Es geht um einen Wert für die Öffentlichkeit
Engagierte Bürger und Fachleute diskutierten beim Saarbrücker Stadtforum über die Bürogebäude-Pläne der Landesregierung anstelle des Finanzamtes. Es müsse „ein demokratisches Gebäude werden“, lautete eine Forderung.
Während im Saarbrücker „co:hub66“vorne auf den Stellwänden die jeweiligen Workshop-Ergebnisse in bunten Farben angepinnt wurden, konnte man in der Blickachse dahinter genau auf das Gebäude blicken, das Anlass für das am vergangenen Freitag vom Saarbrücker Städtebaubeirat in Kooperation mit der HTW initiierte Stadtforum war: Die Rede ist einmal mehr von dem von der Landesregierung zum Abriss freigegebenen denkmalgeschützten Finanzamt im Herzen der Landeshauptstadt.
„Die Mitte neu erfinden“, hatte man sinnigerweise die rege besuchte Veranstaltung überschrieben, die unter der Leitfrage „Welche Chancen bietet die Entwicklung um das alte Finanzamt für die Innenstadt?“stand. Nach dem Willen der Landesregierung soll diese Mitte ausgerechnet durch ein Bürogebäude „neu erfunden“werden. Dass die Teilnehmer des Stadtforums dies unisono ablehnten, verstand sich von selbst.
Die Ergebnisse der Workshops, in denen Architekturstudenten und engagierte Bürgerinnen und Bürger das Thema jeweils unter den drei Gesichtspunkten „Mobilität“, „Wohnen“und „Grünraum“debattiert hatten, wiederholten im Wesentlichen bekannte Positionen. Man fragte sich allerdings, was der
Ausbau des Radverkehrs, das Zugänglichmachen von Innenhöfen für die Öffentlichkeit oder Urban Gardening im engeren Sinn mit dem Thema zu tun hatten. „Thema verfehlt“hätte man denn auch sagen können – bei aller Berechtigung vieler der von den HTW-Studierenden vorgebrachten, stadtbelebenden Vorschläge.
In der anschließenden Diskussion gelang es dann allerdings doch noch, den Fokus auf die Kernfrage zu richten. Die Frage nämlich, was eine Bürgergesellschaft an diesem exponierten Ort in allerbester Innenstadtlage als Nachnutzung erwarten und verlangen darf, sofern das Finanzamt weichen wird. Auch wenn mancher in der Runde immer noch dem Glauben anhängt, es finde sich womöglich doch noch ein Investor, der das Bestandsgebäude sanieren und umwidmen möchte.
Landschaftsarchitekt Luca Kist mahnte, über notwendige „Strategien zu reden“, wie sich ein „autistisches Gebäude“wie der vom Land geplante Bürokomplex dort verhindern lasse. Mit autistisch meinte Kist, dass ein solches Gebäude sich nach außen verschließe. Schon deshalb, weil es abends und an den Wochenenden abgesperrt und der Öffentlichkeit auch sonst nicht zugänglich sei. Kists Folgerung hieß denn auch: An einer städteplanerisch derart erlesenen Stelle – direkt an der Saar gelegen und nur einen Steinwurf vom St. Johanner Markt entfernt – müsse entweder baulich „das Beste und Nachhaltigste entstehen, was das Saarland zu bieten hat“. Oder aber, man müsse im Sinne einer Verknüpfung von Bürgerpark und Staden den „Mut zu einer grünen Lücke“aufbringen.
HTW-Architekturprofessorin
Eve Hartnack, die die offene Diskussionsrunde leitete, erinnerte daran, dass das Finanzamt-Areal gewissermaßen das „Scharnier zur Stadt“sei, während Markus Otto, Ortskurator der Deutschen Stif
Bis Ende März läuft die Ausschreibung, dann wird man sehen, welcher Investor vom Land den Zuschlag erhält.
tung Denkmalschutz und Mitglied im Landesdenkmalrat, dafür warb, die Frage des öffentlichen Nutzens eines Finanzamt-Nachfolgebaus ins Zentrum zu rücken. Das lag nahe bei dem, was Luca Kist mit dem Satz umriss: „Bei dem geplanten Bauvolumen muss es ein demokratisches Gebäude werden.“
Auf einer Luftaufnahme, die das Saarufer zwischen Berliner Promenade und Staatstheater zeigt, hatte das Stadtforum die baulichen Dimensionen des geplanten Bürogebäudes gemäß der Konzeptvergabe der Landesregierung auf sinnfällige Weise eingezeichnet. Laut Ausschreibung können maximal 28 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche
anstelle des Finanzamtes verbaut werden – das ist annähernd das Doppelte des Finanzamtes, das bereits 125 Meter lang und fünfgeschossig ist.
Bis Ende März läuft die Ausschreibung, dann wird man sehen, welcher Investor vom Land den Zuschlag erhält. Noch könne man das Schlimmste verhindern, war zum Finale der Diskussionsrunde verschiedentlich zu hören. „Solange das Eisen noch glüht, müssen wir es bearbeiten“, trommelte Luca Kist. Auch Carsten Diez, Vorsitzender des Städtebaubeirats, mahnte, noch sei nicht aller Tage Abend und zollte SPD-Finanzstaatssekretär Wolfgang Förster dafür Respekt, dass
dieser am Vormittag „hierher in die Höhle des Löwen gekommen“sei. Auch wenn Förster, so die Initiatoren des Stadtforums, dann nur die bekannten Standpunkte des Landes wiederholte.
Eve Hartnack brachte es am Ende auf den Punkt, als sie resümierte, das von einem Stadtrundgang und mehreren Impulsvorträgen eingeleitete, achtstündige Stadtforum im „co:hub66“habe insbesondere deutlich gemacht, dass es den Beteiligten darum gehe, dass die Büropläne der Landesregierung faktisch bedeuteten, dass der Stadtgesellschaft just in dieser Filetlage „der öffentliche Raum verwehrt wird“.
Am Ende konnten sich die Gegner
eines „schnöden Bürogebäudes“– so der emeritierte Saarbrücker Geografieprofessor Peter Dörrenbächer, der vorschlug, am Ort des Finanzamtes eine Hochschuleinrichtung unter europäischen Vorzeichen zu etablieren – mit Fug und Recht attestieren, mit ihrer Veranstaltung für eine kritische, städtebauliche Intervention gesorgt zu haben. Was insoweit nachhallte, war der klare bürgerschaftliche Anspruch, dass die Entwicklung des Areals nach dem Abriss des Finanzamtes städtebaulichen Vorbildcharakter haben sollte.