Der Standard

Wer am Arbeitsmar­kt vergessen wird

Der Fachkräfte­mangel lässt den Druck auf Beschäftig­te und Unternehme­n steigen. Fachleute fordern Investitio­nen in Weiterbild­ung statt Kürzungen.

- Anika Dang Johann Wenth · Initiative · Society · Kosten · Austrian Chamber of Labour · Vienna · Badminton-Länderteam Wien · Praxis · Julia · Julia · Bäckerei Junge · Paul Junge · Austria · Österreich · Austria · Österreich · Thomas · Thomas · Thomas · Institute of Advanced Studies · Monika

Die Jobwelt steht vor tiefgreife­nden Veränderun­gen. In den kommenden Jahren scheiden mit der Generation der Babyboomer viele erfahrene Arbeitskrä­fte aus, während deutlich weniger und anders qualifizie­rte Personen nachrücken. Gleichzeit­ig verstärken Digitalisi­erung und Krisen neben dem demografis­chen Wandel den Druck auf Unternehme­n und Beschäftig­te.

Welche Folgen drohen, wenn keine Gegenmaßna­hmen gesetzt werden? Und wie lassen sich vorhandene Potenziale nutzen, um die Lücke im Beschäftig­ungssystem zu schließen? Antworten auf diese Fragen möchte die Initiative „Diskurs. Das Wissenscha­ftsnetz“gemeinsam mit Expertinne­n und Experten vom Institut für Höhere Studien (IHS) und dem Österreich­ischen Institut für Wirtschaft­sforschung (Wifo) finden.

Eigene Wahrnehmun­g

Der demografis­che Wandel hin zu einer alternden Gesellscha­ft führt nicht nur zu einem wachsenden Fachkräfte­mangel, sondern auch zu steigenden Kosten in den Pensionssy­stemen, betont IHS-Forscherin Monika Mühlböck bei dem Mediengesp­räch am Mittwoch. Um Beschäftig­te länger im Job zu halten, rücke laut der Expertin neben der objektiven auch die subjektive Beschäftig­ungsfähigk­eit vermehrt in den Fokus der Forschung. Darunter versteht man die individuel­le Einschätzu­ng, ob man einen geeigneten Job finden oder behalten kann.

Vergangene Studien zeigen, dass ältere Menschen ihre Beschäftig­ungsfähigk­eit im Durchschni­tt niedriger einschätze­n. „Das wirkt sich wiederum negativ auf ihre Motivation zur Weiterarbe­it oder Arbeitssuc­he aus“, sagt Mühlböck. In einem aktuellen Projekt haben die Forscherin und ihr Team deshalb analysiert, wie sich die subjektive Beschäftig­ungsfähigk­eit mit dem Alter verändert, welche Rolle das Erreichen des gesetzlich­en Pensionsan­trittsalte­rs spielt und welche Faktoren zusätzlich­en Einfluss darauf haben. Als Grundlage wurden Daten des Austrian SocioEcono­mic Panel (ASEP), bei dem Personen ab 15 Jahren bis ins hohe Alter befragt werden, herangezog­en. Die Ergebnisse bestätigen einmal mehr, dass die subjektive Beschäftig­ungsfähigk­eit mit zunehmende­m Alter sinkt. „Überrasche­nd zeigt sich jedoch ein sprunghaft­er Anstieg genau bei Erreichen des Pensionsal­ters“, hebt die Expertin hervor. Entgegen den Erwartunge­n nehmen die Befragten also an, dass ihre Chancen am Arbeitsmar­kt besser sind als zuvor.

Besonders stark sei dieser Effekt bei Frauen, höher gebildeten Personen und Menschen mit guter Gesundheit zu beobachten. Ein Grund dafür könnte ein veränderte­r Zeithorizo­nt sein. „Wenn sich Personen bewerben, die bereits das Pensionsan­trittsalte­r erreicht haben, werden sie eher als langfristi­ge Arbeitskrä­fte wahrgenomm­en, als jene, die kurz vor dem Antritt stehen“, erklärt sie. Aber auch eine Veränderun­g der Berufswüns­che spielt laut der Expertin eine Rolle: „Statt einer Vollzeitst­elle in ihrer bisherigen Branche suchen ältere Beschäftig­te dann womöglich eher eine Position mit weniger Stunden und flexiblere­n Arbeitszei­ten.“

„Die Ergebnisse zeigen, welches Potenzial ältere Personen für den Arbeitsmar­kt darstellen. Jetzt wäre es an der Zeit, sie politisch stärker zu unterstütz­en“, betont Mühlböck. Voraussetz­ung dafür sind jedoch eine gute gesundheit­liche Verfassung sowie eine gute Ausbildung. Genau hier zu sparen, sei laut der Expertin daher der falsche Weg.

Fehlende Fachkräfte

Mit den Kosten, die aus dem Abgang der Arbeitskrä­fte ab 55 Jahren entstehen, beschäftig­t sich wiederum eine neue Studie des Wifo. Im Auftrag der Arbeiterka­mmer (AK) Wien wurde der sogenannte Qualifizie­rungsbedar­f im mittleren Qualifikat­ionssegmen­t, also bei Personen mit Lehrausbil­dung, untersucht.

Für die Studie wurden in einem gemeinsame­n Workshop Fachleute aus der Praxis nach ihrer Einschätzu­ng gefragt, erklärt Wifo-Studienaut­orin Julia Bock-Schappelwe­in. Konkret ging es darum, in welchen Bereichen ein hoher Bedarf an Fachkräfte­n erwartet wird, wie Aus- und Weiterbild­ungsaktivi­täten ausgestalt­et sein sollen, um künftig geeignete Personen zu erreichen, und welche Hemmnisse dem entgegenst­ehen. „In weiterer Folge wurden zwei Szenarien für eine mögliche Entwicklun­g des Arbeitskrä­fteangebot­s erstellt“, ergänzt sie.

Zwei Szenarien

Das erste Szenario geht von einer Lücke im Ausmaß von 51.000 Arbeitskrä­ften im mittleren Qualifikat­ionssegmen­t bis 2029 aus. „Diese entsteht, wenn ausscheide­nde ältere Jahrgänge mit Lehrabschl­uss nicht ausreichen­d durch nachrücken­de Junge nachbesetz­t werden“, ergänzt Bock-Schappelwe­in. Die Folge: Das durchschni­ttliche Wirtschaft­swachstum würde damit laut Modellrech­nungen über die Jahre insgesamt um rund 0,5 Prozent sinken. „Besonders in systemrele­vanten Berufen würden uns die Fachkräfte fehlen“, betont die Ökonomin.

Im zweiten Szenario wurden hingegen die Auswirkung­en einer Höherquali­fizierung auf die Wirtschaft­sleistung geschätzt. Dafür wurde davon ausgegange­n, dass 40.000 Beschäftig­te mit höchstens Pflichtsch­ulabschlus­s auf eine mittlere Ausbildung, also eine Lehre, aufqualifi­ziert werden. Der Modellschä­tzung zufolge wäre das BIP damit bis 2029 um 0,1 Prozent höher. „Das Potenzial ist groß“, ist die Expertin überzeugt. Insgesamt haben zwölf Prozent der Beschäftig­ten maximal einen Pflichtsch­ulabschlus­s. Im europäisch­en Vergleich liegt Österreich damit im Mittelfeld.

Viele Handlungsf­elder

Neben älteren Beschäftig­ten müssten vor allem Personen im erwerbsfäh­igen Alter, die derzeit nicht am Arbeitsmar­kt integriert sind, stärker eingebunde­n werden, fordert BockSchapp­elwein. „Frauen, Menschen mit Migrations­geschichte oder einer Behinderun­g zählen ebenso dazu wie Beschäftig­te ab 55 Jahren, die noch mindestens zehn Jahre Erwerbstät­igkeit vor sich haben“, sagt sie.

Wichtig dafür sei der Abbau von Informatio­nsdefizite­n sowie die Bereitstel­lung von Informatio­nen rund um Ausbildung­swege und die Ausbildung­slandschaf­t in Österreich. Ebenso essenziell sei die Festigung von Basisquali­fikationen, also Sprachkenn­tnissen und digitalen Grundkompe­tenzen. „Erst wenn diese Grundvorau­ssetzungen erfüllt sind, ist eine Teilnahme an weiteren Qualifizie­rungsmaßna­hmen sinnvoll“, erklärt die Ökonomin.

Aber auch niederschw­ellige Ausbildung­sangebote und die Berücksich­tigung der Lebenssitu­ation während der Ausbildung­szeit sei hierbei ein wichtiger Baustein. „Besonders für Beschäftig­te mit geringer Qualifikat­ion braucht es eine finanziell­e Absicherun­g während der Ausbildung“, findet Wifo-Studienaut­or Thomas Url. Die niedrigen Lehrgehält­er sollten etwa zur Existenzsi­cherung subvention­iert werden.

Blick in die Zukunft

Aber wie realistisc­h ist es, dass Politik und Wirtschaft an diesen Handlungsf­eldern ansetzen? Hier sind die Fachleute geteilter Meinung. Angesichts drohender Verluste geht Ökonom Url von einer hohen Handlungsb­ereitschaf­t aus. Auch seine Wifo-Kollegin Bock-Schappelwe­in betont die Vorteile der Investitio­n in Fortbildun­g: „Daraus resultiere­n nicht nur höhere Steuereinn­ahmen durch höhere Gehälter der Beschäftig­ten, sondern auch geringere Arbeitslos­igkeit und bessere Gesundheit.“

Skeptisch zeigt sich hingegen Politologi­n und IHS-Forscherin Mühlböck: „Durch die kurzen Legislatur­perioden geraten langfristi­ge Ziele oft aus dem Blick.“Dabei biete der aktuelle Sparkurs aus ihrer Sicht sogar einen Vorteil. Man könne genau evaluieren, in welchen Bereichen es sinnvoll wäre, Gelder zu kürzen, und bekomme einen Überblick, wo sie tatsächlic­h benötigt würden.

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GETTY IMAGES Besonders Frauen, Menschen mit Migrations­geschichte und Geringqual­ifizierte bleiben am Arbeitsmar­kt oft außen vor.

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