Überraschende Wende bei Finanzamt-Verkauf
Was wird aus dem ehemaligen Saarbrücker Finanzamt? Eigentlich schien der Verkauf an einen Investor aus Frankreich ausgemacht. Doch der ist aus dem Rennen.
Es ist ein Paukenschlag, mit dem die Verantwortlichen bei Land und Stadt höchstwahrscheinlich nicht gerechnet haben: Der über Monate als klarer Favorit gehandelte Käufer für das ehemalige Saarbrücker Finanzamt, der Pariser Multi-Millionär Philippe Oddo mit seiner Privatbank Oddo BHF, deren geschäftsführender Gesellschafter und Vorstandsvorsitzender er ist, hat sich nicht an der mehrmonatigen Konzeptvergabe des Landes beteiligt. Dies wurde unserer Zeitung von mehreren Seiten unabhängig voneinander versichert.
Eine offizielle Bestätigung der Bank gibt es nicht. Ein Sprecher teilte auf SZ-Anfrage lediglich mit, er könne in der Sache „leider nichts Neues mitteilen“. Im Januar hatte die Bank erklärt, man nehme grundsätzlich keine Stellung zu Gerüchten oder Spekulationen über den Kauf oder Verkauf von Immobilien. Man investiere in die Weiterentwicklung der Arbeitsplätze am Standort Saarbrücken und wolle weiterhin ein verlässlicher und attraktiver Arbeitgeber in der Stadt sein. Die
Bank beschäftigt dort aktuell rund 170 Mitarbeiter.
Nach allgemeiner Lesart von Experten war die Konzeptvergabe so gestaltet gewesen, dass sie maßgeschneidert den Bedürfnissen von Oddo zu entsprechen schien. Warum der Franzose möglicherweise kurzfristig abgesprungen ist, ist aktuell völlig unklar. Dem Vernehmen nach hat die Bank aber an einem anderen Ort in Saarbrücken eine Alternative gefunden.
Umso spannender ist die Frage nach dem einzigen Bewerber für das alte Finanzamt im Rahmen der Konzeptvergabe. Dass es nur einen Interessenten gibt, der offensichtlich bereit ist, den vom Land geforderten Mindestkaufpreis von 4,872 Millionen Euro zu zahlen, und der laut Ausschreibung zusichern muss,
mindestens 250 „hochwertige Arbeitsplätze“zu schaffen, hatte das Bauministerium der SZ am Tag nach dem Ende der Angebotsfrist am 31. März mitgeteilt. „Es wurde ein Angebot innerhalb der Frist abgegeben“,
Nach allgemeiner Lesart von Experten war die Konzeptvergabe so gestaltet gewesen, dass sie maßgeschneidert den Bedürfnissen von Oddo zu entsprechen schien.
hieß es. Und weiter: „Zunächst wird sich die Jury intensiv mit der Bewerbung auseinandersetzen und prüfen, ob sie den ausgeschriebenen Kriterien entspricht. Sollte dies der
Fall sein, wird die Jury selbständig nähere Details verlautbaren.“
Nach Auskunft des federführenden Finanzministeriums hat inzwischen eine erste Jurysitzung stattgefunden. Dem fünfköpfigen Gremium gehören Finanzstaatssekretär Wolfgang Förster, zwei Ministeriumsvertreter sowie Saarbrückens Oberbürgermeister Uwe Conradt und der städtische Baudezernent Patrick Berberich an. Ob die eingegangene Bewerbung die geforderten Kriterien erfüllt, der Interessent also tatsächlich zum Zuge kommen könnte, ist bislang nicht bekannt. Ein Sprecher des Finanzministeriums teilte dazu mit: „Die Jury hat sich intensiv mit dem eingereichten Konzept befasst. Aufgrund der Komplexität der zu klärenden Frage, ob das vorliegende Gebot die Erfordernisse der Konzeptvergabe erfüllt, wurde entschieden, sich für eine fundierte Bewertung die erforderliche Zeit zu nehmen.“
Es gehe um eine „wegweisende Entscheidung“, die ein überzeugendes und tragfähiges Konzept voraussetze. Sorgfalt und Qualität hätten dabei oberste Priorität. Über die weiteren Entwicklungen werde man zu gegebener Zeit informieren. Wegweisend ist die Entscheidung vor allem deshalb, weil es sich bei dem zum Verkauf stehenden, rund 4000 Quadratmeter großen Gelände, auf dem das Finanzamt seit Jahren leer steht und zunehmend verfällt, um eine der besten Immobilienlagen der Landeshauptstadt handelt – mitten in der Stadt, direkt an der Saar.
Noch immer keinerlei Angaben macht das Ministerium zu dem einzigen Bewerber. „Bezüglich des Bieters gilt auch weiterhin, dass Namen und Details erst nach erfolgreichem Abschluss der Beratungen öffentlich bekanntgegeben werden.“
Die Gerüchteküche brodelt seit Wochen. Dabei fällt immer wieder ein Name: Philipp Gross. Inzwischen haben der SZ mehrere vertrauliche Quellen bestätigt, dass der St. Ingberter Bauunternehmer die einzige Bewerbung für den Kauf des ehemaligen Finanzamtes eingereicht hat. Gross selbst wollte das auf Nachfrage weder bestätigen noch dementieren. „Wir sind in zahlreichen öffentlichen und privaten Projekten engagiert. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns zu Spekulationen grundsätzlich nicht äußern“, sagte er.
Fakt ist: Als einziger Bewerber hat Gross keine schlechte Verhandlungsposition – sofern das Land zu Gesprächen bereit ist. Oberstes Ziel der Konzeptvergabe war und ist es, das „Filetgrundstück“in zentraler Lage „zu revitalisieren“. Gewünscht wird ein „repräsentatives Bürogebäude“, das hochwertige Arbeitsplätze für eine Vielzahl von Fachkräften bietet und somit zur wirtschaftlichen Belebung des Stadtzentrums beiträgt. Der Bau soll sich in die historische Umgebung einfügen und den denkmalgeschützten Bereich rund um die Alte Brücke und das Finanzministerium „respektieren“. Gleichzeitig soll das Gebäude einen „architektonischen Mehrwert am Eingang der Altstadt“darstellen. Klingt nach viel Arbeit.