Bar­bie 2.0

Er­kun­dung

Datum - - Inhalt - Text: Tan­ja Wie­ser · Fo­to­gra­fie: Mar­tin Va­len­tin Fuchs

Sex­pup­pen sind leist­bar und ge­fü­gig. Was macht das mit uns?

Sex­pup­pen sind leist­bar und ge­fü­gig. Was macht das mit uns?

Na­di­ne liegt am un­be­zo­ge­nen Bett, das nicht mehr so wei­ße Lein­tuch zu­sam­men­ge­fal­tet ne­ben ihr, zwi­schen sich und der Ma­trat­ze ei­ne tür­ki­se Woll­de­cke. Schwar­ze Netz­strümp­fe um­hül­len die lan­gen Bei­ne. Ih­re Brüs­te he­ben sich von ih­rem schlan­ken Kör­per ab. Lan­ges, rot­brau­nes Haar fällt ver­spielt auf ihr De­kol­le­té. Gel­nä­gel zie­ren ih­re klei­nen, ver­bo­ge­nen Fin­ger. Ih­re Au­gen­far­be ist im Rot­licht nicht er­kenn­bar, ihr Blick ist leer.

Im herbst­lich küh­len Hin­ter­hof ei­nes Wohn­hau­ses im zehn­ten Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk be­fin­den sich, ne­ben Müll­ton­nen, Fahr­rä­dern und ei­ner pro­vi­so­ri­schen Wä­sche­lei­ne, auch die mit nas­sen Blät­tern be­deck­ten St­ein­stu­fen zum Hin­ter­ein­gang des ›Stu­dio La­lo­li­ta‹, das Do­mi­nik lei­tet. Der Bor­dell­päch­ter will nicht mit vol­lem Na­men in der Zei­tung ste­hen, öff­net aber die Tür in den Emp­fangs­raum mit drei ro­ten Le­der­so­fas, ei­nem Glas­tisch und ei­nem Fern­se­her. Auf die Empfehlung ei­nes Kol­le­gen hin hat er sich ei­ne Sex­pup­pe an­ge­schafft. 2000 Eu­ro hat Na­di­ne ge­kos­tet, die Lie­fe­rung aus der Schweiz muss­te Do­mi­nik ex­tra zah­len. ›Wenn's gut geht, hat sie zwei bis drei Kun­den am Tag. Wenn's schlecht läuft, viel­leicht vier bis fünf in der Wo­che.‹

Die Pup­pe ist mit ih­rem An­ge­bot von 60 Eu­ro pro St­un­de ein Schnäpp­chen, ver­gli­chen mit den 100 Eu­ro für ei­ne ech­te Frau. Sie hat ei­nen Stamm­kun­den, der sie wö­chent­lich be­sucht und kein In­ter­es­se an den Pro­sti­tu­ier­ten zeigt. Vie­le wol­len sich die Pup­pe nur an­se­hen und ge­hen nach 20 Mi­nu­ten wie­der. Die ›Mä­dels‹, wie Do­mi­nik sei­ne Pro­sti­tu­ier­ten nennt, schla­fen teil­wei­se auch im Stu­dio, und Na­di­ne muss die Nacht bei ei­ner von ih­nen im Zim­mer ver­brin­gen. Na­di­ne mag für man­che Män­ner ei­ne Lieb­ha­be­rin sein, die ›Mä­dels‹ fin­den sie eher gru­se­lig. Eins paar von ih­nen wä­ren aber zu ei­ner Me­na­ge à trois mit der Pup­pe und ei­nem Kun­den be­reit. Der Wunsch wur­de noch von kei­nem ge­äu­ßert. Die Wün­sche der Frei­er be­zo­gen sich bis da­to auf an­de­re Din­ge. Ei­ner der Kun­den frag­te et­wa, ob er Na­di­ne schla­gen dür­fe. Do­mi­nik be­jah­te, er­such­te ihn aber, es im Rah­men zu hal­ten. ›Weißt eh, da­mit nicht der Schä­del her­um­fliegt.‹ Ein an­de­rer hat Na­di­ne Kratz­spu­ren zu­ge­fügt. Oh­ne vor­her der­ar­ti­ge Wün­sche kund­zu­tun.

Sex­pup­pen

sind heu­te kein Ni­schen­phä­no­men mehr. Man fin­det sie im­mer häu­fi­ger in Bor­del­len, und auch die Zahl ih­rer Pri­vat­ei­gen­tü­mer steigt. Wie soll ei­ne Ge­sell­schaft, die sich selbst als li­be­ral be­trach­tet, da­mit um­ge­hen, dass man sich das Ab­bild je­des be­lie­bi­gen Men­schen als Sex­pup­pe be­stel­len und nach Hau­se lie­fern las­sen kann? Und was be­deu­tet es, wenn die­se Ab­bil­der bald auch noch ›le­ben­dig‹ wer­den, spre­chen und sich be­we­gen – zugleich aber buch­stäb­lich al­les wi­der­stands­los mit sich ma­chen las­sen?

Do­mi­nik lehnt sich ge­gen die Wand und schlägt ein Bein über das an­de­re. Die Wän­de des Eta­blis­se­ments sind mit ei­ner Le­der­print-Ta­pe­te aus­ge­klei­det, auch die in Na­di­nes Zim­mer. Do­mi­nik schaut auf sein Smart­pho­ne. Ver­mut­lich fällt er gera­de noch ins Mil­le­ni­al-Al­ter. Mit dem Han­dy deu­tet er auf die Kis­te in der Ecke: ›Da ha­ben wir so Rei­ni­gungs­sets, Pfle­ge­cre­men und Ac­ces­soires.‹ Nach je­dem Kun­den er­folgt ei­ne In­tim­spü­lung bei Na­di­ne, ge­ba­det wird sie auch ab und zu. ›Da­mit sie halt ge­schmei­dig bleibt!‹ Ein Grin­sen huscht über Do­mi­niks Lip­pen. Er trägt Jog­ging­ho­se und T-Shirt. Sei­ne hell­brau­nen Haa­re sind mit der Län­ge sei­nes Drei­ta­ge­barts ab­ge­stimmt. Oder glück­li­cher Zu­fall.

Do­mi­nik denkt dar­über nach, ei­ne zwei­te Sex­pup­pe zu kau­fen. Die­ses Mal will er sie nicht aus der Schweiz schi­cken las­sen, son­dern viel­leicht di­rekt in Wien bei ›Re­al

Com­pa­ni­on‹ er­wer­ben. Der Sex­pup­pen­ver­käu­fer hat vor ei­nem Jahr im drit­ten Stock ei­nes Alt­baus in Hiet­zing ei­nen Schau­raum für sein Un­ter­neh­men ein­ge­rich­tet. Kun­den wer­den im Emp­fangs­be­reich mit ei­nem Ge­tränk be­grüßt und kön­nen im Raum da­ne­ben drei Pup­pen­mo­del­le be­gut­ach­ten. Sie glei­chen ein­an­der sehr: vol­le Lip­pen, lan­ges Haar, über­di­men­sio­na­ler Bu­sen, lan­ge Bei­ne. Auf ei­ner brau­nen Sitz­gar­ni­tur aus Le­der wer­den sie in Sze­ne ge­setzt, als sä­ßen sie bei ei­nem Kaf­fee­kränz­chen. Po­ten­zi­el­le Käu­fer dür­fen die Pup­pen an­fas­sen und be­kom­men so ei­ne Vor­stel­lung von ih­rer zu­künf­ti­gen Lieb­ha­be­rin. Die Dolls von ›Re­al Com­pa­ni­on‹ wer­den al­le maß­ge­fer­tigt. Kun­den kön­nen ih­re Pup­pen selbst de­si­gnen, bis auf das kleins­te De­tail. We­spen­tail­le oder Ba­by­bauch, 150 ver­schie­de­ne Köp­fe, Fin­ger­nä­gel, Tat­toos, etc. Es gibt so­gar zwei Va­gi­na­va­ri­an­ten: den bil­li­gen Schlauch zum Raus­neh­men so­wie die La­bia, die ei­nem ech­ten Men­schen nach­emp­fun­den wur­de und fest in den Kör­per ver­gos­sen ist. ›Von der au­ßer­ge­wöhn­lichs­ten schwar­zen Haut­far­be bis hin zu El­fen­oh­ren ist al­les mög­lich. Es gibt auch Leu­te, die Gno­me wol­len‹, er­klärt Jo­sef Le, der mit ›Re­al Com­pa­ni­on‹ seit 2017 Sex­pup­pen in Ös­ter­reich ver­treibt. Er lacht herz­haft. Durch die jetzt er­kenn­ba­ren Lach­fal­ten sieht er aus wie An­fang vier­zig. Sei­ne schwar­zen Haa­re wer­den von ei­nem Mit­tel­schei­tel ge­teilt. Sie rei­chen bis un­ter sei­ne Au­gen und fal­len ihm bei klei­nen Be­we­gun­gen ins Ge­sicht. ›Wenn sich je­mand in ei­ne Frau ver­liebt hat und uns ein Fo­to bringt, kön­nen wir auch ei­ne Pup­pe mit ih­rem Aus­se­hen kre­ieren. Es gibt kein ‚Nein' in der Bran­che,› sagt Le. Nur der Kauf von Kin­ders­ex­pup­pen sei für Pri­vat­kun­den bei Com­pa­ni­on nicht mög­lich. Den­noch wer­den Dolls mit ei­ner Grös­se von 148 cm mit ju­gend­li­chem Ge­sicht an Lauf­häu­ser und Bars ver­kauft, da­mit die­se al­le Fe­ti­sche der Sex­bran­che ab­de­cken kön­nen. ›Das ist noch ver­tret­bar, klei­ner geht es nicht,‹ meint Le. Ei­ne ›Te­e­nie-Doll‹ hat er et­wa dem Lauf­haus Vi­en­na ver­kauft, das ein ei­ge­nes Pup­pen­haus be­treibt: ›Ich fin­de, wir ha­ben schon ei­nen gro­ßen Nut­zen ge­bracht, wenn Pä­do­phi­le mit Pup­pen schla­fen kön­nen, an­statt mit Kin­dern.›

Kath­le­en Richard­son glaubt nicht an den Nut­zen von Sex­pup­pen in Form von The­ra­pie. Nicht in Be­zug auf Pä­do­phi­lie und auch nicht in an­de­ren Be­rei­chen. Sie ist Pro­fes­so­rin für Ethik und Kul­tur von Ro­bo­tern und Künst­li­cher In­tel­li­genz an der De Mont­fort Uni­ver­si­tät in Leices­ter und hat die ›Kam­pa­gne ge­gen Sex­ro­bo­ter‹ ge­star­tet. ›Wenn ei­ne Per­son an ei­ner so­zia­len Angst­stö­rung lei­det, wird sie mit ei­ner Pup­pe nicht ler­nen, da­mit um­zu­ge­hen. The­ra­pie soll ein Pro­blem in ei­ner Per­son an­spre­chen. Das kön­nen Pup­pen nicht›, sagt Richard­son. Die Ethi­ke­rin will sie al­le ver­bo­ten se­hen: ›In Form von Frau­en und Mäd­chen. Ich bin auch nicht für männ­li­che Sex­pup­pen, aber es ist nicht das­sel­be, ob wir über Män­ner oder Frau­en spre­chen‹. Män­ner hät­ten sich ei­ne In­dus­trie kre­iert, die ih­nen Zu­gang zu weib­li­chen Kör­pern er­mög­li­che.

Die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten sind den Be­mü­hun­gen, sie ge­setz­lich ein­zu­schrän­ken, al­ler­dings weit vor­aus. Und da­bei er­weist sich die Sex-In­dus­trie nicht zum ers­ten Mal als In­no­va­ti­ons­mo­tor: Die ers­te VHS-Kas­set­te war ein Por­no, erst ein Jahr spä­ter er­schien ein Hol­ly­wood-Film in die­sem For­mat. Auch On­li­ne-Strea­m­ing und Vi­deochats ent­spran­gen der Por­no­bran­che, be­vor sie jen­seits von se­xu­el­ler Nut­zung mas­sen­taug­lich wur­den. Zur­zeit ar­bei­tet die In­dus­trie an Vir­tu­al Rea­li­ty-Por­nos und im­mer rea­ler er­schei­nen­den Sex­pup­pen be­zie­hungs­wei­se Sex­ro­bo­tern, ih­ren ›in­tel­li­gen­ten› Pen­dants. Auch das, so mei­nen Apo­lo­ge­ten des Fort­schritts, könn­te nur der ers­te Schritt zu ei­ner viel­fäl­ti­ge­ren Nut­zung men­schen­ähn­li­cher Ro­bo­ter sein.

Die Por­no­in­dus­trie wä­re das Nächs­te, das Pro­fes­sor Richard­son in An­griff neh­men wür­de, soll­te sie ihr Ziel er­rei­chen und Sex­pup­pen wä­ren ver­bo­ten. ›Ich bin Abo­li­tio­nis­tin. Ich will Prak­ti­ken der Ent­mensch­li­chung ab­schaf­fen. Frau­en wer­den als For­men von se­xu­el­lem Be­sitz ge­se­hen, al­so will ich al­le In­dus­tri­en be­sei­ti­gen, in de­nen das pas­siert. Das ist die Grund­la­ge für un­se­re Frei­heit.‹

Spä­tes­tens an die­sem Punkt wird es kom­pli­ziert. Mehr Frei­heit durch ri­go­ro­se Ver­bo­te im Na­men des Schut­zes von Frau­en? Wenn Kath­le­en Richard­son in Fahrt kommt, dann kann es pas­sie­ren, dass sie eher pu­ri­ta­nisch als fe­mi­nis­tisch klingt. Ging es bei der Frei­heit, die Fe­mi­nis­mus meint, aber nicht auch ein­mal um se­xu­el­le Frei­heit, um das Spren­gen ri­gi­der, kon­ser­va­ti­ver Moral­vor­stel­lun­gen? Sind wir in den li­be­ra­len Ge­sell­schaf­ten nicht gera­de erst so weit ge­kom­men, uns von Staat, Kir­che und an­de­ren Au­to­ri­tä­ten nicht mehr vor­schrei­ben zu las­sen, wann, wie und mit wem wir Lust emp­fin­den?

Als

Bea­te Uh­se 1962 in Flens­burg den ers­ten Sex­shop der Welt grün­de­te, war es ei­ne Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on des ›Köl­ner Män­ner­ver­eins zur Be­kämp­fung öf­fent­li­cher Un­sitt­lich­keit‹, der sie als Ers­tes an­zeig­te. Da­mals wa­ren die Fron­ten noch klar ge­zo­gen: hier die fe­mi­nis­ti­sche Un­ter­neh­me­rin, die ne­ben Auf­klä­rungs­bro­schü­ren auch Sex­spiel­zeug ver­treibt, um Frau­en ei­ne er­füll­te­re Se­xua­li­tät und mehr Un­ab­hän­gig­keit zu er­mög­li­chen; dort die kon­ser­va­ti­ven Män­ner­bün­de, die den Un­ter­gang des Abend­lan­des und das En­de der bür­ger­li­chen Ehe her-

Pup­pen mit ei­ner Kör­per­grö­ße von 148 cm? Es gibt kein Nein in der Bran­che.

an­d­räu­en se­hen, wenn der männ­li­che Phal­lus durch ei­nen Kunst­stoff­dil­do er­setz­bar wird.

Den Ver­gleich zwi­schen Dil­dos und Sex­pup­pen weist Pro­fes­sor Richard­son al­ler­dings ent­schie­den zu­rück, der Un­ter­schied lie­ge in der Wahr­neh­mungs­ver­zer­rung: ›Ein Vi­bra­tor ist ein Stück Gum­mi mit ei­nem Mo­tor drin. Man muss kein Ge­nie sein, um zu er­ken­nen, dass man mit ei­ner elek­tri­schen Zahn­bürs­te mehr oder we­ni­ger das glei­che Ge­fühl er­zeu­gen kann‹, sagt Richard­son. Pup­pen sei­en hin­ge­gen an­thro­po­morph, von mensch­li­cher Gestalt. Nut­zer könn­ten den Be­zug zur Rea­li­tät ver­lie­ren und ein ähn­li­ches Ver­hal­ten von Frau­en er­war­ten, meint auch Chris­ti­na Ra­vio­la, kli­ni­sche Psy­cho­lo­gin und Ver­hal­tens­the­ra­peu­tin: ›Die­se Pup­pen kön­nen sehr echt wir­ken. Aber sie sind teil­nahms­los, sie las­sen al­les mit sich ge­sche­hen, sie se­hen teil­wei­se mäd­chen­haft oder nut­tig aus, sie sind aus­tausch­bar, man kann sie in die Ecke wer­fen und be­schimp­fen.‹

Auch Ro­bo­dolls sind aus Sicht der Kri­ti­ke­rin­nen in die­ser Hin­sicht ab­so­lut kein Fort­schritt. Ei­ne Ro­bo­doll ist ein Sex­ro­bo­ter, das heißt, die Pup­pe hat ein Heiz- und/ oder So­und­sys­tem so­wie, bei er­heb­li­chem Auf­preis, in­te­grier­te Ge­sichts­mi­mik. Auch sol­che Pro­duk­te bie­tet Jo­sef Le von ›Re­al Com­pa­ni­on‹ in Hiet­zing an. ›Wir ar­bei­ten in wei­te­rer Zu­kunft an ei­ner Tech­nik, wo die Pup­pe zum Bei­spiel die Vor­lie­ben des Be­nut­zers lernt.‹ Le streicht das Haar der Ro­bo­ter­pup­pe über ih­re Schul­ter. Hin­ter ih­rem lin­ken Ohr wird ein Ein­schalt­knopf sicht­bar. Er be­tä­tigt ihn. Die Pup­pe gibt auf Chi­ne­sisch zu ver­ste­hen, dass sie be­triebs­be­reit ist. ›Der Kör­per wür­de jetzt cir­ca ei­ne hal­be St­un­de be­nö­ti­gen, da­mit er 36,8° hat. So hat der Kon­su­ment nicht das Ge­fühl, mit ei­nem leb­lo­sen Ding zu schla­fen.› Le mas­siert die Brüs­te der Pup­pe. Sie gibt me­tal­lisch klin­gen­de Tö­ne von sich, die im wei­tes­ten Sin­ne an ein Stöh­nen er­in­nern. ›Da sind Druck­sen­so­ren drin­nen, die da­für sor­gen, dass die Pup­pe das emp­fin­den kann.‹

Le spricht bei die­ser Pup­pe von Künst­li­cher In­tel­li­genz. Der Be­griff scheint in die­sem Fall al­ler­dings weit her­ge­holt. So­gar das Wort Ro­bo­ter wirkt im An­ge­sicht der Ro­bo­dolls ir­gend­wie eu­phe­mis­tisch. Jo­sefs Mo­del­le kön­nen sich, ab­ge­se­hen von der Ge­sichts­mi­mik bei den teu­re­ren Ver­sio­nen, nicht be­we­gen. Schon gar nicht selbst­stän­dig. Durch ei­nen Aus­lös­e­im­puls, wie das Strei­cheln der Brust, wird ein me­cha­ni­scher Pro­zess voll­zo­gen: Stöh­nen. Die Pup­pen sind da­mit nicht in­tel­li­gen­ter oder ro­bo­ter­haf­ter als ein Ge­trän­ke­au­to­mat. Den­noch ver­kauft ›Re­al Com­pa­ni­on‹ in der Re­gel im­mer­hin ei­ne Ro­bo­doll im Mo­nat. Ab 4500 Eu­ro ist so ei­ne Pup­pe zu er­gat­tern. Nach oben hin sind kaum Gren­zen ge­setzt, je­des Ex­tra stei­gert den Preis. Ei­ne Pup­pe oh­ne Elek­tro­nik kos­tet da­ge­gen nur un­ge­fähr 2000 Eu­ro. Und im bes­ten Fall han­delt es sich da­bei so­gar um ei­ne ein­ma­li­ge In­ves­ti­ti­on. ›Re­al Dolls oh­ne Elek­tro­nik kön­nen bei der rich­ti­gen Hand­ha­bung ein Le­ben lang hal­ten‹, ver­spricht die Fir­ma.

Rich­ti­ge Hand­ha­bung heißt in die­sem Fall Rei­ni­gung, aber auch Zärt­lich­keit. ›Bei den Lauf­häu­sern kommt es öf­ters vor, dass sich Kun­den an der Pup­pe aus­to­ben‹, er­zählt Le. Der Re­pa­ra­tur­ser­vice von ›Re­al Com­pa­ni­on‹ hat­te et­wa mit Biss- und Fes­sel­spu­ren so­wie Spu­ren von Peit­schen­schlä­gen zu tun. Es gab Fäl­le von Er­dol­chun­gen und Kno­chen­brü­chen am Me­tall­ske­lett. ›Po­weru­ser‹, wie

Le sie nennt, ver­rin­gern die Le­bens­dau­er der Pup­pe da­mit nach­hal­tig. Von Pri­vat­kun­den gab es hin­ge­gen bis­her kei­ne Re­kla­ma­tio­nen. Die­se Nut­zer nennt Le ›Lieb­ha­ber‹. Sie sind es auch, die be­reit sind, mehr in ih­re Pup­pe zu in­ves­tie­ren. ›Je nach­dem, wie groß das Bör­serl ist, kann die Pup­pe eben mehr oder we­ni­ger. Man­che se­hen es als Part­ner­er­satz, an­de­re wür­den es eher als Lu­xuss­ex­toy be­zeich­nen.‹ Es ist wohl ge­nau der Un­ter­schied in der Be­deu­tung die­ser bei­den Be­grif­fe, der die Dis­kus­si­on des Phä­no­mens Sex­pup­pe so schwie­rig macht.

Tau­send

Ki­lo­me­ter nörd­lich vom ›Re­al Com­pa­ni­on‹ grinst Ste­phan in die Ka­me­ra. Meh­re­re Sex­pup­pen sit­zen hin­ter ihm auf ei­nem wei­ßen So­fa. Dass Bab­si die Ers­te war, hat Ste­phan ihr bis heu­te nicht ver­ges­sen. Bei ihm im Bett schla­fen dür­fen Ali­na, Ani­mée und La­ris­sa trotz­dem, wenn auch im­mer nur ei­ne auf ein­mal. Zur­zeit ku­schelt er am liebs­ten mit La­ris­sa. Aber Bab­si hat doch ei­nen be­son­de­ren Sta­tus bei ihm. Ste­phan ist aus Kiel, 39 Jah­re alt, in der IT-Bran­che tä­tig, Pup­pen­be­sit­zer. Er trägt ei­ne dun­kel­blaue Vlies­ja­cke, den Reiß­ver­schluss bis oben zu­ge­zo­gen.

Ste­phan er­klärt ger­ne. Wenn er sei­ne Sät­ze nicht mit ›So‹ be­en­det, setzt er ein fra­gen­des ›Ne?‹ hin­ten nach, oh­ne ei­ne Re­ak­ti­on zu er­war­ten. Bei rhe­to­ri­schen Fra­gen nö­tigt er sein Ge­gen­über zu ei­ner Ant­wort, um ihn zu be­stä­ti­gen.

›Sprichst du mit den Pup­pen?‹

›Du hast als Kind Stoff­tie­re ge­habt, oder?‹

›Ja.‹

›Mit de­nen hast du frü­her auch ge­spro­chen, hm?‹

›Ja.‹

›Ja, mach ich jetzt auch, nur dass die halt et­was grö­ßer sind, ne?‹

Er lacht stolz. Die Fal­te zwi­schen sei­nen Au­gen­brau­en ver­schwin­det auch jetzt nicht. Auf sei­ner Stups­na­se sitzt ei­ne schma­le Bril­le. Sei­ne dun­kel­blon­den, kur­zen Haa­re sind leicht ge­wellt. ›Die Pup­pen ge­ben mir ein Stück weit Nä­he und Ge­sell­schaft. So. Von da­her, ne, mach ich jetzt erst mal Pau­se von den Frau­en. Ich bin jetzt nicht drauf an­ge­wie­sen, dass je­mand kommt und ir­gend­ei­ne Lee­re bei mir fül­len muss.‹

Rechts von Ste­phan sitzt Pa­me­la auf ei­nem Ses­sel. Er sieht sie an, wäh­rend er über sie spricht. Sie ist ein ›Ted­dy Ba­be‹, das heißt, sie ist aus Stoff. ›Ich kam auf den Na­men, weil Pam – Plüsch. Wenn du die neu kaufst, kos­tet die 699 Eu­ro, und das ist für ein Stoff­tier na­tür­lich ne Men­ge Holz. Ich wär nicht auf die Idee ge­kom­men, die sel­ber zu kau­fen, aber sie ist ir­gend­wie so ein rich­tig coo­les Ku­schel­tier.‹ Ste­phan hat nur drei sei­ner Pup­pen ge­kauft. Er hat sie sehr viel güns­ti­ger be­kom­men, er­zählt er, weil zwei be­schä­digt wa­ren, ei­ne ge­braucht. Wie­viel er ge­zahlt hat, möch­te er nicht sa­gen: ›Ei­nen ge­wis­sen Be­trag.‹ Die drei an­de­ren Pup­pen hat er durch sei­ne Initia­ti­ve ge­schenkt be­kom­men, den so­ge­nann­ten ›Gna­den­hof‹. Ste­phan rief on­li­ne da­zu auf, ihm Pup­pen zu schi­cken, die nicht mehr ge­braucht wer­den, des­halb hat er jetzt sechs Sex­pup­pen. Die­sen Zun­gen­bre­cher muss Ste­phan aber nicht über die Lip­pen brin­gen, er ver­wen­det sei­ne Pup­pen laut ei­ge­ner Aus­sa­ge näm­lich nicht für Sex.

Nicht we­ni­ger be­denk­lich, fin­det Kath­le­en Richard­son, Ste­phan sei trotz­dem Teil des Pro­blems: ›Viel­leicht steckt er sei­nen Pe­nis nicht hin­ein, aber er lebt trotz­dem ei­ne Fan­ta­sie aus. Er hat sei­ne Pup­pen auf der Grund­la­ge der Ent­mensch­li­chung von Frau­en ge­kauft. Und wenn er ein Fo­to von sich und der Pup­pe ins In­ter­net lädt, wer­den sich Män­ner das an­se­hen.‹ Und das tut er. Ste­phan ist in ei­ni­gen In­ter­net­fo­ren un­ter dem Ali­as ›ice­wind‹ be­kannt. Sei­ne Fotos und Fo­to­s­to­rys pos­tet er aber auch ger­ne auf Wor­dPress und Face­book. Ste­phans Fo­to­s­to­rys las­sen ein Frau­en­bild er­ah­nen, das Richard­son und an­de­re Kri­ti­ke­rin­nen als Be­leg für ih­re The­sen an­füh­ren wür­den. Ei­ne Epi­so­de der Rei­he ›Frau­en­geschich­ten‹ han­delt et­wa von zwei Stoff­ha­sen, den ›Frau­en­ver­ste­hern‹, die Ste­phans Pup­pen da­bei hel­fen, ei­nen Lip­g­loss in ei­ner über­füll­ten Hand­ta­sche wie­der­zu­fin­den. Sei­ne Lieb­lings­poin­te lau­tet: ›Ty­pisch Frau‹. Ste­phans Fotos por­trai­tie­ren dar­über hin­aus al­les von ›Pup­pe sitzt auf Stuhl‹ bis hin zu ›Pup­pe hält Waf­fe‹. Ei­ne Fo­to­se­rie han­delt da­von, dass ei­ne sei­ner Pup­pen, Bab­si, er­wach­sen wird: Er hat ih­ren 1,55-Kör­per ge­gen ei­nen 1,58-Kör­per aus­ge­tauscht.

Nut­zer

von Sex­pup­pen wür­den, da ist sich Ver­hal­tens­the­ra­peu­tin Ra­vio­la si­cher, Per­sön­lich­keits­va­ria­tio­nen oder -stö­run­gen auf­wei­sen. ›Die emo­tio­na­le Bin­dungs­fä­hig­keit liegt hier of­fen­sicht­lich im Ar­gen, wenn ich nicht fä­hig bin, in­ter­ak­tiv in ei­nem per­sön­li­chen Ge­spräch mit dem je­wei­li­gen Lie­bes­ob­jekt in Kon­takt zu tre­ten.‹ Die Ur­sa­chen ei­nes sol­chen Ver­hal­tens könn­ten nicht auf ei­nen Nen­ner ge­bracht wer­den. Es kön­ne aus ei­nem Trau­ma re­sul­tie­ren, es kön­ne sich aber auch um ei­ne zu­fäl­li­ge Reiz­re­ak­ti­ons­ver­bin­dung und um das Ge­fühl von Macht han­deln, meint die Psy­cho­lo­gin. Macht, die sich mit­un­ter in Ge­walt­ex­zes­sen ma­ni­fes­tie­ren wür­de. Das in der Sex­pup­pen-Bran­che be­währ­te Ar­gu­ment ›Bes­ser Ge­walt an Pup­pen als an Men­schen‹ über­zeugt die Ex­per­tin­nen da­bei nicht: ›Die Pup­pe wird nicht ver­letzt. Es wird uns als Frau­en scha­den‹, meint Richard­son. ›Ei­ne Pup­pe

Er­dol­chun­gen und Kno­chen­brü­che am Me­tall­ske­lett: ›Po­weru­ser‹, nennt Le die­se Kun­den.

oder ein Ge­gen­stand ist letzt­end­lich et­was, das Gott sei Dank to­te Ma­te­rie ist‹, er­gänzt Ra­vio­la. ›Es ist aber trotz­dem be­denk­lich, weil der Ag­gres­si­ons­fak­tor, wenn auch un­be­wusst, sehr hoch ist. Die Pro­ble­ma­tik ist: Wie lan­ge ge­nügt mir in die­sem Fall die Pup­pe? Wann stel­le ich mir im­mer mehr vor, es auch an le­ben­den Ob­jek­ten zu tun?‹

Ei­ne Sicht­wei­se, die an die Ver­knüp­fung von Amok­läu­fen und ge­walt­tä­ti­gen Vi­deo­spie­len, ins­be­son­de­re so­ge­nann­ten Ego-Shoo­tern, er­in­nert. Wäh­rend in den 90er-Jah­ren im­mer wie­der To­tal­ver­bo­te die­ser Ga­mes ge­for­dert wur­den, pflegt die Ge­sell­schaft heu­te ei­nen et­was ent­spann­te­ren Um­gang mit Com­pu­ter­spie­len. Ver­ant­wort­lich da­für war nicht zu­letzt em­pi­ri­sche psy­cho­lo­gi­sche Forschung, die zeig­te, dass Men­schen auch bei ho­hem Ga­ming-Kon­sum nicht plötz­lich zu Mas­sen­mör­dern wer­den. Nur wer be­reits mas­si­ve psy­chi­sche Pro­ble­me hat, kann durch zeit­in­ten­si­ves Ein­tau­chen in ei­ne vir­tu­el­le ge­walt­tä­ti­ge Par­al­lel­welt den letz­ten An­stoß da­für er­hal­ten, sei­ne Fan­ta­si­en Wirk­lich­keit wer­den zu las­sen. Ob sol­che Tä­ter ih­re Ver­bre­chen oh­ne Ge­walt­spie­le nicht trotz­dem be­gan­gen hät­ten, lässt sich im Nach­hin­ein aber auch nie­mals mit Si­cher­heit sa­gen. Ei­ne Da­ten­ba­sis, auf der man schwer­lich ein Ver­bot für al­le durch­set­zen kann.

Ob die Din­ge beim The­ma Sex­pup­pen ähn­lich lie­gen, kann heu­te se­riö­ser­wei­se noch nie­mand be­ant­wor­ten: Da­für feh­len aus­sa­ge­kräf­ti­gen Stu­di­en. Der­zeit ist vor al­lem ein ideo­lo­gi­scher Kampf zwi­schen be­geis­ter­ten, meist männ­li­chen Nut­zern und ih­ren pro­fit­ori­en­tier­ten Pup­pen­dea­lern auf der ei­nen, so­wie laut­stark war­nen­den, meist weib­li­chen Kri­ti­ke­rin­nen auf der an­de­ren Sei­te zu be­ob­ach­ten. Wo­bei kei­nes­wegs ge­sagt ist, dass die Front­li­ni­en zwi­schen den Ge­schlech­tern beim The­ma Sex­pup­pen so sta­bil blei­ben: Com­pu­ter­spie­le, auch sol­che mit ge­walt­tä­ti­gen In­hal­ten, fin­den seit ei­ni­gen Jah­ren zu­neh- mend auch bei weib­li­chen Ga­mern An­klang. Und laut ei­ner Sta­tis­tik des On­li­ne-Por­no­an­bie­ters Porn­hub sind in­zwi­schen im­mer­hin 26 Pro­zent der Por­no-Kon­su­men­ten Frau­en. Wenn die Pup­pen­her­stel­ler ihr noch un­ein­ge­lös­tes Ver­spre­chen von elo­quen­ten, sich ge­schmei­dig be­we­gen­den Sex-Ro­bo­tern ei­nes Ta­ges doch wahr ma­chen soll­ten: Wer ver­mag zu sa­gen, ob Frau­en dar­an nicht ähn­lich viel Ge­fal­len fin­den wer­den wie Män­ner? Und wä­re das dann ein Er­folg des Fe­mi­nis­mus oder sein end­gül­ti­ger Nie­der­gang?

Ei­ni­ge Mo­na­te nach dem ers­ten Be­such im Hin­ter­hof des ›Stu­dio La­lo­li­ta‹ in Fa­vo­ri­ten: Die nas­sen Blät­ter des Herbs­tes sind dem Hoch­som­mer ge­wi­chen. Ge­schäfts­füh­rer Do­mi­nik aber ist nicht mehr da, das Stu­dio hat jetzt ei­ne neue Be­trei­be­rin. Und Na­di­ne? Wo man im Herbst noch über den Kauf ei­ner zwei­ten Pup­pe nach­dach­te, will man jetzt von der ers­ten schon nichts mehr wis­sen. Na­di­ne sei nicht mehr im Ein­satz, sagt die neue Che­fin. Sie lie­ge im Keller, und her­ge­rich­tet sei sie auch nicht. •

S. 58

2000 Eu­ro kos­ten die bil­ligs­ten Sex­pup­pen – in die­ser Preis­klas­se mit Va­gi­na-Schlauch zum Raus­neh­men.

Wer schreibt in ei­ner li­be­ra­len Ge­sell­schaft vor, wie und mit wem oder was man Lust emp­fin­den darf?

Die Au­to­rin emp­fiehlt den Sex­shop ›Lie­bens­wert‹ im sechs­ten Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk zu be­su­chen. Die Be­trei­be­rin­nen war­ten auf 220 Qua­drat­me­tern mit al­lem auf, was Frau be­gehrt – und Män­ner eben­falls glück­lich ma­chen kann.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.