„Ge­trenn­te Wel­ten“: Ita­li­en, Süd­ti­rol und das Iden­ti­täts­pro­blem

Amerika Woche - - Leben -

Es fühlt sich al­les ein biss­chen wie Hei­mat an, auch des­we­gen lie­ben vie­le Deut­sche Süd­ti­rol. Das Pan­ora­ma sieht aus wie in Bay­ern und Pro­sci­ut­to be­kommt man auf dem Markt auch, wenn man Schin­ken sagt. Der Cap­puc­ci­no schmeckt aber so gut wie sonst nur in Ita­li­en.

Die Kul­tu­ren sind ver­schmol­zen, die Mehr­spra­chig­keit ist per­fekt, so scheint es. Doch ge­ra­de wenn es dar­um geht, Wäh­ler zu fan­gen, wer­den süd­lich des Bren­ners wie­der die Un­ter­schie­de be­tont. Das Idyll vom Zu­sam­men­le­ben - ei­ne Wunsch­vor­stel­lung.

Das Zu­sam­men­le­ben ist ei­gent­lich das ein­zi­ge, an dem es ha­pert in Süd­ti­rol. Ur­lau­ber lie­ben Ski­pis­ten im Win­ter und saf­tig grü­ne Hän­ge im Som­mer. Es herrscht qua­si Voll­be­schäf­ti­gung, die Verwaltung ist - so heißt es zu­min­dest - frei von Kor­rup­ti­on, es wird in­ves­tiert. Da­von kann das üb­ri­ge Ita­li­en nur träu­men. Dass man es so gut hat in Süd­ti­rol, wird auch der re­gie­ren­den Volks­par­tei SVP zu­ge­schrie­ben, die seit den ers­ten frei­en Wah­len nach dem Zwei­ten Welt­krieg re­giert.

Wohn­ge­mein­schaft

Aber auch sie konn­te Al­do Maz­zas Traum bis­lang nicht er­fül­len. Seit 1972 lebt der Sü­dita­lie­ner in Me­ran. Süd­ti­rol ver­gleicht er ger­ne mit ei­nem Mehr­fa­mi­li­en­haus. „Wir le­ben im glei­chen Haus, wir ent­schei­den zu­sam­men über das Trep­pen­haus, das Licht, den Auf­zug, Gar­ten und so wei­ter. Aber je­der macht zu und ist in sei­ner ei­ge­nen Woh­nung.“Maz­zas Ziel: ei­ne Wohn­ge­mein­schaft.

Doch die drei Sprach­grup­pen - die deut­sche, ita­lie­ni­sche und la­di­ni­sche - blei­ben meist un­ter sich. Nicht nur die Schu­len sind ge­trennt, auch die Par­tei­en­land­schaft ist es: „Es gibt die deut­schen Par­tei­en, es gibt die ita­lie­ni­schen Par tei­en“, er­klär t Maz­za. Im Wahl­kampf füh­re das da­zu, dass na­tio­na­lis­ti­sche Stim­mung ge­macht wer­de - auf bei­den Sei­ten. Dass sich dann noch der Nach­bar, Süd­ti­rols Schutz­macht Ös­ter­reich, ein­misch­te, macht es aus Sicht des Ver­le­gers nicht ein­fa­cher.

2x Staats­bür­ger­schaft

Die Re­gie­rung in Wi­en hat den deutsch- und la­di­nisch­spra­chi­gen Min­der­hei­ten die dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft in Aus­sicht ge­stellt - ver­ständ­li­cher­wei­se sehr zum Miss­fal­len der ita­lie­ni­schen Re­gier- ung. Seit 1919 ge­hört Süd­ti­rol nicht mehr zu Ös­ter­reich. Un­ter Be­ni­to Mus­so­li­ni wur­den deut­sche Tra­di­tio­nen und die Spra­che ver­bo­ten. Längst ste­hen sie un­ter Schutz und Süd­ti­rol kann sich weit­ge­hend un­ab­hän­gig ver­wal­ten.

Deutsch­spra­chi­gen Rechts­par­tei­en wie der Süd-Ti­ro­ler Frei­heit ist das nicht ge­nug, sie for­dern die Los­lö­sung, weil sie fin­den: „Süd­ti­rol ist nicht Ita­li­en.“„Die Dop­pel­pass­ge­schich­te ist un­ge­sund, weil sie als Wir­kung wie­der ei­ne Span­nung zwi­schen den Sprach­grup­pen er­zeugt. Und das ist schlimm“, sagt Maz­za. Auch in Rom kommt die Idee nicht gut an.

Aus­ein­an­der­trei­ben

„Es ist Un­fug. Es bringt nichts, es treibt nur die deut­schen und die ita­lie­ni­schen Süd­ti­ro­ler aus­ein­an­der“, schimpft Gi­u­lia­no Sen­ter, wäh­rend er hin­ter der The­ke ei­nes Ca­fés in Bri­xen Kaf­fee zu­be­rei­tet. Als ita­lie­ni­scher Süd­ti­ro­ler könn­te er den Pass nicht be­kom­men. „War­um nicht? Ich bin doch in Bri­xen ge­bo­ren.“

So­gar Ul­li Mair von der rech­ten Par­tei Die Frei­heit­li­chen gibt zu: „Die Dop­pel­staats­bür­ger­schaft, die ist mehr fürs Herz und die Iden­ti­tät“und dro­he Kon­flik­te wie­der auf­zu­rei­ßen.

Pro­blem­land

Am Wahl­kampf­stand in Bri­xen gibt es an die­sem Morgen Würs­te und Bier, so gar nicht ita­lie­nisch. „Wir sind ein biss­chen ein Pro­blem­land“, sagt Ma­ri­an­ne Gafril­ler, die sich am Stand in­for­miert. „Weil wir in Ita­li­en le­ben, uns aber nicht als Ita­lie­ner füh­len.“

„Es sind wirk­lich zum Teil völ­lig ge­trenn­te Wel­ten in Süd­ti­rol“, sagt Bri­git­te Fop­pa, die für die Grü­nen im Land­tag sitzt. Sie macht die Tren­nung der Schu­len für „Deut­sche“und „Ita­lie­ner“für das feh­len­de Zu­sam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl ver­ant­wort­lich. Die tra­gi­sche Fol­ge: „Wir ha­ben da ei­nen an­de­ren gan­zen Kul­tur­raum vor der Haus­tür auf der Fuß­mat­te lie­gen und wir ho­len ihn nicht ab.“

Mar­gi­na­li­siert

Die Ita­lie­ner, die un­ter 30 Pro­zent der Be­völ­ke­rung aus­ma­chen, fühl­ten sich im­mer stär­ker mar­gi­na­li­siert, auch weil sie in der Po­li­tik ver­gleichs­wei­se schlecht ver­tre­ten sei­en. Des­we­gen rü­cke die ita­lie­ni­sche Ge­mein­schaft im­mer wei­ter nach rechts. Die ex­trem rech­te Be­we­gung Cas­apound sitzt in Bo­zen längst im Ge­mein­de­rat.

Land­tags­kan­di­dat Ze­no Chris­ta­nell von der re­gie­ren­den SVP sieht ei­nen Min­der­wer­tig­keits­kom­plex auf bei­den Sei­ten: den der Deutsch­spra­chi­gen als Min­der­heit in Ita­li­en, den der Ita­lie­nisch­spra­chi­gen als Min­der­heit in Süd­ti­rol. Des­we­gen ge­be es meist ein Ne­ben­ein­an­der, hin und wie­der ein Mit­ein­an­der, manch­mal auch ein Ge­gen­ein­an­der.

99 % Deutsch­spra­chig

Nur auf dem Land ge­be es die „ei­ne Welt“, sagt er. Die Dör­fer sind zu 99 Pro­zent deutsch­spra­chig. Die Ge­mein­schaft ori­en­tie­re sich nicht an Rom, son­dern an Ös­ter­reich oder Deutsch­land. Was die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung ma­che, neh­me man zur Kennt­nis, aber nicht ganz ernst. „Wenn See­ho­fer et­was sagt, dann wirkt es mehr.“Man ver­ste­he sich eben als ein Kul­tur­raum.

Ein Pro­sit der Ge­müt­lich­keit

Al­len Iden­ti­täts­de­bat­ten zum Trotz: Ein dras­ti­scher Um­bruch wie im üb­ri­gen Ita­li­en ist in Süd­ti­rol nicht zu er­war­ten. Doch die­ses Mal könn­te der Ko­ali­ti­ons­part­ner der SVP auf ita­lie­ni­scher Sei­te Le­ga hei­ßen. Im Wahl­kampf ließ sich de­ren Chef, der rech­te In­nen­mi­nis­ter Mat­teo Sal­vi­ni, na­tür­lich auch in Süd­ti­rol bli­cken und gab sich so­gleich volks­tüm­lich, grüß­te auf Deutsch und sang beim Fest der Ka­s­tel­ru­ther Spat­zen „Ein Pro­sit der Ge­müt­lich­keit“(Fo­to un­ten).

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