Die über­mü­de­te Ge­sell­schaft For­scher

schla­gen Alarm

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Der frü­he Vo­gel fängt den Wurm und Mor­gen­stund‘ hat Gold im Mund? Nicht für Schlaf­for­scher Hans-Gün­ter Weeß. „Wir sind ei­ne Ge­sell­schaft, die den Schlaf nicht schätzt“, kri­ti­siert der Psy­cho­lo­ge, Mit­glied im Vor­stand der Deut­schen Ge­sell­schaft für Schlaf­for­schung und Schlaf­me­di­zin (DGSM). Im Er­geb­nis sei Deutsch­land im Ver­gleich zu Nach­bar­län­dern ei­ne über­mü­de­te Na­ti­on. Die Nach­tei­le be­gän­nen schon beim frü­hen Schul­be­ginn.

Schlaf­los in Zah­len: Wenn ein Mensch in ei­nem Mo­nat an min­des­tens drei Näch­ten in der Wo­che kaum ein­schla­fen oder durch­schla­fen kann, braucht er nach An­sicht von Schlaf­for­schern Hil­fe. „Ent­schei­dend ist, ob es am nächs­ten Tag zu Be­ein­träch­ti­gun­gen kommt, zum Bei­spiel bei Auf­merk­sam­keit, Kon­zen­tra­ti­on und Ge­dächt­nis­leis­tung“, sagt Weeß. „Deut­li­che An­zei­chen für Über­mü­dung sind auch Ge­reizt­heit, Kopf­schmer­zen und Ma­gen-Darm-Pro­ble­me.“Nach Stu­di­en der DGSM lei­den in Deutsch­land sechs Pro­zent der Be­völ­ke­rung an chro­ni­schen Schlaf­stö­run­gen - das sind rund 4,8 Mil­lio­nen Men­schen.

Schlaf­be­dürf­nis: Für For­scher ge­ben bei je­dem Men­schen die Ge­ne vor, wie viel Zeit er im Bett ver­bringt. Für die meis­ten Men­schen lie­ge das zwi­schen sechs und acht St­un­den. Ei­ni­ge brau­chen aber noch mehr, an­de­re we­ni­ger Schlaf. Frei­wil­li­ge Früh­auf­ste­her und über­zeug­te Nacht­eu­len fol­gen ih­rer in­ne­ren Uhr.

„Sol­che An­la­gen kön­nen wir uns nicht ab­trai­nie­ren“, be­rich­tet Wis­sen­schaft­ler Weeß. Der in­di­vi­du­el­le Biorhyth­mus las­se sich nicht aus­trick­sen. Ein er­zwun­ge­nes Le­ben ge­gen die in­ne­re Uhr mün­de meist in Er­schöp­fung. Und ein Mit­tags­schlaf hel­fe nur, wenn er nicht län­ger als 15 bis 20 Mi­nu­ten daue­re - wo­bei es ge­ra­de um den Mit­tags­schlaf auch an­de­re Mei­nun­gen gibt.

Schu­le: In Deutsch­land be­ginnt sie meist zwi­schen 7 und 8 Uhr. Das ist deut­lich frü­her als in vie­len Nach­bar­län­dern, die oft erst ab 8.30 Uhr star­ten. „Wenn wir un­ser Bil­dungs­sys­tem re­for­mie­ren wol­len, soll­ten wir ernst­haft dar­über nach­den­ken, die Schu­le spä­ter be­gin­nen zu las­sen“, sagt Weeß. Stu­di­en hät­ten be­legt, dass vor al­lem Te­enager Ma­the­ma­tik-Auf­ga­ben um neun oder zehn Uhr deut­lich bes­ser lös­ten als um acht Uhr.

Bei Grund­schü­lern ge­be es bei der Kon­zen­tra­ti­ons­leis­tung ei­nen be­leg­ten Zu­sam­men­hang zwi­schen der Ent­fer­nung der Schu­le zum Wohn­ort. Wer um sechs oder sie­ben Uhr früh im Schul­bus sit­zen muss, hat nach Stu­di­en deut­lich schlech­te­re Kar­ten.

Ar­beits­welt: In Um­fra­gen spre­chen sich zwei Drit­tel der El­tern ge­gen ei­nen spä­te­ren Schul­be­ginn aus, weil sie in ih­ren Be­ru­fen kei­ne fle­xi­blen Ar­beits­zei­ten ha­ben. „Dar­an se­hen wir, dass das ein ge­samt­ge­sell­schaft­li­ches Pro­blem ist“, sagt Weeß. „Da­bei brau­chen wir al­le mehr Schlaf. Wir müs­sen die Ar­beits­welt an­pas­sen.“

Im Mo­ment pas­sie­re aber eher das Ge­gen­teil. Statt fle­xi­bler Acht-St­un­den-Ta­ge deh­ne sich die Ar­beits­zeit durch In­ter­net und mo­bi­le Me­di­en im­mer wei­ter aus. „Wir sind bald ei­ne 24-St­un­den-Non-Stop-Ge­sell­schaft“, kri­ti­siert Weeß. „Es ist die Fra­ge, ob Su­per­märk­te oder Fit­ness­stu­di­os rund um die Uhr of­fen sein müs­sen.“

Es ge­be laut Stu­di­en pro Jahr rund 200.000 Fehl­ta­ge auf Grund von Schlaf­stö­run­gen. „Das heißt, je­des Jahr ge­hen der deut­schen Wirt­schaft 60 Mil­li­ar­den Eu­ro durch die Über­mü­dung ih­rer Mit­ar­bei­ter ver­lo­ren.“

Un­fäl­le: Zu we­nig Schlaf ist Gift hin­term Steu­er. Das re­la­ti­ve Ri­si­ko, ei­nen Un­fall zu bau­en, po­ten­zie­re sich al­lein schon beim Fah­ren zwi­schen zwei und fünf Uhr nachts um das Fünf­fa­che, sagt Ma­rit­ta Orth, Schlaf­me­di­zi­ne­rin und Lun­gen­fach­ärz­tin. Denn in die­ser Zeit lie­ge das ab­so­lu­te Leis­tungs­tief.

We­ni­ger als fünf St­un­den Schlaf in der Nacht zu­vor kön­nen aber auch tags­über zu deut­lich mehr Crashs füh­ren, denn Über­mü­dung kann ei­nen ähn­li­chen Ef­fekt auf den Kör­per ha­ben wie Al­ko­hol Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit und Re­ak­ti­ons­ge­schwin­dig­keit las­sen nach. Krank­hei­ten wie ei­ne Schlaf­apnoe er­hö­hen das Un­fall­ri­si­ko je­der­zeit um das Zwei- bis Drei­fa­che.

Ap­noe: Sie ist die be­kann­tes­te Schlaf­stö­rung und oft mit hef­ti­gem Schnar­chen ver­bun­den. Pa­ti­en­ten kom­men durch mehr als 15 Ate­maus­set­zer pro St­un­de nachts nicht in den nö­ti­gen Tief­schlaf hin­ein, bei dem sich der Kör­per er­holt. Zu­sätz­lich fehlt ih­nen der Traum­schlaf für die see­li­sche Er­ho­lung. Die­ser Schlaf­man­gel wird am Tag nach­ge­holt - Be­trof­fe­ne ni­cken da­bei auch ge­gen ih­ren Wil­len ein.

Gold­stan­dard für ei­ne The­ra­pie ist ei­ne Na­sen­mas­ke, die an ei­nen Druck­ge­ne­ra­tor an­ge­schlos­sen ist. Sie sorgt im Schlaf da­für, dass die Zun­ge an den Mund­bo­den ge­drückt wird und den Kehl­kopf nicht ver­schlie­ßen kann. „Die Mas­ke macht nicht schö­ner, aber für ope­ra­ti­ve Maß­nah­men wie Schritt­ma­cher sind nicht al­le Pa­ti­en­ten ge­eig­net“, sagt Orth. Der Schritt­ma­cher wirkt auf die Mus­ku­la­tur der Zun­ge.

Die Fol­gen: Rund 80 ver­schie­de­ne Schlaf­stö­run­gen sind heut­zu­ta­ge be­kannt. Ihr Zu­sam­men­hang mit an­de­ren Krank­hei­ten wer­de zu häu­fig noch nicht ge­se­hen, be­rich­tet Orth wei­ter. Schlaf­stö­run­gen wie Ap­noe kön­nen z.B. er­höh­ten Blut­druck, er­höh­te Nei­gung zum Schlag­an­fall, Herz­rhyth­mus­stö­run­gen und den plötz­li­chen Herz­tod be­güns­ti­gen, weil sie Schä­den an Ge­fä­ßen ver­ur­sa­chen.

Zu vie­le Pil­len: Bis zu 1,9 Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land neh­men nach An­ga­ben der Fach­ge­sell­schaft re­gel­mä­ßig Schlaf­mit­tel ein. Die Ta­blet­ten ha­ben aber kei­ne hei­len­de Wir­kung. Wer­den sie ab­ge­setzt, ist die Stö­rung so­fort wie­der da. „Wir müs­sen Men­schen bei­brin­gen, ih­re ei­ge­ne Schlaf­ta­blet­te zu sein - al­so das er­hol­sa­me Schla­fen zu ler­nen“, rät Weeß.

Der klei­ne Un­ter­schied: Frau­en schla­fen län­ger als Män­ner. Al­ler­dings gel­ten sie durch hor­mo­nel­le Schwan­kun­gen, Schwan­ger­schaf­ten und Me­no­pau­se im Lauf ih­res Le­bens als an­fäl­li­ger für Schlaf­stö­run­gen. Ei­ne gro­ße Rol­le spielt die Psy­che. „Frau­en ha­ben dün­ne­re Gren­zen“, sagt Weeß. „Sie las­sen Pro­ble­me dich­ter an sich her­an und neh­men sie leich­ter mit ins Bett.“An­span­nung aber gilt als Haupt­feind des Schlafs.

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