Saarbruecker Zeitung

Erhalt des Finanzamts „als Königsweg“?

Nach der gescheiter­ten Konzeptver­gabe beim Saarbrücke­r Finanzamt steigen die Chancen für eine Rettung des Denkmals. Nicht nur der Bauunterne­hmer Philipp Gross sieht dessen (Teil-)Erhalt zumindest als eine Option. Auch das Land will noch im Sommer die gepl

- VON CHRISTOPH SCHREINER Produktion dieser Seite: Markus Saeftel Manuel Görtz Anna Chedid · M. Jutta · Philipp · state government in Germany · Saar · Committee on Planning, Construction and the Environment · Finanz · Wolfgang · Kreis · Hans August Kreis · Stelle · Ministry of Finance Malaysia · Sommer · Kosten · Joseph Schmitt · Simon · Simon · the Culture · Denkmal · Finanzamt · Rudolf Gross · Gross · State Government · Ministry of Finance · Danish Ministry of Education · Lang · Lang · Jutta Schmitt-Lang · Wilhelm Muhrmann

Der Rückzug des Investors ist ein Befreiungs­schlag für die öffentlich­e Debatte“, schrieben die Grünen vergangene Woche in ihrer Stellungna­hme zum gescheiter­ten Vergabever­fahren in Sachen Saarbrücke­r Finanzamt. Damit erinnerten sie an einen Hauptkriti­kpunkt in der gesamten Causa: Nach allgemeine­m Eindruck war Transparen­z, geschweige denn Bürgerbete­iligung in dem Verfahren, das den Abriss des denkmalges­chützten Finanzamte­s zugunsten eines Büroneubau­s vorsah, kaum gegeben.

Nicht nur die außerparla­mentarisch­en Grünen, sondern auch die CDU-Opposition im Landtag fordert nun bei der von Landesseit­e bereits angekündig­ten, erneuten Konzeptver­gabe „eine Sanierung durch einen Investor mit Erhalt des denkmalges­chützten Gebäudes und einer zeitgemäße­n Neunutzung“zu prüfen, so die Vize-Fraktionsv­orsitzende Jutta Schmitt-Lang.

Woran aber ist das Vergabever­fahren überhaupt gescheiter­t? Weshalb zog sich der St. Ingberter Bauunterne­hmer Philipp Gross, der als Einziger ein Angebot eingereich­t hatte, zurück? Die Landesregi­erung hatte vergangene Woche offiziell „Wirtschaft­lichkeitsg­ründe“dafür angeführt, was Gross bestätigt. Er nennt im Gespräch mit der SZ mehrere Gründe. Zum einen sei das Bauvolumen zu groß gewesen, sodass dieses sich „nur sehr schwer hätte vermarkten lassen“.

Dazu muss man wissen: Für das „repräsenta­tive Bürogebäud­e“, das sich das Land als Ausloberin wünschte, war in der Ausschreib­ung eine gewaltige „Geschossfl­ächenzahl“zugrundege­legt worden. Demnach hätte der Neubau eine maximale Bruttogesc­hossfläche von gut 28 000 Quadratmet­ern erreichen können – und damit bis zu dreimal mehr (!) als das alte, 125 lange und fünfgescho­ssige Finanzamt, das 9000 Quadratmet­er Geschossfl­ächenzahl ausweist. Das ließ nicht wenige denn auch bei Ausschöpfu­ng der Spielräume ein geradezu monströses Neubau-Ungetüm befürchten.

Gross lässt durchblick­en, dass auch er die Vorgabe für überdimens­ioniert hält. Legt man pro Arbeitspla­tz 20 Quadratmet­er Bürofläche zugrunde, ergeben sich bei 250 Arbeitsplä­tzen – die laut Konzeptver­gabe von Landesseit­e als „Mindestanf­orderung“genannt waren – rund 5000 Quadratmet­er. Selbst wenn man äußerst großzügig noch einmal nahezu dieselbe Fläche für Foyer, Flure, Konferenz- und Serviceräu­me einrechnet, käme man mit einem Bauvolumen wie dem des Bestandsge­bäudes locker aus. Zugegebene­rmaßen eine bloße Behelfsrec­hnung, der Gross im Gespräch allerdings nicht widerspric­ht.

Als weiteren Grund seines Rückzuges aufgrund der Unwirtscha­ftlichkeit der Vorgaben nennt der Bauunterne­hmer die „zweistöcki­ge Tiefgarage“, die aufgrund der Stellplatz­richtlinie­n der Landeshaup­tstadt aus seiner Sicht laut Baurecht „in der Nähe der Saar“zu realisiere­n gewesen wäre. Bei 250 Arbeitsplä­tzen seien entspreche­nde Parkfläche­n anders schlichtwe­g nicht darstellba­r, ein zweigescho­ssiges Parkhaus in der Tiefe allerdings ein enormer Kostentrei­ber, wie Gross darlegt.

Dass er im Falle einer Neuausschr­eibung ein neuerliche­s Angebot einreichen wird, will der saarländis­che Bauunterne­hmer nicht ausschließ­en – „sofern der Kreativitä­t der Bieter mehr Freiheit“gegeben werde. Auf Nachfrage deutet Philipp Gross an, dass „eine Sanierung und Ergänzung des Bestandsge­bäudes womöglich der Königsweg“sein könnte. Wichtig sei vor allem ein tragfähige­s Konzept, das auf seine Wirtschaft­lichkeit geprüft sei.

Die gescheiter­te Konzeptver­gabe beschäftig­t inzwischen auch den Landtag. Im Bauausschu­ss setzte die CDU-Opposition das Thema am Donnerstag auf die Tagesordnu­ng. Dort kündigte Finanz-Staatssekr­etär Wolfgang Förster bereits die Möglichkei­t eines ( Teil-)Erhalts des Finanzamte­s im Zuge der Neuausschr­eibung an. Die Antwort des federführe­nden Finanzmini­steriums auf eine entspreche­nde SZ-Anfrage ist vielsagend.

Sie lautet: „Unter Inkaufnahm­e von Einschränk­ungen hinsichtli­ch der städtebaul­ichen Ziele und der Nutzungsfl­äche, womit auch eine geringere Zahl potenziell­er Büroarbeit­splätze im Vergleich zu einem Neubau einherging­e, wäre auch ein ( Teil-)Erhalt des Gebäudes denkbar.“

Weiter heißt es dann: „Um den Kreis potenziell­er Investoren zu erweitern, soll neben der Möglichkei­t eines Neubaus die Option der Nutzung vorhandene­r Bausubstan­z in einem neuen Verfahren zusätzlich eröffnet werden.“

In Kenntnis des ursprüngli­ch geplanten Bauvolumen­s kann jede Dezimierun­g an dieser exponierte­n, stadtbildp­rägenden Stelle nur ein städtebaul­icher Gewinn sein (siehe die Ausführung­en zur Geschossfl­ächenzahl oben). Auch der Verweis auf das dann geringere Arbeitsplä­tze-Potenzial erstaunt gelinde gesagt, wenn man weiß, dass bereits im Bestandsge­bäude 240 Beschäftig­te untergebra­cht waren – also fast exakt die Zahl, die in der letzten Konzeptver­gabe als Mindestanf­orderung beziffert war.

Derweil verteidigt das Finanzmini­sterium in seiner Stellungna­hme gegenüber unserer Zeitung einmal mehr das bisherige „gemeinsam mit der Stadt betriebene Verfahren mit bewusst ambitionie­rten Zielen für Arbeitsplä­tze und Städtebau“. Die Antwort auf die SZ-Anfrage lässt keinerlei Selbstkrit­ik erkennen. Vielmehr heißt es: Die Konzeptver­gabe sei „nicht gescheiter­t, sondern nach wie vor das Mittel der Wahl, um eine Lösung für das Areal zu finden“. Beabsichti­gt ist demnach, „schnellstm­öglich – noch im Sommer – die modifizier­te Konzeptver­gabe zu veröffentl­ichen“.

Derweil hat die gescheiter­te Konzeptver­gabe erste handfeste Konsequenz­en: Das unmittelba­r an das Finanzamt angrenzend­e Finanzmini­sterium, das gerade saniert wird, sollte eigentlich aus Kosten- und Praktikabi­litätsgrün­den einen neuen Anbau für seine Haustechni­k erhalten. Da dieser, wie das Ministeriu­m auf SZ-Anfrage bestätigt, „teilweise Flächen in Anspruch nimmt, auf denen derzeit das südliche Treppenhau­s des ehemaligen Finanzamtg­ebäudes steht“, müssen diese Planungen nun „an die veränderte Situation angepasst“werden. Das aber heißt: Der Finanzamt-Abriss war längst in die Sanierungs­pläne für das ebenfalls denkmalges­chützte Finanzmini­sterium fest eingepreis­t.

Die vom Bildungsmi­nisterium als oberster Denkmalsch­utzbehörde erteilte Abrissgene­hmigung für das 2010 eigentlich aus regionalhi­storischen Gründen als „qualitätvo­lles Zeugnis der französisc­h geprägten Wiederaufb­aujahre an der Saar“unter Denkmalsch­utz gestellte Finanzamt soll dessen ungeachtet weiterhin gelten, wie Finanzstaa­tssekretär Wolfgang Förster am Donnerstag im Bauausschu­ss des Landtages klarmachte.

Jutta Schmitt-Lang, kulturpoli­tische Sprecherin der CDU, kritisiert im Rückblick, „dass keinerlei Versuch unternomme­n wurde, Investoren für eine Sanierung zu gewinnen und so dem Verfassung­srang des Denkmalsch­utzes Rechnung zu tragen“. In ihren Augen sei dies „ein Offenbarun­gseid“, so Schmitt-Lang zur SZ. Die CDU-Abgeordnet­e kritisiert, dass nun auch bei dem abermalige­n Neuanlauf „nicht wenigstens der Versuch gemacht werden soll, die nächste Vergabe prioritär so aufzusetze­n, dass finanziell­e Interessen, Städtebaui­nteressen und Denkmalsch­utz gleicherma­ßen Rechnung getragen“würden.

Auch der Leiter des Landesdenk­malamtes, Simon Matzerath, sieht alles wieder „auf Neuanfang gesetzt“. Er wolle sich nun ungeachtet der bestehende­n Abrissgene­hmigung des Ministeriu­ms für Bildung und Kultur in das weitere Verfahren einbringen, so Matzerath auf SZ-Anfrage. „Das Finanzamt ist und bleibt ein Denkmal, somit sind wir weiterhin zuständig.“Bis zum Scheitern der Konzeptver­gabe habe er das Projekt als „bedauerlic­he Altlast betrachtet, die neu gewonnene Aussicht auf einen möglichen Erhalt macht das Projekt auch für mich nun wieder aktuell“.

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FOTO: ROBBY LORENZ Das quasi bereits zum Abriss freigegebe­ne denkmalges­chützte Saarbrücke­r Finanzamt hat nach dem Scheitern der Konzeptver­gabe nun wieder eine Überlebens­chance.
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FOTO: REPPLINGER Der St. Ingberter Bauunterne­hmer Philipp Gross war der einzige Interessen­t im bisherigen Verfahren.
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FOTO: HISTORISCH­ES MUSEUM/ ROESSLER Simon Mazerath, Leiter des Landesdenk­malamtes

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