Die bes­ten Jah­re ei­nes Le­bens

Drei Freun­de sit­zen zu Un­recht jah­re­lang in Haft. Ihr Fall zeigt, was im US-Jus­tiz­sys­tem schief läuft.

Datum - - Inhalt - Text & Fo­to­gra­fie: Jo­han­nes Pu­cher

Drei Freun­de sit­zen zu Un­recht jah­re­lang in Haft. Ihr Fall zeigt, was im US-Jus­tiz­sys­tem schief­läuft.

Ich weiß nicht, was ich sa­gen soll.‹ Mit Trä­nen in den Au­gen steht Ver­tei­di­ger Da­vid Par­to­vi im Ge­richts­saal des Spo­ka­ne Coun­ty Court Hou­se. Vor Zorn hat er den Ge­schwo­re­nen den Rü­cken zu­ge­wandt. Dann tritt er vor und setzt zu sei­nem Schluss­plä­doy­er an: ›Ich will nur, dass im Pro­to­koll fest­ge­hal­ten wird und die Men­schen wis­sen, dass das die schlimms­te Ent­schei­dung ei­nes Ge­richts ist, die ich je­mals ge­se­hen ha­be. Zum ers­ten Mal in mei­ner gan­zen Kar­rie­re schä­me ich mich, ein An­ge­stell­ter die­ses Ge­richts zu sein.‹

Es ist der 17. Fe­bru­ar 2009, der letz­te Tag ei­nes Pro­zes­ses in Spo­ka­ne, Washington, die spä­ter in lo­ka­len Me­di­en als ›chao­tisch‹ be­schrie­ben wer­den wird. Das Ur­teil im Fall Washington Sta­te ver­sus Paul St­at­ler, Ro­bert Lar­son und Ty­ler Gass­man lau­tet: schul­dig des be­waff­ne­ten Raub­über­falls, des tät­li­chen An­griffs und des zwei­fa­chen ›dri­ve-by-shoo­tings‹. Paul St­at­ler wird zu 41 Jah­ren, Ro­bert Lar­son zu 22 Jah­ren und Ty­ler Gass­man zu 26 Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Nur: Die drei jun­gen Män­ner ha­ben die­se Ver­bre­chen nie be­gan­gen.

Die Fehl­ver­ur­tei­lung ist kein Ein­zel­fall. Seit 1989 sind in den USA mehr als 2.200 Ur­tei­le nach­träg­lich auf­ge­ho­ben wor­den, mehr als 19.000 Jah­re Frei­heit sind un­wie­der­bring­lich ver­lo­ren. US-Ame­ri­ka­ni­sche Rechts­pro­fes­so­ren und ih­re Stu­den­ten ha­ben sich An­fang der Neun­zi­ger­jah­re zu­sam­men­ge­schlos­sen, um als › In­no­cence Mo­ve­ment‹ die Feh­ler des Straf­rechts­sys­tems wie­der aus­zu­bü­geln. Für vie­le Un­schul­di­ge sind sie die letz­te Chan­ce, ge­hört zu wer­den, aber ei­ne un­be­kann­te Zahl von Ver­ur­teil­ten wird auch die­se Hil­fe nie er­rei­chen. Im Früh­jahr 2011, zwei Jah­re nach Paul St­at­lers Ver­ur­tei­lung, be­schloss das In­no­cence Pro­ject Nor­thwest, ihn als Man­dan­ten zu ver­tre­ten. Für Paul be­deu­te­te das die Chan­ce auf Frei­heit, doch sein Fall führ­te auch zu ei­nem neu­en Ge­setz.

Am

25. Ju­ni 2008 hat Paul St­at­ler frei. Er ar­bei­tet als Zim­mer­mann und ver­rich­tet schwe­re kör­per­li­che Ar­beit, des­halb ist er froh, an die­sem Tag ein­fach ein­mal gar nichts tun zu müs­sen. Ge­mein­sam mit sei­ner Freun­din lebt er da­mals im Haus sei­ner Mut­ter in der Kle­in­stadt Spo­ka­ne Val­ley ganz im Os­ten des Bun­des­staats Washington. Er liegt ge­ra­de im Bett, als sein Kum­pel Sha­ne Niel­son an die Schlaf­zim­mer­tür klopft: ›Mann, da drau­ßen auf der Stra­ße ist ein gan­zer Hau­fen Bul­len!‹ ›Ja Schei­ße, dann sieh nach, was sie wol­len!‹, er­in­nert sich Paul ge­sagt zu ha­ben. Noch be­vor Sha­ne die Tür ganz ge­öff­net hat, stür­men 20 bis 30 schwer be­waff­ne­te Po­li­zis­ten das Haus.

Am sel­ben Nach­mit­tag wer­den auch Pauls Cou­sin Ro­bert und sein Kind­heits­freund Ty­ler ver­haf­tet. Kei­ner von ih­nen weiß zu die­sem Zeit­punkt, wor­um es geht. Auf der Po­li­zei­sta­ti­on wer­den sie je­weils 30 bis 45 Mi­nu­ten lang in ei­nem so­ge­nann­ten ›free talk‹ be­fragt, al­so oh­ne An­walt. Für die drei jun­gen Män­ner ist das in die­sem Mo­ment nicht ein­mal ein Pro­blem, denn sie ha­ben nichts zu ver­ber­gen. Ob er et­was über ei­nen Über­fall wis­se, fragt der De­tec­tive. ›Nein‹, ant­wor­tet Paul. Ein Typ na­mens Matt Dun­ham sa­ge aber, dass Paul et­was dar­über wis­se, so der De­tec­tive. ›Ich ha­be kei­ne Ah­nung, wer Matt Dun­ham ist‹, sagt Paul.

Im Früh­jahr 2008 ha­ben in Spo­ka­ne ei­ne Rei­he von Raub­über­fäl­len statt­ge­fun­den. Es ging um Geld und ein stark opi­um­hal­ti­ges Me­di­ka­ment na­mens OxyCon­tin. Die Ju­gend­li­chen nen­nen es Oxy, und es ist den Dro­gen­be­hör­den im gan­zen Land schon seit den Neun­zi­ger­jah­ren we­gen sei­nes ho­hen Ab­hän­gig­keits­po­ten­zi­als be­kannt. Ei­ne Pil­le ist nicht bil­lig, auf der Stra­ße zahlt man bis zu hun­dert Dol­lar da­für. Vie­le Ju­gend­li­che rut­schen in die Kri­mi­na­li­tät ab, um ih­ren ei­ge­nen Kon­sum zu fi­nan­zie­ren. Im April 2008 wer­den vier jun­ge Män­ner di­rekt nach ei­nem Über­fall von der Po­li­zei ver­haf­tet. Sie ha­ben zwei Dro­gen­dea­ler über­fal­len und ei­ne gro­ße Men­ge Oxys ge­stoh­len. Spä­ter stellt sich her­aus, dass sie meh­re­re sol­cher Über­fäl­le be­gan­gen ha­ben. Ei­ner von ih­nen ist der 17-jäh­ri­ge Matt Dun­ham.

Paul, Ro­bert und Ty­ler sind eben­falls kei­ne un­be­schrie­be­nen Blät­ter. Sie ha­ben al­le schon ein­mal ei­ne Ge­fäng­nis­stra­fe ab­ge­ses­sen. Ro­bert, weil er Crys­tal Meth ver­kauft hat, und Paul und Ty­ler, weil sie ge­mein­sam mit 15 Jah­ren be­trun­ken ei­nen Waf­fen­la­den über­fal­len ha­ben. Ge­nau wie Paul da­mals, sitzt nun, im Ju­ni 2009, auch Matt Dun­ham als Min­der­jäh­ri­ger in ei­nem Er­wach­se­nen­ge­fäng­nis. We­gen der Über­fäl­le, die er ge­mein­sam mit sei­nem Bru­der und zwei Freun­den be­gan­gen hat, dro­hen ihm jetzt 30 bis 40 Jah­re Haft. Doch so weit wird es nicht kom­men. Aus der Haft kon­tak­tiert Matt sei­nen An­walt und bie­tet der Po­li­zei In­for­ma­tio­nen über wei­te­re, bis­her un­ge­lös­te Fäl­le an. Er sei bei drei wei­te­ren Über­fäl­len der Flucht­fah­rer ge­we­sen, doch die Grup­pe, mit der er die Über­fäl­le be­gan­gen ha­be, sei dies­mal ei­ne an­de­re. Nicht sein Bru- der, son­dern Paul St­at­ler sei be­tei­ligt ge­we­sen, und je­mand na­mens And­rew. De­tec­tive Doug Mars­ke zeigt sich in­ter­es­siert. Kur­ze Zeit spä­ter sagt Matt er­neut aus, dies­mal un­ter Eid: Er ha­be die drei Über­fäl­le ge­mein­sam mit Paul St­at­ler und Ty­ler Gass­man be­gan­gen, und der Mann na­mens And­rew hei­ße in Wirk­lich­keit Bob­by. Ge­meint ist Pauls Cou­sin Ro­bert.

In­for­man­ten wie Matt Dun­ham fin­det man in al­len Be­rei­chen des ame­ri­ka­ni­schen Straf­rechts­sys­tems. Von klei­nen De­lik­ten bis zu Ver­bre­chen der or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät kom­men Aus­sa­gen von Zeu­gen, aber auch von Mit­tä­tern zum Ein­satz. ›Wir sind auf In­for­man­ten an­ge­wie­sen, um Fäl­le zu lö­sen‹, er­klärt der She­riff von Spo­ka­ne, Oz­zie Kne­zo­vich. Was das Aus­ver­han­deln von De­als be­trifft, ha­ben Po­li­zei­er­mitt­ler und Staats­an­wäl­te völ­lig freie Hand. Ein Po­li­zist kann bei­spiels­wei­se frei ent­schei­den, ob je­mand ver­haf­tet wird oder nicht. Ein Staats­an­walt kann An­kla­gen re­du­zie­ren, aber auch er­hö­hen. Gleich­zei­tig ist der Ein­fluss von In­for­man­ten auf die Ent­schei­dun­gen von Ge­schwo­re­nen enorm hoch. Zahl­rei­che Stu­di­en, wie je­ne der Ame­ri­can Psy­cho­lo­gy-Law So­cie­ty aus dem Jahr 2007, be­sa­gen, dass die Wahr­schein­lich­keit für ei­nen Schuld­spruch si­gni­fi­kant steigt, wenn die Aus­sa­ge ei­nes In­for­man­ten in­vol­viert ist. Gleich­zei­tig hat es kei­ner­lei Ein­fluss auf die Ent­schei­dung der Ge­schwo­re­nen, wenn auf die Straf­min­de­rung, die der In­for­mant für sei­ne Aus­sa­ge be­kommt, ex­pli­zit hin­ge­wie­sen wird. In­for­man­ten sind al­so ein höchst ef­fek­ti­ves Werk­zeug der Straf­ver­fol­gung. Im US-ame­ri­ka­ni­schen Straf­rechts­sys­tem steigt der Ein­satz von In­for­man­ten des­halb seit 20 Jah­ren kon­stant an. Der Staat tauscht Schuld ge­gen In­for­ma­ti­on. Im Fall von Matt Dun­ham heißt der De­al: 18 Mo­na­te Ju­gend­ge­fäng­nis statt ei­ner Höchst­stra­fe von 30 bis 40 Jah­ren.

Matt Dun­ham be­schul­digt Paul, Ro­bert und Ty­ler, an drei Über­fäl­len be­tei­ligt ge­we­sen zu sein. Die Pflicht­ver­tei­di­ger, die Pauls Fall über­neh­men, sind trotz­dem gu­ter Din­ge. ›Es gab nichts, was mei­nen Man­dan­ten mit dem Ver­bre­chen in Ver­bin­dung brach­te, au­ßer der Aus­sa­ge von Matt Dun­ham‹, sagt Ver­tei­di­ger Da­vid Par­to­vi. Als die Staats­an­walt­schaft die Kla­gen in zwei der drei Fäl­le im letz­ten Mo­ment fal­len lässt, kommt al­les auf ei­nen letz­ten Fall an.

Am

Abend des 15. April 2008 woll­ten ei­ni­ge Ju­gend­li­che in Spo­ka­ne OxyCon­tin im Wert von 4.000 Dol­lar kau­fen. Als der De­al statt­fin­den soll­te, fuhr Matt Dun­ham mit dem ro­ten Truck sei­ner Mut­ter in der East Ca­tal­do Ave­nue 1507 vor. Die Op­fer sag­ten spä­ter aus, dass vier oder fünf Män­ner in dem Truck sa­ßen. Drei von ih­nen spran­gen plötz­lich mas­kiert und be­waff­net aus dem Wa­gen und schlu­gen ei­nen jun­gen Mann be­wusst­los. Sie stah­len die 4.000 Dol­lar und ras­ten da­von. Als die Op­fer sie mit dem Au­to ver­folg­ten, um ihr Num­mern­schild zu no­tie­ren, wur­de auf sie ge­schos­sen.

Nur: Am 15. April 2008 ab­sol­vier­te Paul zur Tat­zeit ei­nen Al­ko­hol­test, der auf Vi­deo auf­ge­zeich­net wur­de. Ei­ne Be­am­tin kann sein Ali­bi be­stä­ti­gen. Ro­bert wie­der­um war zur Tat­zeit nach­weis­lich in der Ar­beit und Ty­ler in Ge­sell­schaft sei­ner Freun­din. Die Vor­aus­set­zun­gen für ei­nen Frei­spruch hät­ten al­so kaum bes­ser sein kön­nen. ›Schluss­end­lich wa­ren wir der Mei­nung, dass die Be­weis­la­ge der An­kla­ge so schwach ist, dass die Chan­cen hoch sind, den Fall zu ge­win­nen‹, sagt Ver­tei­di­ger Par­to­vi.

Am Mor­gen als der Pro­zess be­ginnt, be­an­tragt die Staats­an­walt­schaft völ­lig un­er­war­tet, dass die Tat­zeit von 15. auf 17. April ge­än­dert wird. Die Te­le­fon­da­ten ei­nes Op­fers wür­den be­wei­sen, dass der Über­fall an die­sem Tag statt­ge­fun­den ha­be. Die Ali­bis von Paul, Ro­bert und Ty­ler sind da­mit von ei­nem Mo­ment auf den an­de­ren wert­los. Als sich her­aus­stellt, dass die Po­li­zei die­se Be­wei­se schon seit mehr als zwei Mo­na­ten kennt, ver­hängt die Rich­te­rin ei­ne Stra­fe: ›Ich sank­tio­nie­re den Staat für et­was, das ich für ei­nen sorg­lo­sen – ich bin nicht ge­willt zu sa­gen, ab­sicht­lich sorg­lo­sen – Um­gang mit dem Fall hal­te.‹ Es müs­sen 8.000 Dol­lar an die Ver­tei­di­gung be­zahlt wer­den, und der Pro­zess wird um drei Wo­chen ver­scho­ben.

Drei Wo­chen spä­ter, neu­er Rich­ter, neu­er Tat­zeit­punkt. Zu­erst wer­den die Op­fer be­fragt. Es stellt sich her­aus, dass kei­ner Paul, Ro­bert und Ty­ler als die Tä­ter iden­ti­fi­zie­ren kann, und au­ßer­dem scheint sich nie­mand zu er­in­nern, an wel­chem Tag und zu wel­cher Uhr­zeit der Über­fall statt­ge­fun­den hat. Die Ver­tei­di­gung be­ginnt Druck auf den er­mit­teln­den De­tec­tive auf­zu­bau­en: ›Sie wis­sen nicht, ob die­ser Vor­fall tat­säch­lich am 17. April statt­ge­fun­den hat, oder?‹ ›Nein. Nicht ge­nau‹, ant­wor­tet De­tec­tive Bill Fran­cis.

Und dann wird Matt Dun­ham in den Zeu­gen­stand ge­ru­fen. ›Wäh­rend ich in Hand­schel­len vor­ge­führt wer­de, spa­ziert der Typ ganz lo­cker mit den De­tec­tives her­ein‹, sagt Paul. Matt ist zwar auch schon seit mehr als ei­nem hal­ben Jahr im Ge­fäng­nis, aber wenn er heu­te sei­nen Teil der Ver­ein­ba­rung mit den De­tec­tives ein­hält, wird er schon bald nach sei­nem 19. Ge­burts­tag wie­der frei sein. Der Staats­an­walt macht kei­nen Hehl aus dem De­al, der Matt an­ge­bo­ten wur­de. ›Es gab ei­ne Be­din­gung, die Sie hin­sicht­lich die­ser Ver­ein­ba­rung er­fül­len müs­sen, kor­rekt?‹, fragt er Matt vor den Ge­schwo­re­nen. ›Ja.‹ ›Sie wür­den aus­sa­gen müs­sen?‹ ›Ja.‹ ›Wahr­heits­ge­mäß aus­sa­gen?‹ ›Ja.‹ ›Und wenn Sie Ih­ren Teil der Ver­ein­ba­rung nicht ein­hal­ten, könn­ten Sie der Ju­ry er­klä­ren, was dann pas­siert?‹ ›Sie sag­ten, dann wür­de ich die Höchst­stra­fe be­kom­men. Das sind, glau­be ich, 30 bis 40 Jah­re‹, ant­wor­tet Matt. Dann die ent­schei­den­de Fra­ge: ›Wie si­cher sind Sie, dass Paul St­at­ler, Ty­ler Gass­man und Ro­bert Lar­son be­tei­ligt wa­ren?‹ ›Ein­hun­dert Pro­zent si­cher!‹

Am Tag der Ur­teils­ver­kün­dung ist Pauls Va­ter Dua­ne bei der Ar­beit. Er ist der Haus­meis­ter an der High­school von Spo­ka­ne Val­ley. ›Ich war nicht dort, weil ich si­cher war, dass mei­ne Bu­ben frei­ge­spro­chen wer­den‹, sagt er. Er ar­bei­tet ge­ra­de in sei­ner Haus­meis­ter­kam­mer, als das Te­le­fon klin­gelt. Ein Be­kann­ter, der als Pflicht­ver­tei­di­ger ar­bei­tet, ist dran: ›Er hat ge­sagt, ich soll mich set­zen. Als ich frag­te wie­so, sag­te er nur: Sie sind schul­dig ge­spro­chen wor­den.‹ In dem Mo­ment ist das für Dua­ne so ir­ra­tio­nal, dass er ein­fach wei­ter­ar­bei­tet. ›Erst nach ei­ner St­un­de kam mir der Ge­dan­ke, wie lan­ge es dau­ern wür­de, bis das al­les wie­der auf­ge­rollt ist und mein Sohn wie­der frei sein wird. Da hat es mich ge­trof­fen wie ein Blitz‹, sagt er. Zu Un­recht Ver­ur­teil­te sit­zen durch­schnitt­lich 8,8 Jah­re im Ge­fäng­nis, bis ih­re Un­schuld be­wie­sen ist. Kein

Land der Welt sperrt mehr sei­ner Bür­ger ein als die USA. 2,3 Mil­lio­nen Men­schen sind es im Mo­ment. Wie vie­le da­von ei­gent­lich un­schul­dig sind, weiß nie­mand ge­nau. ›Fal­sche Ver­ur­tei­lun­gen pas­sie­ren, ja. Aber es pas­siert nicht sehr oft‹, meint Oz­zie Kne­zo­vich, der She­riff von Spo­ka­ne. › Selbst wenn nur ein Mensch un­schul­dig im Ge­fäng­nis sitzt, ist das ein Pro­blem‹, sagt hin­ge­gen Ja­ckie McMur­trie, die Lei­te­rin des In­no­cence Pro­ject Nor­thwest. Ei­ne Stu­die der Uni­ver­si­tät von Mi­chi­gan be­sagt, dass 4,1 Pro­zent al­ler To­des­ur­tei­le in den USA nach­träg­lich auf­ge­ho­ben wer­den. Das ist im­mer­hin ei­nes von 25 Ur­tei­len.

Paul sitzt nach der Ver­ur­tei­lung in sei­ner Zel­le im Spo­ka­ne Coun­ty Jail und starrt die wei­ße Wand an. Ge­ra­de hat ihn sein An­walt be­sucht und sich un­ter Trä­nen ent­schul­digt. Paul selbst hat noch nicht auf­ge­ge­ben: ›Ich wuss­te, dass ich nichts ge­tan ha­be, des­halb konn­te ich die Ver­ur­tei­lung auf kei­nen Fall so ste­hen las­sen‹, sagt er heu­te. Er be­ginnt in der Ge­fäng­nis­bi­blio­thek über Rechts­fäl­le zu re­cher­chie­ren, in de­nen es um Fal­sch­aus­sa­gen von In­for­man­ten geht. An an­de­ren Ta­gen ver­lässt ihn sein Kampf­geist. ›Das Schlimms­te war für mich der Ge­dan­ke, dass ich vi­el­leicht nie­mals Va­ter wer­de‹, sagt er. Von sei­nen Mit­häft­lin­gen glau­ben ihm nur we­ni­ge, dass er un­schul­dig ist. Schließ­lich be­haup­tet das hier fast je­der.

Zu Un­recht Ver­ur­teil­te sit­zen durch­schnitt­lich 8,8 Jah­re im Ge­fäng­nis, bis ih­re Un­schuld be­wie­sen ist.

In ei­ner an­de­ren Ge­fäng­nis­zel­le sitzt der 22-jäh­ri­ge Ant­ho­ny Kong­chun­ji. Er ist ei­ner von Matt Dun­hams Kom­pli­zen und kennt Paul aus Kind­heits­ta­gen. ›Als wir elf, zwölf Jah­re alt wa­ren, sind wir manch­mal zu­sam­men Fahr­rad ge­fah­ren‹, sagt Paul. Als Ant­ho­ny von der Ver­ur­tei­lung hört, schreibt er ei­nen Brief an Pauls Va­ter Dua­ne: ›Ich dach­te, ich soll­te Sie wis­sen las­sen, dass Paul, Ty­ler und Ro­bert in kei­nes der ih­nen vor­ge­wor­fe­nen Ver­bre­chen in­vol­viert wa­ren. Ich weiß das, weil ich in­vol­viert war.‹ Nach ih­rer Ver­haf­tung im Früh­jahr 2008 sa­ßen Ant­ho­ny und Matt Dun­ham für ei­ni­ge Zeit im glei­chen Ge­fäng­nis. In der Zeit, die sie au­ßer­halb ih­rer Zel­len ver­brin­gen durf­ten, schmie­de­ten sie ge­mein­sam den Plan, Paul, Ro­bert und Ty­ler als Mit­tä­ter zu be­schul­di­gen. Spä­ter, un­ter Eid, sagt Ant­ho­ny aus, dass er schon im Pro­zess die Wahr­heit hät­te sa­gen wol­len, aber De­tec­tive Doug Mars­ke hät­te ihm mit zu­sätz­li­chen Kla­gen ge­droht. Pauls Ver­tei­di­ger woll­ten ihn als Zeu­gen la­den, doch Ant­ho­ny be­rief sich im letz­ten Mo­ment auf Ar­ti­kel 5 der Ver­fas­sung, sein Recht, sich nicht selbst zu be­las­ten. Nach Ant­ho­nys Ge­ständ­nis stel­len die Ver­tei­di­ger ei­nen An­trag auf ei­nen neu­en Pro­zess. Der Rich­ter stellt je­doch klar, dass Ant­ho­ny, weil er be­reits ver­ur­teilt wor­den ist, gar kein Recht hat­te, sich auf Ar­ti­kel 5 zu be­ru­fen. Die Ver­tei­di­gung hät­te ihn al­so oh­ne Wei­te­res als Zeu­gen auf­ru­fen kön­nen. Sei­ne Aus­sa­ge stellt da­her kei­nen neu er­mit­tel­ten Be­weis dar, und der An­trag auf ei­nen neu­en Pro­zess wird ab­ge­lehnt. We­nig spä­ter be­stä­tigt auch das Be­ru­fungs­ge­richt das Ur­teil. Spä­tes­tens jetzt ist klar, dass es dau­ern wird, bis Pauls Un­schuld auch vor Ge­richt be­wie­sen ist.

Ja­ckie McMur­trie, die Lei­te­rin des In­no­cence Pro­ject Nor­thwest, er­fährt von Pauls Fall durch ei­ne ehe­ma­li­ge Stu­den­tin. Sie ist die An­wäl­tin, die Paul vor dem Be­ru­fungs­ge­richt ver­tre­ten hat. ›Un­ser ers­ter Ein­druck war, dass Paul un­schul­dig ist‹, sagt McMur­trie. Zu su­spekt ist die Ge­schich­te von Matt Dun­hams Ge­ständ­nis. Da sich das IPNW aber aus Spen­den und staat­li­chen För­de­run­gen fi­nan­ziert, sind die Res­sour­cen be­grenzt. Nicht je­der ver­meint­lich Un­schul­di­ge kann ver­tre­ten wer­den. Nur Fäl­le, bei de­nen ei­ne rea­le Chan­ce auf Frei­las­sung be­steht, wer­den über­nom­men. ›Wir wuss­ten an­fangs nicht, ob wir Be­wei­se fin­den wer­den, die wir vor Ge­richt ver­wen­den kön­nen‹, er­zählt All­ison, ei­ne Stu­den­tin, die an dem Fall mit­ge­ar­bei­tet hat. Vier An­wäl­te, ein Er­mitt­ler und zwei Stu­den­ten leis­ten ins­ge­samt mehr als 700 Ar­beits­stun­den, um den gan­zen Fall von Paul, Ro­bert und Ty­ler noch ein­mal von vor­ne auf­zu­rol­len. Tau­sen­de Sei­ten Ge­richts­pro­to­kol­le, Zeu­gen­aus­sa­gen, Po­li­zei­be­rich­te und Te­le­fon­da­ten müs­sen durch­kämmt wer­den. ›Wir ach­ten bei un­se­rer Su­che vor al­lem dar­auf, was im Pro­zess nicht pas­siert ist‹, sagt McMur­trie. Und so wer­den sie schließ­lich fün­dig. Die Ar­beits­auf­zeich­nun­gen und Te­le­fon­da­ten ei­nes der Op­fer be­wei­sen, dass der Über­fall doch am 15. April statt­ge­fun­den hat. Für die­sen Tag ha­ben Paul, Ro­bert und Ty­ler ein was­ser­dich­tes Ali­bi. ›Hät­te die Ver­tei­di­gung die­se Be­wei­se er­mit­telt, wä­re das Er­geb­nis des Pro­zes­ses ein an­de­res ge­we­sen‹, schreibt Ja­ckie McMur­trie in ih­rem An­trag an Rich­ter Pri­ce. Am 14. De­zem­ber 2012, nach vier Jah­ren und sechs Mo­na­ten Haft, wer­den Paul, Ro­bert und Ty­ler zu ei­ner An­hö­rung ge­la­den. Ja­ckie McMur­trie spricht vor Rich­ter Pri­ce über die Ver­säum­nis­se der Ver­tei­di­gung, die zur Ver­ur­tei­lung von Paul ge­führt ha­ben. ›Wir hat­ten ei­gent­lich nur ge­hofft, der Rich­ter wür­de ent­schei­den, dass es zu ei­nem neu­en Pro­zess kommt‹, er­klärt McMur­trie. Doch Rich­ter Pri­ce tut nicht nur das, son­dern ver­fügt auch gleich die so­for­ti­ge Frei­las­sung von Paul und Ty­ler. Im sel­ben Ge­richts­saal, in dem vor in­zwi­schen fast fünf Jah­ren die Trä­nen ge­flos­sen sind, bre­chen jetzt Ju­bel­schreie aus. Ro­bert muss we­gen ei­ner wei­te­ren of­fe­nen Kla­ge ge­gen ihn noch im Ge­fäng­nis blei­ben. Drei Mo­na­te spä­ter wird er auch in die­ser Sa­che frei­ge­spro­chen und eben­falls ent­las­sen. Zwei St­un­den nach ih­rer Ent­las­sung sit­zen Paul und Ty­ler in ei­nem Re­stau­rant im Zen­trum von Spo­ka­ne und be­stel­len ihr ers­tes Steak seit fast fünf Jah­ren. Die lan­gen, schar­fen Steak­mes­ser fal­len bei­den auf. Sie se­hen sich kurz an und zö­gern. Dann grei­fen sie zu und las­sen es sich schme­cken.

Die Grün­de, die zu Fehl­ver­ur­tei­lun­gen füh­ren, sind viel­fäl­tig. ›Wie auch im Fall von Paul ist es meist ei­ne Kom­bi­na­ti­on von Feh­lern‹, sagt Ja­ckie McMur­trie. Ei­ne Stu­die der Nor­thwes­tern Uni­ver­si­ty Law School von 2004 be­sagt, dass 45,9 Pro­zent al­ler do­ku­men­tier­ten Fehl­ver­ur­tei­lun­gen bei Ka­pi­tal­ver­bre­chen auf Fal­sch­aus­sa­gen von In­for­man­ten zu­rück­zu­füh­ren sind. Das In­no­cence Pro­ject Nor­thwest hat es sich ne­ben der Ar­beit mit Man­dan­ten auch zur Auf­ga­be ge­macht, auf sol­che Feh­ler im Sys­tem hin­zu­wei­sen. La­ra Za­row­sky vom In­no­cence Pro­ject und ih­re Stu­den­ten fah­ren des­halb mehr­mals die Wo­che in die Haupt­stadt von Washington, Olym­pia, um die Ge­setz­ge­ber von ih­ren An­lie­gen zu über­zeu­gen. 2013 wur­de auf­grund ih­rer Be­mü­hun­gen in Washington der ›wrong­ful con­vic­tion com­pen­sa­ti­on act‹ er­las­sen. Bis da­hin be­kam man als Un­schul­di­ger nach sei­ner Frei­las­sung nichts. Heu­te be­kommt man bei ein­deu­ti­ger

Zwei St­un­den nach ih­rer Ent­las­sung sit­zen sie im Re­stau­rant, be­stel­len Steak und wun­dern sich über die schar­fen Mes­ser.

Be­weis­la­ge in Washington 50.000 Dol­lar pro in Haft ver­brach­tem Jahr. Mo­men­tan be­mü­hen sich Za­row­sky und ih­re Stu­den­ten um ein Ge­setz, das den Um­gang mit Aus­sa­gen von In­for­man­ten re­gu­lie­ren soll. ›Das Pro­blem ist, dass es kei­ne ge­setz­li­chen Richt­li­ni­en gibt, die vor­schrei­ben, was ge­tan wer­den muss, um die Aus­sa­ge ei­nes In­for­man­ten zu be­le­gen‹, sagt Za­row­sky. Vor­ge­schrie­ben ist bis­her nur, dass die Aus­sa­ge über­prüft wer­den muss, je­doch nicht, wie das zu tun ist. Ob die Aus­sa­ge glaub­wür­dig ge­nug ist, um dem In­for­man­ten ei­ne Straf­min­de­rung an­zu­bie­ten, ent­schei­det ein Po­li­zist nach ei­ge­nem Er­mes­sen. ›Zahl­rei­che psy­cho­lo­gi­sche Stu­di­en be­le­gen aber, dass wir Men­schen ge­ra­de dar­in, näm­lich die Wahr­heit zu er­ken­nen, be­son­ders schlecht sind‹, sagt La­ra Za­row­sky. In der Psy­cho­lo­gie heißt die­ses Prin­zip ›con­fir­ma­ti­on bi­as‹, zu Deutsch al­so Be­stä­ti­gungs­feh­ler. Wir nei­gen da­zu, In­for­ma­tio­nen, zum Bei­spiel Aus­sa­gen von In­for­man­ten, so zu in­ter­pre­tie­ren, dass sie un­se­re ei­ge­nen Er­war­tun­gen er­fül­len. ›Ge­wis­se Din­ge am Sys­tem müs­sen sich än­dern, da­mit sol­che Din­ge nicht mehr pas­sie­ren‹, sagt Dua­ne St­at­ler, Pauls Va­ter, der sich seit der un­ge­recht­fer­tig­ten Ver­ur­tei­lung sei­nes Soh­nes für ei­ne Ge­set­zes­no­vel­le en­ga­giert. Die ge­setz­li­che La­ge zu In­for­man­ten ist in den ein­zel­nen Bun­des­staa­ten der USA un­ter­schied­lich. In man­chen ist es zum Bei­spiel vor­ge­schrie­ben, dass ein Ge­richt die Glaub­wür­dig­keit ei­nes In­for­man­ten be­ur­tei­len muss, be­vor die­ser zu­ge­las­sen wird. Im ös­te­rei­chi­schen Straf­recht gibt es die Mög­lich­keit, Kron­zeu­ge zu wer­den und für In­for­ma­tio­nen ei­ne Straf­min­de­rung zu be­kom­men auch. Im Un­ter­schied zu den USA ha­ben aber Po­li­zis­ten und Staats­an­wäl­te nicht die Be­fug­nis, für ei­ne Aus­sa­ge ein be­stimm­tes Straf­maß an­zu­bie­ten. Der Ge­set­zes­vor­schlag des In­no­cence Pro­ject Nor­thwest sieht Richt- li­ni­en vor, wie ei­ne Check­lis­te an Din­gen, die über­prüft wer­den müs­sen, be­vor die Aus­sa­ge ei­nes In­for­man­ten vor Ge­richt zu­ge­las­sen wird. Im Früh­jahr 2019 könn­te es schon be­schlos­sen wer­den.

Heu­te sit­zen Paul und Dua­ne in der Ein­fahrt von Dua­nes Haus und den­ken über die letz­ten Jah­re nach. ›Das Gan­ze hat mich die bes­ten Jah­re mei­nes Le­bens ge­kos­tet‹, sagt Paul. Wer dar­an schuld ist? ›De­tec­tive Doug Mars­ke und Matt Dun­ham. Nur, Matts Mo­tiv kann ich ver­ste­hen, er war ein Kind‹, sagt Paul. Er kämpft noch heu­te mit de­pres­si­ven Ge­dan­ken. ›Sei­ne Schwes­ter hat heu­te ei­nen Uniab­schluss. Er sieht, was er ver­passt hat‹, sagt sein Va­ter Dua­ne. In­zwi­schen hat sich Paul ein Haus ge­kauft und ist Va­ter ei­nes drei­jäh­ri­gen Soh­nes na­mens Mat­thi­as. Im Mo­ment schreibt er an ei­nem Kin­der­buch. Über die Zeit in der Haft sagt er: ›Ich will das auch hin­ter mir las­sen, ich tra­ge das nicht mehr in mei­nem Her­zen.‹ ›Ich schon‹, sagt Dua­ne. •

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