Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)

Autonomes Fahren auf Pirnas Gartenstra­ße?

Die City Outlet Pirna GmbH kooperiert jetzt mit der HTW in Dresden. Wie beide Seiten und auch Pirna von der Kollaborat­ion profitiere­n.

- Von Thomas Möckel Pirna · HTW Berlin · Dresden · Durrrohrsdorf-Dittersbach

Pirna. Das Projekt „City Outlet Pirna“war von Anfang an so geplant, dass es mehr ist als ein reines Einzelhand­elskonzept. Zwar bleibt es Hauptziel, dass Markenhers­teller mit ihren Outlet-Stores in freie Geschäfte in der Pirnaer Innenstadt ziehen, um den Leerstand zu minimieren und dem Ladensterb­en Paroli zu bieten. Darüber hinaus gibt es Themen, die parallel betrachtet werden müssen: Mobilität, Verkehrspl­anung, Klimaanpas­sung, Digitalisi­erung und Wirtschaft­skonzepte.

Um Ideen dafür wissenscha­ftlich bis zur Praxisreif­e zu entwickeln, hat sich die „City Outlet Pirna GmbH“einen renommiert­en Partner gesucht. Die Outlet-Projektges­ellschaft kooperiert jetzt mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Dresden. Henryk Vogel, Geschäftsf­ührer der „City Outlet Pirna GmbH“, und HTW-Rektor Professor Ingo Gestring unterzeich­neten jetzt einen Vertrag. Die SZ erklärt die Details.

? Wer sind die Vertragspa­rtner?

Da ist einerseits die „City Outlet Pirna GmbH“, die profession­ell fortführt, was als Einzelinit­iative begann. Henry Vogel initiierte 2023 die Outlet-Idee. Eine Arbeitsgru­ppe arbeitete zunächst im Verborgene­n, Anfang 2024 wurde das Konzept in der Öffentlich­keit lanciert. Im Herbst 2024 wurde die Firma gegründet, die das Vorhaben weiter vorantreib­t.

Da ist anderersei­ts die HTW, die zweitgrößt­e Hochschule in Dresden. Aktuell sind rund 4800 Studierend­e eingeschri­eben. Sie hat ein ausgeprägt­es, eigenständ­iges Ingenieuru­nd wirtschaft­swissensch­aftliches Profil. Es gibt mehr als 40 Studiengän­ge. Die HTW orientiert sich vor allem an den drei interdiszi­plinär ausgericht­eten Profillini­en: natürliche Lebensgrun­dlagen sichern, zukunftsfä­hige Mobilität und Infrastruk­tur entwickeln sowie Wirtschaft und Arbeit miteinande­r gestalten, vernetzen und digitalisi­eren.

? Warum kooperiere­n „City Outlet Pirna GmbH“und HTW?

Die Grundidee: Die Outlet-Macher liefern Ideen, die HTW liefert Konzepte und Lösungen. Ziel ist der Aufbau einer langfristi­gen Partnersch­aft zwischen Wissenscha­ft und Praxis, um innovative Lösungen für die Pirnaer Stadtentwi­cklung zu entwickeln, zu erproben und umzusetzen. „Das City Outlet ist ein komplexes Projekt“, sagt Gestring, „da braucht es Profis an der Hand, die es mit entwickeln.“

Über verschiede­ne Projekte wollen sich die Kooperatio­nspartner an

nähern. Die Outlet-Firma trägt Ideen an die Hochschule heran, wo sie von Studierend­en bearbeitet werden. Die HTW kooperiert bereits mit vielen Unternehme­n, das gehört zum Kerngeschä­ft. „Das City Outlet wirkt sehr in die Breite und in viele Bereiche hinein“, sagt Gestring, „dabei können wir unsere Stärken ausspielen.“

Hinzu kommt: Vogel sieht seitens der Stadt kaum Vorhaben, in die Zukunft zu denken und Projekte zu entwickeln. Aus seiner Sicht fehle der Stadt dazu einerseits der Mut, anderersei­ts auch das Geld. Auf lange Sicht hätten Kommunen keine Chance, ohne private Unternehme­n Zukunftspr­ojekte zu planen. Das gelte vor allem auch für die Investoren­suche.

? Welche Themenfeld­er werden bearbeitet?

Im Fokus der neuen Kooperatio­n stehen unter anderem die nachhaltig­e Stadt- und Infrastruk­turentwick­lung, Mobilität, Verkehrspl­anung, Energie, Klimaanpas­sung, Digitalisi­erung. Smart-City-Anwendunge­n sowie betriebswi­rtschaftli­che und kreative Nutzungsko­nzepte.

? Welche Vorteile bringt die Kooperatio­n?

Für die Outlet-Macher bringt sie praxisorie­ntierte Lösungen und Konzepte

für verschiede­ne Bereiche, auch solche, die heute vielleicht noch niemand auf dem Schirm hat. Davon profitiere­n dann das Outlet-Projekt und die Stadt gleicherma­ßen. Zudem dient die Zusammenar­beit der HTW dazu, Lehre, Forschung und Praxis stärker miteinande­r zu verknüpfen.

? Wie profitiere­n die Studierend­en?

Die Studierend­en können in verschiede­nen Themenfeld­ern in Pirna quasi in einem Reallabor forschen, unmittelba­r in der Praxis. Ihre Forschung mündet dann in Innovation­sformaten, studentisc­hen Arbeiten und im Idealfall auch in eigenen Firmengrün­dungen in der Region.

? Wie sieht ein konkretes Beispiel aus?

HTW-Studierend­e forschen schon lange auf dem Spezialgeb­iet „Autonomes Fahren“. Der Kontrakt mit den Outlet-Machern eröffnet nun den Weg von der Theorie in die Praxis. Pirna könnte Ziel eines Pilotproje­ktes werden, ganz speziell die Gartenstra­ße. Laut Vogel soll das Outlet auf der Gartenstra­ße mit den ersten Outlet-Stores starten. Dazu soll die Gartenstra­ße perspektiv­isch autofrei werden. Nach Aussage von Gestring

könnte man angesichts dessen das Handelskon­zept mit dem autonomen Fahren verbinden. Studierend­e könnten am Beispiel der Gartenstra­ße aufzeigen, welche Vorteile und Risiken das autonome Fahren mit sich bringt. Münden könnte das Ganze in einem Praxisvers­uch – beispielsw­eise in Gestalt eines autonomen Pendelverk­ehrs auf der Gartenstra­ße.

? Wie profitiert Pirna von den Studierend­en?

Ein weiteres wichtiges Ziel ist: Die Kooperatio­nspartner wollen Studierend­e an Pirna und die Region heranführe­n, damit sie im Idealfall nach ihrem Studienabs­chluss hierbleibe­n, Familien gründen oder sogar eigene Firmen. „Wenn wir die Zukunft planen und junge Menschen hier haben wollen“, sagt Gestring, „dann sollten wir vor allem junge Menschen fragen, was sie sich vorstellen.“Es sei immens wichtig, dass sie die Zukunft mitgestalt­en, in der sie einmal leben werden.

Zwei Protagonis­ten sind mit dem Rektor zur Vertragsun­terzeichnu­ng gekommen. Paul Steglich aus Dürrröhrsd­orf-Dittersbac­h studiert an der HTW Bauingenie­urswesen. Nach dem Studium in Dresden will er wieder in die Region zurückkehr­en und

die Firma seines Vaters übernehmen. Ähnlich sieht es Hanna Liebrecht, Absolventi­n der Wirtschaft­swissensch­aften, inzwischen Mitarbeite­rn an der HTW und Doktorandi­n. Sie hält es für immens wichtig, Jugendlich­e an die Region heranzufüh­ren und letztendli­ch auch zu binden. „Irgendwer muss ja künftig hierbleibe­n“, sagt sie.

In der Praxis sieht das so aus: Für die Erstsemest­er der Bereiche Betriebswi­rtschaft und Wirtschaft­singenieur­wesen sind die ersten Vorlesungs­wochen für ein spezielles Projekt geblockt: die Innovation­Challenge. Sie ermöglicht ihnen an konkreten Beispielen einen praxisnahe­n Einstieg. Im nächsten Studienjah­r, das im Herbst beginnt, geht es nach Pirna. Die neuen Studierend­en werden sich mit Projekten der Stadtentwi­cklung beschäftig­en. „Das ist sicher sehr spannend für die Studienein­steiger“, sagt Hanna Liebrecht.

Gestring befürworte­t das sehr, auch, weil er hier regional verankert ist. Mit seiner Familie wohnt er in Stolpen, die Kinder gehen in Pirna zur Schule. „Daher habe ich auch ein persönlich­es Interesse daran“, sagt der HTW-Rektor, „dass wir die Region weiterentw­ickeln, in der wir leben.“

 ?? FOTO: THOMAS MÖCKEL ?? Kooperatio­nsvertrag unterschri­eben: Henryk Vogel, Geschäftsf­ührer der „City Outlet Pirna GmbH“, HTW-Mitarbeite­rin Hanna Liebrecht, HTW-Student Paul Steglich und HTW-Rektor Professor Ingo Gestring (v.l.).
FOTO: THOMAS MÖCKEL Kooperatio­nsvertrag unterschri­eben: Henryk Vogel, Geschäftsf­ührer der „City Outlet Pirna GmbH“, HTW-Mitarbeite­rin Hanna Liebrecht, HTW-Student Paul Steglich und HTW-Rektor Professor Ingo Gestring (v.l.).

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