In sei­nen Schu­hen

Datum - - Porträt - Text: Jo­nas Vogt · Fo­to­gra­fie: Ur­su­la Röck

Die NE­OS wa­ren zwei Din­ge: Mat­thi­as. Und Strolz. Was hat Bea­te Meinl-Rei­sin­ger nun vor?

Die ›NEOSphä­re‹, die Par­tei­zen­tra­le der NE­OS, sieht ge­nau so aus, wie man sich die Par­tei­zen­tra­le der NE­OS vor­stellt. Halb­jun­ge Men­schen in halb­se­riö­ser Klei­dung wu­seln durch das pink ver­zier­te, of­fe­ne Dach­loft im sieb­ten Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk. Es ist ein hei­ßer Mon­tag im Au­gust, die Stim­mung ist hek­tisch. Bea­te Meinl-Rei­sin­ger be­kommt schnell noch ei­ne Sup­pe aus der Mi­kro­wel­le ge­reicht, Out­fits zum Wech­seln wer­den durch die Ge­gend ge­tra­gen. In fünf Mi­nu­ten soll ein Au­to nach Krems auf­bre­chen, spä­ter am Abend wird das ORF- Som­mer­ge­spräch auf­ge­zeich­net. Es ist Bea­te Meinl-Rei­sin­gers ers­ter gro­ßer Fern­seh­auf­tritt, seit­dem sie Par­tei­che­fin ist.

Ein paar Wo­chen zu­vor steht sie grin­send auf der Büh­ne der Wie­ner Stadt­hal­le und hält ei­nen Blu­men­strauß in die Hö­he. Es ist ihr per­sön­li­cher Mo­ment des Tri­umphs. Mit 94,7 Pro­zent wird Meinl-Rei­sin­ger zur Par­tei­vor­sit­zen­den ge­wählt, im Sep­tem­ber wird die 40-Jäh­ri­ge auch das Amt der Klub­ob­frau über­neh­men. Da­mit steht sie an der Spit­ze ei­ner Par­tei (›Be­we­gung‹, wür­den die NE­OS sa­gen), die sie mit­auf­ge­baut hat. Und jetzt?

Man kann Meinl-Rei­sin­gers Ge­schich­te auf ver­schie­de­ne Ar­ten er­zäh­len. Man kann sie er­zäh­len als Ge­schich­te ei­nes am­bi­tio­nier­ten po­li­ti­schen Men­schen, der ir­gend­wann aus der drit­ten in die zwei­te, schließ­lich in die ers­te Rei­he tritt. Man kann sie er­zäh­len als Weg ei­ner Frau in ei­ner männ­lich ge­präg­ten Welt, die här­ter ar­bei­tet als die Men­schen um sie her­um. Und man kann sie na­tür­lich als die Ge­schich­te er­zäh­len, wie die ÖVP ei­nen Teil des bür­ger­li­chen La­gers ver­lor.

Meinl-Rei­sin­ger ist seit 2013 Be­rufs­po­li­ti­ke­rin und sehr viel län­ger schon ein po­li­ti­scher Mensch. In den Nul­ler­jah­ren gab es meh­re­re Ver­su­che, das bür­ger­li­che La­ger zu er­neu­ern, die sich re­tro­spek­tiv als ›Keim­zel­le der NE­OS‹ le­sen las­sen. Meinl-Rei­sin­ger ist bei fast al­len die­sen Ver­su­chen da­bei. Sie grün­det 2002 mit Be­kann­ten wie Micha­el Schus­ter, heu­te Bun­des­spre­cher der Wirt­schafts­kam­mer­or­ga­ni­sa­ti­on UNOS, die Web­sei­te schwarz­gru­en.org. Sie ist am Bür­ger­kon­vent der ›Platt­form für of­fe­ne Po­li­tik‹ von Fer­ry Thier­ry be­tei­ligt, der spä­ter als NE­OS-Ge­schäfts­füh­rer agier­te. Sie sitzt 2007 mit im Ca­fé Eu­len­nest, als Mat­thi­as Strolz bür­ger­li­che Qu­er­den­ker an den Tisch holt, dar­un­ter auch Leu­te wie Ha­rald Mah­rer, die in der ÖVP blei- ben. Sie ist Pro­jekt­lei­te­rin der ›Agen­da Wien+‹, mit der ab 2011 die Wie­ner ÖVP ge­öff­net wer­den soll und die gran­di­os an die Wand fährt. Und letzt­lich ist sie da­bei, als 2012 die NE­OS ge­grün­det wer­den.

Den NE­OS ist wich­tig, kei­ne Ab­spal­tung der ÖVP zu sein. Trotz­dem ken­nen sich die Meinl-Rei­sin­gers, die Mah­rers, die Strol­zes und Kur­zes schon lan­ge, ha­ben teil­wei­se zu­sam­men ge­ar­bei­tet. Meinl-Rei­sin­ger selbst kann mit dem Be­griff ›Ent­frem­dung‹ we­nig an­fan­gen. ›Es war nie mein Ziel, die ÖVP zu er­neu­ern, son­dern die Po­li­tik.‹ Bea­te

Meinl-Rei­sin­ger wird 1978 in Wien ge­bo­ren. Va­ter und Mut­ter sind bei­de Ärz­te. Sie wird von ih­ren Groß­müt­tern ge­prägt, die als Leh­re­rin­nen an ei­ner AHS ar­bei­ten. Es ist ein bür­ger­lich-li­be­ra­ler Haus­halt, mit an­fäng­li­chen Sym­pa­thi­en für die Öko­be­we­gung. Meinl-Rei­sin­gers Va­ter ist Arzt in Hain­burg, als die Be­set­zer der Au ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert wer­den. Die drei Rei­sin­ger-Kin­der wer­den früh zu Ei­gen­stän­dig­keit an­ge­hal­ten, Bea­te ar­bei­tet wäh­rend des Stu­di­ums un­ter an­de­rem bei ei­ner Bil­la-Toch­ter an der Kas­sa.

Ehe­ma­li­ge Mit­schü­ler be­schrei­ben die jun­ge Mein­lRei­sin­ger als ge­rad­li­nig und selbst­be­wusst. An­ders als fast al­le Män­ner in der Po­li­tik ist Meinl-Rei­sin­ger nie Schul­spre­che­rin. Den Schul­ball or­ga­ni­siert sie trotz­dem. Nach der Schu­le will sie ei­gent­lich Schau­spie­le­rin wer­den, traut sich aber nicht, sich an der Schau­spiel­schu­le zu be­wer­ben. Letzt­lich wird es dann ein Jus-Stu­di­um, weil man da­mit spä­ter viel ma­chen kann – die klas­si­sche Ver­le­gen­heits­lö­sung des Bür­ger­tums. Spä­ter hängt sie noch ein post­gra­du­el­les Eu­ro­pa-Stu­di­um in Krems an. Nach­dem Meinl-Rei­sin­ger mit dem Stu­di­um fer­tig ist, rutscht sie in ein Trainee-Pro­gramm der Wirt­schafts­kam­mer. 2006 geht sie, da­mals 28 Jah­re alt, als Mit­ar­bei­te­rin zu Oth­mar Ka­ras nach Brüs­sel.

Im Jahr 2007 ist Meinl-Rei­sin­ger nach an­dert­halb Jah­ren in Brüs­sel wie­der in Wien, auch ih­rer Be­zie­hung we­gen. Ih­ren Mann, Rich­ter von Beruf, hat sie in Alp­bach ken­nen­ge­lernt, die bei­den ha­ben heu­te zwei ge­mein­sa­me Kin­der. Sie be­wirbt sich im Ka­bi­nett von Staats­se­kre­tä­rin Chris­ti­ne Marek, ent­wi­ckelt dort un­ter an­de­rem das ein­kom­mens­ab­hän­gi­ge Kin­der­be­treu­ungs­geld, das mehr gut ver­die­nen­de Frau­en zum Kin­der­krie­gen er­mu­ti­gen und Vä­ter in die Ka­renz be­kom­men soll.

Marek nimmt Meinl-Rei­sin­ger 2010 mit zur ÖVP Wien. Die bei­den Frau­en schät­zen ein­an­der noch heu­te sehr. ›Sie ist ei­ne hart­nä­cki­ge Idea­lis­tin, die auch kon­se­quent ver­sucht um­zu­set­zen‹, sagt Marek über ih­re ehe­ma­li­ge Mit­ar­bei­te­rin. Ins­ge­samt ist das ge­mein­sa­me Ka­pi­tel aber ein grö­be­res Miss­ver­ständ­nis. Die li­be­ra­le Marek lässt sich zu ei­nem Law-and-Or­der-Wahl­kampf über­re­den, Meinl-Rei­sin­ger trägt das mit. Die ÖVP fällt auf ei­nen his­to­ri­schen Tief­stand von 13,99 Pro­zent. Marek bleibt nach der Wahl, ver­sucht ge­mein­sam mit Meinl-Rei­sin­ger ei­nen Er­neue­rungs­pro­zess, der nie rich­tig in Gang kommt. Mäch­ti­ge Män­ner in der Wie­ner ÖVP wol­len Marek schei­tern se­hen, ein Jahr nach der Wahl ist das Ka­pi­tel zu En­de. Auch po­li­ti­sche Geg­ner von Marek in der ÖVP be­schrei­ben Meinl-Rei­sin­ger heu­te als ›da­mals ei­ne der Ge­schei­tes­ten bei uns‹. Al­ler­dings darf man durch­aus die Fra­ge stel­len, ob sie die Si­tua­ti­on als ›po­li­tisch-stra­te­gi­sche Re­fe­ren­tin› rich­tig ein­ge­schätzt hat. Sie selbst sieht das nicht als ihr Schei­tern. Sie ha­be den Weg als li­be­ra­le Stadt­par­tei eben als den rich­ti­gen für die ÖVP Wien ge­se­hen und ver­sucht, die­sen durch­zu­set­zen.

Meinl-Rei­sin­ger kommt aus der Gleich­stel­lungs­po­li­tik, was in ei­ner auf In­di­vi­dua­li­sie­rung ge­trimm­ten Par­tei nicht im­mer ein­fach ist. In ih­rem Wie­ner Bü­ro ar­bei­ten vie­le Frau­en, auch ihr neu­es Bü­ro im Bund wird stark weib­lich be­setzt sein. ›Mir war es bei den NE­OS im­mer wich­tig, ta­len­tier­te Frau­en nach vor­ne zu ho­len‹, sagt Meinl-Rei­sin­ger. Auf die Fra­ge, ob sie Fe­mi­nis­tin sei, ant­wor­tet sie schnell und di­rekt mit ei­nem Ja. Die NE­OS ha­ben heu­te ein Pro­mo­tee-Pro­gramm für Frau­en, das auch ge­gen in­ter­ne Wi­der­stän­de durch­ge­setzt wur­de. ›Ich hab ge­se­hen: Von al­lein geht's nicht.‹

Der

Grün­dungs­my­thos der NE­OS rankt sich um ein Tref­fen im He­le­nen­tal, bei dem knapp 40 Leu­te im Jahr 2012 auf ei­ner Hüt­te die Mög­lich­kei­ten ei­ner neu­en Par­tei aus­lo­ten. Meinl-Rei­sin­ger, gera­de hoch­schwan­ger, be­kommt ei­nen An­ruf und fährt hin. Vor Ort wird viel in Work­shops und mit Auf­stel­lun­gen ge­ar­bei­tet. Strolz, der Or­ga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­ler, lässt die Leu­te un­ter an­de­rem nach ehe­ma­li­gem Wahl­ver­hal­ten auf­stel­len. Meinl-Rei­sin­ger fin­det die Ta­ge ›un­heim­lich an­stren­gend. Aber ich hab ge­spürt: Da brennt was, das trifft mei­ne An­lie­gen.‹ Zu die­sem Zeit­punkt ist ihr klar, dass sie nach der Ka­renz nicht mehr zur ÖVP zu­rück­ge­hen wird. 2012 legt sie ih­re Mit­glied­schaft bei den ÖVP-Frau­en, die sie auf Druck der Wie­ner Lan­des­par­tei an­ge­nom­men hat, wie­der zu­rück. Nach der Ge­burt ih­rer zwei­ten Toch­ter dockt sie bei den NE­OS an und wird Stell­ver­tre­te­rin von Mat­thi­as Strolz. Meinl-Rei­sin­ger zieht 2013 als Ab­ge­ord­ne­te in den Na­tio­nal­rat ein, wird Jus­tiz- und Kul­tur­spre­che­rin. Pri­vat spielt sie Tennis, sam­melt Kunst, hat vor kur­zem wie­der an­ge­fan­gen, Kla­vier zu spie­len.

Meinl-Rei­sin­ger ist ein ›po­li­ti­cal ani­mal‹, ein po­li­ti­sches Ta­lent, wahr­schein­lich ne­ben Mat­thi­as Strolz das größ­te, das die NE­OS ha­ben be­zie­hungs­wei­se hat­ten. Nie­mand be­strei­tet das, egal wen man fragt, Freund oder Feind. Meinl-Rei­sin­ger ar­bei­tet hart und kon­trol­liert, möch­te bei je­dem Ter­min am liebs­ten 20 Mi­nu­ten vor­her da sein und am bes­ten noch selbst fah­ren. Sie kann Macht, drängt in der Par­tei seit lan­gem nach vor­ne. Sie ist auch als Vi­ze-Par­tei­che­fin und Che­fin des größ­ten und mäch­tigs­ten Lan­des­ver­bands viel in an­de­ren Bun­des­län­dern un­ter­wegs, ruft hier mal an, leiht dort mal ei­nen Trans­por­ter. Sie küm­mert sich mit um den Auf­bau der NE­OS, sam­melt ne­ben­bei Ver­bün­de­te und baut Vor­be­hal­te ab. Vor ein paar Jah­ren gab es noch ei­ne ge­mei­ne Ver­ball­hor­nung ih­res Nach­na­mens, die nach zwei Bier un­ter Mit­ar­bei­tern vor al­lem der Bun­des­par­tei kur­sier­te. Die hört man heu­te nicht mehr. Als Strolz ihr sei­nen Ent­schluss zum Rück­tritt bei ei­nem ge­mein­sa­men Spa­zier­gang im Lain­zer Tier­gar­ten mit­teilt, kann nur noch sie selbst sich ver­hin­dern. In der Par­tei hat sie kei­nen ernst­haf­ten Ge­gen­kan­di­da­ten. Die NE­OS in ih­rer jet­zi­gen Form sind auch ein Pro­jekt von Meinl-Rei­sin­ger. Ihr Mann sagt, sie müs­se den Job jetzt ent­we­der ma­chen oder mit Strolz zu­rück­tre­ten, ei­nen Mit­tel­weg ge­be es nicht. ›Sie hat die Am­bi­ti­on und das Po­li­tik­ver­ständ­nis, um das sehr gut zu ma­chen‹, sagt der lang­jäh­ri­ge NE­OS-Be­glei­ter und Spen­der Hans-Pe­ter Ha­sel­stei­ner.

Das Bild ei­nes Par­tei­chefs wird vor al­lem da­durch ge­prägt, wel­che To­na­li­tät er in der Öf­fent­lich­keit an­schlägt. Mat­thi­as Strolz kul­ti­vier­te von sich selbst das Bild des in­tui­ti­ven Ge­fühls­men­schen, der die Ge­sund­heits­mi­nis­te­rin im Na­tio­nal­rat an­schrie und in In­ter­views schon mal er­zähl­te, ger­ne Bäu­me zu um­ar­men. Und doch über­schnei­den sich das öf­fent­li­che und das in­ter­ne Bild im­mer nur teil­wei­se. Der in­tui­ti­ve Ge­fühls­mensch Strolz kon­trol­lier­te auch die Beistri­che in Pres­se­aus­sen­dun­gen.

Meinl-Rei­sin­ger um­armt kei­ne Bäu­me, und doch ist ihr Ton Ge­gen­stand stän­di­ger Dis­kus­sio­nen. Als sie 2015 Spit­zen­kan­di­da­tin in Wien wird, ist das ein heik­ler Mo­ment, für sie wie für die jun­ge Par­tei. Ei­ne Nie­der­la­ge hät­te ver­mut­lich bei­de Kar­rie­ren be­en­det. Die NE­OS Wien las­sen sich – an­geb­lich un­ent­gelt­lich – von Tal Sil­ber­stein be­ra­ten, der im Na­tio­nal­rats­wahl­kampf 2017 für die SPÖ ar­bei­tet und dort un­ter an­de­rem Fa­ke-Sei­ten wie ›Die Wahr­heit über Se­bas­ti­an Kurz‹ auf­setzt.

Die Kam­pa­gne 2015 ist hart, es wird un­ter an­de­rem ge­gen ›g'stopf­te Po­li­ti­ker‹ pla­ka­tiert. Nicht al­len in der Par­tei ge­fällt der Ton, auch zwi­schen Strolz und Meinl-Rei­sin­ger kommt es zu Un­stim­mig­kei­ten. Die Wien-Che­fin bleibt stur, legt ihr Na­tio­nal­rats­man­dat zu­rück, ver­knüpft die Kam­pa­gne da­durch auch mit ih­rem ei­ge­nen Schick­sal. Am En­de be­hält sie recht: 6,16 Pro­zent und fünf Man­da­te lü­gen nicht.

Seit­dem hat Bea­te Meinl-Rei­sin­ger den Ruf, hart in die Aus­ein­an­der­set­zung zu ge­hen, ger­ne an­zu­ecken. Das ist aber nur die hal­be Wahr­heit. Wenn Meinl-Rei­sin­ger ei­nen Satz wie ›If you can't stand the heat, stay out of the kit­chen›

sagt, stellt sie ihm die Re­la­ti­vie­rung ›Man mag mir das als Här­te aus­le­gen, aber...‹ vor­an. Meinl-Rei­sin­ger ist kein Sepp Schell­horn, kein Ge­rald Loacker, die Spaß dar­an ha­ben, öf­fent­lich die neo­li­be­ra­le Dampf­ram­me zu ge­ben. ›Ich hab da ei­nen ge­wis­sen Prag­ma­tis­mus›, sagt Meinl-Rei­sin­ger. ›Wenn ich mich hin­stel­le und sa­ge, ich bin li­be­ra­le Po­li­ti­ke­rin, dann weiß ich, dass ich da­mit ma­xi­mal 18 Pro­zent er­rei­che, was eben auch heißt: 82 Pro­zent nicht.‹

Die NE­OS las­sen re­gel­mä­ßig durch die Mei­nungs­for­schung ab­fra­gen, wel­che Ei­gen­schaf­ten ih­rem Spit­zen­per­so­nal zu­ge­schrie­ben wer­den. Meinl-Rei­sin­ger wird da als forsch, di­rekt, aber auch als ›hys­te­risch‹ be­schrie­ben. Und da wird es kom­pli­ziert, weil man sehr schwer über Bea­te Meinl-Rei­sin­ger re­den kann, oh­ne auch über Frau­en in der Po­li­tik zu re­den. Nicht nur, weil sie jetzt die ein­zi­ge Par­tei­che­fin Ös­ter­reichs ist.

Hys­te­rie‹

ist ei­ne klas­si­sche Zu­schrei­bung für je­de Frau, die in der Öf­fent­lich­keit nicht so lei­se wie mög­lich auf­tritt. Und auch man­che der Vor­wür­fe, die Bea­te Meinl-Rei­sin­ger in­tern von man­chem ge­macht wer­den (sie ha­be nie in der Pri­vat­wirt­schaft ge­ar­bei­tet, ha­be kei­nen ideo­lo­gi­schen Kern, wür­de sich The­men eher kon­trol­liert er­ar­bei­ten, statt sie au­then­tisch zu le­ben), mö­gen ih­re Be­rech­ti­gung ha­ben. Die Fra­ge ist halt, ob man das ei­nem Mann nicht als tak­ti­sche Fi­nes­se aus­le­gen wür­de. Ein struk­tu­rel­les Di­lem­ma, an dem Me­di­en Mit­schuld tra­gen. Denn na­tür­lich er­tappt man sich als männ­li­cher Jour­na­list in ei­nem Glas­kas­ten in der NE­OS-Zen­tra­le, wie man mit ei­ner Po­li­ti­ke­rin über Din­ge spricht, über die man mit ei­nem männ­li­chen Po­li­ti­ker nicht re­den wür­de. Wie über die Fra­ge, ob sie in der Öf­fent­lich­keit nicht zu forsch rü­ber­kom­me. ›Mir ist schon be­wusst, dass ich mei­ne Rol­le sehr hart an­ge­legt ha­be‹, sagt Meinl-Rei­sin­ger. ›Mir ha­ben Be­kann­te schon zu ver­ste­hen ge­ge­ben, dass es Sei­ten an mir gibt, die in der Öf­fent­lich­keit nicht durch­kom­men.› Mit­ar­bei­ter be­schrei­ben sie als hu­mor­voll, herz­lich, al­ler­dings auch for­dernd. Man müs­se ihr Tem­po mit­ge­hen kön­nen. Wer das nicht kann, ge­ra­te ir­gend­wann ins Ab­seits. ›Man kann sie über­zeu­gen, braucht aber gu­te Ar­gu­men­te‹, sagt Si­mon Tarta­rot­ti, ehe­ma­li­ger Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der NE­OS Wien. Meinl-Rei­sin­ger strei­tet Din­ge auch in­tern aus, wird da­bei ge­le­gent­lich laut, oh­ne Mit­ar­bei­ter per­sön­lich zu de­mü­ti­gen. Auch in In­ter­views kann sie ge­nervt wir­ken, wenn sie sich un­ge­recht be­han­delt fühlt. Man sieht Meinl-Rei­sin­ger oft an, was sie denkt. Das kann lus­tig sein: Bei der Ele­fan­ten­run­de 2015 schlägt sie dem ORF-Mo­de­ra­tor, der ih­ren Na­men im­mer wie­der falsch aus­spricht, vor, er kön­ne sie ›auch Reinl-Mei­sin­ger nen­nen.‹

Ob Strolz den NE­OS so feh­len wird, wie man­cher Jour­na­list nach sei­nem Rück­tritt schrieb, wird sich zei­gen. Vor Meinl-Rei­sin­ger lie­gen je­den­falls gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Im Mai 2019 ist Eu­ro­pa­wahl, das ei­ne Man­dat gilt nicht als si­cher. In den Flä­chen­län­dern Stei­er­mark und in Ober­ös­ter­reich, wo die NE­OS 2015 den Ein­zug in den Land­tag ver­pass­ten, muss der Auf­bau der Lan­des­or­ga­ni­sa­tio­nen vor­an­ge­trie­ben wer­den. Und ei­ne Bau­stel­le hat sich Meinl-Rei­sin­ger mit Wien im Grun­de selbst er­schaf­fen. Sie hin­ter­lässt ein Loch, ihr Nach­fol­ger Chris­toph Wie­der­kehr ist so un­be­kannt, dass die NE­OS das zu­letzt selbst­iro­nisch pla­ka­tier­ten. In Wien zeigt sich ein grund­sätz­li­ches Pro­blem: Die NE­OS brau­chen ir­gend­wann ei­ne Re­gie­rungs­per­spek­ti­ve, und mit al­len mög­li­chen The­men ma­chen sie sich der­zeit Fein­de. In Wien wird es nur mit der SPÖ oder FPÖ ge­hen, egal ob man das dann Ko­ali­ti­on oder Ar­beits­über­ein­kom­men nennt.

Meinl-Rei­sin­ger ist klug ge­nug, um zu wis­sen, dass die NE­OS ir­gend­wann in die Um­set­zung kom­men müs­sen. Ak­tu­ell dreht sie vor al­lem an or­ga­ni­sa­to­ri­schen Schrau­ben. Sie hat Jo­han­nes Vet­ter, der schon für Chris­ti­an Kern und die OMV die Kom­mu­ni­ka­ti­on ge­macht hat, als Be­ra­ter zu den NE­OS ge­holt, will ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­lei­tung in­stal­lie­ren, ihr Bü­ro we­ni­ger als die „In­sel“an­le­gen, die Strolz bis­wei­len war. In der Bun­des­par­tei heißt es, dass der frü­he­re Par­tei­chef eher mit der Prä­senz im Netz und in den Me­di­en zu­frie­den ge­we­sen wä­re. Die (ehe­ma­li­ge) Kom­mu­nal­po­li­ti­ke­rin Meinl-Rei­sin­ger re­de jetzt dau­ernd da­von, dass die NE­OS mehr auf die Stra­ße müss­ten. Ein grund­sätz­lich neu­er Kurs ist un­ter Meinl-Rei­sin­ger nicht zu er­war­ten, da­für ist sie auch zu lan­ge da­bei und zu tief drin. Es wird wei­ter­hin ei­ne Mi­schung aus wirt­schafts­und ge­sell­schafts­li­be­ra­len Po­si­tio­nen ge­ben. ›Das ist in Ös­ter­reich nicht ge­lernt, aber mög­lich‹, sagt Meinl-Rei­sin­ger. Und er­zählt am En­de des Ge­sprächs ei­ne An­ek­do­te: Über das Pro­gramm der schwe­di­schen Li­be­ra­len ha­be kürz­lich je­mand ge­schrie­ben, es le­se sich, als hät­ten Margaret That­cher und die Grü­ne Clau­dia Roth ge­mein­sam ein Par­tei-Pro­gramm ver­fasst. Was nicht po­si­tiv ge­meint war. Bea­te Meinl-Rei­sin­ger aber sieht man an, dass ihr die Ge­schich­te ge­fällt. •

Meinl-Rei­sin­ger ist kein Sepp Schell­horn, kein Ge­rald Loacker, die Spaß dar­an ha­ben, öf­fent­lich die neo­li­be­ra­le Dampf­ram­me zu ge­ben.

Der Au­tor emp­fiehlt ›Schat­ten­jah­re‹ von Chris­ti­an Lind­ner, als FDP-Chef so­zu­sa­gen Meinl-Rei­sin­gers deut­sches Pen­dant. Man liest dort gut her­aus, war­um die Li­be­ra­len häu­fig an sich selbst schei­tern.

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