Weg­ge­dacht

Re­cher­che

Datum - - Inhalt - Text: Cla­ra Porak und Ju­lia Wen­zel · Il­lus­tra­ti­on: En­ri­co Na­gel

Ös­ter­reichs ge­hemm­ter Um­gang mit Ab­trei­bung macht die La­ge für Frau­en und Ärz­te pre­kär.

Ös­ter­reichs ge­hemm­ter Um­gang mit Ab­trei­bun­gen macht die La­ge für Frau­en und Ärz­te pre­kär.

An ei­nem Sams­tag­vor­mit­tag im Früh­ling dringt Vo­gel­ge­zwit­scher durch das of­fe­ne Fens­ter. Jo­han­nes Hos­ten­kamp steht sicht­lich mü­de am Gang sei­ner Bre­gen­zer Pra­xis, die Ar­me ver­schränkt, die Rin­ge un­ter den Au­gen dun­kel. Erst spät hat es der 66-jäh­ri­ge Gy­nä­ko­lo­ge am Abend da­vor ins Bett ge­schafft, bis in die Nacht muss­te er ope­rie­ren. Um halb acht die ers­te OP, die letz­te nach 22 Uhr. Neun Schwan­ger­schafts­ab­brü­che ins­ge­samt. Die Näch­te da­vor sa­hen ähn­lich aus. Seit De­mons­tran­ten vor sei­ner Pra­xis laut­stark ge­gen ihn pro­tes­tie­ren, öff­net er die Fens­ter un­ter der Wo­che fast nie. Das Zwit­schern der Vö­gel be­deu­tet für ihn: Es ist Wo­che­n­en­de.

Hos­ten­kamp, ein groß­ge­wach­se­ner Mann in Ka­ro­hemd und Je­ans, ist der ein­zi­ge Gy­nä­ko­lo­ge in ganz Vor­arl­berg, der Schwan­ger­schafts­ab­brü­che durch­führt. ›Die Leu­te wol­len sich am Sonn­tag nicht ne­ben je­man­den in die Kir­che set­zen, von dem je­der weiß: Das ist der, der die Ab­brü­che macht‹, sagt er und lässt sich in ei­nen dunk­len Le­der­ses­sel fal­len. Ne­on­leuch­ten an der De­cke der Pra­xis spen­den nur we­nig Licht, be­weg­li­che Raum­tei­ler tren­nen die Bü­ros vom Auf­wach­raum. Im Stie­gen­haus sind Stim­men zu hö­ren. Je­mand lacht. Als der ge­bür­ti­ge Deut­sche vor 20 Jah­ren aus dem be­nach­bar­ten Lin­dau nach Bre­genz zog, dau­er­te es, bis er die­se Im­mo­bi­lie fand. Be­vor er die Pra­xis in dem Mehr­par­tei­en­haus schließ­lich er­öff­nen konn­te, hat­ten ihn be­reits fünf Ver­mie­ter we­gen sei­ner Tä­tig­keit ab­ge­lehnt. War­um treibt er ab? Ei­ner muss es ma­chen, sagt der Arzt.

Zwei Zim­mer, ein klei­nes Bü­ro, ein Auf­wach­raum: Ei­gent­lich sind die ehe­ma­li­gen Bü­ro­räu­me, in de­nen sich Hos­ten­kamp ein­ge­rich­tet hat, zu klein für ei­ne Pra­xis. Im Auf­wach­raum ste­hen drei Bet­ten, die mit bun­ter Bett­wä­sche über­zo­gen sind. Ein paar Brö­sel lie­gen auf den Nacht­käst­chen, brau­ne Kaf­fee­fle­cken kle­ben am grau­en La­mi­nat. Die Putz­frau war noch nicht da. Hos­ten­kamp zieht die fri­sche Luft in sei­ne Lun­gen. ›Die Men­schen den­ken ja, hier geht et­was nicht mit rech­ten Din­gen zu‹, sagt er dann, als wür­de er zu den Ab­trei­bungs­geg­nern sp­re- chen, die sich re­gel­mä­ßig vor sei­nen Fens­tern ver­sam­meln. ›Mi­ri­am‹ heißt der Ver­ein, der die Pro­tes­te or­ga­ni­siert, die fast je­den Tag un­ter sei­nem Fens­ter statt­fin­den. Hos­ten­kamp schüt­telt den Kopf. Die Pro­tes­te ver­un­si­chern nicht nur die Pa­ti­en­tin­nen, son­dern auch den Arzt. ›Hier wer­den 400 Kin­der im Jahr ge­tö­tet‹, sei oft auf den Ban­nern der De­mons­tran­ten zu le­sen. Mehr­fach hat der Gy­nä­ko­lo­ge ver­sucht, ju­ris­tisch ge­gen den Ver­ein vor­zu­ge­hen: oh­ne Er­folg. Weil in Vor­arl­berg – im Ge­gen­satz zu Wien, wo Pro­tes­te vor Ab­trei­bungs­kli­ni­ken seit 2005 durch ein ent­spre­chen­des Ge­setz er­schwert wer­den – kei­ne Bann­mei­len de­fi­niert wer­den dür­fen, schlägt sich der Arzt in Mund­schutz und Kit­tel die Nacht um die Oh­ren, wäh­rend die Kell­ne­rin im Gast­haus ge­gen­über schon seit St­un­den die Fei­er­tags­bie­re auf die Ti­sche knallt.

Ab­trei­bung, das sind ver­stoh­le­ne Er­zäh­lun­gen von Freun­din­nen, Tan­ten, Müt­tern, be­glei­tet oft von Scham und sel­ten von Selbst­si­cher­heit. Ab­trei­bun­gen, das sind Ein­grif­fe, die Frau­en­bio­gra­fi­en mit­un­ter prä­gen. Das Recht auf Ab­trei­bung ist die zen­tra­le Er­run­gen­schaft der Frau­en­be­we­gung in den 1970er-Jah­ren, das sind Ro­my Schnei­der und die an­de­ren 373 Frau­en auf dem SternCo­ver 1971 – für die ei­nen. Für die an­de­ren steht es für ei­nen Pa­ra­gra­fen, den man zwar nicht gut­hei­ßen kann, aber ir­gend­wie hin­nimmt. Und für man­che ist auch das zu­viel.

Ab­trei­bung, das ist in Ös­ter­reich aber auch ein­fach All­tag, nicht nur für Jo­han­nes Hos­ten­kamp. Auch wenn kei­ner et­was da­von wis­sen will.

Wie vie­le Ös­ter­rei­che­rin­nen jähr­lich ei­ne un­ge­woll­te Schwan­ger­schaft be­en­den, weiß näm­lich nie­mand. Die Kran­ken­kas­sen, die den Ein­griff nicht be­zah­len, ha­ben kei­ne Da­ten. Das Mi­nis­te­ri­um, das für Ge­sund­heit zu­stän­dig ist, winkt ab, je­nes für Frau­en eben­so. Jeg­li­che Da­ten, die kur­sie­ren, ba­sie­ren auf va­gen Schät­zun­gen. In Deutsch­land, wo das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt die Ab­bruch­zah­len er­fasst, sind es jähr­lich et­wa 100.000 Schwan­ger­schaf­ten, die vor­zei­tig be­en­det wer­den; legt

man die­se Zahl auf Ös­ter­reich um, kä­me man pro Jahr auf rund 10.000 Ab­trei­bun­gen. Schät­zun­gen schwan­ken hin­ge­gen zwi­schen ›we­ni­gen Tau­sen­den‹ bis zu 35.000 pro Jahr. Das wä­ren im­mer­hin 80 am Tag, wür­de man Sams­ta­ge und Sonn­ta­ge mit­zäh­len. Je­de drit­te Schwan­ger­schaft, die­se Zahl ver­wen­det auch die ka­tho­li­sche Kir­che. Bei ei­ner zu­letzt stei­gen­den Ge­bur­ten­ra­te – 2017 ka­men 88.258 Kin­der zur Welt – wä­ren es in Ös­ter­reich et­wa 30.000 Ab­brü­che im Jahr. Zum Ver­gleich: In der be­züg­lich Be­völ­ke­rungs­zahl ver­gleich­ba­ren Schweiz wa­ren es 2017 laut Bun­des­amt für Sta­tis­tik 10.015. In Ös­ter­reich aber will man es nicht ge­nau wis­sen.

Mehr als 40 Jah­re sind ver­gan­gen, seit durch den öf­fent­li­chen Druck der Frau­en­be­we­gung und ge­gen den Wil­len von Bun­des­kanz­ler Bru­no Kreis­ky 1973 un­ter der SPÖ-Al­lein­re­gie­rung und Jus­tiz­mi­nis­ter Chris­ti­an Bro­da schließ­lich die so­ge­nann­te ›Fris­ten­lö­sung‹ zu­stan­de kam. Sie wur­de im Na­tio­nal­rat mit 93 SPÖ-Stim­men ge­gen 88 Nein-Stim­men von ÖVP und FPÖ ver­ab­schie­det, trat aber erst im Jän­ner 1975 in Kraft. Ge­setz­lich re­gelt den Ab­bruch in Ös­ter­reich seit­her der Pa­ra­graf 97 Straf­ge­setz­buch: Die­ser stellt den vor­zei­ti­gen Schwan­ger­schafts­ab­bruch straf­frei – le­gal ist er je­doch nicht. Ei­ne Schwan­ger­schaft darf bis zur zwölf­ten Wo­che vor­zei­tig be­en­det wer­den. Aus­ge­nom­men sind Schwan­ger­schaf­ten, bei de­nen ei­ne schwe­re ge­ne­ti­sche Er­kran­kung des Un­ge­bo­re­nen fest­ge­stellt wird. In die­sen Fäl­len darf auch spä­ter ab­ge­trie­ben wer­den. Das Recht auf Ab­trei­bung ist al­so ei­gent­lich gar kein Recht, es ist nur ein Ver­zicht auf Straf­ver­fol­gung un­ter be­stimm­ten Be­din­gun­gen. Viel­leicht er­klärt schon das, war­um die Ge­sell­schaft mehr als vier Jahr­zehn­te nach In­kraft­tre­ten der Fris­ten­lö­sung im­mer noch ein schlam­pi­ges Ver­hält­nis zu die­sem The­ma un­ter­hält.

In je­dem Fall muss man für ei­nen Schwan­ger­schafts­ab­bruch erst ein­mal ei­nen Arzt fin­den: Der Inns­bru­cker Arzt Hans Wolf bie­tet den Ein­griff in sei­ner Pra­xis an, in den Ti­ro­ler Spi­tä­lern wer­den kei­ne Ab­brü­che vor­ge­nom­men. Hos­ten­kamp und Wolf sind da­mit die ein­zi­gen im Um­kreis von meh­re­ren hun­dert Ki­lo­me­tern, an die sich un­ge­wollt Schwan­ge­re wen­den kön­nen. Geht ei­ner der bei­den in Pen­si­on oder wird krank, gibt es kei­nen Er­satz. In den an­de­ren Bun­des­län­dern schaut es ähn­lich aus: In Graz gibt es ei­nen Gy­nä­ko­lo­gen, der Ab­brü­che macht, in Kärnten zwei. Ein­zig in der Stadt Salz­burg, in Linz und St. Pöl­ten wer­den Ab­trei­bun­gen auch in ein­zel­nen öf­fent­li­chen Spi­tä­lern durch­ge­führt. Ge­ne­rell gilt: Je schwär­zer die Bun­des­län­der po­li­tisch ge­färbt sind, des­to be­schwer­li­cher der Weg zum Schwan­ger­schafts­ab­bruch. Der Trä­ger ei­nes je­den Kran­ken­hau­ses kann selbst dar­über ver­fü­gen, ob Ab­trei­bun­gen vor­ge­nom­men wer­den oder nicht. ›In ei­nem ka­tho­li­schen Kran­ken­haus ist es klar. Da brauchst du ja nicht nach­fra­gen, war­um sie es nicht ma­chen‹, sagt Kurt Kriz. Der 66-jäh­ri­ge ehe­ma­li­ge Ober­arzt der Gy­nä­ko­lo­gie des pri­va­ten Wie­ner Sa­na­to­ri­ums He­ra sitzt in ei­nem klei­nen Ca­fé in der Ot­ta­krin­ger Speck­ba­cher­gas­se bei ei­nem gro­ßen Brau­nen im Scha­ni­gar­ten, trägt Son­nen­bril­le und ge­nießt die Wo­che­n­end­stim­mung. Seit der Frei­ga­be 1975 wer­den im Sa­na­to­ri­um He­ra Ab­trei­bun­gen durch­ge­führt, Hun­der­te nahm der in­zwi­schen pen­sio­nier­te Kriz selbst vor. Denn in der Bun­des­haupt­stadt ist der Zu­gang zur Ab­trei­bung leich­ter: Am­bu­la­to­ri­en wie je­nes am Fleisch­markt bie­ten Ab­trei­bun­gen an, die kom­mu­na­len Spi­tä­ler füh­ren sie durch, auch bei ein­zel­nen nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten ist ein Ab­bruch mög­lich.

Am Land in­des ent­schei­den mit­un­ter Drit­te, wo ›blin­de Fle­cken‹ ent­ste­hen. Als Kriz in den 1980er-Jah­ren im Lan­des­kran­ken­haus Scheibbs an­ge­stellt war, ließ der da­ma­li­ge ÖVP-Bür­ger­meis­ter Ab­trei­bun­gen ver­bie­ten. ›Wir ha­ben die Pa­ti­en­tin­nen ab­ge­lehnt und nach St. Pöl-

Wer Kar­rie­re im Wes­ten des Lan­des ma­chen will, soll­te kei­ne Ab­trei­bun­gen durch­füh­ren.

ten ge­schickt‹, sagt der Pen­sio­nist. Heu­te ge­be es zwar ein bes­se­res An­ge­bot, doch kon­ser­va­ti­ve Moral­vor­stel­lun­gen hink­ten dem hin­ter­her. ›Da bist du bald ver­schrien, das ist das Pro­blem‹, sagt Kriz. Nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te, die be­ruf­li­che Kon­se­quen­zen be­fürch­ten, lei­den dar­un­ter. Im Wes­ten Ös­ter­reichs sei es für ei­nen Arzt rat­sam, sich im Sin­ne der ei­ge­nen Kar­rie­re ge­gen die Durch­füh­rung von Ab­trei­bun­gen zu ent­schei­den, sa­gen Ärz­te hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand. 43 Jah­re Fris­ten­lö­sung hin oder her. Für

den Wie­ner Gy­nä­ko­lo­gen Chris­ti­an Fia­la ist die pre­kä­re Si­tua­ti­on im Wes­ten skan­da­lös. Des­halb ist der ge­bür­ti­ge Ti­ro­ler nicht nur Arzt, son­dern auch Ak­ti­vist: Seit über zehn Jah­ren setzt er sich öf­fent­lich für ei­ne Ent­ta­bui­sie­rung des The­mas ein. Ne­ben sei­ner Or­di­na­ti­on in Wien grün­de­te er in Salz­burg ein Am­bu­la­to­ri­um für Schwan­ger­schafts­ab­bruch, ein sol­ches will der Inns­bru­cker nun auch in sei­ner Hei­mat­stadt er­öff­nen. Um das An­lie­gen öf­fent­lich­keits­wirk­sam zu pro­pa­gie­ren, be­treibt Fia­la in Wien das Mu­se­um für Ver­hü­tung und Schwan­ger­schafts­ab­bruch, bie­tet Work­shops für Schul­klas­sen an und ver­fasst lau­fend On­li­ne-Ar­ti­kel. Sein Am­bu­la­to­ri­um ›gyn­med‹ kennt je­der Wie­ner aus den Wer­be­pla­ka­ten im U-Bahn-Schacht. Sei­ne Geg­ner nen­nen den 59-Jäh­ri­gen ›Hen­ker von Wien und Salz­burg‹, doch Fia­la bleibt da­bei: ›Man soll­te sich nicht schä­men‹, sagt er in sei­ner neu ein­ge­rich­te­ten Pra­xis am Ma­ria­hil­fer Gür­tel.

Hel­le Holz­mö­bel, Par­kett­bö­den und wei­ße De­cken er­war­ten dort sei­ne Pa­ti­en­tin­nen. ›Je­de Frau kann un­ge­wollt schwan­ger wer­den‹, fügt Fia­la hin­zu.

Bei

Frau­en, die bei Hos­ten­kamp in der Pra­xis sit­zen, ha­be oft die Ver­hü­tungs­me­tho­de ver­sagt, er­klärt der Arzt. ›Ich ha­be ihn erst neu ken­nen­ge­lernt und will kein Kind mit ihm‹ und ›Ich kann kein Kind al­lei­ne er­zie­hen (bin sel­ber oh­ne Pa­pa auf­ge­wach­sen)‹ steht in Hand­schrift auf Kran­ken­ak­ten, die auf dem Schreib­tisch lie­gen. Hos­ten­kamp zählt zu den we­ni­gen Ärz­ten, die die Mo­ti­ve der Frau­en do­ku­men­tie­ren. Er lässt sie von sei­nen Pa­ti­en­tin­nen selbst auf­schrei­ben. ›Dra­ma­ti­sche Grün­de‹ ge­be es zwar, sie sei­en aber sel­ten, sagt er. Hos­ten­kamp be­han­delt auch Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer und Te­enager, meist sind sei­ne Pa­ti­en­tin­nen je­doch zwi­schen 25 und 35. Vie­le ha­ben be­reits Kin­der, wür­den aber nicht wis­sen, wie sie ihr Le­ben mit noch ei­nem Kind meis­tern sol­len.

Wäh­rend in Ös­ter­reich die Zahl der Ab­trei­bun­gen sta­bil zu sein scheint, geht sie in vie­len Län­dern zu­rück. Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO er­klärt die­se Ent­wick­lung vor al­lem mit dem bes­se­ren Zu­gang zu ge­eig­ne­ten Ver­hü­tungs­mit­teln – in den ost­eu­ro­päi­schen Staa­ten hat sich die Ab­trei­bungs­ra­te seit 1989 dras­tisch re­du­ziert. Aber auch im Wes­ten sinkt die Zahl der Ab­trei­bun­gen in je­nen Län­dern, in de­nen Lang­zeit­ver­hü­tungs­mit­tel wie die Pil­le und die Hor­mon­s­pi­ra­le kos­ten­frei zu­gäng­lich sind. In Ös­ter­reich ist das nicht der Fall.

In der Mit­te des Un­ter­su­chungs­zim­mers von Hos­ten­kamp steht der gy­nä­ko­lo­gi­sche Stuhl, in der Ecke ein Com­pu­ter; es gibt Wasch­mög­lich­kei­ten, di­ver­se Uten­si­li­en in Käs­ten und Re­ga­len. Der Ein­griff selbst dau­ert we­ni­ge Mi­nu­ten, höchs­tens ei­ne hal­be St­un­de be­rech­net der Arzt pro Pa­ti­en­tin. Frau­en, die noch kein Kind ent­bun­den ha­ben, neh­men ein Me­di­ka­ment ein, das den Mut­ter­mund er­wei­chen soll. Dann führt der Arzt ein Plas­ti­k­rohr in die Ge­bär­mut­ter ein und saugt den Fö­tus ab. Im Auf­wach­raum kön­nen sich die Frau­en dann noch ei­ni­ge St­un­den aus­ru­hen.

Die Ab­saug­me­tho­de von Hos­ten­kamp gilt zwar als die gän­gigs­te Art, ei­nen Fö­tus zu ent­fer­nen, doch sie ist nicht un­um­strit­ten. Da der Ein­griff mit Schmer­zen ver­bun­den sein kann, weil der Mut­ter­mund zu­vor ge­dehnt wer­den muss, wird er meist un­ter Voll­nar­ko­se durch­ge­führt. Mit der Nar­ko­se hat Hos­ten­kamp bis­her nur gu­te Er­fah­run­gen ge­macht. ‹Vie­le sind sehr er­leich­tert‹, sagt er. Noch um­strit­te­ner ist die kaum mehr an­ge­wen­de­te Aus­scha- bung (Cu­ret­ta­ge): Da­bei wird die Ge­bär­mut­ter mit ei­nem In­stru­ment, ei­ner Art scharf­kan­ti­gem Löf­fel mit lan­gem Hals, aus­ge­schabt. In bei­den Fäl­len, ob Ab­sau­gung oder Aus­scha­bung, wird der Fö­tus me­cha­nisch aus der Ge­bär­mut­ter ent­fernt. Zeit­auf­wän­dig und un­ge­nau sei das und auch mit Blu­tun­gen und Schmer­zen ver­bun­den, fin­det Chris­ti­an Fia­la. Er ver­weist des­halb auf den me­di­ka­men­tö­sen Ab­bruch durch die Ab­trei­bungs­pil­le: Um das Gelb­kör­per­hor­mon, das für die Aus­bil­dung der Schwan­ger­schaft ver­ant­wort­lich ist, zu hem­men, neh­men die Pa­ti­en­tin­nen die Pil­le mehr­mals ein. In der Fol­ge kommt es zu ähn­li­chen Sym­pto­men wie bei ei­nem Spon­tana­b­ort, bei dem das Un­ge­bo­re­ne schließ­lich ab­geht. Jo­han­nes Hos­ten­kamp hin­ge­gen lehnt die­se Me­tho­de ab. Auch sie ver­ur­sa­che Schmer­zen und ver­lei­te au­ßer­dem zu man­geln­der Be­ra­tung und ei­ner zu schnel­len Ent­schei­dungs­fin­dung. Er selbst ope­riert nie am sel­ben Tag, an dem er das Be­ra­tungs­ge­spräch führt. In Deutsch­land ist die­se Pau­se ge­setz­lich vor­ge­schrie­ben. In Ös­ter­reich nicht.

Dass nie­mand weiß, wie vie­le Ab­trei­bun­gen im Land durch­ge­führt wer­den und kein Kon­sens über die Me­tho­de herrscht, sind zwei wei­te­re Hin­wei­se dar­auf, dass der Ein­griff in ei­nem ge­sell­schaft­li­chen Grau­be­reich statt­fin­det. Die Kos­ten? Auch sie sind nicht ein­heit­lich. Da die Kran­ken­kas­sen den Ein­griff nicht über­neh­men, gibt es kei­nen Fix­satz. Im Kran­ken­haus wird ei­ne Pau­scha­le ver­rech­net,

In Bre­genz kos­tet der Ab­bruch 600 Eu­ro, in St. Pöl­ten kann es mehr als das Dop­pel­te sein.

die sich Gy­nä­ko­lo­ge und Anäs­the­sist aus­ma­chen. Im Sa­na­to­ri­um He­ra be­lau­fen sich die Kos­ten auf et­wa 850 Eu­ro, bei Hos­ten­kamp in Bre­genz kos­tet ein Ab­bruch rund 600 Eu­ro, in St. Pöl­ten kann es mehr als das Dop­pel­te sein. Ha­rald Lei­tich, Ober­arzt der Ab­tei­lung für Ge­burts­hil­fe an der Me­dU­ni Wien, kri­ti­siert die enor­men Preis­un­ter­schie­de: ›Pa­ti­en­tin­nen soll­ten über­all das­sel­be An­ge­bot ha­ben‹, sagt er. Ihm sei nicht be­wusst ge­we­sen, dass es bun­des­land­weit so gro­ße Un­ter­schie­de ge­be. ›Das fin­de ich ent­täu­schend. Ich wür­de mir er­war­ten, dass es auch in den Bun­des­län­dern ein flä­chen­de­cken­des An­ge­bot gibt.‹ Und die Ärz­te­kam­mer? Sie war zu kei­ner Stel­lung­nah­me be­reit.

Nicht ex­akt ge­re­gelt ist in Ös­ter­reich zu­dem, wer den Ab­bruch über­haupt durch­füh­ren darf. Ob All­ge­mein­me­di­zi­ner oder Gy­nä­ko­lo­ge – ih­nen al­len ist es er­laubt. Auch wenn es in der Pra­xis nur mehr sel­ten vor­kommt, er­laubt es das Ge­setz je­dem prak­ti­schen Arzt, den Ein­griff auf ei-

ge­ne Faust zu ma­chen. ›Es gibt heu­te kaum ei­ne Frau, die nicht zum Gy­nä­ko­lo­gen geht und bei ei­nem prak­ti­schen Arzt ei­ne Un­ter­bre­chung ma­chen lässt‹, sagt Kurt Kriz. ›Stel­len Sie sich vor, da pas­siert et­was. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass heu­te ei­ner noch so dumm ist und das macht.‹ Der hy­gie­ni­sche so­wie der ap­pa­ra­ti­ve Auf­wand und die Not­wen­dig­keit ei­ner Nar­ko­se sprä­chen klar ge­gen den Schwan­ger­schafts­ab­bruch in der Or­di­na­ti­on, sagt auch sein Kol­le­ge Ha­rald Lei­tich von der Me­dU­ni Wien. Und wenn sich ei­ner den­noch da­zu in der La­ge sieht? ›Dann muss er da­für ge­ra­de­ste­hen‹.

Das Cur­ri­cu­lum der Me­dU­ni Wien sieht zum The­ma Ab­bruch le­dig­lich ei­ne Vor­le­sung vor, die die recht­li­che Si­tua­ti­on und et­hi­sche Aspek­te be­leuch­tet. Wie in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on mit der Pa­ti­en­tin um­ge­gan­gen wer­den soll, ler­nen die Stu­den­ten in der ein­se­mest­ri­gen Lehr­ver­an­stal­tung al­ler­dings nicht, ver­pflich­tend ist die Aus­bil­dung zur Un­ter­bre­chung eben­so­we­nig. Weiß dem­nach kein fer­tig aus­ge­bil­de­ter Gy­nä­ko­lo­ge, was er da ei­gent­lich tut? ›Ei­ne Un­ter­bre­chung ist im Grun­de nichts an­de­res als ei­ne Cu­ret­ta­ge, al­so ei­ne Aus­scha­bung‹, sagt Kurt Kriz. Und die­se ler­ne je­der in der Aus­bil­dung. Auch Ha­rald Lei­tich, der die Lehr­ab­tei­lung für Frau­en­heil­kun­de der Me­dU­ni Wien lei­tet, ist sich si­cher, ›dass die Leu­te, die es ma­chen, das auch kön­nen‹. Im Rah­men der Fach­arzt­aus­bil­dung er­hal­te man nach dem Stu­di­um ge­nü­gend Pra­xis – al­ler­dings nur, so­fern das Spi­tal den Ab­bruch über­haupt an­bie­tet. Kri­tik an der un­ein­heit­li­chen Aus­bil­dung kommt von den Initia­to­rin­nen des Frau­en­volks­be­geh­rens: ›Ich kann es nicht nach­voll­zie­hen, war­um es in Ös­ter­reich im­mer noch so sein muss, dass an der Uni kei­ne Ab­brü­che un­ter­rich­tet wer­den‹, sagt Spre­che­rin Andrea Hlad­ky. Durch feh­len­de Schu­lun­gen und Wei­ter­bil­dun­gen sei­en vie­le Ärz­te da­durch nicht am letz­ten Stand der Wis­sen­schaft.

Was sagt die Po­li­tik zu al­le­dem? Im ›Hand­buch frei­heit­li­cher Po­li­tik‹, für das der da­ma­li­ge FPÖ-Spit­zen­kan­di­dat und heu­ti­ge In­fra­struk­tur­mi­nis­ter Nor­bert Ho­fer ver­ant­wort­lich zeich­net, wird die Ge­bär­mut­ter der Frau als ›Ort mit der höchs­ten Ster­be­wahr­schein­lich­keit in Ös­ter­reich‹ be­zeich­net. Die ÖVP-Men­schen­rechts­spre­che­rin Gu­drun Kug­ler ist ei­ne de­kla­rier­te Ab­trei­bungs­geg­ne­rin. Und ob­wohl im Frau­en­mi­nis­te­ri­um in den ver­gan­ge­nen 25 Jah­ren zehn un­ter­schied­li­che ro­te Mi­nis­ter(in­nen) re­gier­ten, ob­wohl die SPÖ dem straf­frei­en Ab­bruch den Weg be­rei­te­te, kommt auch hier das The­ma seit mehr als 40 Jah­ren nicht mehr durch. Zu­letzt for­der­te Alois Stö­ger 2014, da­mals SPÖ-Frau­en­mi­nis­ter, die Ein­füh­rung des lan­des­wei­ten Zu­gangs zur Ab­trei­bung in öf­fent­li­chen Spi­tä­lern, auch in Ti­rol und Vor­arl­berg. Nach kurz­fris­ti­ger Em­pö­rung auf Sei­ten der Kir­che und ÖVP-Lan­des­haupt­leu­te ver­stumm­te die De­bat­te schnell wie­der. Und auch vier Jah­re spä­ter lässt man sich ein­schüch­tern: Die grü­ne Ti­ro­ler So­zi­al­lan­des­rä­tin Ga­bi Fischer rück­te in­zwi­schen von ih­rer For­de­rung, Ab­trei­bun­gen in Ti­ro­ler Spi­tä­lern zu er­mög­li­chen, ab. Statt­des­sen ver­sucht sie nun, nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te zu re­kru­tie­ren, bis da­to je­doch er­folg­los. Ab­trei­bung, das ist je­nes hei­ße Ei­sen, an dem sich mitt­ler­wei­le je­der die Fin­ger ver­bren­nen kann – und nie­mand will.

Der­art pre­kär sei die Si­tua­ti­on ge­wor­den, sagt Andrea Brun­ner, Ge­schäfts­füh­re­rin der SPÖ-Frau­en, dass man das The­ma Schwan­ger­schafts­ab­bruch gar nicht mehr an­tas­ten kön­ne. Ei­gent­lich stün­de sie da­für ein, Schwan­ger­schafts­ab­brü­che ganz aus dem Straf­ge­setz­buch zu strei­chen und das Ost-West-Ge­fäl­le zu mi­ni­mie­ren. ›Wir be­fürch­ten aber, dass ei­ne Dis­kus­si­on über Än­de­run­gen im Straf­ge­setz­buch zu ei­ner Ver­schär­fung führt.‹ Im ak­tu­el­len tür­kis-blau­en Re­gie­rungs­pro­gramm wird der Schwan­ger­schafts­ab­bruch nie ex­pli­zit er­wähnt, man will le­dig­lich ›Un­ter­stüt­zungs­leis­tun­gen für Schwan­ge­re in Kon­flikt- oder Not­si­tua­tio­nen durch Geld-, Sach- und Be­ra­tungs­leis­tun­gen‹ for­cie­ren.

Laut FPÖ ist die Ge­bär­mut­ter der Ort mit der höchs­ten Ster­be­wahr­schein­lich­keit.

Frau­en­mi­nis­te­rin Ju­lia­ne Bo­gner-Strauß von der ÖVP will je­den­falls zum The­ma nichts sa­gen. Aus ih­rem Bü­ro heißt es auf An­fra­ge, man sei auf­grund der EU-Rats­prä­si­dent­schaft zu sehr aus­ge­las­tet. ‹Wir bit­ten um Ver­ständ­nis, dass wir auf Ih­re Fra­gen nicht nä­her ein­ge­hen, da staat­lich fi­nan­zier­te Ver­hü­tungs­mit­tel auch im Re­gie­rungs­pro­gramm kein The­ma sind‹, ver­laut­bart man aus ih­rem Bü­ro. Die ÖVP-Frau­en wol­len sich eben­falls nicht äu­ßern. Es ge­be Jubiläen, die man nicht fei­ern soll­te, schrieb in­des der St. Pölt­ner Bi­schof Klaus Küng an­läss­lich des 40. Jah­res­tags des Na­tio­nal­rats­be­schlus­ses zur Fris­ten­lö­sung. Die Fris­ten­re­ge­lung sei gera­de ›kei­ne Lö­sung‹. Ös­ter­reich ver­sa­ge in ei­ner ›Fort­schritts­fra­ge par ex­cel­lence‹ – dem be­din­gungs­lo­sen Schutz des mensch­li­chen Le­bens – ›und schafft es nicht, ei­nes der gra­vie­rends­ten so­zia­len Pro­ble­me der Ge­sell­schaft an­zu­ge­hen‹.

Auch dem Arzt Hos­ten­kamp wä­re es lie­ber, wenn es we­ni­ger Ab­trei­bun­gen ge­ben wür­de. Die Mög­lich­keit für Frau­en, sie durch­füh­ren zu las­sen, will er aber nicht in Fra­ge stel­len. ‹Und dann ist es wich­tig, dass man sich Zeit

nimmt und es or­dent­lich macht‹. Noch vier Jah­re will Hos­ten­kamp wei­ter­ar­bei­ten. Dann ist er 70. Mehr schaf­fe er ein­fach nicht. Den Schwan­ger­schafts­ab­bruch er­lern­te er wäh­rend sei­ner Aus­bil­dung zum Fach­arzt in Berlin und Frei­burg in den 1980er-Jah­ren. 1987 er­öff­ne­te er in der Nä­he der ös­ter­rei­chi­schen Gren­ze in Lin­dau sei­ne Pra­xis und spe­zia­li­sier­te sich auf am­bu­lan­te Ope­ra­tio­nen. Zehn Jah­re spä­ter folg­te dann ei­ne Pra­xis im na­hen Bre­genz, um den Flücht­lings­frau­en aus den Ju­go­sla­wi­en­krie­gen die Mög­lich­keit zur Ab­trei­bung zu ge­ben – sie durf­ten nicht nach Deutsch­land aus­rei­sen. Weil es sich nicht mehr rech­ne­te, gab er den deut­schen Stand­ort im Vor­jahr auf. Hos­ten­kamp steht fi­nan­zi­ell enorm un­ter Druck. Da er die Ab­trei­bun­gen un­ter Voll­nar­ko­se durch­führt, muss er auch ei­ne Anäs­the­sis­tin be­zah­len. ›Im Jahr ma­chen wir zir­ka 200.000 Eu­ro Um­satz, mir blei­ben aber nur zehn Pro­zent da­von‹, sagt er. Das War­te­zim­mer ist vol­ler Zeit­schrif­ten, But­tons und Flug­blät­ter ver­schie­de­ner Or­ga­ni­sa­tio­nen. Von Ver­hü­tung, der ers­ten Pe­ri­ode und Fa­mi­li­en­pla­nung ist da die Re­de. Doch ›nor­ma­le‹ Pa­ti­en­tin­nen hat Hos­ten­kamp kaum. Wo ab­ge­trie­ben wer­de, sagt der Arzt, kön­ne man schwer ei­ne Pra­xis für gy­nä­ko­lo­gi­sche All­tags­pro­ble­me füh­ren, ge­schwei­ge denn Schwan­ge­re be­treu­en.

Wird es nach Hos­ten­kamps Pen­sio­nie­rung noch ei­ne Mög­lich­keit ge­ben, als Frau in Vor­arl­berg zu ei­ner Ab­trei­bung zu kom­men? Der Me­di­zi­ner wünscht sich staat­li­che För­de­run­gen, um zu­min­dest die Nar­ko­se fi­nan­zie­ren zu kön­nen. ›Bei mei­nem Lohn la­chen die Leu­te‹, sagt er zum Schluss. Viel mehr als zehn Eu­ro pro St­un­de schau­ten nicht her­aus. Auch des­halb macht Hos­ten­kamp zu­sätz­li­che Schich­ten in ei­nem deut­schen Spi­tal. Al­le zwei Wo­chen fährt er nach Duis­burg. Um die Ab­trei­bun­gen in Ös­ter­reich fi­nan­zi­ell aus­glei­chen zu kön­nen, ar­bei­tet er dort in der Nacht auf ei­ner Ge­bur­ten­sta­ti­on. Dann bringt er pro Schicht bis zu vier Ba­bys zur Welt. •

Die Au­to­rin­nen emp­feh­lenJohn Ir­vings Ro­man ›The Ci­der Hou­se Ru­les‹ (dt: Got­tes Werk und Teu­fels Bei­trag). Im Ame­ri­ka der 1940er-Jah­re muss ein jun­ger Gy­nä­ko­lo­ge er­ken­nen, dass sei­ne Moral­vor­stel­lun­gen an der Rea­li­tät zer­bre­chen.

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