Ge­stat­ten, Ma­e­s­tra

Di­ri­gen­ten sind weiß, männ­lich und Ge­nies. Na­za­nin Ag­hak­ha­ni nimmt das nicht hin.

Datum - - Inhalt - Text: An­na-Ma­ria Apa­ta Fo­to: Bo Sö­der­ström, Ste­fan Fürt­bau­er

Di­ri­gen­ten sind weiß, männ­lich und Ge­nies. Na­za­nin Ag­hak­ha­ni nimmt das nicht hin.

Wenn Na­za­nin Ag­hak­ha­ni das tut, was ihr das Liebs­te ist, dreht sie dem Pu­bli­kum den Rü­cken zu. Man sieht nur ih­re schwung­vol­len Be­we­gun­gen. Ih­re lin­ke Hand, die stum­me An­wei­sun­gen gibt. For­te. Mez­zo­for­te. Pia­no. Ih­re Rech­te, die den Takt­stock führt. Auf. Ab. Zur Sei­te. Auf. Ab. Zur Sei­te. Nur das Or­ches­ter sieht den ent­spre­chen­den Ge­sichts­aus­druck. Das stol­ze Grin­sen, den kon­zen­trier­ten Blick und, für ei­nen flüch­ti­gen Mo­ment, ei­ne Trä­ne.

Es ist ein Herbst­nach­mit­tag, und im gro­ßen Saal der kö­nig­li­chen Mu­sik­hoch­schu­le in Stock­holm steht die Luft. Der Raum ist auf der Büh­ne hell aus­ge­leuch­tet und sonst in ein dunk­les Schwarz­rot ge­hüllt. Die Ar­chi­tek­tur ist mo­dern und kan­tig, der Klang rund. Zum vier­ten Mal schon spie­len die Strei­cher das Grund­mo­tiv von Mah­lers ers­ter Sym­pho­nie an, zum vier­ten Mal bricht Ag­hak­ha­ni nach we­ni­gen Tak­ten ab. ›Ihr müsst euch mehr mit­ein­an­der ver­bin­den. Stellt euch vor, ihr seid Wöl­fe. Da ist je­der wich­tig. Nicht nur der Al­pha-Wolf.‹ Die Cel­lis­ten stüt­zen frus­triert ih­re Ell­bo­gen auf den In­stru­men­ten ab, und zwi­schen Gei­gen­bö­gen wer­den viel­sa­gen­de Bli­cke ge­wech­selt. Beim fünf­ten Ver­such ver­lässt sie ab­rupt die Kon­zert­büh­ne und be­deu­tet dem Or­ches­ter, oh­ne sie wei­ter­zu­mu­si­zie­ren. Mit un­ge­ahn­ter In­ten­si­tät trei­ben die jun­gen Mu­si­ker das Mo­tiv auf die Spit­ze. Aus der Dis­tanz hört sie da­bei ge­las-

sen zu, dann dreht sie sich mit ei­nem Schul­ter­zu­cken zum ver­wun­der­ten Pu­bli­kum, als wol­le sie sa­gen: ›Na, geht doch.‹ Ge­ne­ral­pro­be ge­glückt.

Erst als Ag­hak­ha­ni in ih­rer schlich­ten Künst­ler­gar­de­ro­be sitzt und mit gro­ßen Schlu­cken Ram­lö­sa Ci­trus, ein schwe­di­sches Mi­ne­ral­was­ser, trinkt, merkt man ihr die An­span­nung der letz­ten Ta­ge an. Sie ist ei­ne zier­li­che Frau, mit lan­gen, ge­well­ten brau­nen Haa­ren, in schwar­zer Ho­se und wei­ßem Hemd, nur die pe­tro­leum­far­be­nen Netz­strümp­fe ste­chen her­aus. Wenn Ag­hak­ha­ni spricht, hört man im me­lo­di­schen Sing­sang ih­rer Stim­me das Wie­ne­ri­sche durch. Je­ne Stadt, in der sie auf­ge­wach­sen ist. Je­ne Stadt, die sie die Lie­be zur Mu­sik lehr­te und ihr zugleich ver­wehr­te, was sie im­mer wer­den woll­te, seit ih­rer Kind­heit, im­mer schon. Nur das ei­ne: Di­ri­gen­tin. ›Ich war acht Jah­re alt, als ich die gro­ße g-Moll von Mo­zart im Ra­dio hör­te. Das ver­gisst man nicht‹, sagt sie.

2018,

in je­nem Jahr, in dem Deutsch­land im­mer noch von ei­ner Kanz­le­rin ge­führt wird, in dem den Bri­ten eben­falls ei­ne Frau vor­steht, mehr als ein Jahr, nach­dem #me­too ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Dis­kurs über Frau­en­rol­len an­ge­sto­ßen hat, ist Ag­hak­ha­ni mit ih­rem Takt­stock vor al­lem ei­nes: ei­ne Aus­nah­me. Wenn am 1. Jän­ner wie­der 50 Mil­lio­nen Men­schen dem Neu­jahrs­kon­zert der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker lau­schen, wer­den sie das tra­di­tio­nel­le Pro­gramm in tra­di­tio­nel­ler Auf­ma­chung prä­sen­tiert be­kom­men: mit ei­nem Mann am Di­ri­gier­pult. Die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker wur­den in ih­rer ge­sam­ten Ge­schich­te erst drei Mal von ei­ner Frau di­ri­giert. Bei den Wie­ner Sym­pho­ni­kern durf­ten bis­her zwölf Di­ri­gen­tin­nen am Pult ste­hen. Und bei den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern sieht es mit 16 Di­ri­gen­tin­nen sehr ähn­lich aus. Wäh­rend sich die Rei­hen der Mu­si­ker lang­sam auch mit Frau­en fül­len, bleibt der Platz ganz vor­ne dem mas­ku­li­nen Ge­ni­us vor­be­hal­ten.

Man kann die­se Ge­schich­te als die per­sön­li­che Bio­gra­phie von Na­za­nin Ag­hak­ha­ni er­zäh­len, in der sich ei­ne Frau al­len Wi­der­stän­den ent­ge­gen­setzt. Man kann die­se Ge­schich­te aber auch als Zerr­bild der Mu­sik­bran­che er­zäh­len, die sich schwer­tut, Alt­her­ge­brach­tes zu hin­ter­fra­gen. In bei­den Fäl­len be­ginnt die Ge­schich­te bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len. Und sie be­ginnt mit ei­nem Ju­bel­schrei. ›Ich dach­te, mei­ne Ge­be­te wur­den er­hört.‹ Sie ist 28 Jah­re alt, frisch von der Uni­ver­si­tät, als sie er­fährt, dass ei­ne der größ­ten Agen­tu­ren Mit­tel­eu­ro­pas sie en­ga­gie­ren will. Ein Agent hat das Vi­deo von Ag­hak­ha­nis Di­plom­kon­zert – sie gab Igor Stra­wins­kys Feu­er­vo­gel – im In­ter­net ge­se­hen und will sie ha­ben. Der ers­te Auf­trag: Sie soll bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len as­sis­tie­ren. Auf dem Pro­gramm steht Mo­zarts Oper Don Gio­van­ni mit den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern. Ag­hak­ha­ni fühlt sich an­ge­kom­men. Sie hat ei­nen dop­pel­ten Mas­ter, ei­nen im Orches­ter­di­ri­gie­ren und ei­nen im Di­ri­gie­ren von Opern – er­wor­ben an der Si­be­li­us Aca­de­my in Hel­sin­ki, der fin­ni­schen Di­ri­gen­ten­schmie­de. In Schwe­den, an der kö­nig­li­chen Mu­sik­hoch­schu­le in Stock­holm, stu­diert sie da­vor. An der mdw, der Uni­ver­si­tät für Mu­sik und darstel­len­de Kunst in Wi­en, bricht sie das Stu­di­um ab: Zu we­nig fühlt sie sich hier als Frau ernst­ge­nom­men.

Ag­hak­ha­ni ist ein Mensch, der auf an­de­re zu­geht. Zu den Stu­den­ten, die sie in Stock­holm auf das ge­mein­sa­me Kon­zert vor­be­rei­tet, fin­det sie so­fort ei­nen Draht, hat ein of­fe­nes Ohr für die Hor­nis­tin, die sich über­gan­gen fühlt, und ein paar auf­mun­tern­de Wor­te für die ner­vö­se Frau an der Har­fe. Ag­hak­ha­ni ist aber auch ei­ne vor­sich­ti­ge Per­son. Sie gibt ih­re Te­le­fon­num­mer nicht her­aus und trifft sich mit Leu­ten nur an öf­fent­li­chen Or­ten. Am liebs­ten an sol­chen, die sie kennt. Das Ca­fé Schwar­zen­berg in Wi­en et­wa, an ei­nem Herbst­nach­mit­tag: Sie grüßt den Kell­ner wie ei­nen al­ten Freund, be­stellt sich zum So­da Zi­tron ei­nen Es­pres­so da­zu. Die Nacht ist zur zwei­ten Schicht ge­wor­den, wie so oft vor ei­ner Kon­zert­rei­se. Die Ges­ten des Di­ri­gie­rens ha­ben sich längst in ih­ren All­tag ein­ge­schli­chen. Wenn sie spricht, fah­ren ih­re Fin­ger, mal le­ga­to, mal fu­ga­to, in der Luft her­um. Still­hal­ten tun sie nicht.

›Frau Ag­hak­ha­ni, wo­rum geht es Ih­nen?‹

›Es geht dar­um zu sa­gen: ›Leutln, schaut’s, wir Frau­en sind schon lan­ge weg vom Herd. Es gibt Tief­kühl­piz­za, und ihr könnt’s al­le ein Schnit­zel sel­ber ba­cken.‹ Ag­hak­ha­ni

ist in Wi­en ge­bo­ren. Die El­tern stam­men aus dem Iran. Ihr Va­ter, der In­ge­nieur, woll­te ei­gent­lich Schau­spie­ler wer­den, und ih­re Mut­ter, die Eng­lisch stu­diert hat, ist mehr die Na­tur­wis­sen­schaft­le­rin. Die Mo­zart-Sym­pho­nie, die Ag­hak­ha­ni als jun­ges Mäd­chen zur Mu­sik bringt, hört sie in ih­rem ein­fa­chen Haus am Stadt­rand, im zwölf­ten Be­zirk. Die El­tern, die über ih­re Be­rufs­wahl nicht frei ent­schei­den konn­ten, ge­ben ih­rem Drän­geln nach, för­dern das mu­si­ka­li­sche Ta­lent des Mäd­chens: Kla­vier­un­ter­richt mit sie­ben, Pri­vat­un­ter­richt im Di­ri­gie-

Wi­en hat sie die Lie­be zur Mu­sik ge­lehrt. Di­ri­gen­tin wer­den konn­te sie hier nicht.

ren mit zwölf. Ei­ne Kind­heit für die Mu­sik. Wenn an­de­re Kin­der auf Schul­land­wo­che fah­ren, sitzt Ag­hak­ha­ni um 6.30 Uhr vor ei­nem Flü­gel am Wie­ner Kon­ser­va­to­ri­um und übt Par­ti­tur­spie­len. Wenn an­de­re ler­nen, wie man Ski fährt, macht sie ih­re ers­ten Schrit­te im Kom­po­nie­ren. Mit 15 Jah­ren be­ginnt sie, So­lo­aben­de am Kla­vier zu spie­len. Am Wie­ner Mu­sik­gym­na­si­um hat sie ei­ne be­son­de­re Ver­ein­ba­rung mit dem Di­rek­tor. Sie kann so oft feh­len, wie sie möch­te. Sie muss nur die Schul­ar­bei­ten schrei­ben.

›Die Kunst ist das größ­te Ge­schenk Got­tes‹, so hat es 2001 der ös­ter­rei­chi­sche Di­ri­gent Ni­ko­laus Har­non­court beim Neu­jahrs­kon­zert ge­sagt. Für sie als Frau ist ih­re Kunst Kno­chen­ar­beit, sagt Ag­hak­ha­ni. Und De­mü­ti­gung: Als aus­ge­bil­de­te Di­ri­gen­tin muss sie bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len erst ein­mal No­ten­blät­ter ko­pie­ren. Der Chef­di­ri­gent geht mit ihr vor ver­sam­mel­tem Saal nicht zim­per­lich um, geht mit den Mu­si­kern nach den Pro­ben aus, wäh­rend er ihr Ar­beit an­schafft. Den Takt­stock nimmt sie erst gar nicht in die Hand.

My­thos Ma­e­s­tro, so nennt die Mu­sik­wis­sen­schaft­le­rin An­ke St­ein­beck das Kon­strukt, das es Frau­en so schwer macht, in den Be­ruf des Di­ri­gen­ten ein­zu­stei­gen. Es ist ein männ­li­cher Ge­nie­kult, der sich in al­len Spar­ten der Kunst wie­der­fin­det, aber beim Di­ri­gie­ren be­son­ders aus­ge­prägt ist. Das Bild ist das ei­nes be­tag­ten wei­ßen Man­nes, der mit sei­nem Takt­stock ge­bie­te­risch über das Or­ches­ter herrscht. In sei­nem Werk ›Mas­se und Macht‹ schreibt der Schrift­stel­ler Eli­as Ca­net­ti: ›Es gibt kei­nen an­schau­li­che­ren Aus­druck für Macht als die Tä­tig­keit des Di­ri­gen­ten.‹ Der Di­ri­gent ist der Gott im Frack. Und ei­ne Ag­hak­ha­ni? ›Es geht nicht um Macht, son­dern Ver­ant­wor­tung‹, meint Ag­hak­ha­ni, die fin­det, dass ihr Be­ruf oft miss­ver­stan­den wird. ›Ich se­he mich als ei­ne Art DJ. Wir ha­ben jetzt bald ei­nen coo­len Gig, und ich muss nur schau­en, ob in dem Saal mit der Laut­stär­ke al­les passt und wir die Beats gut hin­krie­gen. Es ist nichts an­de­res.‹ Ag­hak­ha­ni ist nicht die ein­zi­ge, die so denkt. Sie ge­hört ei­ner Ge­ne­ra­ti­on jun­ger Di­ri­gen­tin­nen und Di­ri­gen­ten an, die sich vom Takt­stock als Rohr­stock ver­ab­schie­det. Doch hört sie je­mand?

›Für bür­ger­li­che Frau­en war die Mu­sik his­to­risch be­trach­tet nur zur Zier­de da. Al­lein der Mann durf­te ei­nen Brot­er­werb dar­aus ma­chen‹, sagt Andrea Ell­mei­er von der St­ab­stel­le für Gleich­stel­lung, Gen­der Stu­dies und Di­ver­si­tät an der mdw. Den­noch ha­ben in der Ge­schich­te im­mer wie­der auch Frau­en Or­ches­ter ge­führt: Na­dia Bou­lan­ger, Antonia Bri­co, Et­hel Leg­ins­ka wa­ren in ih­rer Zeit durch- aus be­rühmt, heu­te ken­nen ih­re Na­men selbst Be­rufs­mu­si­ker nicht mehr. Für vie­le ist der Be­ruf des Di­ri­gen­ten bis heu­te so stark männ­lich be­setzt, dass sie sich auch Di­ri­gen­tin­nen nur in ei­nem Frack vor­stel­len kön­nen. Auch wenn an den Mu­sik­uni­ver­si­tä­ten im Fach Orches­ter­di­ri­gie­ren schon ein Drit­tel Frau­en stu­die­ren.

In vie­len an­de­ren Be­ru­fen sind Frau­en, die dort vor 50 Jah­ren noch als Aus­nah­me gal­ten, schon zur Nor­ma­li­tät ge­wor­den. Wes­halb tut sich da gera­de die Mu­sik­welt so schwer? Viel­leicht hat es mit dem Set­ting zu tun: Die klas­si­sche Mu­sik ist ei­ne Er­fin­dung des Bür­ger­tums. Bach, Mo­zart, Haydn sind in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts zum In­be­griff ei­ner Mu­sik­gat­tung ge­wor­den, die es zu ih­rer Zeit noch nicht gab. Die Klas­sik, ein Ka­non, mit dem sich das auf­stre­ben­de Bür­ger­tum ein kul­tu­rel­les Selbst­ver­ständ­nis schafft. Der Be­ruf des vor­ne am Pult ste­hen­den Di­ri­gen­ten ent­steht erst im letz­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts. Da­her ma­ni­fes­tie­ren sich die bür­ger­li­chen Wer­te in der klas­si­schen Mu­sik, am Di­ri­gen­ten­pult, wohl be­son­ders stark. ›Das bür­ger­li­che Ge­schlech­ter­mo­dell. Da­ran müs­sen wir uns heu­te noch ab­ar­bei­ten‹, sagt Ell­mei­er. Man kann es auch so sa­gen: Das Mu­sik­thea­ter, die Oper, der Opern­ball, das sind die letz­ten Rück­zugs­or­te des vom li­be­ra­len Main­stream ge­plag­ten Bür­gers­men­schen. Mu­sik

ist un­sicht­bar, un­an­tast­bar, aber die Bran­che da­hin­ter nicht. Da­hin­ter gibt es Men­schen, die be­stim­men, was wir im Ra­dio hö­ren und wel­che Kon­zer­te wir er­le­ben. Da­hin­ter gibt es Ver­an­stal­ter, In­ten­dan­ten, Kon­zert­häu­ser, Agen­tu­ren. Da­hin­ter gibt es pri­va­te Ver­ei­ne und öf­fent­li­che In­sti­tu­tio­nen. Sub­ven­tio­nen und För­de­run­gen, aber auch Spar­maß­nah­men und Kür­zun­gen. Vor al­lem aber gibt es da­hin­ter Netz­wer­ke, die nicht al­len zu­gäng­lich sind. Sa­bi­ne Rei­ter ist Ge­schäfts­füh­re­rin des ös­ter­rei­chi­schen Mu­sik­in­for­ma­ti­ons­zen­trums (mi­ca). ›Nichts ist so stark wie be­ste­hen­de Netz­wer­ke‹, er­klärt sie. Wenn man als Nach­wuchs­künst­ler nach oben möch­te, füh­ren nur ganz be­stimm­te We­ge dort­hin. Als Di­ri­gent kommt man an den Agen­tu­ren nicht vor­bei.

Mit dem Schul­di­rek­tor hat­te sie ei­ne Ab­ma­chung: Sie konn­te so oft feh­len, wie sie woll­te. Sie muss­te nur die Schul­ar­bei­ten schrei­ben.

Je mehr man mit Mu­sik­schaf­fen­den spricht, um­so kla­rer wird das Bild: Wo es frü­her äl­te­re wei­ße Män­ner mit Takt­stock wa­ren, sind es heu­te vor al­lem die Agen­tu­ren, die über die Klas­sik­welt herr­schen. Der Frack ist dem An­zug ge­wi­chen. ›Die wol­len im­mer Jün­ge­re ha­ben. Da geht es nicht um Kunst, son­dern Mar­ke­ting‹, sagt Mark Strin­ger, seit 2005 Pro­fes­sor für Orches­ter­di­ri­gie­ren an der mdw. Mit über­kreuz­ten Bei­nen sitzt er im Raum D0163 zwi­schen zwei Bö­sen­dor­fer-Flü­geln, schlägt sich mit den Fin­gern auf den Hand­rü­cken, wäh­rend er auf­zählt, bei wel­chen Agen­tu­ren er sei­ne Stu­den­ten un­ter­ge­bracht hat. Es sind nur ei­ne Hand­voll. Wor­auf es da­bei an­kommt? ›Das ist ein Lot­to­spiel. Die Agen­tu­ren kom­men zu dir. Nicht um­ge­kehrt‹, sagt er. Zu Ag­hak­ha­ni ist man ge­kom­men. Und lässt sie dann fal­len.

Nach dem vor­zei­ti­gen En­de bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len wirft Ag­hak­ha­ni sich in die Ar­beit für ein neu­es Pro­jekt, bei dem sie ein Or­ches­ter neu auf­bau­en soll. Ih­re Agen­tur gibt sie da­für un­ter die Fit­ti­che ei­nes an­ge­se­he­nen Di­ri­gen­ten. Er wird zu ih­rem Men­tor, ei­ner Va­ter­fi­gur. Bis es zu dem Zwi­schen­fall kommt. Ein Pri­vat­jet, ei­ne Grenz­über­schrei­tung, die von Sei­ten der Agen­tur un­kom­men­tiert bleibt. Mehr noch: Die Agen­tur stellt die Zu­sam­men­ar­beit mit ihr ein, was ei­nem Be­rufs­ver­bot na­he­kommt. Acht Jah­re lang hält sich Ag­hak­ha­ni oh­ne Agen­tur über Was­ser. Um an Auf­trä­ge zu kom­men, reist sie auf ei­ge­ne Kos­ten zu den Kon­zert­häu­sern. Die Tü­ren blei­ben ihr ver­schlos­sen. ›Frü­her ging es viel­leicht noch oh­ne Agen­tur. Heu­te nicht mehr, weil die Kon­zert­häu­ser nur mehr den Agen­tu­ren trau­en‹, sagt sie. Oh­ne den Rück­halt ih­rer Fa­mi­lie hät­te sie es nur schwer durch­ge­stan­den. Erst als ei­ne skan­di­na­vi­sche Agen­tur sie vor zwei Jah­ren un­ter Ver­trag nimmt, kann sie auf­at­men, 20 Pro­zent ih­rer Ein­künf­te muss sie ab­ge­ben, da­für über­nimmt die Agen­tur Pla­nung, Bu­chung, Ab­wick­lung. ›Ich wer­de aber nach wie vor nicht ge­bucht in Wi­en‹, sagt sie. Und nicht nur ihr geht es so. Im Jahr 2017 ha­ben im Wie­ner Mu­sik­ver­ein acht Ver­an­stal­tun­gen Frau­en und 393 Män­ner di­ri­giert. Im Wie­ner Kon­zert­haus war die Sai­son 2017/2018 mit 25 Di­ri­gen­tin­nen und 173 Di­ri­gen­ten ein we­nig aus­ge­wo­ge­ner. Da­bei wird nicht zwi­schen Miet- und Ei­gen­ver­an­stal­tun­gen un­ter­schie­den. Ag­hak­ha­ni ist für zwei Kon­zer­te in der nächs­ten Sai­son dort ein­ge­mie­tet. Es sind Be­ne­fiz­ver­an­stal­tun­gen. Ein­ge­la­den wur­de sie noch nie.

Wenn

man sich in Klas­sik­krei­sen um­hört, durch Kon­zert­pro­gram­me und Mu­sik­ma­ga­zi­ne blät­tert, kann al­ler­dings auch der ge­gen­tei­li­ge Ein­druck ent­ste­hen. 2018 ha­ben es Frau­en end­lich ge­schafft, sich am Di­ri­gen­ten­pult zu be­haup­ten. Schon ein Jahr lang ist die ukrai­ni­sche Di­ri­gen­tin Oks­a­na Ly­niv Che­fin an der Gra­zer Oper. Su­san­na Mälk­ki, ei­ne fin­ni­sche Di­ri­gen­tin, ist in der kom­men­den Spiel­sai­son mehr­mals ins Wie­ner Kon­zert­haus ein­ge­la­den. Und hat man nicht gera­de mit Ma­rin Al­sop ei­ne Frau zur Chef­di­ri­gen­tin des Ra­dio­sym­pho­nie­or­ches­ters Wi­en (RSO) er­nannt? Was hat es da­mit auf sich, dass man Mu­si­ker so­gar schon sa­gen hört, der­zeit ›hel­fe‹ es, ei­ne Frau zu sein? Chris­toph Be­cher, In­ten­dant des RSO, sitzt mit hin­ter dem Kopf ver­schränk­ten Ar­men im Un­ter­ge­schoss des ORF-Funk­hau­ses in der Ar­gen­ti­ni­er­stra­ße im vier­ten Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk. Das En­ga­ge­ment Al­sops will er nicht mit zu viel Sym­bo­lik auf­la­den. Ih­re Agen­tur hat ihn auf sie auf­merk­sam ge­macht. Er hat ei­nen Star, kei­ne Frau nach Wi­en ge­holt. Zu dem Man­gel an Di­ri­gen­tin­nen sagt er, was ne­ben ihm auch an­de­re sa­gen: ›Das An­ge­bot stimmt da noch nicht. Es gibt nach wie vor viel mehr Di­ri­gen­ten.‹ Zu­min­dest letz­te­re Aus­sa­ge lässt sich mit Zah­len be­le­gen: Laut der Mu­sik­da­ten­bank des ös­ter­rei­chi­schen Mu­sik­in­for­ma­ti­ons­zen­trums (mi­ca) gibt es nach ak­tu­el­lem Stand 36 Di­ri­gen­tin­nen und 224 Di­ri­gen­ten in Ös­ter­reich. Wer sich bei aus­län­di­schen Agen­tu­ren um­hört, wird oft hö­ren, dass das ös­ter­rei­chi­sche Mu­sik­pflas­ter be­son­ders hart für Frau­en sei. Und wer es nach oben schafft, muss tun­lichst ver­mei­den, dar­auf auf­merk­sam zu ma­chen. Auf der an­de­ren Sei­te hat die Bran­che mit Si­mo­ne Young, Spe­ran­za

Scap­puc­ci, Julia Jo­nes, Ke­ri-Lynn Wil­son, Su­san­na Mälk­ki und Ma­rin Al­sop ei­ni­ge we­ni­ge weib­li­che Stars kre­iert, die in den gro­ßen Häu­sern di­ri­gie­ren. Und mit de­nen man den Vor­wurf der Dis­kri­mi­nie­rung gut an sich ab­per­len las­sen kann.

Je­nen, die noch in der zwei­ten Rei­he ste­hen, hilft das nicht. ›Das Le­ben ist manch­mal ein­fach ein Schlacht­feld‹, sagt Ag­hak­ha­ni. 38 Jah­re ist sie jetzt alt, liest ger­ne über chi­ne­si­sche Kriegs­stra­te­gi­en. Nie hät­te sie sich vor­stel­len kön­nen, dass es so schwer wird, mit Ta­lent, Mo­ti­va­ti­on und Durch­hal­te­ver­mö­gen aus­ge­stat­tet, ih­rer Be­ru­fung zu fol­gen. ›Ich bin erst rück­bli­ckend drauf­ge­kom­men, dass ich ei­nen Vo­gel hab. Man muss wahn­sin­nig sein, als Frau Di­ri­gen­tin zu wer­den‹, sagt sie. ›Ich bin al­lein­er­zie­hend, al­lein­ver­die­nend mit zwei Kin­dern.‹ Der Bub geht in die Volks­schu­le, das Mäd­chen in den Kin­der­gar­ten. Die Be­zie­hun­gen ha­ben ih­rem Be­ruf nicht stand­ge­hal­ten. Die 2008 vom Kunst­mi­nis­te­ri­um ver­an­lass­te Stu­die zur so­zia­len La­ge von Künst­le­rin­nen und Künst­lern in Ös­ter­reich zeigt: Frau­en in der Kunst sind öf­ter al­lein­ste­hend und ha­ben we­ni­ger Kin­der als Män­ner. Zu­dem schnei­den Frau­en mit ei­nem ge­rin­ge­ren Ein­kom­men ab, und Be­treu­ungs­pflich­ten stel­len ein grö­ße­res Mo­bi­li­täts­hin­der­nis dar. Ei­ne Stu­die des Deut­schen Kul­tur­ra­tes zu Frau­en in Kul­tur und Me­di­en aus den Jah­ren 2010 und 2014 kommt zu ei­nem ähn­li­chen Er­geb­nis: In bei­den Jah­ren ist die Ein­kom­mens­sche­re mit 44 Pro­zent zwi­schen Di­ri­gen­ten und Di­ri­gen­tin­nen in der Be­rufs­grup­pe Mu­sik am größ­ten.

1997,

in je­nem Jahr, in dem die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker erst­mals ein­wil­lig­ten, Frau­en auf­zu­neh­men, ver­öf­fent­lich­te die Öko­no­min und Har­vard-Pro­fes­so­rin Clau­dia Gol­din ei­ne Stu­die, in der sie zeigt, wie sich der Frau- en­an­teil in ame­ri­ka­ni­schen Top-Orches­tern durch die Ein­füh­rung des Pro­be­spiels hin­ter dem Vor­hang er­höht hat­te. Bei den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern spie­len trotz Vor­hangs erst 16 Frau­en un­ter 143 Mu­si­kern, bei den Sym­pho­ni­kern sind es 25 Frau­en. Für Ag­hak­ha­ni gibt es die­sen Vor­hang nicht. Nicht ein­mal ein Pro­be­spiel. Wo sich die Aus­wahl­pro­zes­se für Orches­ter­mu­si­ker mit der Zeit de­mo­kra­ti­siert ha­ben, wer­den Di­ri­gen­ten im­mer noch hand­ver­le­sen. Ob sie hier­blei­ben wird, weiß sie nicht. ›Mei­ne Kof­fer sind im­mer in Ab­ruf­be­reit­schaft, bei den Schu­hen am Aus­gang‹.

Der gro­ße Saal der kö­nig­li­chen Mu­sik­hoch­schu­le in Stock­holm ist gut ge­füllt. An­ge­spannt brin­gen die jun­gen Mu­si­ker ih­re In­stru­men­te in Ein­klang, rich­ten sich mit schwit­zen­den Hän­den die No­ten. Ag­hak­ha­ni lässt sich Zeit und at­met drei­mal tief durch, be­vor sie die Büh­ne be­tritt. Sie trägt ih­re Haa­re of­fen, ei­ne gold­glän­zen­de Sto­la und ro­ten Lip­pen­stift. ›Ich di­ri­gie­re nicht mit mei­nem Ge­schlecht‹, sagt sie: ›Aber mein Frau­sein ver­ste­cken will ich auch nicht‹. •

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