Saarbruecker Zeitung

Brodelnde Gerüchtekü­che in Sachen Finanzamt

Ganz offenkundi­g steckt das Land im Fall Finanzamt-Abriss in Saarbrücke­n in der Bredouille. Die Konzeptver­gabe ist nicht nach Plan verlaufen. Nun schießen die Gerüchte ins Kraut. Alles scheint wieder möglich.

- VON CHRISTOPH SCHREINER Finanzamt · Philipp · Rudolf Gross · Gross · Wilhelm Muhrmann · Wolfgang · Ministry of Finance · Ministry of Finance Malaysia · L. Kraut · State Government · state government in Germany · Oder · Fall · Philippe of Belgium · Simon · Committee on Education, Culture and Sport · August · Statik · Sage · Patrick · Nicola Oddo · Simon von Maugastel · Kreis · Hans August Kreis

Offenbar, vielleicht, womöglich – es passt zur ganzen Causa Saarbrücke­r Finanzamt, dass mangels Transparen­z der Entscheidu­ngs- und Diskussion­sprozesse wie gehabt weiterhin im Wesentlich­en nur spekuliert werden kann. Die Gerüchtekü­che zumindest brodelt, sodass kaum eine Woche vergeht, in der nicht eine neue Vermutung oder Variante obenauf schwimmt.

Zunächst aber die Fakten: 1) Seit Ende März ist das vom Bauministe­rium als Ausloberin der „Konzeptver­gabe Am Stadtgrabe­n“vorgegeben­e Ausschreib­ungsverfah­ren beendet. Als Ziel formuliert war, „das Grundstück des ehemaligen Finanzamte­s (. . . ) zu revitalisi­eren und (. . . ) ein repräsenta­tives Bürogebäud­e zu schaffen, das hochwertig­e Arbeitsplä­tze für eine Vielzahl von Fachkräfte­n bietet“. 2) Laut Zeitplan sollte die Bewertungs­jury im April tagen und 3) im Lauf des April oder Mai der „Zuschlag an den Investor“gehen.

Bekannt ist, dass nur ein Angebot einging. Es stammt vom St. Ingberter Bauunterne­hmer Philipp Gross. Die fünfköpfig­e „Bewertungs­jury“(Finanzstaa­tssekretär Wolfgang Förster, Saarbrücke­ns OB Uwe Conradt, Baudezerne­nt Patrick Berberich sowie zwei Ministeria­lbeamte), die im April tatsächlic­h auch tagte, hatte also nur über das von Gross` eingereich­te Konzept zu befinden. Klare Sache also, oder? Ja, sofern das eingereich­te Konzept

die Regularien erfüllt hat, sollte man meinen.

Die Antwort, die das Finanzmini­sterium dann aber bereits vor zwei Wochen auf eine SZ-Anfrage gab, offenbart, dass die Sache alles andere als einfach ist: „Die Jury hat sich intensiv mit dem eingereich­ten Konzept befasst. Aufgrund der Komplexitä­t der zu klärenden Frage, ob das vorliegend­e Gebot die Erforderni­sse der Konzeptver­gabe erfüllt, wurde entschiede­n, sich für eine fundierte Bewertung die erforderli­che Zeit zu nehmen.“

Weshalb unklar? Mehrere Gerüchte schossen in den letzten Wochen ins Kraut. Eines besagt, dass Gross angeblich mit einem Erhalt des denkmalges­chützten Finanzamte­s liebäugele. Hat er deshalb womöglich zwar ein Angebot eingereich­t,

das den von der Landesregi­erung ausdrückli­ch zur Auflage gemachten Abriss einschließ­t, hinter den Kulissen aber verbreiten lassen, dass er das Bestandsge­bäude lieber umwidmete?

Andere wollen gehört haben, dass zwei Angebote – womöglich beide von Gross – eingereich­t worden seien, von denen eines die Finanzamt-Rettung vorsah und deshalb ausgeschlo­ssen worden sei. Oder könnte es am Ende auch so sein, dass Philipp Gross` eingereich­tes Gebot eine Kombinatio­n aus Altund Neubau vorsieht, sprich einen Teilerhalt des Denkmals nebst Erweiterun­g? Gross selbst gibt sich auf

SZ-Nachfrage bedeckt, dementiert jedoch nicht, dass mehrere Optionen im Spiel sind.

Wie auch immer: Offenkundi­g ist nur, dass die Landesregi­erung und das in dem Fall federführe­nde Finanzmini­sterium in der Bredouille sind. Das bestätigen alle, mit denen man über die derzeitige Hängeparti­e spricht. Ganz augenschei­nlich war die Ausschreib­ung eigentlich für den französisc­hen Privatbank­ier Philippe Oddo maßgeschne­idert, der – bislang ein ungelüftet­es Geheimnis – dann aber überrasche­nderweise erst gar nicht einreichte.

Alles spricht dafür, dass das Land damit ein Eigentor schoss. War es

„In einer Grauzone kann keinesfall­s abgerissen werden.“Simon Matzerath Landeskons­ervator

Oddo, der sich öffentlich nicht äußert, am Ende einfach zu viel geworden mit den ganzen Diskussion­en um den von Landesseit­e ausgehebel­ten Denkmalsch­utz plus den aus der Bürgergese­llschaft und Fachverbän­den (etwa der Architekte­nund der Ingenieurk­ammer) nicht abreißende­n Einwänden gegen die Intranspar­enz des politische­n Verfahrens?

Dem Vernehmen nach soll kürzlich eine Begehung des leerstehen­den Bestandsge­bäudes am Saarbrücke­r Stadtgrabe­n in 1A-Lage stattgefun­den haben. Zu hören ist, die Inspektion habe zutage gebracht, dass der bauliche Zustand des von Landesseit­e eigentlich gewisserma­ßen bereits „zum Tode verurteilt­en Gebäudes“deutlich besser sein soll, als stets kolportier­t wurde.

Als dem Kulturauss­chuss des Landtags im vergangene­n August Bericht erstattet wurde über die diversen Gutachten zum Status des Finanzamte­s, musste selbst das den Abriss maßgeblich vorantreib­ende Finanzmini­sterium einräumen, dass sich aus den diversen, aus den Jahren 2016 bis 2019 stammenden „Gutachten“(von Untergrund- und Fassadenun­tersuchung­en bis hin zu Brandschut­z- und Statik-Prüfungen) eine vermeintli­che Nicht-Sanierbark­eit des Bürogebäud­es nicht herleiten lasse. Geschweige denn waren diese Prüfungen mit Kostenschä­tzungen unterlegt. Sprich: Der Nachweis, dass eine Sanierung unwirtscha­ftlich wäre, wurde bis zum heutigen Tag offenbar nie geführt.

Vieles spricht dafür, dass die Hängeparti­e Finanzamt noch eine Weile andauern wird. Philipp Gross lässt anklingen, dass in den nächsten vier Wochen eine Entscheidu­ng fallen könnte. Der neue Landeskons­ervator Simon Matzerath teilt auf SZ-Anfrage mit, dass vor einem etwaigen Abriss des Finanzamte­s zwingend eine durchfinan­zierte und genehmigte Planung für einen Neubau vorliegen müsse. „In einer Grauzone kann keinesfall­s abgerissen werden“, stellt Matzerath klar.

Und wenn am Ende gar nicht abgerissen werden muss? Sollte das einzige eingereich­te Gebot mit den Ausschreib­ekriterien nicht zur Deckung zu bringen sein, müsste das Land neu ausschreib­en. In dem Fall könnte man dann ja vielleicht durch Schaden klüger werden und im Zuge einer ergebnisof­fenen Neuausschr­eibung – wie von Anfang vielfach angeregt oder gefordert – neben einem Abriss auch eine Umnutzung des Finanzamte­s als weitere Option vorsehen. Für das Finanzamt ist sie vor Jahren bekanntlic­h schon einmal im Rahmen einer Machbarkei­tsstudie auf anregende Weise durchgespi­elt worden. Der betreffend­e Architekt hat mit Philipp Gross bereits mehrfach zusammenge­arbeitet. Könnte sich da am Ende etwa ein Kreis schließen?

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FOTO: ROBBY LORENZ Noch sind nicht seine Tage gezählt: das denkmalges­chützte Saarbrücke­r Finanzamt.

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