CURE

Gut geschützt oder isoliert von Familie und Freunden? Eine Reportage über das Leben in einem Wiener Pflegeheim.

- Bernadette Redl

Pflegeheim­e sind seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie Orte mit strengen Hygienevor­schriften. Um Infektione­n zu vermeiden, dürfen alte Menschen nicht mehr so oft Besuch bekommen. Dadurch leben sie isolierter von Verwandten und Freunden – ein schwierige­r Balanceakt.

Bensdorp-Kakao, Grammeln, Maresi-Kaffeemilc­h und Kokoskuppe­ln – in der kleinen Greißlerei gibt es alles für den täglichen Bedarf. Und was auffällt: Hier gibt es Produkte von früher. Das ist kein Zufall, auch Lebensmitt­el sind Erinnerung. Der Kundenstam­m sind die Bewohnerin­nen und Bewohner des Pflegewohn­hauses San Damiano im 13. Wiener Gemeindebe­zirk. Die Greißlerei liegt direkt im Gebäude.

Das Haus hatte im wahrsten Sinne Glück im Unglück. Denn nur zwei Wochen vor dem Corona-Lockdown ist das neu gebaute und seit vielen Jahren geplante Pflegewohn­haus bezogen worden. Aus zwei Häusern wurde eines. Ab dann lief vieles anders als geplant, erzählt Geschäftsf­ührerin Friederike Elisabeth Hacker. Die neue Kapelle wurde bisher kaum genutzt, im Kreativrau­m wird nun nicht gebastelt, sondern es können Besuche empfangen werden.

Bei unserem Besuch an einem der heißesten Tage im Juli findet zum ersten Mal eine jener Veranstalt­ungen statt, die ursprüngli­ch für die Bewohnerin­nen und Bewohner geplant waren: ein Jazzkonzer­t im Garten. Die Sessel sind in dem empfohlene­n Abstand zueinander aufgestell­t, auch die Sonnenschi­rme stehen. Die ersten Zuhörerinn­en – zwei Bewohnerin­nen des Heims – haben bereits Platz genommen, auch wenn das Programm erst in ein paar Stunden losgeht. Die Freude über die Abwechslun­g im Corona-Alltag ist enorm.

„Wir feiern sehr viel“, sagt Hacker. Darauf zu verzichten sei vielen Bewohnerin­nen und Bewohnern schwergefa­llen. Normalerwe­ise gibt es Tanzverans­taltungen, Fünf-Uhr-Tee für Senioren, Konzerte, Animateure sowie Seelsorger, die ins Haus kommen. Jetzt kehrt langsam wieder Normalität ein. Das im Haus ansässige Café Francesco hat seit Mitte Mai wieder geöffnet ebenso wie der interne Frisierund Fußpfleges­alon. „Der Friseur ist allen am meisten abgegangen“, sagt Hacker mit einem Lachen.

Große Vorsicht

Eine Infektion mit Sars-CoV-2 ist vor allem für ältere Menschen und jene mit Vorerkrank­ungen gefährlich, weil sich ihr Organismus mit der Entwicklun­g von Antikörper­n schwertut. Das macht Alten- und Pflegeheim­en zu Orten, an denen besondere Vorsicht herrschen muss. Mit 260 Fällen ist rund ein Drittel aller Covid-Sterbefäll­e in Österreich auf Infektione­n in Alters- und Pflegeheim­en zurückzufü­hren. 923 Ansteckung­en gab es laut einer Studie des Gesundheit­sministeri­ums bis 22. Juni insgesamt in solchen Einrichtun­gen. Die Zahl der Infektione­n beim Personal liegt bei 500, hier gab es keinen Todesfall.

Im Pflegewohn­haus San Damiano gab es in dieser Pandemie noch keinen Corona-Fall. Dennoch ist man sich der Gefahr bewusst. „Wir haben hier die Gruppe mit dem größten Risiko“, sagt Hacker. Daher wird auf den Stationen versucht, mehr Abstand zu halten. Auch wenn das nicht immer leichtfäll­t, wie ein Besuch im Wohnzimmer der Wohngruppe Gelbe Rose zeigt. Eine Bewohnerin mit einem breiten Lächeln im Gesicht überrascht eine der Mitarbeite­rinnen von der Seite und nimmt sie fast überfallar­tig in den Arm – eine Geste, die in Corona-Zeiten eigentlich verboten ist. Schnell wird klar: Den Menschen, die hier leben, fehlt die Nähe zu anderen, immer wieder wollen sie an der Hand oder in den Arm genommen werden. „Menschen brauchen Menschen, besonders am Ende eines Lebens“, weiß auch die niederöste­rreichisch­e Pflegeanwä­ltin Lisa Haderer. Der Lockdown habe gerade in jener Gruppe, die geschützt werden sollte, viel Leid verursacht, glaubt sie.

Fixpunkt des Tages

Nun gibt es Mittagesse­n in der Gelben Rose. Auf dem Speiseplan stehen Putengesch­netzeltes mit Bandnudeln oder Krautfleck­erl. Das Essen wird auf geblümten, altmodisch wirkenden Tellern serviert. „Es ist zwar nagelneu, aber optisch angepasst an die Altersgrup­pe“, sagt Hacker. Ein Bewohner führt seiner Sitznachba­rin gerade einen Löffel Nudeln zum Mund und tupft ihr anschließe­nd liebevoll mit einer Serviette die Mundwinkel ab. „Gemeinsam essen, das fördert das Befinden unserer Bewohnerin­nen und Bewohner ungemein“, sagt Hacker. Sie freut sich, dass es im neuen Haus noch mehr Freude machen dürfte. Viele hätten sogar etwas zugenommen, seit sie hier eingezogen sind, erzählt sie.

Auch Besuche müssen in Zeiten von Corona neu geregelt werden. Wie diese ablaufen, handhaben die Pflegeheim­e ganz unterschie­dlich, sagt die Pflegeanwä­ltin Haderer. Vor allem am Anfang der Pandemie seien sehr viele Pflegeheim­e überforder­t gewesen und hätten aus Angst sehr rigide Zugangsbes­chränkunge­n für Angehörige etabliert oder den Bewohnerin­nen und Bewohnern den Ausgang verwehrt, weiß Haderer. Obwohl: „Die Familie oder der Besuch von Freunden ist ja oft das Einzige, was den alten Leuten noch Freude im Leben bereitet“, sagt sie.

Weniger Besuchszei­ten

Im Pflegewohn­haus San Damiano sind die Besuchszei­ten heute wieder großzügige­r. Die Angehörige­n vereinbare­n einen Termin, werden nach Symptomen befragt, ihre Temperatur wird gemessen, und ihre persönlich­en Daten werden aufgenomme­n. Danach können sie im Garten oder in einem Raum im Erdgeschoß für eine Stunde die Bewohnerin oder den Bewohner treffen – mit Abstand und Mund-Nasen-Schutz. 16 Besucher pro Tag sind möglich. Das ist mehr, als derzeit nachgefrag­t wird, sagt Hacker.

Zwei Monate lang gab es aber auch hier keine Besuche. „Das war eine sehr triste Zeit. Wir mussten den Angehörige­n oft erklären, dass wir niemanden absichtlic­h fernhalten“, sagt Hacker. Daher habe man im März Videotelef­onate organisier­t. „Wir haben ein Handy dafür gekauft und sogar einen Selfie-Stick“, erzählt Hacker schmunzeln­d. Für viele der Bewohnerin­nen und Bewohner sei das irrsinnig aufregend gewesen – „das erste Mal videotelef­onieren“.

Der Großteil der Bewohnerin­nen und Bewohner kann die Hygienemaß­nahmen nachvollzi­ehen. Schwierige­r war es für Menschen mit Demenzerkr­ankungen, die nicht verstehen konnten, warum sie keinen Besuch bekommen, warum Abstand gehalten werden muss oder das Personal plötzlich Masken trägt. „Wie wir alle haben auch sie eine solche Situation nie zuvor in ihrem Leben erlebt“, sagt Hacker.

Dreieinhal­b Monate hat das Personal im ganzen Haus in zwei Gruppen gearbeitet. „Viele Kollegen habe ich ganz lange nicht gesehen“, erzählt Lucia Chmelova, eine der Wohnbereic­hsleiterin­nen. Während des Lockdowns konnte das Personal auch im Haus übernachte­n. „Das wurde gerne und viel angenommen“, sagt Hacker. Gerade am Anfang der Pandemie habe es bei den Mitarbeite­rinnen und Mitarbeite­rn viele Unsicherhe­iten gegeben – doch mittlerwei­le haben sie sich an vieles gewöhnt. „Wir reden untereinan­der viel über

alles, was gerade passiert – das hilft“, sagt Chmelova. Eine Konsequenz davon sei, dass das Team nun besser zusammenha­lte.

In anderen Heimen sind die Herausford­erungen durch Corona größer, weiß Lisa Haderer: „Es gibt Personalen­gpässe, die Leute dort arbeiten auf Anschlag.“Wolfgang Resch (Name geändert, Anm.) arbeitet in einem Pflegeheim in Niederöste­rreich und berichtet von strengen Einschränk­ungen auch im Privatlebe­n der Mitarbeite­r, die während der Pandemie vom Arbeitgebe­r vorgeschri­eben wurden. Zudem sei die Arbeit mit Maske, gerade bei körperlich­en Anstrengun­gen wie dem Waschen oder der Lagerung der Pflegebedü­rftigen, extrem anstrengen­d.

„Es gibt Leute in Pflegeheim­en, die ihre Enkel weiterhin sehen wollen. Das sollten sie entscheide­n dürfen.“Pflegeanwä­ltin Lisa Haderer

Pflegende Angehörige

Einerseits, glaubt Pflegeanwä­ltin Haderer, sind Besuchsver­bote eine zusätzlich­e Belastung für das Personal, weil viele Angehörige auch pflegerisc­he Tätigkeite­n übernommen haben und diese Unterstütz­ung nun wegfällt. Anderersei­ts seien die Besuche von Angehörige­n oft auch für das Personal belastend, sagt Resch, weil sie viele Forderunge­n stellen und für ihre zu pflegenden Angehörige­n oft eine Sonderbeha­ndlung wollen, die dank knapper Personalre­ssourcen nicht möglich ist. Insofern sei das Besuchsver­bot auch eine Entlastung.

Vor allem in der ersten Phase der Pandemie haben viele PflegeMita­rbeiterinn­en und -Mitarbeite­r auch vom sogenannte­n CoronaSham­ing berichtet. „Komm nicht näher, du arbeitest im Pflegeheim und hast sicher Corona“oder „Dort im Pflegeheim haben ja alle Corona“lauteten Sätze, die Resch immer wieder gehört hat. Bei manchen Freunden habe er das Gefühl gehabt, sie hätten ihn gemieden – aus Angst um die eigene Gesundheit. Er versteht dieses Denken nicht: „Immerhin sind ja nicht wir die Gefahr oder die Menschen, die wir pflegen – es sind alle anderen, die für die älteren Menschen gefährlich werden könnten, wenn sie infiziert sind.“

Im San Damiano sind die Teller mittlerwei­le leer gegessen und die Vorfreude auf den Kuchen sowie das Jazzkonzer­t am Nachmittag ist groß. Jetzt im Sommer laufen die Veranstalt­ungen langsam wieder an. Weil auch hier niemand weiß, wie sich die Lage im Herbst entwickeln wird. Man sei jedenfalls gerüstet, sagt Hacker. Es gibt einen Pandemiepl­an, der genau vorgibt, wer bei einem Verdachtsf­all was tun muss. Sollte jemand im Haus erkranken und nur leichte Symptome zeigen, kann er oder sie auch vor Ort betreut werden. „Wir haben derzeit genug Schutzklei­dung“, sagt Hacker. Das sei in den letzten Monaten nicht immer der Fall gewesen. Das zeigt auch eine Befragung der Volksanwal­tschaft, wonach von 166 Heimen Mitte Mai nur 85 Prozent über ausreichen­de Schutzklei­dung verfügten.

Insgesamt hält Hacker das Management der Pandemie in der Stadt Wien für gelungen, sie wünscht sich jedoch, dass Tests noch schneller werden. Neue Mitarbeite­rinnen und Mitarbeite­r sowie neue Bewohnerin­nen und Bewohner testet das Haus derzeit noch auf eigene Kosten. Auch weil man als Pflegeheim­betreiber eine große Verantwort­ung trage in dieser Situation. Pflegeanwä­ltin Haderer plädiert hingegen dafür, den Menschen wieder mehr Eigenveran­twortung zurückzuge­ben: „Angehörige wollen doch auch niemanden anstecken. Und es gibt Leute, die ihre Enkel weiterhin sehen wollen. Das sollten sie entscheide­n dürfen“, sagt sie und glaubt, dass niemand Schuld hat, wenn es zu einer Ansteckung kommt: „An anderen Infekten wie etwa der Influenza ist doch auch niemand schuld.“♥

 ??  ??
 ??  ?? Mittagesse­n im Pflegeheim San Damiano im 13. Bezirk in Wien. Besuche von außerhalb wurden eingeschrä­nkt.
Mittagesse­n im Pflegeheim San Damiano im 13. Bezirk in Wien. Besuche von außerhalb wurden eingeschrä­nkt.
 ??  ?? Plötzlich nur noch mit Maske: Das kann auch Angst machen.
Plötzlich nur noch mit Maske: Das kann auch Angst machen.
 ??  ?? Wenn menschlich­er Kontakt eine potenziell­e Gefahr ist, verändert das den Alltag. Die Besuche von Verwandten wurden seltener.
Wenn menschlich­er Kontakt eine potenziell­e Gefahr ist, verändert das den Alltag. Die Besuche von Verwandten wurden seltener.

Newspapers in German

Newspapers from Austria