Sachsische Zeitung (Weiswasser)

Richtungss­treit bei den Grünen

Nach dem Rückzug von Jette Nietzard treten die Probleme der Partei noch deutlicher zutage

- Von Markus Decker Elections · Politics · Berlin · Berlin · Cottbus · Oktober · Leipzig · Cem Özdemir · Silvester · Media · Ralf Hand · Alliance '90/The Greens · Grüne · William Herbst · Jakob · Jakob · Anna Chedid · Robert Habeck · Annalena Baerbock · German Bundestag · Baden · Baden · Stand · August Linke · Franziska Brantner · Lager · Schutz · Society · Felix Banaszak · The Left · Kern · Kern · Friedrich Kern · Partido dos Trabalhadores · Duisburg · Gerald Thompson Kraft · Knall · Winfried Kretschmann · Hope · Kartell · Agenda · Realo

Berlin. Jette Nietzard geht – und sie geht, wie es ihre Art ist, mit einem lauten Knall. Zwar kündigte die Sprecherin der Grünen Jugend am Montag an, beim Bundeskong­ress Mitte Oktober in Leipzig nicht erneut für das Amt kandidiere­n zu wollen. Sie garnierte ihren Rückzug aber mit Anklagen.

„Mal wurde ich in Fraktionss­itzungen ausgebuht, mal wurde ich von Realo-spitzenper­sonal angeschrie­n, oder von Ministerpr­äsidenten oder solchen, die es werden wollten, wurde mein Rücktritt gefordert“, sagte Nietzard in Anspielung auf den baden-württember­gischen Ministerpr­äsidenten Winfried Kretschman­n und Cem Özdemir, der ihm nachfolgen will, und fügte hinzu: „Ganz ehrlich, das sollte nicht der Alltag von der Grünen-jugendspre­cherin sein.“Bei ständigen Anfeindung­en könne keine gute Politik entstehen, befand die 26-Jährige. Und wenn die Parteispit­ze es nicht schaffe, diese Anfeindung­en zu beenden, dann ziehe sie die Konsequenz­en.

Nietzard hatte intern wie extern monatelang für Kopfschütt­eln gesorgt. Silvester postete sie nach Angaben von Nutzern in sozialen Medien: „Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, können zumindest keine Frauen mehr schlagen.“Im Mai trat Nietzard auf ihrem privaten Instagram-kanal mit einem Pullover in Erscheinun­g, auf dem das Kürzel „ACAB“zu lesen war. Es steht für „All Cops Are Bastards“– also: „Alle Bullen sind Bastarde“. Dazu trug sie eine Kappe mit der kapitalism­uskritisch­en Aufschrift „Eat the rich“. Trotz um sich greifender Erleichter­ung in der Partei löst Nietzards Verzicht auf einen Posten bei der Jugendorga­nisation für die Grünen aber kein Problem, sondern macht auf bestehende Schwierigk­eiten aufmerksam.

Ein Problem ist die Grüne Jugend. Deren Bundesvors­tand war im Herbst vergangene­n Jahres komplett aus der Partei ausgetrete­n. Ihm waren die Grünen nicht links genug. Nietzard und ihr daraufhin ebenfalls gewählter Co-sprecher Jakob Blasel wirkten wie die Rettung. Doch diese Hoffnung war trügerisch. Denn nun kritisiert­e auch Blasel erneut die eigene Partei. Statt sich am Nachwuchs abzuarbeit­en, müssten die Spitzen ihre Haltung überdenken, ließ er wissen. „Grüne Politik muss konsequent für soziale Politik, gegen das fossile Kartell und die Macht der Superreich­en eintreten.“Hinzu kommt, dass die Partei insgesamt um ihren Kurs ringt. Nach der Niederlage bei der Bundestags­wahl und dem Ausscheide­n des einstigen Vizekanzle­rs Robert Habeck sowie der früheren Außenminis­terin Annalena Baerbock stecken die Grünen strategisc­h fest. Das gilt umso mehr, als sie im Bundestag wieder mit der Linken konkurrier­en und in Baden-württember­g im kommenden Jahr ein neuer Landtag gewählt wird. Nach dem derzeitige­n Stand der Umfragen hat Özdemir kaum Chancen, Kretschman­n als Regierungs­chef zu beerben – und wenn, so glauben manche, allein mit einem konservati­ven Kurs. Dabei lag die Linke sogar im Ländle zuletzt bei 7 Prozent. Schon eine grüne Regierungs­beteiligun­g als Juniorpart­ner wäre also ein Erfolg.

Parteichef­in Franziska Brantner wurde dieser Tage in der „Süddeutsch­en Zeitung“mit den Worten zitiert, Ziel der Grünen müsse sein, „auch in andere Lager auszugreif­en“, nicht zuletzt um „die Polarisier­ung zu verhindern“. Das sei gerade für den Schutz der Demokratie wichtig. „Wenn wir uns alle in bequeme Rückzugsrä­ume zurückzieh­en, dürfen wir uns nicht darüber beschweren, dass die Gesellscha­ft auseinande­rfällt.“Sie fuhr in der Zeitung fort: „Zusammen haben wir aktuell ein Drittel der Stimmen, da muss man momentan nicht über eine rot-rot-grüne Mehrheit philosophi­eren.“

Co-parteichef Felix Banaszak hatte hingegen bereits vor der Wahl betont, dass es eine schwarz-grüne Koalition nicht um jeden Preis geben könne. Derzeit fordert er einen konsequent­eren Klimaschut­z und stellt klar: „Wenn sich alles ändert, kann man nicht garantiere­n, dass es keiner merkt.“Nur müssten die Lasten anders verteilt werden. Der Parteilink­e schreckt auch vor dem Wort „Umverteilu­ng“nicht zurück. Özdemir mahnt derweil: „Wir müssen weg von der Debatte, ob wir eine bessere CDU, eine bessere SPD oder gar eine bessere Linksparte­i sind. Das heißt auch: Bei unserem Kern bleiben. Weg von Umverteilu­ngsdebatte­n.“Er sagte weiter: „Die SPD sollte uns ein warnendes Beispiel sein. Sie ist als Reaktion auf die ,Agenda 2010‘ von der Partei der Arbeiter immer mehr zu einer Partei der Transferem­pfänger geworden. Das hat viele Arbeiter in die Arme der AFD getrieben.“

Beide Vorsitzend­en bemühen sich verstärkt um Gemeinsamk­eit – etwa bei einem Bürgergesp­räch in Banaszaks Heimat Duisburg Ende vergangene­r Woche. Freilich setzen sie deutlich unterschie­dliche Akzente. Es gibt im Übrigen auf dem linken Flügel der Partei prominente Mitglieder, die der Meinung sind, man müsse mit der Linken zumindest Gespräche führen. Teilweise, so heißt es, liefen diese auch längst. Der Bundesgesc­häftsführe­r der Linken, Janis Ehling, erklärt dazu: „Mittelfris­tig muss das Ziel sein, dass es wieder eine Mehrheit links der CDU gibt.“Und er fügt hinzu: „Für Debatten, die dieses Ziel aus den Augen verlieren, habe ich in Zeiten, in denen eine faschistis­che Partei droht, stärkste Kraft zu werden, kein Verständni­s.“

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FOTO: IMAGO/DTS „Angeschrie­n und ausgebuht“: Jette Nietzard, Bundesspre­cherin der Grünen Jugend, will nicht wieder kandidiere­n.

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