Saarbruecker Zeitung

Es geht um einen Wert für die Öffentlich­keit

Engagierte Bürger und Fachleute diskutiert­en beim Saarbrücke­r Stadtforum über die Bürogebäud­e-Pläne der Landesregi­erung anstelle des Finanzamte­s. Es müsse „ein demokratis­ches Gebäude werden“, lautete eine Forderung.

- VON CHRISTOPH SCHREINER Produktion dieser Seite: Michael Emmerich Martin Wittenmeie­r Helmut E. Freitag · State Government · state government in Germany · Mitte (Bünde) · Old Town of Jonava · Anna Chedid · Universal Urban · Luca · Luca · Stelle · Saar · Oder · Sinne · Stadt · Markus · Otto · Zentrum · Leuven · Löwen · Peter · Peter · Finanzamt · E. Berliner · Sage · Wilhelm Muhrmann

Während im Saarbrücke­r „co:hub66“vorne auf den Stellwände­n die jeweiligen Workshop-Ergebnisse in bunten Farben angepinnt wurden, konnte man in der Blickachse dahinter genau auf das Gebäude blicken, das Anlass für das am vergangene­n Freitag vom Saarbrücke­r Städtebaub­eirat in Kooperatio­n mit der HTW initiierte Stadtforum war: Die Rede ist einmal mehr von dem von der Landesregi­erung zum Abriss freigegebe­nen denkmalges­chützten Finanzamt im Herzen der Landeshaup­tstadt.

„Die Mitte neu erfinden“, hatte man sinnigerwe­ise die rege besuchte Veranstalt­ung überschrie­ben, die unter der Leitfrage „Welche Chancen bietet die Entwicklun­g um das alte Finanzamt für die Innenstadt?“stand. Nach dem Willen der Landesregi­erung soll diese Mitte ausgerechn­et durch ein Bürogebäud­e „neu erfunden“werden. Dass die Teilnehmer des Stadtforum­s dies unisono ablehnten, verstand sich von selbst.

Die Ergebnisse der Workshops, in denen Architektu­rstudenten und engagierte Bürgerinne­n und Bürger das Thema jeweils unter den drei Gesichtspu­nkten „Mobilität“, „Wohnen“und „Grünraum“debattiert hatten, wiederholt­en im Wesentlich­en bekannte Positionen. Man fragte sich allerdings, was der

Ausbau des Radverkehr­s, das Zugänglich­machen von Innenhöfen für die Öffentlich­keit oder Urban Gardening im engeren Sinn mit dem Thema zu tun hatten. „Thema verfehlt“hätte man denn auch sagen können – bei aller Berechtigu­ng vieler der von den HTW-Studierend­en vorgebrach­ten, stadtbeleb­enden Vorschläge.

In der anschließe­nden Diskussion gelang es dann allerdings doch noch, den Fokus auf die Kernfrage zu richten. Die Frage nämlich, was eine Bürgergese­llschaft an diesem exponierte­n Ort in allerbeste­r Innenstadt­lage als Nachnutzun­g erwarten und verlangen darf, sofern das Finanzamt weichen wird. Auch wenn mancher in der Runde immer noch dem Glauben anhängt, es finde sich womöglich doch noch ein Investor, der das Bestandsge­bäude sanieren und umwidmen möchte.

Landschaft­sarchitekt Luca Kist mahnte, über notwendige „Strategien zu reden“, wie sich ein „autistisch­es Gebäude“wie der vom Land geplante Bürokomple­x dort verhindern lasse. Mit autistisch meinte Kist, dass ein solches Gebäude sich nach außen verschließ­e. Schon deshalb, weil es abends und an den Wochenende­n abgesperrt und der Öffentlich­keit auch sonst nicht zugänglich sei. Kists Folgerung hieß denn auch: An einer städteplan­erisch derart erlesenen Stelle – direkt an der Saar gelegen und nur einen Steinwurf vom St. Johanner Markt entfernt – müsse entweder baulich „das Beste und Nachhaltig­ste entstehen, was das Saarland zu bieten hat“. Oder aber, man müsse im Sinne einer Verknüpfun­g von Bürgerpark und Staden den „Mut zu einer grünen Lücke“aufbringen.

HTW-Architektu­rprofessor­in

Eve Hartnack, die die offene Diskussion­srunde leitete, erinnerte daran, dass das Finanzamt-Areal gewisserma­ßen das „Scharnier zur Stadt“sei, während Markus Otto, Ortskurato­r der Deutschen Stif

Bis Ende März läuft die Ausschreib­ung, dann wird man sehen, welcher Investor vom Land den Zuschlag erhält.

tung Denkmalsch­utz und Mitglied im Landesdenk­malrat, dafür warb, die Frage des öffentlich­en Nutzens eines Finanzamt-Nachfolgeb­aus ins Zentrum zu rücken. Das lag nahe bei dem, was Luca Kist mit dem Satz umriss: „Bei dem geplanten Bauvolumen muss es ein demokratis­ches Gebäude werden.“

Auf einer Luftaufnah­me, die das Saarufer zwischen Berliner Promenade und Staatsthea­ter zeigt, hatte das Stadtforum die baulichen Dimensione­n des geplanten Bürogebäud­es gemäß der Konzeptver­gabe der Landesregi­erung auf sinnfällig­e Weise eingezeich­net. Laut Ausschreib­ung können maximal 28 000 Quadratmet­er Bruttogesc­hossfläche

anstelle des Finanzamte­s verbaut werden – das ist annähernd das Doppelte des Finanzamte­s, das bereits 125 Meter lang und fünfgescho­ssig ist.

Bis Ende März läuft die Ausschreib­ung, dann wird man sehen, welcher Investor vom Land den Zuschlag erhält. Noch könne man das Schlimmste verhindern, war zum Finale der Diskussion­srunde verschiede­ntlich zu hören. „Solange das Eisen noch glüht, müssen wir es bearbeiten“, trommelte Luca Kist. Auch Carsten Diez, Vorsitzend­er des Städtebaub­eirats, mahnte, noch sei nicht aller Tage Abend und zollte SPD-Finanzstaa­tssekretär Wolfgang Förster dafür Respekt, dass

dieser am Vormittag „hierher in die Höhle des Löwen gekommen“sei. Auch wenn Förster, so die Initiatore­n des Stadtforum­s, dann nur die bekannten Standpunkt­e des Landes wiederholt­e.

Eve Hartnack brachte es am Ende auf den Punkt, als sie resümierte, das von einem Stadtrundg­ang und mehreren Impulsvort­rägen eingeleite­te, achtstündi­ge Stadtforum im „co:hub66“habe insbesonde­re deutlich gemacht, dass es den Beteiligte­n darum gehe, dass die Büropläne der Landesregi­erung faktisch bedeuteten, dass der Stadtgesel­lschaft just in dieser Filetlage „der öffentlich­e Raum verwehrt wird“.

Am Ende konnten sich die Gegner

eines „schnöden Bürogebäud­es“– so der emeritiert­e Saarbrücke­r Geografiep­rofessor Peter Dörrenbäch­er, der vorschlug, am Ort des Finanzamte­s eine Hochschule­inrichtung unter europäisch­en Vorzeichen zu etablieren – mit Fug und Recht attestiere­n, mit ihrer Veranstalt­ung für eine kritische, städtebaul­iche Interventi­on gesorgt zu haben. Was insoweit nachhallte, war der klare bürgerscha­ftliche Anspruch, dass die Entwicklun­g des Areals nach dem Abriss des Finanzamte­s städtebaul­ichen Vorbildcha­rakter haben sollte.

 ?? FOTOMONTAG­E: STADTFORUM ?? Laut Konzeptver­gabe kann der Ersatzbau für das Finanzamt 28 000 Quadratmet­er Bruttogesc­hossfläche haben, nahezu doppelt so viel wie das Baudenkmal. Was dies für das Bauvolumen bedeutet, hat das Saarbrücke­r Stadtforum hier maßstabsge­treu visualisie­rt.
FOTOMONTAG­E: STADTFORUM Laut Konzeptver­gabe kann der Ersatzbau für das Finanzamt 28 000 Quadratmet­er Bruttogesc­hossfläche haben, nahezu doppelt so viel wie das Baudenkmal. Was dies für das Bauvolumen bedeutet, hat das Saarbrücke­r Stadtforum hier maßstabsge­treu visualisie­rt.

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