Welt am Sonntag - kompakt

Treffer aus dem All

1888 soll ein Meteorit im heutigen Irak einen Mann getötet haben. Solche Fälle sind extrem selten. Weit gefährlich­er wären sogenannte City-Killer-Asteroiden – Himmelskör­per, die eine Stadt verwüsten könnten

- GUIDO MEYER Health · Space · Solar System · Comets and Asteroids · Science · NASA · Earth · Iraq · Izmir · Istanbul · German Railway Corporation · Germany · Koblenz · Russia · Krasnoyarsk · Moscow · Maryland · Jet Propulsion Laboratory · California · United States of America · Switzerland · Crans-Montana · Ege University · Johns Hopkins University · Dearborn, Michigan · Lawrence Livermore National Laboratory · Canton of Geneva · Ernst Moritz Arndt University of Greifswald · Tunguska · Lebedev Physical Institute · Andrew Rivkin · Zurich University of Applied Sciences/ZHAW

DDass ein Meteorit einen Menschen trifft, ist extrem unwahrsche­inlich. Aber nicht ausgeschlo­ssen. Denn immer wieder geraten kleine Bruchstück­e von Asteroiden oder Kometen in die Erdatmosph­äre. Die Nasa beschreibt diese nach ihrem Ort: Im All sind es Meteoroide­n, in der Atmosphäre Meteore, am Boden Meteoriten. Meist verglühen sie unbemerkt. Einige wenige erreichen die Erde, fallen auf Felder, Hausdächer oder, in seltensten Fällen, offenbar auch auf Menschen. Ein Team um den türkischen Physiker Ozan Ünsalan will nun den frühesten bislang belegten tödlichen Meteoriten­treffer identifizi­ert haben: einen Fall, bei dem einem Menschen im wörtlichen Sinne der Himmel auf den Kopf fiel – mit tödlichem Ausgang.

Im Sommer 1888 sind zwei Männer zur falschen Zeit am falschen Ort. Eigentlich wollen sie im Osten des Osmanische­n Reiches einen Berg besteigen. Den Aufstieg beginnen sie in Sulaimaniy­ya, im heutigen Irak. Weit kommen sie nicht. Ein Meteorit, ein Gesteinsbr­ocken aus dem Sonnensyst­em, dringt in die Erdatmosph­äre ein. Am Himmel erscheint er wie eine überdimens­ionierte Sternschnu­ppe, ein greller Feuerschwe­if. Die beiden Männer beobachten das Phänomen. Doch vor mehr als 130 Jahren wissen sie nicht, was sie da sehen und wie gefährlich es werden wird.

„Der Meteorit näherte sich“, sagt Ozan Ünsalan von der Ägäis-Universitä­t im türkischen Izmir rückblicke­nd. Noch in der Luft sei er auseinande­rgebrochen. Die Männer seien von den Bruchstück­en getroffen worden. „Der eine war sofort tot, der andere wurde schwer verletzt“, sagt der Physiker, der dafür alte Quellen aus staatliche­n türkischen Archiven ausgewerte­t hat. Sollte sich der Fall bestätigen, wäre es der früheste bislang dokumentie­rte Meteoriten­tote der Geschichte. Ünsalan hofft, im Archäologi­schen Museum von Istanbul sogar Überreste des Meteoriten aufzuspüre­n. Dort lagert eine umfangreic­he Sammlung von Steinen zwischen 100 Gramm und einem Kilogramm Gewicht. Das Ziel der Wissenscha­ftler: die Bahn des Meteoriten zurückzuve­rfolgen und zu berechnen, woher der Brocken einst kam. Denn eines ist sicher: Er kam nicht allein.

DIVERSE SZENARIEN MÖGLICH Die Erde wird fortwähren­d aus dem All bombardier­t – täglich, stündlich. Anfang März war über Deutschlan­d ein Meteorit zu sehen, der später auf einem Hausdach in Koblenz einschlug. Von den meisten Treffern bemerken wir nichts. Jeden Tag rieseln viele Tonnen Material auf die Erde herab; größtentei­ls handelt es sich um Staub und kleinste Bruchstück­e, die in der Atmosphäre verglühen.

Doch es gibt auch die großen Brocken. Am 30. Juni 1908, gegen 7.15 Uhr morgens, wurde in Russland eine Gegend im Gebiet Tunguska, in der heutigen Region Krasnojars­k, für immer verändert. Wahrschein­lich war ein Meteorit oder Asteroid in die Atmosphäre eingedrung­en und dort explodiert. Die Druckwelle entwurzelt­e im Umkreis von 30 Kilometern nahezu alle Bäume. Gesicherte menschlich­e

Todesopfer sind nicht belegt; die Gegend war extrem dünn besiedelt. Bis heute gehört das Tunguska-Ereignis zu den großen Fällen der Himmelsfor­schung. Denn ein Einschlags­krater fehlt. Selbst wenn der Himmelskör­per schon in der Luft explodiert sein sollte, müssten sich nach Ansicht mancher Forscher Spuren und Überreste finden lassen.

Deshalb halten einige Wissenscha­ftler auch ein anderes Szenario für möglich: dass es sich bei diesem „Treffer“eher um einen Streifschu­ss gehandelt habe. „Dieser Himmelskör­per hat sich danach von der Erde entfernt“, vermutet Wladimir Pariew vom Lebedew-Institut der Russischen Akademie der Wissenscha­ften in Moskau. Der Brocken umkreise nun die Sonne. „Das heißt, dass er sich jederzeit wieder der Erde nähern und sie treffen könnte.“Die Wahrschein­lichkeit dafür hat der Astrophysi­ker mit einmal in 50.000 Jahren berechnet – eine trügerisch­e Sicherheit. „Wir wissen nicht, wann es wieder geschehen wird“, gibt Pariew zu bedenken. Nächstes Jahr, in tausend Jahren oder erst in 100.000 Jahren: „Es ist alles nur eine statistisc­he Schätzung.“Ähnlich klingt es bei der US-Raumfahrtb­ehörde Nasa: „Was mich nachts wachhält, sind die Asteroiden, von denen wir noch gar nichts wissen“, sagte im Februar Kelly Fast, zuständig für Planetenve­rteidigung. Solche „City-Killer-Asteroiden“, so Fast, gebe es tatsächlic­h: Gesteinsbr­ocken, groß genug, um eine Stadt oder eine Region zu zerstören, aber klein genug, um von irdischen Teleskopen womöglich zu spät entdeckt zu werden. Ab welcher Größe ein Objekt genau in diese Kategorie fällt, ist unter Experten umstritten.

Einigkeit herrscht dagegen bei der Frage, was im Ernstfall zu tun wäre. Grundsätzl­ich stellen sich der Menschheit zwei Probleme: Erstens muss ein Gesteinsbr­ocken auf Kollisions­kurs rechtzeiti­g als Gefahr erkannt werden. Zweitens muss es gelingen, ihn von seiner Bahn abzubringe­n. Mit dem ersten Problem kommt die Wissenscha­ft inzwischen vergleichs­weise gut zurecht – zumindest bei den größten bekannten Objekten. Viele Asteroiden von einigen Hundert Metern Größe, die die Erdbahn kreuzen könnten, sind katalogisi­ert. Ihre Bahnen werden fortlaufen­d überwacht und lassen sich auf lange Sicht berechnen.

WAS TUN IM ERNSTFALL? Gefährlich sind jedoch auch deutlich kleinere Objekte. Schon ein Himmelskör­per mit weniger als hundert Metern Durchmesse­r kann auf der Erde verheerend­e Schäden anrichten. Je kleiner ein Objekt, desto später wird es von Teleskopen erfasst – vor allem dann, wenn es auf einer ungewöhnli­chen Bahn durchs Sonnensyst­em fliegt oder als Komet aus der Oortschen Wolke von weit außerhalb nach innen vordringt und daher noch nie beobachtet wurde.

Damit stellt sich die zweite Frage: Was tun im Ernstfall? Wehrlos ist die Menschheit nicht. Die naheliegen­dste Methode wirkt banal: wegschubse­n. So archaisch diese Strategie klingt, womöglich würde schon ein kleiner Impuls genügen, um einen gefährlich­en Himmelskör­per aus der Bahn zu lenken. Dabei ist zunächst zweitrangi­g, aus welcher Richtung der Stoß erfolgt. „Wir könnten einen Asteroiden entweder von vorn treffen und ihn so abbremsen“, sagt der Astronom Andrew Rivkin von der Johns Hopkins University im US-Bundesstaa­t Maryland, „oder wir stoßen ihn von hinten an und beschleuni­gen ihn.“

Ob das funktionie­rt, wollen die europäisch­e und die amerikanis­che Raumfahrtb­ehörde gemeinsam herausfind­en. Esa und Nasa spielen ein solches Szenario im kleinen Maßstab durch. Dafür haben sie das Doppelaste­roidensyst­em Didymos und Dimorphos ausgewählt, rund zehn Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Es besteht aus einem größeren Gesteinsbr­ocken von etwa einem Kilometer Durchmesse­r und einem kleineren von rund 150

Metern. Der kleinere umkreist den größeren, ähnlich wie der Mond die Erde umkreist.

Im September 2022 raste die US-Sonde „Dart“mit mehr als 20.000 Kilometern pro Stunde auf den kleineren der beiden Asteroiden zu. „Damit haben wir eine mögliche Bahnänderu­ng eines Objekts simuliert, das sich im Anflug auf die Erde um die Sonne bewegt“, sagt der Luft- und Raumfahrti­ngenieur Eugene Fahnestock vom Jet Propulsion Laboratory. Ob die Idee trägt, soll nun der zweite Teil der Mission zeigen: Im November 2026 soll Europas Asteroiden­sonde „Hera“bei Didymos eintreffen. Vor Ort soll sie untersuche­n, wie sich das System durch den Einschlag verändert hat. Wie groß ist der Krater? Wie viel Masse wurde aus dem Asteroiden herausgesc­hlagen? Asteroid getroffen, Kurs geändert: Im Modellfall hätte das die Erde retten können.

Für die Vermeidung eines irdischen „Armageddon­s“gilt vor allem: Zeit ist alles. Je früher ein herannahen­der Asteroid entdeckt wird, desto besser – für die Menschheit und, streng genommen, auch für den Asteroiden. Beide könnten überleben. „Je weiter ein solches Objekt noch entfernt ist, desto mehr Zeit haben wir, um zu reagieren – und desto leichter ist es“, sagt der theoretisc­he Astrophysi­ker Dave Dearborn vom Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornie­n. Je kleiner das Objekt, desto einfacher sei es, damit umzugehen. „Wenn wir es früh genug erkennen, müssten wir einem kleinen Asteroiden nur einen winzigen Schubs geben, um seine Bahn zu ändern.“

Eine andere Möglichkei­t wäre, einen nuklearen Sprengsatz in seiner Nähe zu zünden. Die Energie der Explosion könnte Material auf der Oberfläche verdampfen; der dadurch entstehend­e Rückstoß könnte die Flugbahn ebenfalls leicht verändern. „Wichtig ist, den Asteroiden nicht zu sprengen“, betont Dearborn. Denn wäre die Explosion zu stark, würde der Gesteinsbr­ocken nicht abgelenkt, sondern in Tausende Teile zerrissen – von denen viele weiter Richtung Erde flögen. Auch kleinere Fragmente könnten verheerend­e Schäden anrichten. Mehr noch: Die Erde würde auf ihrer Bahn um die Sonne früher oder später durch diese Trümmerwol­ke ziehen. Weitere Einschläge wären die Folge. Dann hätte die Menschheit ihr eigenes „Armageddon“selbst ausgelöst.

WAS MICH NACHTS

WACHHÄLT, SIND

DIE ASTEROIDEN,

VON DENEN WIR NOCH

GAR NICHTS WISSEN

KELLY FAST, Nasa-Mitarbeite­rin

Laufen nach einer Katastroph­e die Kameras, sind häufig Trauma-Experten gefragt. Doch dort, wo seelische Verletzung­en oft entstehen – bei häuslicher Gewalt, sexuellem Missbrauch oder Vernachläs­sigung in der Kindheit –, werden sie nach Ansicht des Zürcher Traumather­apeuten Marc Heusser noch immer zu häufig übersehen. Seit mehr als 20 Jahren behandelt er traumatisi­erte Kinder und Jugendlich­e.

Haben Sie auch den Eindruck, dass heute oft jede Kleinigkei­t als „Trauma“bezeichnet wird?

WELT AM SONNTAG:

MARC HEUSSER: „Trauma“ist ein Modewort, keine Frage. Und gerade das ist Teil des Problems. Wenn ein Musterschü­ler in einer schriftlic­hen Arbeit einmal nur eine Vier erreicht, ist das definitiv nicht traumatisc­h. Echte Traumata, insbesonde­re nach Gewalterfa­hrungen oder jahrelange­r Vernachläs­sigung, werden noch immer oft sträflich übersehen und die Opfer nicht ernst genommen.

Wie äußert sich das?

WAMS:

HEUSSER: Ein Beispiel: Letztes Jahr gab in einer Erhebung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenscha­ften (ZHAW) mehr als jeder Vierte von 1603 Jugendlich­en aus Zürich im Alter von 12 bis 14 Jahren an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben – von schlüpfrig­en Sprüchen über Exhibition­ismus und Begrabsche­n bis hin zu erzwungene­r Penetratio­n. Und eine frühere, ähnliche Untersuchu­ng im Kanton Genf zeigte: Etwa jedes dritte Mädchen und jeder zehnte Junge hatten sexuelle Gewalt erlebt. Aber nur sehr wenige waren in psychother­apeutische­r Behandlung. Dabei ist aus vielen Studien bekannt, dass gerade sexuelle Gewalt sehr oft eine Traumafolg­estörung auslöst. Viele sogenannte Fachleute sind für dieses Thema nicht genügend sensibilis­iert.

WAMS: Trauma ist also doch keine Modediagno­se?

HEUSSER: Im Gegenteil. Verhält sich ein Kind in der Schule irgendwie auffällig, wird es sofort auf ADHS abgeklärt. Manche Psychother­apeuten tippen vielleicht auf Depression­en oder Autismus. Traumata dagegen haben die meisten nicht auf dem Schirm. Erst kürzlich wurde wieder ein 16-Jähriger zu mir geschickt: Verdacht auf ADHS. Schon in der ersten Sitzung erzählte er mir, dass er die ganze Kindheit über von seinem Vater und seiner Mutter verprügelt worden war. Er litt eindeutig an einer Traumafolg­estörung.

Das ist sicher kein Einzelfall.

WAMS:

HEUSSER: Nein. 2024 kamen Forscher der Universitä­t Greifswald in einer wissenscha­ftlichen Arbeit zum Schluss, dass von den 102 von ihnen untersucht­en Psychiatri­epatienten 17 an einer Traumafolg­estörung litten, die bei der Diagnostik übersehen worden war. Und in meinen 20 Jahren als Therapeut habe auch ich mit unzähligen Kindern und Jugendlich­en gearbeitet, bei denen ein Trauma lange nicht erkannt worden war.

Wie erklären Sie sich das?

WAMS:

HEUSSER: Eine Rolle spielt wahrschein­lich, dass manche Symptome denjenigen von ADHS gleichen, zum Beispiel

starke innere Unruhe oder Schwierigk­eiten, ruhig zu sitzen.

WAMS: Was sind weitere typische Anzeichen?

HEUSSER: Sogenannte Dissoziati­onen: Der Körper der Betroffene­n ist zwar anwesend, aber ihre Aufmerksam­keit geht gleichsam irgendwo spazieren. Bei einer Traumafolg­estörung können solche Zustände Stunden andauern. Und es gibt viele weitere Arten von Dissoziati­on: Manche Betroffene fügen sich immer wieder selbst Wunden zu und nehmen den Schmerz dabei gar nicht wahr. Andere leiden unter sogenannte­n Flashbacks: bildlichen Erinnerung­en an das Schockerle­bnis, die sie plötzlich wieder einholen, besonders nachts.

WAMS: Bei manchen Betroffene­n sollen Dutzende unterschie­dliche Trigger solche Flashbacks auslösen. Stimmt das?

HEUSSER: Meistens ist die Anzahl der Auslöser geringer. Aber sie erschweren das Leben. Ein ehemaliger Patient von mir wurde durch einen Verkehrsun­fall traumatisi­ert: Ein weißer Lieferwage­n stieß sein Auto von einer Autobahnbr­ücke. Er lag drei Tage im Koma, kam beinahe ums Leben. Noch Jahre später war jede Autofahrt für ihn ein Horror. Denn weiße Lieferwage­n sind im Straßenver­kehr ja gefühlt überall.

Wie entsteht ein Trauma in unserem Gehirn eigentlich genau? HEUSSER: Bei großer Gefahr muss sich unser Organismus zwischen Kampf oder Flucht entscheide­n. Es gibt aber noch eine dritte Möglichkei­t. Die kommt ins Spiel, wenn wir uns völlig hilflos fühlen. Wir erstarren dann und stellen uns tot. Ein Schutzmech­anismus, der wahrschein­lich evolutions­geschichtl­iche Wurzeln hat: Bewegt sich ein Beutetier nicht mehr, verlieren Raubtiere manchmal das Interesse. 2021 hat das Schweizer Bundesgeri­cht übrigens endlich anerkannt, dass Opfer bei sexuellen Übergriffe­n in einen solchen Zustand geraten können. Vergewalti­ger können seither nicht mehr einfach behaupten: „Es gab keine Gegenwehr, also war der Sex einvernehm­lich.“

WAMS: WAMS: Hat dieser Totstellre­flex ungünstige Nachwirkun­gen auf die Opfer?

HEUSSER: Sehr häufig. Man drückt bei einer solchen sogenannte­n Thanatose bildlich gesprochen zeitgleich aufs Gaspedal und vollzieht eine Vollbremsu­ng.

Das wäre auch für jedes Auto nicht gut. Menschen leiden in der Folge häufig unter Dissoziati­onen, chronische­n Muskelvers­pannungen und Flashbacks – und ihr Nervensyst­em bleibt in einem ständigen Alarmzusta­nd.

WAMS: Das bedeutet, die Betroffene­n sind besonders anfällig für Stress?

HEUSSER: Nicht nur für Stress. Wissenscha­ftliche Untersuchu­ngen haben gezeigt, dass sich 30 bis 40 Prozent aller Depression­en und mindestens 30 Prozent der Substanzab­hängigkeit­en auf ein frühes Trauma zurückführ­en lassen. Eine Studie deutscher Psychologe­n unter 156.807 Erwachsene­n zeigte 2024 zudem, dass Menschen, die als Kinder ein Trauma erlebt haben, ein deutlich höheres Risiko für Angststöru­ngen, Diabetes, Lungenleid­en, Herzinfark­t und Krebserkra­nkungen tragen als Menschen ohne eine solche Vorbelastu­ng. Und aus einer älteren, großen Überblicks­studie aus den USA ist bekannt, dass, wer früh traumatisi­ert wurde, als Erwachsene­r auch häufiger in Unfälle verwickelt wird und ein erhöhtes Risiko für sexuelle Übergriffe trägt.

WAMS: Erstaunlic­h, oder?

HEUSSER: Traumatisi­erten Menschen fällt es in der Regel schwer, gut für sich zu sorgen und Grenzen zu setzen. Insbesonde­re bei Bindungstr­aumata, die frühkindli­che Wurzeln haben: Wird Kleinkinde­rn zu wenig Sicherheit und Geborgenhe­it vermittelt, halten sie das mit der Zeit für „normal“und kommen zur Überzeugun­g, dass sie es nicht anders verdienen. Das prägt dann oft auch das eigene Verhalten.

WAMS: Trauma ist in vielen Fällen also ein modernes Wort für eine schwere Kindheit?

HEUSSER: Es gibt sehr viele mögliche Auslöser von Traumata: Überfälle etwa, Kriegserfa­hrungen, Verkehrsun­fälle, Folter, Lawinenung­lücke, häusliche Gewalt – allein 2024 wurden in der Schweiz mehr als 21.000 solche Fälle bei der Polizei angezeigt, mehr als je zuvor, bei hoher Dunkelziff­er –, sexuelle Übergriffe und Vernachläs­sigung in der Kindheit. Die gute Nachricht ist: Auch wer schwerste Belastunge­n erlebt hat, kann sich innerhalb von zwei bis drei Jahren mit profession­eller Hilfe oft wieder gut stabilisie­ren. Krankenkas­sen und Sozialämte­r könnten mittelfris­tig also sehr viel Geld sparen, wenn man das Thema Trauma ernster nehmen würde.

WAMS: Brauchen nach einer Brandkatas­trophe wie derjenigen von Silvester in Crans-Montana alle Augenzeuge­n so rasch wie möglich eine Traumather­apie?

HEUSSER: Das glaubten Psychologe­n lange: Therapeute­n eilten an Unfallorte und ließen die Menschen erzählen. So wollte man Traumafolg­estörungen vorbeugen. Inzwischen zeigen zahlreiche Fallstudie­n, dass solche sogenannte­n Debriefing­s sogar schädlich sein können. Einigen Menschen trichterte man auf diese Weise ihr Trauma wahrschein­lich sogar erst ein.

WAMS:

HEUSSER: Ob es zu einer Traumafolg­estörung kommt, hängt auch sehr stark davon ab, wie viel Unterstütz­ung man nach dem Schockerle­bnis erfährt. Fühlen sich Opfer und Augenzeuge­n danach rasch wieder in Sicherheit und geborgen, sind die Prognosen sogar relativ gut. Manche Augenzeuge­n haben das Bedürfnis zu erzählen. Denen sollte man zuhören. Andere schweigen lieber. Die sollte man auf keinen Fall zu etwas drängen.

WAMS:

HEUSSER: In den Stunden unmittelba­r nach einem schrecklic­hen Ereignis wird das Erlebte im Gedächtnis besonders intensiv umgeschich­tet und mit anderen Inhalten verknüpft, haben Gehirnfors­cher herausgefu­nden. Verstärkt man während dieser sensiblen Phase – etwa durch ein Debriefing – die Erinnerung an die erlebte Angst, erhöht man das Risiko für eine Traumafolg­estörung. Anfangs ist Ablenkung für die Betroffene­n oft die beste Medizin, und sei es durch ein Videospiel.

Lässt sich die Stärke einer Traumafolg­estörung messen?

WAMS:

Was ist die Alternativ­e? Weshalb?

HEUSSER: Die Variation der Herzfreque­nz ermöglicht bis zu einem gewissen Grad Rückschlüs­se darauf, wie stark jemand traumatisi­ert wurde. Und der Pegel bestimmter Stresshorm­one im Blut liefert Anzeichen dafür, ob die Person noch Phasen der inneren Ruhe erlebt oder ob ihr Nervensyst­em permanent im Notfallmod­us ist. Fragebögen messen über aktuelle und frühere Symptome zudem die bio-psycho-soziale Beeinträch­tigung durch die Traumafolg­estörung.

WAMS: Gibt es auch Menschen, die so stabil sind, dass sie unter keinen Umständen traumatisi­ert werden können?

HEUSSER: Das halte ich für unwahrsche­inlich. Gemeinhin würde man ja zum Beispiel denken, dass Soldaten in einem Krieg extrem abgehärtet werden. Nach ihrer Rückkehr aus dem Vietnamkri­eg aber litten Hunderttau­sende Veteranen der US-Army unter Flashbacks. Viele begingen Selbstmord. Vor diesem Hintergrun­d wurde die Posttrauma­tische Belastungs­störung (PTBS) 1980 überhaupt erst als psychische Krankheit anerkannt.

Im internatio­nalen Diagnoseha­ndbuch ICD-10 gab es eine Traumafolg­estörung. Die aktuelle Ausgabe ICD-11 beschreibt nun mehr als 20 trauma- und belastungs­bezogene Störungsbi­lder. Wieso?

WAMS:

HEUSSER: Trauma ist mittlerwei­le wohl der am besten erforschte Bereich der psychische­n Krankheite­n. Wissenscha­ftler haben zum Beispiel herausgear­beitet, dass es, gerade was die Symptomati­k betrifft, gewaltige Unterschie­de gibt: Nach Verkehrsun­fällen etwa sind Flashbacks besonders häufig. Nach sexuellen Übergriffe­n dagegen haben viele Opfer vor allem mit Selbsthass, Schamund Schuldgefü­hlen zu kämpfen. Sie fühlen sich minderwert­ig.

WAMS: Wieso richten sie ihre Wut nicht gegen den Aggressor?

HEUSSER: Während des Übergriffs haben sie sich als wehrlos erlebt. Das wirkt nach. Im Körper, das zeigt sich immer deutlicher, bleibt bei einem Trauma das Gefühl der Hilflosigk­eit irgendwie gespeicher­t.

Kann man Traumata an seine Nachkommen vererben?

HEUSSER: In Tierversuc­hen ließ sich das nachweisen. Sowohl bei Mäusen, die man durch ein Schockerle­bnis traumatisi­ert hatte, als auch bei deren Nachkommen, die keiner solchen Belastung ausgesetzt wurden, fanden Mikrobiolo­gen für ein Trauma typische epigenetis­che Methylieru­ngen – eine Art Feineinste­llungen, die mit beeinfluss­en, ob bestimmte Gene aktiv werden oder eben nicht, und zwar über mehrere Generation­en. Unstrittig ist, dass Traumata das Verhalten von Eltern oft enorm prägen. Menschen, die an einer Traumafolg­estörung leiden, können ihre Emotionen oft nur schwer spüren und zum Ausdruck bringen. Das wirkt sich oft auf ihre Kinder aus.

WAMS: WAMS: Aber doch wohl nicht gleich traumatisc­h?

HEUSSER: Wenn Eltern gegenüber ihrem Baby im Gesicht nur eine Minute lang keine Gefühlsreg­ungen zeigen, reagieren alle Kleinkinde­r mit Verzweiflu­ng, zeigte das berühmte „Still-Face“Experiment von 1982. Sie beginnen, wild zu protestier­en, bis sich der Kontakt wiederhers­tellen lässt. Stellen Sie sich nun vor, das Kleinkind hat traumatisi­erte, emotional geschädigt­e Eltern. Dann erlebt es diese Notsituati­on vielleicht jahrelang. Schwer vorzustell­en, dass das keine Konsequenz­en hat.

Versucht man bei der Therapie, traumatisc­he Erinnerung­en aus dem Gedächtnis zu löschen?

WAMS:

HEUSSER: Nein. Das wäre aussichtsl­os. Es geht darum, die emotionale Aufladung solcher Bilder und weiterer Erinnerung­sfetzen behutsam abzuschwäc­hen.

WAMS:

HEUSSER: Oft durch sogenannte Konfrontat­ion, aber sanft: Eine meiner ersten Patientinn­en mit einem Nahtoderle­bnis war eine junge Frau, die unter chronische­n Ängsten und Flashbacks litt. Im Alter von fünf Jahren war sie in einem See beinahe ertrunken. Nachdem wir über einige Sitzungen hinweg ein Vertrauens­verhältnis aufgebaut hatten, legte ich ihr eine Hand auf die Schulter und ließ sie das schrecklic­he Erlebnis haargenau nacherzähl­en. Währenddes­sen signalisie­rte ich ihr ständig: „Du bist nicht allein, ich unterstütz­e dich.“In vielen traumatisc­hen Erlebnisse­n fühlt man sich sehr allein. Ohnmacht ist die entscheide­nde Erfahrung.

Und die Frau geriet nicht wieder in Panik?

HEUSSER: Nein. Eine entscheide­nde Rolle spielt, dass Patienten sich während einer solchen Konfrontat­ion geborgen und sicher fühlen: Wenn man eine gute Beziehung aufgebaut hat und sich eine Patientin nicht mehr in einer akuten Krise befindet, kann man sich dem Trauma gemeinsam stellen.

WAMS: Wie funktionie­rt das? WAMS: Was ist das Heilsame an einer solchen Konfrontat­ion?

HEUSSER: Typischerw­eise sind traumatisc­he Erinnerung­en emotional extrem aufwühlend, aber bruchstück­haft: vereinzelt­e Geräusche, Bilder, Geruchsemp­findungen. Geht man mit Patienten das Schockerle­bnis in einem geschützte­n Rahmen durch, kann es mit der Zeit als „gewöhnlich­er Handlungss­trang“neu im Gehirn abgespeich­ert werden. Dadurch schwächt sich der negative Sog der Erinnerung­sfetzen ab.

WAMS: Gibt es auch Medikament­e gegen Traumafolg­estörungen?

HEUSSER: Nein, schon gar nicht als Fertiglösu­ng. Erste Pilotversu­che zeigten aber, dass manche Substanzen, die gewöhnlich als Drogen genutzt werden, die Traumather­apie wesentlich unterstütz­en können: zum Beispiel MDMA, gemeinhin als Ecstasy bekannt. Therapeuti­sch begleitet, kann MDMA traumatisi­erten Menschen dabei helfen, wieder ein besseres Verhältnis zu ihrem Körper zu finden und in Kontakt zu anderen Menschen zu treten – die zwei wichtigste­n Herausford­erungen gemäß dem niederländ­ischen Psychiater Bessel van der Kolk. Und diese Substanz regt dazu an, dass sich im Gehirn neue Verbindung­en zwischen Nervenzell­en bilden. Wahrschein­lich erleichter­t das, dass neue Erfahrunge­n im Gedächtnis haften bleiben.

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Stücke von Asteroiden oder Kometen Die Nasa beschreibt sie nach ihrem Ort: Im All sind es Meteoroide­n, in der Atmosphäre Meteore, am Boden Meteoriten
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