Treffer aus dem All
1888 soll ein Meteorit im heutigen Irak einen Mann getötet haben. Solche Fälle sind extrem selten. Weit gefährlicher wären sogenannte City-Killer-Asteroiden – Himmelskörper, die eine Stadt verwüsten könnten
DDass ein Meteorit einen Menschen trifft, ist extrem unwahrscheinlich. Aber nicht ausgeschlossen. Denn immer wieder geraten kleine Bruchstücke von Asteroiden oder Kometen in die Erdatmosphäre. Die Nasa beschreibt diese nach ihrem Ort: Im All sind es Meteoroiden, in der Atmosphäre Meteore, am Boden Meteoriten. Meist verglühen sie unbemerkt. Einige wenige erreichen die Erde, fallen auf Felder, Hausdächer oder, in seltensten Fällen, offenbar auch auf Menschen. Ein Team um den türkischen Physiker Ozan Ünsalan will nun den frühesten bislang belegten tödlichen Meteoritentreffer identifiziert haben: einen Fall, bei dem einem Menschen im wörtlichen Sinne der Himmel auf den Kopf fiel – mit tödlichem Ausgang.
Im Sommer 1888 sind zwei Männer zur falschen Zeit am falschen Ort. Eigentlich wollen sie im Osten des Osmanischen Reiches einen Berg besteigen. Den Aufstieg beginnen sie in Sulaimaniyya, im heutigen Irak. Weit kommen sie nicht. Ein Meteorit, ein Gesteinsbrocken aus dem Sonnensystem, dringt in die Erdatmosphäre ein. Am Himmel erscheint er wie eine überdimensionierte Sternschnuppe, ein greller Feuerschweif. Die beiden Männer beobachten das Phänomen. Doch vor mehr als 130 Jahren wissen sie nicht, was sie da sehen und wie gefährlich es werden wird.
„Der Meteorit näherte sich“, sagt Ozan Ünsalan von der Ägäis-Universität im türkischen Izmir rückblickend. Noch in der Luft sei er auseinandergebrochen. Die Männer seien von den Bruchstücken getroffen worden. „Der eine war sofort tot, der andere wurde schwer verletzt“, sagt der Physiker, der dafür alte Quellen aus staatlichen türkischen Archiven ausgewertet hat. Sollte sich der Fall bestätigen, wäre es der früheste bislang dokumentierte Meteoritentote der Geschichte. Ünsalan hofft, im Archäologischen Museum von Istanbul sogar Überreste des Meteoriten aufzuspüren. Dort lagert eine umfangreiche Sammlung von Steinen zwischen 100 Gramm und einem Kilogramm Gewicht. Das Ziel der Wissenschaftler: die Bahn des Meteoriten zurückzuverfolgen und zu berechnen, woher der Brocken einst kam. Denn eines ist sicher: Er kam nicht allein.
DIVERSE SZENARIEN MÖGLICH Die Erde wird fortwährend aus dem All bombardiert – täglich, stündlich. Anfang März war über Deutschland ein Meteorit zu sehen, der später auf einem Hausdach in Koblenz einschlug. Von den meisten Treffern bemerken wir nichts. Jeden Tag rieseln viele Tonnen Material auf die Erde herab; größtenteils handelt es sich um Staub und kleinste Bruchstücke, die in der Atmosphäre verglühen.
Doch es gibt auch die großen Brocken. Am 30. Juni 1908, gegen 7.15 Uhr morgens, wurde in Russland eine Gegend im Gebiet Tunguska, in der heutigen Region Krasnojarsk, für immer verändert. Wahrscheinlich war ein Meteorit oder Asteroid in die Atmosphäre eingedrungen und dort explodiert. Die Druckwelle entwurzelte im Umkreis von 30 Kilometern nahezu alle Bäume. Gesicherte menschliche
Todesopfer sind nicht belegt; die Gegend war extrem dünn besiedelt. Bis heute gehört das Tunguska-Ereignis zu den großen Fällen der Himmelsforschung. Denn ein Einschlagskrater fehlt. Selbst wenn der Himmelskörper schon in der Luft explodiert sein sollte, müssten sich nach Ansicht mancher Forscher Spuren und Überreste finden lassen.
Deshalb halten einige Wissenschaftler auch ein anderes Szenario für möglich: dass es sich bei diesem „Treffer“eher um einen Streifschuss gehandelt habe. „Dieser Himmelskörper hat sich danach von der Erde entfernt“, vermutet Wladimir Pariew vom Lebedew-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau. Der Brocken umkreise nun die Sonne. „Das heißt, dass er sich jederzeit wieder der Erde nähern und sie treffen könnte.“Die Wahrscheinlichkeit dafür hat der Astrophysiker mit einmal in 50.000 Jahren berechnet – eine trügerische Sicherheit. „Wir wissen nicht, wann es wieder geschehen wird“, gibt Pariew zu bedenken. Nächstes Jahr, in tausend Jahren oder erst in 100.000 Jahren: „Es ist alles nur eine statistische Schätzung.“Ähnlich klingt es bei der US-Raumfahrtbehörde Nasa: „Was mich nachts wachhält, sind die Asteroiden, von denen wir noch gar nichts wissen“, sagte im Februar Kelly Fast, zuständig für Planetenverteidigung. Solche „City-Killer-Asteroiden“, so Fast, gebe es tatsächlich: Gesteinsbrocken, groß genug, um eine Stadt oder eine Region zu zerstören, aber klein genug, um von irdischen Teleskopen womöglich zu spät entdeckt zu werden. Ab welcher Größe ein Objekt genau in diese Kategorie fällt, ist unter Experten umstritten.
Einigkeit herrscht dagegen bei der Frage, was im Ernstfall zu tun wäre. Grundsätzlich stellen sich der Menschheit zwei Probleme: Erstens muss ein Gesteinsbrocken auf Kollisionskurs rechtzeitig als Gefahr erkannt werden. Zweitens muss es gelingen, ihn von seiner Bahn abzubringen. Mit dem ersten Problem kommt die Wissenschaft inzwischen vergleichsweise gut zurecht – zumindest bei den größten bekannten Objekten. Viele Asteroiden von einigen Hundert Metern Größe, die die Erdbahn kreuzen könnten, sind katalogisiert. Ihre Bahnen werden fortlaufend überwacht und lassen sich auf lange Sicht berechnen.
WAS TUN IM ERNSTFALL? Gefährlich sind jedoch auch deutlich kleinere Objekte. Schon ein Himmelskörper mit weniger als hundert Metern Durchmesser kann auf der Erde verheerende Schäden anrichten. Je kleiner ein Objekt, desto später wird es von Teleskopen erfasst – vor allem dann, wenn es auf einer ungewöhnlichen Bahn durchs Sonnensystem fliegt oder als Komet aus der Oortschen Wolke von weit außerhalb nach innen vordringt und daher noch nie beobachtet wurde.
Damit stellt sich die zweite Frage: Was tun im Ernstfall? Wehrlos ist die Menschheit nicht. Die naheliegendste Methode wirkt banal: wegschubsen. So archaisch diese Strategie klingt, womöglich würde schon ein kleiner Impuls genügen, um einen gefährlichen Himmelskörper aus der Bahn zu lenken. Dabei ist zunächst zweitrangig, aus welcher Richtung der Stoß erfolgt. „Wir könnten einen Asteroiden entweder von vorn treffen und ihn so abbremsen“, sagt der Astronom Andrew Rivkin von der Johns Hopkins University im US-Bundesstaat Maryland, „oder wir stoßen ihn von hinten an und beschleunigen ihn.“
Ob das funktioniert, wollen die europäische und die amerikanische Raumfahrtbehörde gemeinsam herausfinden. Esa und Nasa spielen ein solches Szenario im kleinen Maßstab durch. Dafür haben sie das Doppelasteroidensystem Didymos und Dimorphos ausgewählt, rund zehn Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Es besteht aus einem größeren Gesteinsbrocken von etwa einem Kilometer Durchmesser und einem kleineren von rund 150
Metern. Der kleinere umkreist den größeren, ähnlich wie der Mond die Erde umkreist.
Im September 2022 raste die US-Sonde „Dart“mit mehr als 20.000 Kilometern pro Stunde auf den kleineren der beiden Asteroiden zu. „Damit haben wir eine mögliche Bahnänderung eines Objekts simuliert, das sich im Anflug auf die Erde um die Sonne bewegt“, sagt der Luft- und Raumfahrtingenieur Eugene Fahnestock vom Jet Propulsion Laboratory. Ob die Idee trägt, soll nun der zweite Teil der Mission zeigen: Im November 2026 soll Europas Asteroidensonde „Hera“bei Didymos eintreffen. Vor Ort soll sie untersuchen, wie sich das System durch den Einschlag verändert hat. Wie groß ist der Krater? Wie viel Masse wurde aus dem Asteroiden herausgeschlagen? Asteroid getroffen, Kurs geändert: Im Modellfall hätte das die Erde retten können.
Für die Vermeidung eines irdischen „Armageddons“gilt vor allem: Zeit ist alles. Je früher ein herannahender Asteroid entdeckt wird, desto besser – für die Menschheit und, streng genommen, auch für den Asteroiden. Beide könnten überleben. „Je weiter ein solches Objekt noch entfernt ist, desto mehr Zeit haben wir, um zu reagieren – und desto leichter ist es“, sagt der theoretische Astrophysiker Dave Dearborn vom Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien. Je kleiner das Objekt, desto einfacher sei es, damit umzugehen. „Wenn wir es früh genug erkennen, müssten wir einem kleinen Asteroiden nur einen winzigen Schubs geben, um seine Bahn zu ändern.“
Eine andere Möglichkeit wäre, einen nuklearen Sprengsatz in seiner Nähe zu zünden. Die Energie der Explosion könnte Material auf der Oberfläche verdampfen; der dadurch entstehende Rückstoß könnte die Flugbahn ebenfalls leicht verändern. „Wichtig ist, den Asteroiden nicht zu sprengen“, betont Dearborn. Denn wäre die Explosion zu stark, würde der Gesteinsbrocken nicht abgelenkt, sondern in Tausende Teile zerrissen – von denen viele weiter Richtung Erde flögen. Auch kleinere Fragmente könnten verheerende Schäden anrichten. Mehr noch: Die Erde würde auf ihrer Bahn um die Sonne früher oder später durch diese Trümmerwolke ziehen. Weitere Einschläge wären die Folge. Dann hätte die Menschheit ihr eigenes „Armageddon“selbst ausgelöst.
WAS MICH NACHTS
WACHHÄLT, SIND
DIE ASTEROIDEN,
VON DENEN WIR NOCH
GAR NICHTS WISSEN
KELLY FAST, Nasa-Mitarbeiterin
Laufen nach einer Katastrophe die Kameras, sind häufig Trauma-Experten gefragt. Doch dort, wo seelische Verletzungen oft entstehen – bei häuslicher Gewalt, sexuellem Missbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit –, werden sie nach Ansicht des Zürcher Traumatherapeuten Marc Heusser noch immer zu häufig übersehen. Seit mehr als 20 Jahren behandelt er traumatisierte Kinder und Jugendliche.
Haben Sie auch den Eindruck, dass heute oft jede Kleinigkeit als „Trauma“bezeichnet wird?
WELT AM SONNTAG:
MARC HEUSSER: „Trauma“ist ein Modewort, keine Frage. Und gerade das ist Teil des Problems. Wenn ein Musterschüler in einer schriftlichen Arbeit einmal nur eine Vier erreicht, ist das definitiv nicht traumatisch. Echte Traumata, insbesondere nach Gewalterfahrungen oder jahrelanger Vernachlässigung, werden noch immer oft sträflich übersehen und die Opfer nicht ernst genommen.
Wie äußert sich das?
WAMS:
HEUSSER: Ein Beispiel: Letztes Jahr gab in einer Erhebung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) mehr als jeder Vierte von 1603 Jugendlichen aus Zürich im Alter von 12 bis 14 Jahren an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben – von schlüpfrigen Sprüchen über Exhibitionismus und Begrabschen bis hin zu erzwungener Penetration. Und eine frühere, ähnliche Untersuchung im Kanton Genf zeigte: Etwa jedes dritte Mädchen und jeder zehnte Junge hatten sexuelle Gewalt erlebt. Aber nur sehr wenige waren in psychotherapeutischer Behandlung. Dabei ist aus vielen Studien bekannt, dass gerade sexuelle Gewalt sehr oft eine Traumafolgestörung auslöst. Viele sogenannte Fachleute sind für dieses Thema nicht genügend sensibilisiert.
WAMS: Trauma ist also doch keine Modediagnose?
HEUSSER: Im Gegenteil. Verhält sich ein Kind in der Schule irgendwie auffällig, wird es sofort auf ADHS abgeklärt. Manche Psychotherapeuten tippen vielleicht auf Depressionen oder Autismus. Traumata dagegen haben die meisten nicht auf dem Schirm. Erst kürzlich wurde wieder ein 16-Jähriger zu mir geschickt: Verdacht auf ADHS. Schon in der ersten Sitzung erzählte er mir, dass er die ganze Kindheit über von seinem Vater und seiner Mutter verprügelt worden war. Er litt eindeutig an einer Traumafolgestörung.
Das ist sicher kein Einzelfall.
WAMS:
HEUSSER: Nein. 2024 kamen Forscher der Universität Greifswald in einer wissenschaftlichen Arbeit zum Schluss, dass von den 102 von ihnen untersuchten Psychiatriepatienten 17 an einer Traumafolgestörung litten, die bei der Diagnostik übersehen worden war. Und in meinen 20 Jahren als Therapeut habe auch ich mit unzähligen Kindern und Jugendlichen gearbeitet, bei denen ein Trauma lange nicht erkannt worden war.
Wie erklären Sie sich das?
WAMS:
HEUSSER: Eine Rolle spielt wahrscheinlich, dass manche Symptome denjenigen von ADHS gleichen, zum Beispiel
starke innere Unruhe oder Schwierigkeiten, ruhig zu sitzen.
WAMS: Was sind weitere typische Anzeichen?
HEUSSER: Sogenannte Dissoziationen: Der Körper der Betroffenen ist zwar anwesend, aber ihre Aufmerksamkeit geht gleichsam irgendwo spazieren. Bei einer Traumafolgestörung können solche Zustände Stunden andauern. Und es gibt viele weitere Arten von Dissoziation: Manche Betroffene fügen sich immer wieder selbst Wunden zu und nehmen den Schmerz dabei gar nicht wahr. Andere leiden unter sogenannten Flashbacks: bildlichen Erinnerungen an das Schockerlebnis, die sie plötzlich wieder einholen, besonders nachts.
WAMS: Bei manchen Betroffenen sollen Dutzende unterschiedliche Trigger solche Flashbacks auslösen. Stimmt das?
HEUSSER: Meistens ist die Anzahl der Auslöser geringer. Aber sie erschweren das Leben. Ein ehemaliger Patient von mir wurde durch einen Verkehrsunfall traumatisiert: Ein weißer Lieferwagen stieß sein Auto von einer Autobahnbrücke. Er lag drei Tage im Koma, kam beinahe ums Leben. Noch Jahre später war jede Autofahrt für ihn ein Horror. Denn weiße Lieferwagen sind im Straßenverkehr ja gefühlt überall.
Wie entsteht ein Trauma in unserem Gehirn eigentlich genau? HEUSSER: Bei großer Gefahr muss sich unser Organismus zwischen Kampf oder Flucht entscheiden. Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit. Die kommt ins Spiel, wenn wir uns völlig hilflos fühlen. Wir erstarren dann und stellen uns tot. Ein Schutzmechanismus, der wahrscheinlich evolutionsgeschichtliche Wurzeln hat: Bewegt sich ein Beutetier nicht mehr, verlieren Raubtiere manchmal das Interesse. 2021 hat das Schweizer Bundesgericht übrigens endlich anerkannt, dass Opfer bei sexuellen Übergriffen in einen solchen Zustand geraten können. Vergewaltiger können seither nicht mehr einfach behaupten: „Es gab keine Gegenwehr, also war der Sex einvernehmlich.“
WAMS: WAMS: Hat dieser Totstellreflex ungünstige Nachwirkungen auf die Opfer?
HEUSSER: Sehr häufig. Man drückt bei einer solchen sogenannten Thanatose bildlich gesprochen zeitgleich aufs Gaspedal und vollzieht eine Vollbremsung.
Das wäre auch für jedes Auto nicht gut. Menschen leiden in der Folge häufig unter Dissoziationen, chronischen Muskelverspannungen und Flashbacks – und ihr Nervensystem bleibt in einem ständigen Alarmzustand.
WAMS: Das bedeutet, die Betroffenen sind besonders anfällig für Stress?
HEUSSER: Nicht nur für Stress. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass sich 30 bis 40 Prozent aller Depressionen und mindestens 30 Prozent der Substanzabhängigkeiten auf ein frühes Trauma zurückführen lassen. Eine Studie deutscher Psychologen unter 156.807 Erwachsenen zeigte 2024 zudem, dass Menschen, die als Kinder ein Trauma erlebt haben, ein deutlich höheres Risiko für Angststörungen, Diabetes, Lungenleiden, Herzinfarkt und Krebserkrankungen tragen als Menschen ohne eine solche Vorbelastung. Und aus einer älteren, großen Überblicksstudie aus den USA ist bekannt, dass, wer früh traumatisiert wurde, als Erwachsener auch häufiger in Unfälle verwickelt wird und ein erhöhtes Risiko für sexuelle Übergriffe trägt.
WAMS: Erstaunlich, oder?
HEUSSER: Traumatisierten Menschen fällt es in der Regel schwer, gut für sich zu sorgen und Grenzen zu setzen. Insbesondere bei Bindungstraumata, die frühkindliche Wurzeln haben: Wird Kleinkindern zu wenig Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, halten sie das mit der Zeit für „normal“und kommen zur Überzeugung, dass sie es nicht anders verdienen. Das prägt dann oft auch das eigene Verhalten.
WAMS: Trauma ist in vielen Fällen also ein modernes Wort für eine schwere Kindheit?
HEUSSER: Es gibt sehr viele mögliche Auslöser von Traumata: Überfälle etwa, Kriegserfahrungen, Verkehrsunfälle, Folter, Lawinenunglücke, häusliche Gewalt – allein 2024 wurden in der Schweiz mehr als 21.000 solche Fälle bei der Polizei angezeigt, mehr als je zuvor, bei hoher Dunkelziffer –, sexuelle Übergriffe und Vernachlässigung in der Kindheit. Die gute Nachricht ist: Auch wer schwerste Belastungen erlebt hat, kann sich innerhalb von zwei bis drei Jahren mit professioneller Hilfe oft wieder gut stabilisieren. Krankenkassen und Sozialämter könnten mittelfristig also sehr viel Geld sparen, wenn man das Thema Trauma ernster nehmen würde.
WAMS: Brauchen nach einer Brandkatastrophe wie derjenigen von Silvester in Crans-Montana alle Augenzeugen so rasch wie möglich eine Traumatherapie?
HEUSSER: Das glaubten Psychologen lange: Therapeuten eilten an Unfallorte und ließen die Menschen erzählen. So wollte man Traumafolgestörungen vorbeugen. Inzwischen zeigen zahlreiche Fallstudien, dass solche sogenannten Debriefings sogar schädlich sein können. Einigen Menschen trichterte man auf diese Weise ihr Trauma wahrscheinlich sogar erst ein.
WAMS:
HEUSSER: Ob es zu einer Traumafolgestörung kommt, hängt auch sehr stark davon ab, wie viel Unterstützung man nach dem Schockerlebnis erfährt. Fühlen sich Opfer und Augenzeugen danach rasch wieder in Sicherheit und geborgen, sind die Prognosen sogar relativ gut. Manche Augenzeugen haben das Bedürfnis zu erzählen. Denen sollte man zuhören. Andere schweigen lieber. Die sollte man auf keinen Fall zu etwas drängen.
WAMS:
HEUSSER: In den Stunden unmittelbar nach einem schrecklichen Ereignis wird das Erlebte im Gedächtnis besonders intensiv umgeschichtet und mit anderen Inhalten verknüpft, haben Gehirnforscher herausgefunden. Verstärkt man während dieser sensiblen Phase – etwa durch ein Debriefing – die Erinnerung an die erlebte Angst, erhöht man das Risiko für eine Traumafolgestörung. Anfangs ist Ablenkung für die Betroffenen oft die beste Medizin, und sei es durch ein Videospiel.
Lässt sich die Stärke einer Traumafolgestörung messen?
WAMS:
Was ist die Alternative? Weshalb?
HEUSSER: Die Variation der Herzfrequenz ermöglicht bis zu einem gewissen Grad Rückschlüsse darauf, wie stark jemand traumatisiert wurde. Und der Pegel bestimmter Stresshormone im Blut liefert Anzeichen dafür, ob die Person noch Phasen der inneren Ruhe erlebt oder ob ihr Nervensystem permanent im Notfallmodus ist. Fragebögen messen über aktuelle und frühere Symptome zudem die bio-psycho-soziale Beeinträchtigung durch die Traumafolgestörung.
WAMS: Gibt es auch Menschen, die so stabil sind, dass sie unter keinen Umständen traumatisiert werden können?
HEUSSER: Das halte ich für unwahrscheinlich. Gemeinhin würde man ja zum Beispiel denken, dass Soldaten in einem Krieg extrem abgehärtet werden. Nach ihrer Rückkehr aus dem Vietnamkrieg aber litten Hunderttausende Veteranen der US-Army unter Flashbacks. Viele begingen Selbstmord. Vor diesem Hintergrund wurde die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) 1980 überhaupt erst als psychische Krankheit anerkannt.
Im internationalen Diagnosehandbuch ICD-10 gab es eine Traumafolgestörung. Die aktuelle Ausgabe ICD-11 beschreibt nun mehr als 20 trauma- und belastungsbezogene Störungsbilder. Wieso?
WAMS:
HEUSSER: Trauma ist mittlerweile wohl der am besten erforschte Bereich der psychischen Krankheiten. Wissenschaftler haben zum Beispiel herausgearbeitet, dass es, gerade was die Symptomatik betrifft, gewaltige Unterschiede gibt: Nach Verkehrsunfällen etwa sind Flashbacks besonders häufig. Nach sexuellen Übergriffen dagegen haben viele Opfer vor allem mit Selbsthass, Schamund Schuldgefühlen zu kämpfen. Sie fühlen sich minderwertig.
WAMS: Wieso richten sie ihre Wut nicht gegen den Aggressor?
HEUSSER: Während des Übergriffs haben sie sich als wehrlos erlebt. Das wirkt nach. Im Körper, das zeigt sich immer deutlicher, bleibt bei einem Trauma das Gefühl der Hilflosigkeit irgendwie gespeichert.
Kann man Traumata an seine Nachkommen vererben?
HEUSSER: In Tierversuchen ließ sich das nachweisen. Sowohl bei Mäusen, die man durch ein Schockerlebnis traumatisiert hatte, als auch bei deren Nachkommen, die keiner solchen Belastung ausgesetzt wurden, fanden Mikrobiologen für ein Trauma typische epigenetische Methylierungen – eine Art Feineinstellungen, die mit beeinflussen, ob bestimmte Gene aktiv werden oder eben nicht, und zwar über mehrere Generationen. Unstrittig ist, dass Traumata das Verhalten von Eltern oft enorm prägen. Menschen, die an einer Traumafolgestörung leiden, können ihre Emotionen oft nur schwer spüren und zum Ausdruck bringen. Das wirkt sich oft auf ihre Kinder aus.
WAMS: WAMS: Aber doch wohl nicht gleich traumatisch?
HEUSSER: Wenn Eltern gegenüber ihrem Baby im Gesicht nur eine Minute lang keine Gefühlsregungen zeigen, reagieren alle Kleinkinder mit Verzweiflung, zeigte das berühmte „Still-Face“Experiment von 1982. Sie beginnen, wild zu protestieren, bis sich der Kontakt wiederherstellen lässt. Stellen Sie sich nun vor, das Kleinkind hat traumatisierte, emotional geschädigte Eltern. Dann erlebt es diese Notsituation vielleicht jahrelang. Schwer vorzustellen, dass das keine Konsequenzen hat.
Versucht man bei der Therapie, traumatische Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu löschen?
WAMS:
HEUSSER: Nein. Das wäre aussichtslos. Es geht darum, die emotionale Aufladung solcher Bilder und weiterer Erinnerungsfetzen behutsam abzuschwächen.
WAMS:
HEUSSER: Oft durch sogenannte Konfrontation, aber sanft: Eine meiner ersten Patientinnen mit einem Nahtoderlebnis war eine junge Frau, die unter chronischen Ängsten und Flashbacks litt. Im Alter von fünf Jahren war sie in einem See beinahe ertrunken. Nachdem wir über einige Sitzungen hinweg ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatten, legte ich ihr eine Hand auf die Schulter und ließ sie das schreckliche Erlebnis haargenau nacherzählen. Währenddessen signalisierte ich ihr ständig: „Du bist nicht allein, ich unterstütze dich.“In vielen traumatischen Erlebnissen fühlt man sich sehr allein. Ohnmacht ist die entscheidende Erfahrung.
Und die Frau geriet nicht wieder in Panik?
HEUSSER: Nein. Eine entscheidende Rolle spielt, dass Patienten sich während einer solchen Konfrontation geborgen und sicher fühlen: Wenn man eine gute Beziehung aufgebaut hat und sich eine Patientin nicht mehr in einer akuten Krise befindet, kann man sich dem Trauma gemeinsam stellen.
WAMS: Wie funktioniert das? WAMS: Was ist das Heilsame an einer solchen Konfrontation?
HEUSSER: Typischerweise sind traumatische Erinnerungen emotional extrem aufwühlend, aber bruchstückhaft: vereinzelte Geräusche, Bilder, Geruchsempfindungen. Geht man mit Patienten das Schockerlebnis in einem geschützten Rahmen durch, kann es mit der Zeit als „gewöhnlicher Handlungsstrang“neu im Gehirn abgespeichert werden. Dadurch schwächt sich der negative Sog der Erinnerungsfetzen ab.
WAMS: Gibt es auch Medikamente gegen Traumafolgestörungen?
HEUSSER: Nein, schon gar nicht als Fertiglösung. Erste Pilotversuche zeigten aber, dass manche Substanzen, die gewöhnlich als Drogen genutzt werden, die Traumatherapie wesentlich unterstützen können: zum Beispiel MDMA, gemeinhin als Ecstasy bekannt. Therapeutisch begleitet, kann MDMA traumatisierten Menschen dabei helfen, wieder ein besseres Verhältnis zu ihrem Körper zu finden und in Kontakt zu anderen Menschen zu treten – die zwei wichtigsten Herausforderungen gemäß dem niederländischen Psychiater Bessel van der Kolk. Und diese Substanz regt dazu an, dass sich im Gehirn neue Verbindungen zwischen Nervenzellen bilden. Wahrscheinlich erleichtert das, dass neue Erfahrungen im Gedächtnis haften bleiben.