Franz Schuh

Schuld & Sühne

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An ei­nem die­ser Sep­tem­ber­ta­ge, in de­nen der Som­mer 2018 auf Dau­er ge­stellt war, hör­te ich am Mor­gen Ra­dio: die Sen­dung ›Pas­tic­cio‹ auf Ö1. Ein ge­nia­ler Mo­de­ra­tor hat­te ei­ne Plat­te auf­ge­legt, die den Ge­sang ei­nes Si­zi­lia­ners er­tö­nen ließ. Die wun­der­schö­ne Stim­me des Man­nes war von Här­te und zugleich von Ro­man­ti­schem ge­prägt: ei­ne Sehn­sucht, wer weiß wo­nach, ei­ne un­still­ba­re Sehn­sucht herrsch­te in sei­nem Ge­sang. Es war ein Ma­fia-Lied, und so hall­te mein Frem­den­zim­mer im Kur­haus von Schär­ding von ei­nem Re­frain wie­der, der aus zwei Wor­ten be­stand: ›OMERTÀ, OMERTÀ.‹

Das Lied be­rief sich auf das Schwei­gen, auf die Omertà, aber im Un­ter­ton hör­te ich ei­ne Ver­zweif­lung, ei­ne Über­an­stren­gung her­aus, mit der sich der Si­zi­lia­ner die Omertà glau­ben ma­chen woll­te. Es kos­te­te ja nur ein Wort, und schon kä­me ein Ver­bre­chen ans Licht – ein Wort, und der, der es aus­sprach, durf­te sich fürs Ster­ben be­reit ma­chen. Da­bei ist der Mensch das spre­chen­de Tier und fürs Schwei­gen nicht auf der Welt. Ein paar Ta­ge, nach­dem ich die­ses Lied auf Ö1 ge­hört hat­te, hieß es, der Papst hät­te in Rom die Ma­fia zur Reue auf­ge­ru­fen. Aber er hat sie wohl­weis­lich nicht da­zu auf­ge­ru­fen, ihr Schwei­gen zu bre­chen.

›Da gibt es‹, sa­ge ich zur Ärz­tin im Kur­haus, ›ein Me­di­ka­ment zur Sen­kung des Blut­drucks, das ei­ne selt­sa­me Ne­ben­wir­kung hat: Du be­kommst ei­ne min­des­tens vier Ki­lo schwe­re Brust da­von!‹ ›Hm‹, sag­te die Ärz­tin, die na­tur­wis­sen­schaft­lich ge­bil­det und un­sen­ti­men­tal prag­ma­tisch war: ›Das könn­te man ja zur Brust­ver­grö­ße­rung ein­set­zen.‹ ›Hm‹, sag­te dies­mal ich, ›schön wär’s, aber dann hät­te man auch die an­de­ren Ne­ben­wir­kun­gen am Hals.‹

Ja, al­les Le­ben ist Che­mie, und ich hät­te längst schon den letz­ten Schnau­fer ge­tan oh­ne Xar­el­to 20 mg und Do­xa­zo­sin 8 mg. Dass man die Vals­ar­tan-Mix­tu­ren als krebs­er­re­gend er­kannt hat, ist das Ri­si­ko des Pa­ti­en­ten. Was will denn der, krank sein und kei­ne Pro­ble­me mit der The­ra­pie ha­ben!? Sowas gibt’s in der of­fe­nen Ge­sell­schaft nicht, und aus dem Chor der Ärz­te, der Pfle­ger und der Pfle­ge­as­sis­ten­ten er­schallt der uri­ge Ruf aus Welt­kriegs­zei­ten: ›Hun­de, wollt ihr ewig le­ben!‹

Die Ver­blö­dung hat auf al­len Ge­bie­ten ei­nen schö­nen Platz. Die Wer­be­trot­tel ko­ket­tie­ren so­gar mit ihr, so­dass man nicht un­ter­schei­den kann, ob sie wirk­lich so blöd sind oder ob sie nur so tun. Wer­bung ist die Kunst des Li­be­ra­lis­mus, des­sen Geist aus wich­ti­gen, un­ver­zicht­ba­ren Frei­hei­ten, aber auch aus ver­blö­den­dem Kon­su­me­ris­mus, aus so­ge­nann­ter ›Unterhaltung‹ und aus dem Bin­de­glied von bei­dem, aus der Wer­bung be­steht. Es fällt im Wer­be­block das Wort ›Er­käl­tung‹, und man sieht ei­nen jun­gen Mann, um den Hals ei­nen Schal (der sei­ne Er­käl­tung be­zeugt). Gleich folgt das Zau­ber­wort, mit dem er sie los­wer­den wird: ›Shop-apo­the­ke ich weg!‹, sagt der Er­krank­te, der kur­zen Pro­zess mit sei­nem grip­pa­len In­fekt ma­chen wird.

Und man sieht ei­ne mol­li­ge jun­ge Frau. So­fort denkt man, die hat ja doch ein paar über­flüs­si­ge Pfun­de, und schon sagt sie es: ›Über­flüs­si­ge Pfun­de‹, aber sie weiß Rat: Sie shop-apo­thekt ih­re Pfun­de ein­fach weg. Jetzt er­scheint ei­ne schö­ne Da­me äl­te­ren Jahr­gangs. Be­vor man ge­dacht hat, die Da­me hat in ih­rem Al­ter si­cher tro­cke­ne Haut, gibt sie ei­nem recht: ›Tro­cke­ne Haut‹, sagt sie, ›shop-apo­the­ke ich weg.‹

Jour­na­lis­ti­sche Ar­ti­kel sind sowas Ähn­li­ches, auch sie shop­pen ir­gend­was weg oder sie kre­den­zen ei­nem was, das ei­nem schme­cken soll. Ich ge­ste­he, dass ich mit mei­nem Freund Kar­li sehr oft wet­te, wor­über der Voll­blut­jour­na­list

Chris­ti­an Ort­ner das nächs­te Mal sei­ne ›Quer­ge­schrie­ben‹-(sic!)-Ko­lum­ne in der Pres­se schrei­ben wird. Da­bei ha­be ich schon ein paar hun­dert Eu­ro lu­kriert und Kar­li will nicht mehr mit mir wet­ten.

Chris­ti­an Ort­ner be­nei­de ich, denn er schreibt, was ich ein­mal im DA­TUM schon be­haup­tet ha­be, zu al­lem im­mer ein und den­sel­ben Ar­ti­kel, wäh­rend ich mich da­bei über­an­stren­ge, mei­ner Schreib­pra­xis we­nigs­tens zwei Ar­ti­kel ab­zu­rin­gen. Ort­ners Ein­heits­ar­ti­kel kommt da­von, dass sein Au­tor nur ei­ne Mei­nung hat. Ich ha­be im­mer­hin zwei, und das ist sehr un­prak­tisch in un­se­rem Beruf. Auch wenn ich zwei Mei­nun­gen ha­ben mag, über Ort­ner ha­be ich nur ei­ne Mei­nung.

Ort­ners ei­ne Mei­nung ist aber eh su­per, ganz ein­wand­frei, ei­ne Spit­zen­mei­nung, und sie passt im Neo­li­be­ra­lis­mus eh zu al­lem, was Ort­ner so meint, zum Bei­spiel da­zu, dass ›Neo­li­be­ra­lis­mus‹ – his­to­risch – ganz was an­de­res ist als die hunds­ge­mei­ne öko­no­mi­sche Stra­te­gie, die de­ren Fein­de mit dem Ter­mi­nus zu be­kämp­fen glau­ben. Su­per aka­de­mi­scher Ge­dan­ke, fast wie aus ei­ner ab­ge­schrie­be­nen Dis­ser­ta­ti­on, aber kor­rekt ab­ge­schrie­ben, al­so im­mer­hin ganz rich­tig. Und Ort­ner ist ein Lie­ben­der, er liebt – wie Stra­che den Kurz – den Ka­pi­ta­lis­mus, falls man un­se­re über­aus kom­ple­xe Wirt­schafts­ord­nung ver­sim­pelt so nen­nen will.

Das letz­te Mal ha­be ich Kar­li ab­ge­zockt, als ich dar­auf wet­te­te, jetzt kommt vom Ort­ner ein Ar­ti­kel über Chem­nitz.

Ich um­riss den Ar­ti­kel mit we­ni­gen Wor­ten, und schon war er am 7. Sep­tem­ber 2018 er­schie­nen, in ei­ner glän­zen­den Fas­sung un­ter dem Ti­tel: ›Ei­ne »Hetz­jagd«, die es nicht gab, und Me­di­en, die wie­der ver­sa­gen‹.

Wenn man ihn, den Ort­ner, so rich­tig ran­lie­ße, dann wür­de we­der der Spie­gel noch der Stern ver­sa­gen, schon gar nicht das ZDF und die ARD, nicht ein­mal die FAZ, al­le wür­den sei­ne ei­ne Mei­nung ha­ben. So muss er vom Spie­gel bis zur

ARD al­le aus­schimp­fen, ers­tens über­haupt und zwei­tens, weil sol­che In­sti­tu­tio­nen ei­nen Recht­ha­be­rer aus Wien be­nö­ti­gen, der ih­nen kur­siv die Grund­re­geln des Jour­na­lis­mus vor­schreibt: Check, Re­check, Dou­ble­check.

Für ei­nen Mei­nungs­jour­na­lis­ten wie Ort­ner ist das ganz schön em­pi­risch ori­en­tiert, das schau ich mir an, wenn er ein­mal sei­nen Dou­ble­check macht oder ei­nen Re­check, aber auch ein ein­fa­cher Check wür­de mir ge­nü­gen.

Ich sag’s un­gern, wo­mit mich Ort­ner mit­ten in mei­ne jour­na­lis­ti­sche See­le trifft: Die­ser Kol­le­ge hat über­haupt nicht ge­checkt, in wel­che Kri­se ›Hetz­jagd‹ ja oder nein so­gar die deut­sche Bun­des­re­gie­rung brin­gen könn­te. Er war buch­stäb­lich ah­nungs­los. Kein Ge­spür da­für, aber ei­nes der wich­tigs­ten ›Nar­ra­ti­ve‹ der Rech­ten: Die Me­di­en (sprich: ›die Main­stream-Me­di­en‹) ›in­for­mie­ren‹ nicht, sie wol­len un­se­re Leu­te ei­nes Bes­se­ren be­leh­ren, sprich, sie ›er­zie­hen.‹ So­gar in Ös­ter­reich, das von der Kro­nen Zei­tung re­giert wird, mur­meln ei­ni­ge im Nar­ra­tiv von ›Ge­sin­nungs­po­li­zis­ten‹ und da­von, dass ›die Main­stream-Me­di­en‹ der ›sim­plen Re­vo­lu­ti­ons­rhe­to­rik der 68er‹ hul­dig­ten.

Die deut­sche Ge­sell­schaft ist vor­bild­haft ge­spal­ten, ge­lähmt von ei­ner ty­pi­schen An­ti­the­se: Die Re­de von der ›Hetz- jagd‹ wol­le von ei­nem Mord an ei­nem Deut­schen, be­gan­gen von Aus­län­dern, ab­len­ken, und um­ge­kehrt: Die­ses Kon­zept wie­der­um sol­le von dem ab­len­ken, was in Chem­nitz ›wirk­lich‹ pas­siert ist, näm­lich laut Süd­deut­scher Zei­tung: ›In Chem­nitz ist ein frem­den­feind­li­cher Mob durch die Stra­ßen ge­zo­gen, die Rech­ten ha­ben Men­schen be­droht.‹ Un­ter den Be­droh­ten wa­ren auch Jour­na­lis­ten, über die man sa­gen darf, dass sie am ei­ge­nen Lei­be er­fuh­ren, wor­über sie be­rich­te­ten.

Der Jour­na­lis­mus pa­ra­si­tiert meis­tens von der Dis­tanz zu den Phä­no­me­nen, die er – in Ar­ti­kel oder in Fern­seh­bil­der ver­packt – an die Öf­fent­lich­keit wei­ter­lei­tet. Wie an­no da­zu­mal wird er an Or­ten wie Chem­nitz in Er­eig­nis­se mit ein­be­zo­gen, von de­nen das rech­te Nar­ra­tiv be­haup­tet, es ha­be sie gar nicht ge­ge­ben. Da­bei fliegt auf, dass ein Prä­si­dent des deut­schen Ver­fas­sungs­schut­zes par­tei­po­li­tisch agiert, al­so der AfD nicht fern­steht, wäh­rend ein von der CSU ent­sand­ter In­nen­mi­nis­ter ei­gent­lich ger­ne bei der AfD wä­re, sie aber nicht zu­letzt be­kämp­fen muss we­gen der Wah­len in Bay­ern, die die CSU mit ab­so­lu­ter Mehr­heit un­be­dingt ge­win­nen soll.

Der klas­si­sche Hu­mor der Rech­ten setzt sich durch, und der Prä­si­dent des Ver­fas­sungs­schut­zes wird in die­ser Funk­ti­on ab­ge­setzt, aber – mit Ein­wil­li­gung der SPD – fürs Ers­te als Staats­se­kre­tär im

Der Mensch ist das spre­chen­de Tier und fürs Schwei­gen nicht auf der Welt.

In­nen­mi­nis­te­ri­um be­schäf­tigt, wo er ein paar Tau­sen­der mehr ver­dient. Man hört Herrn See­ho­fer sich höh­nisch ins Fäust­chen la­chen, aber dann ... Und so wei­ter, ist das nicht Po­li­tik in Rein­kul­tur, ein Spiel­feld der ›Ohn­macht­ha­ber‹, wie Karl Kraus macht­gie­ri­ge Po­li­ti­ker nann­te?

Das We­sent­li­che schei­nen mir heu­te nicht die eh­ren­wer­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu sein, ob et­was ge­we­sen ist oder nicht und, falls ja ge­we­sen oder nein nie­mals ge­we­sen, ob man es dann so nen­nen kann oder ob man es an­ders nen­nen muss. Das We­sent­li­che heu­te ist, dass – kaum hat man ei­ne Sach­ver­halts­dar­stel­lung zum Bes­ten ge­ge­ben – ein an­de­rer mit ei­ner Ge­gen­the­se auf­war­tet. Mus­ter: In Chem­nitz wur­den Aus­län­der ver­folgt. Da­ge­gen der Ge­heim­dienst­ler Maa­ßen in der Bild-Zei­tung: Nein, ›es spre­chen gu­te Grün­de da­für, dass es sich um ei­ne ge­ziel­te Falsch­in­for­ma­ti­on han­delt.‹

Ein als Be­leg für die Jagd vor­ge­brach­tes Vi­deo sei nicht ›au­then­tisch‹ – es sei da­her, so ver­ste­he ich es, ei­ne Fäl­schung. Spä­ter sag­te Maa­ßen aber, er kön­ne Deutsch, hät­te er ›ge­fälscht‹ ge­meint, hät­te er ›ge­fälscht‹ ge­sagt. Ich glau­be, er hat es nur des­halb nicht ge­sagt, da­mit man ihm nicht nach­wei­sen kann, dass er für sei­ne Be­haup­tung kei­nen Be­weis hat. ›Au­then­tisch‹ ist ein Wort, das mehr ver­ste­cken als ver­ra­ten kann. ›Au­then­tisch‹ und ›nicht-au­then­tisch‹ kann man schwer fal­si­fi­zie­ren.

Und das ist es, wor­um es im We­sent­li­chen geht: Der Kern­punkt ist nur ne­ben­bei die Fra­ge, ob es ei­ne ›Hetz­jagd‹ ge­ge­ben hat oder nicht. Der Kern­punkt ist, dass sich sol­che Fra­gen nicht mehr stel­len las­sen (sol­len), weil der Dis­kurs ›al­ter­na­ti­ve facts‹ gleich­ran­gig mit fest­stell­ba­ren, über­prüf­ba­ren Fak­ten im An­ge­bot führt.

Wun­der­bar an un­se­rer Re­gie­rung ist, dass in ihr end­lich die Phi­lo­so­phen an der Macht sind. Wenn ich mich recht er­in­ne­re, hat der stu­dier­te Phi­lo­soph Her­bert Kickl am Be­ginn sei­ner Herr­schaft in ei­nem In­ter­view mit der Kro­nen Zei­tung selbst­be­züg­lich an Pla­tos wit­zi­ges Theo­rem er­in­nert, die Phi­lo­so­phen soll­ten Kö­ni­ge sein. Kö­nig Kickl hat uns schon ei­ni­ges an­schau­en las­sen, der stu­dier­te Phi­lo­soph Ger­not Blü­mel wird es noch, vor al­lem dann, wenn er mit den Me­di­en­fach­leu­ten der FPÖ den ORF rui­niert. Bis da­hin hält Kol­le­ge Blü­mel durch­aus phi­lo­so­phi­sche Re­den, zum Bei­spiel bei der Er­öff­nung der Bre­gen­zer Fest­spie­le. ›Mit dem Ver­weis‹, heißt es in ei­nem Be­richt dar­über, ›auf die to­ta­li­tä­ren Re­gime des 20. Jahr­hun­derts, wenn Kunst nicht als Selbst­zweck, son­dern als Mit­tel zum Zweck ge­se­hen wer­de, dann näm­lich, wenn sie nur als Be­stä­ti­gung des­sen ge­nutzt wird, was am Sys­tem als »wahr« vor­ge­ge­ben wird …‹

Ja, ich ha­be ver­stan­den und stei­ge aus dem Satz aus. Mehr in die­se Rich­tung muss ich mir nicht sa­gen las­sen. Ich find’s okay, da ist schon was Wah­res dran, ist es doch gu­ter Sir Pop­per, in des­sen Sin­ne vom Er­öff­nungs­red­ner Blü­mel die ver­werf­li­chen Phi­lo­so­phen Pla­to, He­gel und Marx ge­gei­ßelt wer­den. Wür­de ich, was doch un­denk­bar ist, mit Blü­mel am Stie­gen­auf­gang zum I. Phi­lo­so­phi­schen In­sti­tut hin­auf­wan­deln, dann wür­de ich si­cher nichts dar­über sa­gen, dass die FPÖ sich ger­ne aus dem Ar­senal ei­nes die­ser to­ta­li­tä­ren Re­gime des 20. Jahr­hun­derts be­dient.

Aber Pla­to, na ja, da wür­de ich un­be­dingt ›in den Raum stel­len‹, dass ich mir kaum ei­ne Dis­kus­si­on über Schön­heit vor­stel­len kann, die nicht pla­to­ni­sche Po­si­tio­nen be­rührt oder sich in ih­nen so­gar ver­fängt, ob nun wis­sent­lich oder ah­nungs­los. Dass Kol­le­ge Blü­mel Marx nicht lei­den kann, wür­de ich wi­der­spruchs­los hin­neh­men, um über He­gel in die Dis­kus­si­on ein­zu­stei­gen: Oh­ne den Deut­schen Idea­lis­mus, de­ren Haupt­ver­tre­ter He­gel war, hät­te der Selbst­zweck­ge­dan­ke nicht ei­ne sol­che Kar­rie­re ma­chen kön­nen, dass er es so­gar bis hin­auf zu den Bre­gen­zer Fest­spie­len bringt.

Wie das Schrift­ge­lehr­te in ih­rem Wett­streit tun müs­sen, wür­de ich Blü­mel am Stie­gen­auf­gang mit der Bit­te um Be­rück­sich­ti­gung die span­nen­de Stel­le aus He­gels ›Äs­t­he­tik‹ vor­le­sen, an der Kant ein­fühl­sam re­fe­riert wird: ›Das Schö­ne hin­ge­gen exis­tiert als zweck­mä­ßig in sich selbst, oh­ne dass Mit­tel und Zweck sich als ver­schie­de­ne Sei­ten ge­trennt zei­gen. Der Zweck der Glie­der, z. B. des Or­ga­nis­mus, ist die Le­ben­dig­keit, die in den Glie­dern sel­ber als wirk­lich exis­tiert; ab­ge­löst hö­ren sie auf, Glie­der zu sein. Denn im Le­ben­di­gen sind Zweck und Ma­te­ri­a­tur des Zwecks so un­mit­tel­bar ver­ei­nigt, dass

Chris­ti­an Ort­ners Ein­heits­ar­ti­kel kommt da­von, dass sein Au­tor nur ei­ne Mei­nung hat.

die Exis­tenz nur in­so­fern ist, als ihr Zweck ihr ein­wohnt. Von die­ser Sei­te her be­trach­tet, soll das Schö­ne die Zweck­mä­ßig­keit nicht als ei­ne äu­ße­re Form an sich tra­gen, son­dern das zweck­mä­ßi­ge Ent­spre­chen des In­ne­ren und Äu­ße­ren soll die im­ma­nen­te Na­tur des schö­nen Ge­gen­stan­des sein …‹

Aber längst ist auch das Häss­li­che, so­gar das for­ciert Un­schö­ne Ge­gen­stand des künst­le­ri­schen Trei­bens. Ich sa­ge nichts über Kern, nicht aus Par­tei­lich­keit, son­dern weil ich ihm ge­gen­über sprach­los bin. Am Tag sei­nes Rück­tritts nahm ich, ganz er­schöpf­tes Selbst, Platz im Kur­hausCa­fé. Ich muss schwer ver­letzt ge­wirkt ha­ben, denn ei­ne Da­me sprach mich an: ›Wie geht’s Ih­na denn?‹

Ich grum­mel­te vor mich hin, mög­lichst un­ver­ständ­lich. ›Na, wie denn?‹, in­sis­tier­te sie. ›Ich ge­hö­re nicht zu den Men­schen‹, er­wi­der­te ich, und sie: ›Zu wem ge­hö­ren sie nicht?‹ – ›Nein, ich ge­hö­re nicht zu je­nen Men­schen‹, er­wi­der­te ich kühn (und jetzt Re­la­tiv­satz): ›die – ob Freund oder Feind – nach et­was fra­gen, zum Bei­spiel nach mei­nem Wohl­er­ge­hen, ob­wohl es sie gar nicht in­ter­es­siert.‹

Die Da­me wisch­te mein Kau­der­welsch vom Tisch und adres­sier­te Fol­gen­des an mich: ›Sie woh­nen doch im zwei­ten Stock.‹ ›Ja­wohl‹, sag­te ich fast ein­sil­big. ›Aber im zwei­ten Stock‹, sag­te die Da­me, ›war doch die Ret­tung da. Net für Sie?‹

Ich muss­te sie ent­täu­schen, war aber selbst ent­täuscht. Die In­ter­ven­ti­on der Da­me lös­te in mir ein am­bi­va­len­tes Ge­fühl aus: Ei­ner­seits war ich froh, dass die Ret­tung nicht mei­net­we­gen da war, an­de­rer­seits war ich trau­rig dar­über, dass ich wie­der ein­mal die Ret­tung ver­säumt hat­te. •

Franz Schuh Schrift­stel­ler und Phi­lo­soph

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