Wer am Arbeitsmarkt vergessen wird
Der Fachkräftemangel lässt den Druck auf Beschäftigte und Unternehmen steigen. Fachleute fordern Investitionen in Weiterbildung statt Kürzungen.
Die Jobwelt steht vor tiefgreifenden Veränderungen. In den kommenden Jahren scheiden mit der Generation der Babyboomer viele erfahrene Arbeitskräfte aus, während deutlich weniger und anders qualifizierte Personen nachrücken. Gleichzeitig verstärken Digitalisierung und Krisen neben dem demografischen Wandel den Druck auf Unternehmen und Beschäftigte.
Welche Folgen drohen, wenn keine Gegenmaßnahmen gesetzt werden? Und wie lassen sich vorhandene Potenziale nutzen, um die Lücke im Beschäftigungssystem zu schließen? Antworten auf diese Fragen möchte die Initiative „Diskurs. Das Wissenschaftsnetz“gemeinsam mit Expertinnen und Experten vom Institut für Höhere Studien (IHS) und dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) finden.
Eigene Wahrnehmung
Der demografische Wandel hin zu einer alternden Gesellschaft führt nicht nur zu einem wachsenden Fachkräftemangel, sondern auch zu steigenden Kosten in den Pensionssystemen, betont IHS-Forscherin Monika Mühlböck bei dem Mediengespräch am Mittwoch. Um Beschäftigte länger im Job zu halten, rücke laut der Expertin neben der objektiven auch die subjektive Beschäftigungsfähigkeit vermehrt in den Fokus der Forschung. Darunter versteht man die individuelle Einschätzung, ob man einen geeigneten Job finden oder behalten kann.
Vergangene Studien zeigen, dass ältere Menschen ihre Beschäftigungsfähigkeit im Durchschnitt niedriger einschätzen. „Das wirkt sich wiederum negativ auf ihre Motivation zur Weiterarbeit oder Arbeitssuche aus“, sagt Mühlböck. In einem aktuellen Projekt haben die Forscherin und ihr Team deshalb analysiert, wie sich die subjektive Beschäftigungsfähigkeit mit dem Alter verändert, welche Rolle das Erreichen des gesetzlichen Pensionsantrittsalters spielt und welche Faktoren zusätzlichen Einfluss darauf haben. Als Grundlage wurden Daten des Austrian SocioEconomic Panel (ASEP), bei dem Personen ab 15 Jahren bis ins hohe Alter befragt werden, herangezogen. Die Ergebnisse bestätigen einmal mehr, dass die subjektive Beschäftigungsfähigkeit mit zunehmendem Alter sinkt. „Überraschend zeigt sich jedoch ein sprunghafter Anstieg genau bei Erreichen des Pensionsalters“, hebt die Expertin hervor. Entgegen den Erwartungen nehmen die Befragten also an, dass ihre Chancen am Arbeitsmarkt besser sind als zuvor.
Besonders stark sei dieser Effekt bei Frauen, höher gebildeten Personen und Menschen mit guter Gesundheit zu beobachten. Ein Grund dafür könnte ein veränderter Zeithorizont sein. „Wenn sich Personen bewerben, die bereits das Pensionsantrittsalter erreicht haben, werden sie eher als langfristige Arbeitskräfte wahrgenommen, als jene, die kurz vor dem Antritt stehen“, erklärt sie. Aber auch eine Veränderung der Berufswünsche spielt laut der Expertin eine Rolle: „Statt einer Vollzeitstelle in ihrer bisherigen Branche suchen ältere Beschäftigte dann womöglich eher eine Position mit weniger Stunden und flexibleren Arbeitszeiten.“
„Die Ergebnisse zeigen, welches Potenzial ältere Personen für den Arbeitsmarkt darstellen. Jetzt wäre es an der Zeit, sie politisch stärker zu unterstützen“, betont Mühlböck. Voraussetzung dafür sind jedoch eine gute gesundheitliche Verfassung sowie eine gute Ausbildung. Genau hier zu sparen, sei laut der Expertin daher der falsche Weg.
Fehlende Fachkräfte
Mit den Kosten, die aus dem Abgang der Arbeitskräfte ab 55 Jahren entstehen, beschäftigt sich wiederum eine neue Studie des Wifo. Im Auftrag der Arbeiterkammer (AK) Wien wurde der sogenannte Qualifizierungsbedarf im mittleren Qualifikationssegment, also bei Personen mit Lehrausbildung, untersucht.
Für die Studie wurden in einem gemeinsamen Workshop Fachleute aus der Praxis nach ihrer Einschätzung gefragt, erklärt Wifo-Studienautorin Julia Bock-Schappelwein. Konkret ging es darum, in welchen Bereichen ein hoher Bedarf an Fachkräften erwartet wird, wie Aus- und Weiterbildungsaktivitäten ausgestaltet sein sollen, um künftig geeignete Personen zu erreichen, und welche Hemmnisse dem entgegenstehen. „In weiterer Folge wurden zwei Szenarien für eine mögliche Entwicklung des Arbeitskräfteangebots erstellt“, ergänzt sie.
Zwei Szenarien
Das erste Szenario geht von einer Lücke im Ausmaß von 51.000 Arbeitskräften im mittleren Qualifikationssegment bis 2029 aus. „Diese entsteht, wenn ausscheidende ältere Jahrgänge mit Lehrabschluss nicht ausreichend durch nachrückende Junge nachbesetzt werden“, ergänzt Bock-Schappelwein. Die Folge: Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum würde damit laut Modellrechnungen über die Jahre insgesamt um rund 0,5 Prozent sinken. „Besonders in systemrelevanten Berufen würden uns die Fachkräfte fehlen“, betont die Ökonomin.
Im zweiten Szenario wurden hingegen die Auswirkungen einer Höherqualifizierung auf die Wirtschaftsleistung geschätzt. Dafür wurde davon ausgegangen, dass 40.000 Beschäftigte mit höchstens Pflichtschulabschluss auf eine mittlere Ausbildung, also eine Lehre, aufqualifiziert werden. Der Modellschätzung zufolge wäre das BIP damit bis 2029 um 0,1 Prozent höher. „Das Potenzial ist groß“, ist die Expertin überzeugt. Insgesamt haben zwölf Prozent der Beschäftigten maximal einen Pflichtschulabschluss. Im europäischen Vergleich liegt Österreich damit im Mittelfeld.
Viele Handlungsfelder
Neben älteren Beschäftigten müssten vor allem Personen im erwerbsfähigen Alter, die derzeit nicht am Arbeitsmarkt integriert sind, stärker eingebunden werden, fordert BockSchappelwein. „Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte oder einer Behinderung zählen ebenso dazu wie Beschäftigte ab 55 Jahren, die noch mindestens zehn Jahre Erwerbstätigkeit vor sich haben“, sagt sie.
Wichtig dafür sei der Abbau von Informationsdefiziten sowie die Bereitstellung von Informationen rund um Ausbildungswege und die Ausbildungslandschaft in Österreich. Ebenso essenziell sei die Festigung von Basisqualifikationen, also Sprachkenntnissen und digitalen Grundkompetenzen. „Erst wenn diese Grundvoraussetzungen erfüllt sind, ist eine Teilnahme an weiteren Qualifizierungsmaßnahmen sinnvoll“, erklärt die Ökonomin.
Aber auch niederschwellige Ausbildungsangebote und die Berücksichtigung der Lebenssituation während der Ausbildungszeit sei hierbei ein wichtiger Baustein. „Besonders für Beschäftigte mit geringer Qualifikation braucht es eine finanzielle Absicherung während der Ausbildung“, findet Wifo-Studienautor Thomas Url. Die niedrigen Lehrgehälter sollten etwa zur Existenzsicherung subventioniert werden.
Blick in die Zukunft
Aber wie realistisch ist es, dass Politik und Wirtschaft an diesen Handlungsfeldern ansetzen? Hier sind die Fachleute geteilter Meinung. Angesichts drohender Verluste geht Ökonom Url von einer hohen Handlungsbereitschaft aus. Auch seine Wifo-Kollegin Bock-Schappelwein betont die Vorteile der Investition in Fortbildung: „Daraus resultieren nicht nur höhere Steuereinnahmen durch höhere Gehälter der Beschäftigten, sondern auch geringere Arbeitslosigkeit und bessere Gesundheit.“
Skeptisch zeigt sich hingegen Politologin und IHS-Forscherin Mühlböck: „Durch die kurzen Legislaturperioden geraten langfristige Ziele oft aus dem Blick.“Dabei biete der aktuelle Sparkurs aus ihrer Sicht sogar einen Vorteil. Man könne genau evaluieren, in welchen Bereichen es sinnvoll wäre, Gelder zu kürzen, und bekomme einen Überblick, wo sie tatsächlich benötigt würden.