Sachsische Zeitung (Pirna Sebnitz)
Autonomes Fahren auf Pirnas Gartenstraße?
Die City Outlet Pirna GmbH kooperiert jetzt mit der HTW in Dresden. Wie beide Seiten und auch Pirna von der Kollaboration profitieren.
Pirna. Das Projekt „City Outlet Pirna“war von Anfang an so geplant, dass es mehr ist als ein reines Einzelhandelskonzept. Zwar bleibt es Hauptziel, dass Markenhersteller mit ihren Outlet-Stores in freie Geschäfte in der Pirnaer Innenstadt ziehen, um den Leerstand zu minimieren und dem Ladensterben Paroli zu bieten. Darüber hinaus gibt es Themen, die parallel betrachtet werden müssen: Mobilität, Verkehrsplanung, Klimaanpassung, Digitalisierung und Wirtschaftskonzepte.
Um Ideen dafür wissenschaftlich bis zur Praxisreife zu entwickeln, hat sich die „City Outlet Pirna GmbH“einen renommierten Partner gesucht. Die Outlet-Projektgesellschaft kooperiert jetzt mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Dresden. Henryk Vogel, Geschäftsführer der „City Outlet Pirna GmbH“, und HTW-Rektor Professor Ingo Gestring unterzeichneten jetzt einen Vertrag. Die SZ erklärt die Details.
? Wer sind die Vertragspartner?
Da ist einerseits die „City Outlet Pirna GmbH“, die professionell fortführt, was als Einzelinitiative begann. Henry Vogel initiierte 2023 die Outlet-Idee. Eine Arbeitsgruppe arbeitete zunächst im Verborgenen, Anfang 2024 wurde das Konzept in der Öffentlichkeit lanciert. Im Herbst 2024 wurde die Firma gegründet, die das Vorhaben weiter vorantreibt.
Da ist andererseits die HTW, die zweitgrößte Hochschule in Dresden. Aktuell sind rund 4800 Studierende eingeschrieben. Sie hat ein ausgeprägtes, eigenständiges Ingenieurund wirtschaftswissenschaftliches Profil. Es gibt mehr als 40 Studiengänge. Die HTW orientiert sich vor allem an den drei interdisziplinär ausgerichteten Profillinien: natürliche Lebensgrundlagen sichern, zukunftsfähige Mobilität und Infrastruktur entwickeln sowie Wirtschaft und Arbeit miteinander gestalten, vernetzen und digitalisieren.
? Warum kooperieren „City Outlet Pirna GmbH“und HTW?
Die Grundidee: Die Outlet-Macher liefern Ideen, die HTW liefert Konzepte und Lösungen. Ziel ist der Aufbau einer langfristigen Partnerschaft zwischen Wissenschaft und Praxis, um innovative Lösungen für die Pirnaer Stadtentwicklung zu entwickeln, zu erproben und umzusetzen. „Das City Outlet ist ein komplexes Projekt“, sagt Gestring, „da braucht es Profis an der Hand, die es mit entwickeln.“
Über verschiedene Projekte wollen sich die Kooperationspartner an
nähern. Die Outlet-Firma trägt Ideen an die Hochschule heran, wo sie von Studierenden bearbeitet werden. Die HTW kooperiert bereits mit vielen Unternehmen, das gehört zum Kerngeschäft. „Das City Outlet wirkt sehr in die Breite und in viele Bereiche hinein“, sagt Gestring, „dabei können wir unsere Stärken ausspielen.“
Hinzu kommt: Vogel sieht seitens der Stadt kaum Vorhaben, in die Zukunft zu denken und Projekte zu entwickeln. Aus seiner Sicht fehle der Stadt dazu einerseits der Mut, andererseits auch das Geld. Auf lange Sicht hätten Kommunen keine Chance, ohne private Unternehmen Zukunftsprojekte zu planen. Das gelte vor allem auch für die Investorensuche.
? Welche Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus der neuen Kooperation stehen unter anderem die nachhaltige Stadt- und Infrastrukturentwicklung, Mobilität, Verkehrsplanung, Energie, Klimaanpassung, Digitalisierung. Smart-City-Anwendungen sowie betriebswirtschaftliche und kreative Nutzungskonzepte.
? Welche Vorteile bringt die Kooperation?
Für die Outlet-Macher bringt sie praxisorientierte Lösungen und Konzepte
für verschiedene Bereiche, auch solche, die heute vielleicht noch niemand auf dem Schirm hat. Davon profitieren dann das Outlet-Projekt und die Stadt gleichermaßen. Zudem dient die Zusammenarbeit der HTW dazu, Lehre, Forschung und Praxis stärker miteinander zu verknüpfen.
? Wie profitieren die Studierenden?
Die Studierenden können in verschiedenen Themenfeldern in Pirna quasi in einem Reallabor forschen, unmittelbar in der Praxis. Ihre Forschung mündet dann in Innovationsformaten, studentischen Arbeiten und im Idealfall auch in eigenen Firmengründungen in der Region.
? Wie sieht ein konkretes Beispiel aus?
HTW-Studierende forschen schon lange auf dem Spezialgebiet „Autonomes Fahren“. Der Kontrakt mit den Outlet-Machern eröffnet nun den Weg von der Theorie in die Praxis. Pirna könnte Ziel eines Pilotprojektes werden, ganz speziell die Gartenstraße. Laut Vogel soll das Outlet auf der Gartenstraße mit den ersten Outlet-Stores starten. Dazu soll die Gartenstraße perspektivisch autofrei werden. Nach Aussage von Gestring
könnte man angesichts dessen das Handelskonzept mit dem autonomen Fahren verbinden. Studierende könnten am Beispiel der Gartenstraße aufzeigen, welche Vorteile und Risiken das autonome Fahren mit sich bringt. Münden könnte das Ganze in einem Praxisversuch – beispielsweise in Gestalt eines autonomen Pendelverkehrs auf der Gartenstraße.
? Wie profitiert Pirna von den Studierenden?
Ein weiteres wichtiges Ziel ist: Die Kooperationspartner wollen Studierende an Pirna und die Region heranführen, damit sie im Idealfall nach ihrem Studienabschluss hierbleiben, Familien gründen oder sogar eigene Firmen. „Wenn wir die Zukunft planen und junge Menschen hier haben wollen“, sagt Gestring, „dann sollten wir vor allem junge Menschen fragen, was sie sich vorstellen.“Es sei immens wichtig, dass sie die Zukunft mitgestalten, in der sie einmal leben werden.
Zwei Protagonisten sind mit dem Rektor zur Vertragsunterzeichnung gekommen. Paul Steglich aus Dürrröhrsdorf-Dittersbach studiert an der HTW Bauingenieurswesen. Nach dem Studium in Dresden will er wieder in die Region zurückkehren und
die Firma seines Vaters übernehmen. Ähnlich sieht es Hanna Liebrecht, Absolventin der Wirtschaftswissenschaften, inzwischen Mitarbeitern an der HTW und Doktorandin. Sie hält es für immens wichtig, Jugendliche an die Region heranzuführen und letztendlich auch zu binden. „Irgendwer muss ja künftig hierbleiben“, sagt sie.
In der Praxis sieht das so aus: Für die Erstsemester der Bereiche Betriebswirtschaft und Wirtschaftsingenieurwesen sind die ersten Vorlesungswochen für ein spezielles Projekt geblockt: die InnovationChallenge. Sie ermöglicht ihnen an konkreten Beispielen einen praxisnahen Einstieg. Im nächsten Studienjahr, das im Herbst beginnt, geht es nach Pirna. Die neuen Studierenden werden sich mit Projekten der Stadtentwicklung beschäftigen. „Das ist sicher sehr spannend für die Studieneinsteiger“, sagt Hanna Liebrecht.
Gestring befürwortet das sehr, auch, weil er hier regional verankert ist. Mit seiner Familie wohnt er in Stolpen, die Kinder gehen in Pirna zur Schule. „Daher habe ich auch ein persönliches Interesse daran“, sagt der HTW-Rektor, „dass wir die Region weiterentwickeln, in der wir leben.“