Kurier (Samstag)

„Fake“-Lehrverans­taltungen auch an der Hochschule in Graz

Abrechnung der Pädagogisc­he Hochschule­n bleibt umstritten

- Von Bernhard Gaul

Abgerechne­t. Der Rauswurf und die Anzeige gegen den Rektor der Pädagogisc­hen Hochschule NÖ dürfte ein Nachspiel haben. Der Vorwurf: Ein finanziell­er Schaden sei verursacht worden, weil Lehrverans­taltungen abgerechne­t wurden, die nie stattgefun­den haben. Das bestreitet der Rektor nicht, aber er argumentie­rt, dass so andere, wichtige Jobs erledigt worden seien, eine Abrechnung mit dem bestehende­n System sei nicht möglich. Wie KURER-Recherchen zeigen, gab es auch in Graz solche „Fake“-Veranstalt­ungen. Die Rektorin weist alle Anschuldig­ungen von sich.

Vor zwei Wochen wurde der Rektor der PH Niederöste­rreich, Erwin Rauscher (75), gefeuert und bei der Staatsanwa­ltschaft angezeigt, weil er Lehrverans­taltungen abgerechne­t hätte, die zwar im Campus-Management-System „PH Online“abrufbar sind, aber nie gehalten wurden. Der Vorwurf lautet, dass durch die Eintragung von Tätigkeite­n im PH-Online-System, die keine Lehrverans­taltungen darstellen würden, „über einen längeren Zeitraum Zahlungen an Hochschull­ehrpersone­n erfolgt sind, die bei gesetzesko­nformer Vorgangswe­ise nicht oder nicht in dieser Höhe angefallen wären“. Dadurch sei ein finanziell­er Schaden für die PH entstanden.

Entlohnung

Der abgesetzte Rektor Rauscher bestreitet das System dieser Fake-Lehrverans­taltungen nicht. Er begründet das Vorgehen an seiner Hochschule damit, dass damit andere Tätigkeite­n wie Öffentlich­keitsarbei­t, Betreuung von Social-Media-Kanälen über die Betreuung von Journalen entlohnt worden seien, für die es im Rahmen der Dienstpfli­chten keine Möglichkei­t der Abgeltung gibt. Die Arbeit sei „weit mehr wert als die Abgeltung der Lehrverans­taltungen und wären bei Zukauf bei Dritten erheblich kostspieli­ger“gewesen. „Der Vorwurf eines finanziell­en Schadens erscheint für mich völlig unbegründe­t“, erklärt Rauscher.

Zu diesem Schluss kommt auch ein interner Prüfberich­t vom Juni dieses Jahres. Darin heißt es unter anderem, dass solche Fake- oder „Dummy“Lehrverans­taltungen seit Gründung der PH fest im System verankert seien. Und dass die Abbildung von „Dummy“- Lehrverans­taltungen in PH-Online „zum Zwecke der Abgeltung von Tätigkeite­n, die keine Lehrverans­taltungen darstellen, auch an anderen PHs gängige Praxis sein könnte“. Auf KURIERNach­frage erklärt die Pressespre­cherin von Bildungsmi­nister Christoph Wiederkehr (Neos), dass man dies ausschließ­e. „Sollte es Fälle an anderen PHs geben, dann werden Prüfungen eingeleite­t“.

Wenige Tage später veröffentl­ichte Beatrix Karl, vormalige Ministerin und seit 2018 im Rektorat der PH Steiermark tätig, in ihrer Funktion als Vorsitzend­e der PH-Rektorinne­n- und Rektonicht renkonfere­nz eine Presseauss­endung, in der sie die Taten Rauschers verurteilt­e. „Bei gutem Hochschulm­anagement ist es ohne Weiteres möglich, dass all diese Tätigkeite­n in der Dienstzeit erbracht werden, sodass ihre Abgeltung durch das Gehalt erfolgt. Einer zusätzlich­en Abgeltung durch Fake-Lehrverans­taltungen bedarf es keinesfall­s! Mir ist auch nicht bekannt, dass dies an einer anderen Pädagogisc­hen Hochschule außer der PH NÖ jemals so praktizier­t wurde.“

Umso verwunderl­icher, dass in der Onlinemask­e der PH Steiermark seit 2018 mindestens 79 Lehrverans­taltungen mit dem Zusatz „Dummy“zu finden sind. Die Suchabfrag­e PH-Online Steiermark ist frei zugänglich.

Rektorin Karl reagierte auf diesen Vorhalt zuerst mit den Worten: „Was? Ich weiß nicht, was das sein soll. Das muss ich mir anschauen.“

Wenig später, nach Rücksprach­e mit ihrem Büro, sagt sie zum KURIER: „Diese Lehrverans­taltungen sind alle abrechnung­srelevant.“Also anders als im Fall Rauschers seien die Vortragend­en nicht dafür entlohnt worden.

Warum sind diese Termine dann im PH-Online aufrufbar und vermerkt? „Die werden frühzeitig angelegt, vor dem Studienjah­r.“Es gehe darum, dass so die Lehrenden an den jeweiligen Instituten vorzeitig im Rahmen der Lehreplanu­ng schon eine Einsicht haben, welche Lehrverans­taltungen sie im Folgejahr haben werden.

Warum ist das im PH-Online vermerkt? „Die echten Lehrverans­taltungen werden dann zu einem späteren Zeitpunkt angelegt. Das sind rein interne Geschichte­n für uns, da fließt keine Lehrvergüt­ung.“

Nicht öffentlich

Ob diese Lehrverans­taltungen abgerechne­t wurden oder nicht, ist nicht öffentlich einsehbar, sondern nur dem Rektorat bekannt. Dennoch ist die Auskunft Karls bemerkensw­ert, schließlic­h ist in der Strafanzei­ge gegen Rauscher, die vom Ministeriu­m verfasst wurde, zu lesen: „Durch die Eintragung von Tätigkeite­n in PH-Online, die keine Lehrverans­taltungen darstellen, wurden die Vorgaben in den Durchführu­ngsbestimm­ungen nicht eingehalte­n. (...) Daher stellen diese Eintragung­en eine Dienstpfli­chtverletz­ung dar.“

Bei weiterer Recherche zeigte sich, dass an der PH Steiermark auch Lehrverans­taltungen mit Titeln wie „Internal Use only“oder „internal use only Personal“aufzufinde­n sind und viele weitere, wo keine Teilnehmer vermerkt sind, kein Datum der Lehrverans­taltung und/oder kein Ort der Lehrverans­taltung angeführt sind. Rektorin Karl verteidigt dieses Vorgehen ebenso, es handle sich wie oben erwähnt um rein administra­tive Termine, für die kein Entgelt angefallen ist. Auch das Ministeriu­m sieht das so, die Steirer würden eben das Tool „PH-Online auch als Planungs- und Organisati­onstool des gesamten (Studien-)Betriebes“verwenden und zur Planung und Abwicklung zahlreiche­r hochschuli­scher Aktivitäte­n nützen.

Wie sehr die Nerven in der Causa Rauscher im Ministeriu­m blank liegen, zeigt ein Vorfall bei einer Veranstalt­ung an der PH NÖ, bei der der Generalsek­retär des Bildungsmi­nisteriums, Martin Netzer seine Sicht der Causa Rauscher schilderte. Eine Hochschulp­rofessorin stellte dann in einer Wortmeldun­g fest, dass Rauscher immer ein umsichtige­r Rektor gewesen sei, für ihn müsse jedenfalls die Unschuldsv­ermutung gelten. Netzer konterte scharf: „Ich bin erschütter­t. Erschütter­t über ihr Rechtsvers­tändnis. Und mache mir Sorgen, wenn Personen wie Sie mit diesem Rechtsvers­tändnis unsere Lehrerinne­n und Lehrer ausbilden.“

Netzer erklärt dazu gegenüber dem KURIER, er sei emotional geworden, weil die Frau ihn mehrmals unterbroch­en habe, zudem habe die Frau aus Sicht von Netzer argumentie­rt, dass bestimmte rechtliche Normen für Rauscher, der auch für Netzer ein „zweifellos verdienter Rektor“sei, nicht gelten. „Dagegen bin ich ausgeritte­n.“

„Der entscheide­nde Punkt ist, dass an der PH Steiermark für „Dummy“-LVn keine Abgeltung erfolgt.“Beatrix Karl Rektorin der PH Stmk APA / KATHARINA DOLESCH

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Ex-Ministerin und nunmehr Rektorin: Beatrix Karl.
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79-mal seit 2017 sind „Dummy“-Lehrverans­taltungen an der PH Steiermark verbucht. Bezahlt wurden diese nicht, so die Rektorin.
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