ten sich die Fisch­damp­fer, die am Kai vor An­ker la­gen, und die fel­si­ge Küs­te, die den Ha­fen von Uclu­elet um­säum­te. Es war noch nicht sechs Uhr mor­gens. Ein Schwarm von Sport­an­gel­boo­ten, von de­nen die meis­ten klei­ner wa­ren als Bax­ters ge­werb­li­cher Wha­le Wat­cher, hat­ten die ge­schütz­te Bucht be­reits ver­las­sen und wa­ren auf dem ;3 ! Er streck­te Tre­vor sei­ne Hand ent­ge­acht gen. „Sie wol­len doch da­hin, oder nicht? Ei­nen bes­se­ren Tag hät­ten Sie sich gar nicht aus­su­chen kön­nen“, sag­te er. „Es * $ !9 Tre­vor be­gut­ach­te­te mit Arg­wohn die ge­pols­ter­ten Sitz­bän­ke, die für zwan­zig oder mehr Tou­ris­ten ge­dacht wa­ren, die lan­gen luft­ge­füll­ten Schläu­che und die bei­den Au­ßen­bord­mo­to­ren mit je­weils hun­dert Pfer­de­stär­ken, die am Heck im Leer­lauf ro­tier­ten. Er rüt­tel­te die Ta­sche an sei­ner Hand und spür­te das Ge­wicht der Vit­amin­do­se aus Plas­tik. Wie Con­stan­ce es woll­te. An­ge­la und He­len hat­ten ihn über­zeugt: Con­stan­ce hat­te viel zu lan­ge auf dem Bü­cher­re­gal im Wohn­zim­mer ge­war­tet. Drei­ein­halb Jah­re. Er hat­te die Ab­sicht ge­habt, ih­re Wün­sche frü­her zu er­fül­len, doch schien im­mer et­was da­zwi­schen­zu­kom­men. Aus­saat, Be­wäs­se­rung, Ern­te. Ma­schi­nen muss­ten re­pa­riert, Tie­re ver­sorgt wer­den. Die Hoch­zeit, die un­ten im al­ten Fluss­bett statt­ge­fun­den hat­te. Und na­tür­lich die Ge­burt des klei­nen Bo, in­zwi­schen zwei Jah­re alt. Es war an der Zeit, ihr ih­re Frei­heit zu schen­ken. Was hat­te die al­te Frau dar­über ge­sagt, dass man dem Uni­ver­sum ver­trau­en muss­te? Er leg­te den Kopf zu­rück, um in den wol­ken­lo­sen Him­mel zu bli­cken und ei­ne Bit­te nach oben zu rich­ten, gleich­gül­tig, was oder wer es war, das oder der sie

! : ? # ihn auf das Boot.

Tre­vor setz­te sich auf den mitt­le­ren Sitz – in die Mit­te des mitt­le­ren Sit­zes – und press­te die Ta­sche mit der Asche fest ge­gen sei­nen Kör­per. Bax­ter lots­te das Schlauch­boot durch die en­gen Fahr­rin­nen des Ha­fens, durch die schma­le Ein­fahrt, die mit Bo­jen mar­kiert war, hin-

# ! : ? ( ! Das Was­ser war so glatt wie Glas; nicht ein­mal sach­ter Wel­len­gang er­reich­te die Küs­te. Das Boot durch­schnitt die silb­rig

7 3 ;0 =7( ! # ( um den Bug, der sie in zwei gleich gro­ße Hälf­ten zer­teil­te; schau­mi­ges Kiel­was­ser spru­del­te hin­ter­her.

@ ? : ( # Punkt ge­ra­de­aus, in Rich­tung Ja­pan, er spür­te warm die Son­ne auf sei­nem Rü­cken. Acht Ki­lo­me­ter. Das war es, was Bax­ter am Te­le­fon ge­sagt hat­te. Acht Ki­lo­me­ter ge­ra­de­aus von der Küs­te weg bis zur La Pe­rous­se Bank, ei­nem

# - * 2 2 wie Bax­ter er­klärt hat­te, we­gen Tie­fen­strö­mun­gen reich an Le­ben war. Et­wa ei­ne St­un­de, um hin- und wie­der zu­rück­zu­ge­lan­gen. „Hängt vom Wetter ab und da­von, ob Ne­bel herrscht und wie viel Zeit Sie be­nö­ti­gen.“Ei­ne St­un­de hat­te sich nicht lang an­ge­hört, nicht vor ei­nem Mo­nat. Er hat­te den An­ruf vom Farm­haus aus ge­tä­tigt nach ei­nem Tag, an dem er Zäu­ne aus­ge­bes­sert hat­te, nach ei­ner war­men Du­sche, be­klei­det mit ei­nem T-Shirt und be­que­men Je­ans, ein Bier in der Hand, un­mit­tel­bar vor dem Abend­es­sen. Ei­ne kur­ze Boots­fahrt. Heu­te fühl­ten sich Ki­lo­me­ter wie hun­dert an, und ei­ne St­un­de er­schien ihm wie ei­ne Ewig­keit. Er hat­te Mü­he, gleich­mä­ßig zu at­men. Wäh­rend ei­ner der sel­te­nen Ur­laubs­rei­sen ins Qu’Ap­pel­le Val­ley mit On­kel Pat und Tan­te Gla­dys hat­te Brent aus al­tem Holz ein Floß ge­baut, ein zer­ris­se­nes La­ken hat­te als Se­gel ge­dient. Er hat­te ver­sucht, Tre­vor da­zu zu über­re­den, den Boots­mann zu spie­len, doch war das Aben­teu­er mit Br­ents höh­ni­scher Be­mer­kung „Ba­by­lein Tre­vor hat Angst vorm Was­ser“ge­en­det, wäh­rend Tre­vor jen­seits des Fluss­ufers in ei­nem Pap­pel­hain laut vor sich hin ge­weint hat­te.

Die ru­hi­ge Stim­me von Con­stan­ce mach­te der Schmach ein En­de. Was wird aus der See­le, Tre­vor, was wird aus der See­le?

Lief sein Le­ben wie ein Spiel­film vor sei­nen Au­gen ab, weil dies hier der An­fang vom En­de war? Wür­de er die­ses Le­ben ver­las­sen als Fut­ter für die Fi­sche? Er konn­te nicht schwim­men. Man lebt, und man stirbt. Er hat­te das ge­sagt, nicht wahr?

Zu Con­stan­ce. Was, wenn da doch mehr war? Ei­ne See­le. Ein Le­ben nach dem Tod. Wür­de er noch ein­mal ei­ne Chan­ce be­kom­men?

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