Stim­men. M ssen aber nicht.

Amerika Woche - - Roman -

wohl mag. Und wie ihr Re­gal aus­sieht.

Dann durch­fährt sie ein neu­er Ge­dan­ke wie ein Blitz: Was, wenn Le­ni gar nicht mehr lebt

Und Ma­til­da wird klar, dass es nur ei­nen ' * +

Nach­dem sich Ma­til­da ta­ge­lang nicht auf ih­re Ar­beit kon­zen­trie­ren konn­te, weil ihr der Brief kei­ne Ru­he lie , ist es jetzt um­ge­kehrt: Sie ar­bei­tet wie ei­ne Ver­rück­te, um blo nicht an den Brief den­ken zu müs­sen. In­zwi­schen Schnitt von drei ig Brie­fen pro St­un­de. Manch­mal kann sie ihn so­gar top­pen. Trotz­dem wei sie, dass sie ei­ne Ent­schei­dung tref­fen muss. Ent­we­der sie ver­gisst das Gan­ze und hakt die Mis­si­on

als sinn­lo­ses Un­ter­fan­gen ab, oder aber sie nimmt sich bald die­se Lis­te vor und te­le­fo­niert ei­ne Num­mer nach der an­de­ren ab, um end­lich Klar­heit zu ge­win­nen. Sie will das nicht tun. Ei­gent­lich. Aber sie wei , dass es ge­nau dar­auf hin­aus­lau­fen wird.

Spä­tes­tens auf dem Heim­weg kann sie das The­ma nicht län­ger bei­sei­te­schie­ben.

An die­sem Nach­mit­tag reg­net es in Str men, und Ma­til­da nimmt den Bus. Sie denkt an Le­nis und Mi­chels ers­ten ge­mein­sa­men Nach­mit­tag am Wald­see, als bei­de bis auf die Haut durch­nässt wur­den und sich dann auf dem Boots­steg küss­ten.

Auch sie ist auf dem kur­zen Weg vom Amt zur Bus­hal­te­stel­le nass ge­wor­den, wo­bei der Trench­coat zum Glück das meis­te ab­ge­hal­ten hat. Aber na­tür­lich ist Ma­til­da weit da­von ent­fernt, ge­küsst zu wer­den. der auch nur ge­küsst wer­den zu wol­len.

Die Plät­ze im Bus sind al­le be­legt. Es macht ihr nichts aus zu ste­hen, schlie lich hat sie den lie­ben lan­gen Tag im Sit­zen ver­bracht. Nor­ma­ler­wei­se wür­de sie jetzt ge­dan­ken­ver­lo­ren aus dem ens­ter schau­en und träu­men, aber die Schei­ben sind be­schla­gen, al­so blei­ben Ma­til­das Blick und ih­re Ge­dan­ken ein­ge­sperrt. Sie krei­sen um die Lis­te. Kommt es ihr nur so vor, oder starrt sie die al­te Da­me mit dem grau­brau­nen Woll­man­tel und dem lichten rot ge­färb­ten Haar vor­wurfs­voll an

Ma­til­da wei es selbst nicht so ge­nau. Sie hat eben noch nie be­son­ders gern te­le­fo­niert. Und ist von Na­tur aus eher vor­sich­tig als mu­tig. Die rot­haa­ri­ge Se­nio­rin wirkt deut­lich for­scher. Ver­mut­lich wür­de sie ih­re lah­me Er­klä­rung nicht gel­ten las­sen. Ma­til­da blickt be­tre­ten zu Bo­den. Dann hebt sie den Kopf wie­der und schaut der al­ten Da­me di­rekt ins Ge­sicht. Na gut. Gleich wird sie den ers­ten An­ruf wa­gen. Aber sie braucht da­zu ei­nen Mo­ti­va­ti­ons­schub: ein Stück fri­schen Mohn­ku­chen und ei­nen Tee dies­mal 1 9 : '

Ich glaub, heu­te tu ich s , be­grü t sie ih­ren Nach­barn, wäh­rend sie ein­tritt.

Lust auf Mohn­ku­chen Ich brau­che ei­nen klei­nen Zu­cker­schock, sonst knei­fe ich doch wie­der , fährt sie fort und mar­schiert schnur­stracks in Rich­tung Kü­che. Knut folgt ihr. Ich mei­ne, es sind ja nur fünf Num­mern, und was sind schon fünf kur­ze Te­le­fo­na­te, um die Sa­che zu klä­ren Wer wei , vi­el­leicht ist un­se­re Le­ni so­wie­so nicht da­bei, vi­el­leicht ist sie längst nicht mehr am Le­ben, aber so­lan­ge ich es nicht pro­biert ha­be, wer­de ich Huch, wer sind Sie denn

Ma­til­da bleibt so ab­rupt ste­hen, dass Knut ihr fast auf die er­sen tritt. Auf dem Kü­chen­stuhl, den Knut ihr im­mer an­bie­tet, sitzt ein amü­siert grin­sen­der An­zug­trä­ger ein Bein läs­sig über das an­de­re ge­schla­gen, sei­nen le­der­nen 7 3 ' ei­ne von Knuts gu­ten Es­pres­so­tas­sen in der Hand.

Lässt du dir ge­ra­de ei­ne Ver­si­che­rung auf­schwat­zen , wen­det sie sich an Knut. all blo nicht auf ir­gend­wel­che Ver­kauf­stricks rein.

Das ist kein Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter klärt der sie lä­chelnd auf.

Dann et­wa ein An­la­ge­be­ra­ter Noch schlim­mer. Wie gut, dass ich ge­kom­men bin , Ma­til­da, das ist auch kein An­la­ge­be­ra­ter. Son­dern Cor­ne­li­us und ich bin sein Gro va­ter. Ma­til­da ist wie vor den Kopf ge­schla­gen.

Aber so scheint es wohl zu sein, und ihr wird klar, dass sie voll ins ett­näpf­chen ge­tre­ten ist. Mit An­lauf.

Das das tut mir furcht­bar leid sagt sie und err tet.

Was tut Ih­nen leid dass ich sein En­kel bin oder dass Sie mich für ei­nen Trick­be­trü­ger ge­hal­ten ha­ben ,

Doch nicht für ei­nen Trick­be­trü­ger, h chs­tens für ei­nen Hals­ab­schnei­der , gibt Ma­til­da klein­laut zu. Cor­ne­li­us lacht.

Kin­der, nun ver­tragt euch. Und h rt auf mit der lä­cher­li­chen Sie­ze­rei , mischt Knut sich ein. Der Ku­chen reicht lo­cker für drei. Al­so, Ma­til­da, ich neh­me an, du nimmst lie­ber ei­nen Tee. der wä­re ein

; 7 Kraft uel­le für dein Vor­ha­ben

Ma­til­da ist ver­wirrt. Wel­ches Vor­ha­ben denn Dann fällt ihr die Lis­te mit den Te­le­fon­num­mern ein, und sie ver­bes­sert sich schnell: Ach, das Vor­ha­ben. Aber dan­ke, ich blei­be lie­ber beim Tee.

Cor­ne­li­us kann sich ein Grin­sen nicht ver­knei­fen. Ihr klingt wie ein Ga­no­ven­pär­chen, das ei­nen Bank­über­fall plant. Darf ich mich als eu­er ah­rer ver­din­gen Lei­der ist der Por­sche, mit dem ich heu­te un­ter­wegs bin, nur ein Zwei­sit­zer. Schnell ge­nug für ei­ne ra­san­te lucht wä­re er aber al­le­mal.

Ein Por­sche, wie kli­schee­haft. Das hät­te sie sich ja den­ken k nnen. Passt ge­nau zu die­sem über­teu­er­ten Ma an- + < 7 ' =7 5 +bro­cken Der ar­me Knut Ma­til­da hät­te ihm de­fi­ni­tiv ei­nen sym­pa­thi­sche­ren Nach­kom­men geg nnt.

Man hät­te auch zu ei­nem an­de­ren Ur­teil kom­men k nnen. Zum Bei­spiel: * 4

Kirs­ten hät­te ihn wohl et­wa so be­schrie­ben, zu­min­dest hat sie schon ei­ni­ge Ma­le so vom Haupt­dar­stel­ler der ame­ri­ka­ni­schen

BI-Se­rie ge­schwärmt. Ma­til­da da­ge­gen kennt sich mit Schau­spie­lern nicht aus, und sie wür­de wohl nicht ein­mal dem un­wi­der­steh­li­chen Lä­cheln des ech­ten Matt Bo­mer ver­fal­len, weil sie es ver­mut­lich gar nicht re­gis­trie­ren wür­de. Wie auch, wenn man im­mer den Blick ab­wen­det, so­bald ein at­trak­ti­ver Mann in der Nä­he ist.

Na­tür­lich hät­te sie Cor­ne­li­us auf kei­nen all als at­trak­tiv be­zeich­net, nicht im Ent­fern­tes­ten. Wenn sie sich wi­der bes­se­res Wis­sen je­mals ver­lie­ben wür­de, dann in je­man­den, dem Ge­füh­le und Wer­te wich­ti­ger sind als teu­re An­zü­ge und An­ge­be­r­au­tos. Je­man­den wie Mi­chel es wohl ein­mal war. der Knut. Sie kann sich kaum vor­stel­len, dass der in jun­gen Jah­ren so ein Typ war wie sein En­kel.

Willst du es mir nicht ver­ra­ten, Ma­til­da

Er­schro­cken blickt sie auf. Cor­ne­li­us > ' sie sei­ne ra­ge überh rt.

Ma­til­da ar­bei­tet im Amt für nicht zu­stell­ba­re Post , springt Knut für sie in die Bre­sche.

In was für ei­nem Amt Ihr ver­schau­kelt mich doch Ma­til­da schnappt nach Luft. Na­tür­lich ken­nen vie­le die­ses Amt nicht, aber wenn sich ei­ner wie Cor­ne­li­us lus­tig dar­über macht, ist das nicht ak­zep­ta­bel.

Was glaubst du denn, wo die vie­len Tau­send Brie­fe oh­ne Ab­sen­der oder kor­rek­te An­schrift lan­den Vi­el­leicht beim Weih­nachts­mann , er­wi­dert sie un­ge­wohnt scharf.

Ehr­lich ge­sagt ha­be ich mir dar­über noch über­haupt kei­ne Ge­dan­ken ge­macht , gibt Cor­ne­li­us zu. Na, im­mer­hin ist er ehr­lich. Tja, das tun die we­nigs­ten. ür ei­nen Mo­ment herrscht Schwei­gen in Knuts Kü­che. Ma­til­da schiebt sich ein Stück Ku­chen in den Mund, Knut trinkt & * ? nach­denk­lich die Stirn. Das macht dei­nen Be­ruf um­so ge­heim­nis­vol­ler. Be­stimmt hast du wahn­sin­nig in­ter­es­san­te Ge­schich­ten zu er­zäh­len , meint er schlie lich. h ja , stimmt Knut zu, du soll­test + mal

Be­vor er aus­plau­dern kann, dass sie ihm all­abend­lich von ih­ren äl­len er­zählt, fällt Ma­til­da ihm ins Wort: Das un­ter­liegt al­les der Schwei­ge­pflicht. Selbst wenn ich woll­te, dürf­te ich dir kei­ne De­tails ver­ra­ten.

Sie steht so schwung­voll auf, dass ihr Stuhl fast nach hin­ten kippt.

Es wird Zeit für mich. Sch nen Abend zu­sam­men. Und ob­wohl ih­re Tas­se noch halb voll ist, ver­lässt Ma­til­da @

Ei­ne hal­be St­un­de lang steht sie seit­dem schon am ens­ter und schaut hin­aus. Aus den An­ru­fen wird heu­te wohl nichts mehr. Da­zu ist sie jetzt nicht in der Stim­mung. Statt­des­sen be­ob­ach­tet sie die Pas­san­ten und denkt sich aus, wo sie wohl her­kom­men und wo sie hin­wol­len.

Die rau in dem k nigs­blau­en Man­tel und den schwar­zen Stie­feln sieht aus wie ei­ne Künst­le­rin auf dem Weg zu ih­rer ers­ten Ver­nis­sa­ge. Sie ist nerv s, vor­freu­dig und ver­ängs­tigt zu­gleich. Wer­den ge­nug Leu­te kom­men Wer­den die Kri­ti­ker ih­re Wer­ke in der Luft zer­rei en Wird sie der ge­fei­er­te neue Star am Kunst­him­mel sein

der ist sie viel­mehr In­ha­be­rin ei­ner Bou­ti ue für Woh­nac­ces­soires Spa­nisch­leh­re­rin auf dem Weg zu ih­rem VHSKurs Kin­der­ärz­tin Al­les ist m glich Zu­min­dest in Ma­til­das an­ta­sie.

Dann fällt ihr ein, dass sie bis vor Kur­zem ge­nau­so über Knut nach­ge­dacht hat. In ih­ren Ge­dan­ken­spie­len war er al­les M gli­che, von Gold­schmied über Tier­arzt bis H rspiel­spre­cher. Vor al­lem hat sie ihn sich stets als ein­sa­men Wolf vor­ge­stellt. Ei­ne amilie ist in ih­ren Ge­dan­ken­spie­len nicht vor­ge­se­hen ge­we­sen. Die früh ver­stor­be­ne Ehe­frau hat noch ir­gend­wie in die­ses Bild ge­passt. Aber nun taucht auf ein­mal die­ser Cor­ne­li­us auf und bringt al­les durch­ein­an­der. Vor al­lem Ma­til­da selbst.

Sie hat kei­ne Lust, sich sein Le­ben aus­zu­ma­len. Was sie von ihm wei , ge­nügt voll­auf. Wahr­schein­lich ist er ei­ner die­ser Ma­na­ger, die für we­nig Leis­tung un­fass­bar viel Geld ver­die­nen, die oh­ne mit der Wim­per zu zu­cken lang­jäh­ri­ge Mit­ar­bei­ter feu­ern und un­ter ir­gend­ei­nem be­triebs­wirt­schaft­li­chen Vor­wand gan­ze

ami­li­en in die Ar­mut stür­zen.

Und was das Schlimms­te ist: Er hat Ma­til­da da­von ab­ge hal­ten, end­lich zum H rer zu grei­fen und Le­ni an­zu­ru­fen. Na­tür­lich nicht wis­sent­lich. Aber das macht es nicht bes­ser. Wä­re Cor­ne­li­us nicht ge­we­sen, hät­te sie bei Knut Ener­gie und Mut für die­sen Schritt ge­tankt. Statt­des­sen hat sich ih­re zag­haf­te Ent­schlos­sen­heit in Z gern und Zau­dern ver­wan­delt. tr stet sie sich selbst.

Im Hin­ter­kopf h rt sie ein glo­cken­hel­les La­chen.

ki­chert ei­ne un­be­kann­te Stim­me, die ihr zu­gleich selt­sam ver­traut vor­kommt. Ma­til­da muss kei­ne Se­kun­de lang über­le­gen, wer sich da in ih­ren Hin­ter­kopf ge­schli­chen hat. 6$ * * Le­ni , mur­melt sie trot­zig vor sich hin. Auf­ge­scho­ben ist nicht auf­ge­ho­ben.

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