Die letz­ten Wil­den

Wie Eu­ro­pas grü­ne Ener­gie­po­li­tik die Flüs­se am Bal­kan ge­fähr­det.

Datum - - Inhalt - Text: Cla­ra Porak · Gra­fik: Andre­as Klam­bau­er Qu­el­len: Ul­rich Schwarz, FLUVIUS · Eu­ro­s­tat

Wie Eu­ro­pas grü­ne Ener­gie­po­li­tik die Flüs­se am Bal­kan ge­fähr­det.

Es ist ein hei­ßer Tag, die Luft flirrt auf­ge­la­den und feucht. Micha Pun­gar­se­ks Hän­de lie­gen schwer auf dem me­tal­le­nen Ge­län­der, wäh­rend er auf der ein­zi­gen Brü­cke steht, die über die Učja ge­baut wur­de. ›Der Fluss ist Treff­punkt für die Men­schen hier, Teil un­se­rer Iden­ti­tät‹, sagt der jun­ge Va­ter und gibt sei­ner zwei­jäh­ri­gen Toch­ter ih­re Was­ser­fla­sche. Fast drei Me­ter un­ter ihm spru­delt die Učja in ei­ner tie­fen Schlucht. Der 33-jäh­ri­ge Flei­scher trägt ei­ne Bauch­ta­sche, ver­spie­gel­te Son­nen­bril­len, stop­pel­kur­zes Haar. Die Le­der­ja­cke schlägt sich mit dem ro­sa Ruck­sack sei­ner Toch­ter, den er in der rech­ten Hand hält. Be­sorgt blickt er dem Ver­lauf des tür­ki­sen Was­sers nach, das sich Mi­nu­te für Mi­nu­te tie­fer in die Fel­sen der slo­we­ni­schen Al­pen zu gr­a­ben scheint. Um­rahmt von tief­grü­nen Bäu­men wirkt der Fluss wie ge­malt. ›Die Učja ge­hört zu uns. Wir ge­hen schwim­men, fei­ern Fes­te dort. Das will ich nicht ver­lie­ren‹, sagt der 33-Jäh­ri­ge in die Stil­le des Som­mer­ta­ges hin­ein.

Die Be­dro­hung, die der jun­ge Va­ter sieht, hat ein gu­tes, ein grü­nes Image: Was­ser­kraft. Die EU, die slo­we­ni­sche Re­gie­rung, das Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­men, sie al­le för­dern und for­dern den Aus­bau von Was­ser­kraft. Denn in Zu­kunft soll der Pro­zent­satz an er­neu­er­ba­rer Ener­gie stark an­stei­gen. 2017 wa­ren laut Eu­ro­s­tat rund 28 Pro­zent der in der EU pro­du­zier­ten Ener­gie er­neu­er­bar, 2050 müss­ten es 80 Pro­zent sein, so sieht es das 2015 be­schlos­se­ne Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­men vor. ›Es gibt kein Zu­rück­wei­chen aus dem Pa­ri­ser Ab­kom­men‹, sagt Je­an-Clau­de Juncker beim EU-Chi­na-Gip­fel 2017. Ganz im Ge­gen­teil: Die EU hat mit

ih­rem Vor­ha­ben, die C02-Emis­sio­nen bis 2030 um 45 Pro­zent ge­senkt zu ha­ben, das welt­weit am­bi­tio­nier­tes­te Kli­ma­ziel.

Für Län­der wie Slo­we­ni­en be­deu­tet das: um­sat­teln, und zwar schnell. Was­ser­kraft ist ein Hoff­nungs­trä­ger. In Mit­tel­eu­ro­pa spei­sen die meis­ten ge­eig­ne­ten Flüs­se be­reits ei­nen Stau­see, viel Spiel­raum nach oben gibt es nicht. Ganz an­ders ist das am Bal­kan, wo Fir­men, Po­li­ti­ker und pri­va­te In­ves­to­ren zu den noch un­be­rühr­ten Ge­wäs­sern drän­gen. Doch in den be­tref­fen­den Län­dern rührt sich Wi­der­stand. Die Men­schen fürch­ten um ih­re Flüs­se. ›Der Fluss ist un­se­re Le­bens­ader‹, sagt Pun­gar­sek und nimmt sei­ne Toch­ter auf den Arm. Für sie möch­te er die Učja er­hal­ten.

23

Ki­lo­me­ter lang, an der brei­tes­ten Stel­le knapp zwei Me­ter breit: Die Učja ist kein gro­ßer Fluss, fließt aber über die ge­sam­te Stre­cke un­ge­re­gelt. Das ist ei­ne Sel­ten­heit in Mit­tel­eu­ro­pa, nur 50 Ki­lo­me­ter von Vil­lach ent­fernt. In Ita­li­en ent­sprun­gen, über­quert sie nach acht Ki­lo­me­tern die slo­we­ni­sche Gren­ze und mün­det hier kurz nach Ža­ga in die Soča. Auch die­ser Fluss ent­springt in Ita­li­en – dort ist er als Ison­zo be­kannt. Er be­her­bergt sel­te­ne Fi­sch­ar­ten, so zum Bei­spiel den Adria­ti­schen Stör, den Rus­si­schen Stör und den Ster­let und gilt als der schöns­te Fluss der Welt – zu­min­dest in Slo­we­ni­en. Drei Stau­däm­me sind ge­plant, um das re­la­tiv we­ni­ge Was­ser op­ti­mal zu nut­zen.

Be­reits 56 Pro­zent der er­neu­er­ba­ren Ener­gie kom­men in Slo­we­ni­en aus der Was­ser­kraft, 2016 wa­ren das 35 Pro­zent des pro­du­zier­ten Stro­mes. Die­ser Wert könn­te aber dop­pelt so hoch sein: Laut Ex­per­ten ist das Po­ten­zi­al für Was­ser­kraft in Slo­we­ni­en zu we­ni­ger als 50 Pro­zent aus­ge­schöpft, in an­de­ren Bal­kan­län­dern gibt es noch mehr Luft nach oben. Das könn­te sich bald än­dern: 3.000 wei­te­re Was­ser­kraft­wer­ke sind laut der NGO Bal­kan Ri­ver De­fence ge­plant. Mit knapp 2.000 rech­net ei­ne gro­ße Kon­fe­renz für In­ves­to­ren, die ›Hy­dro­power Bal­kans‹, die an­gibt, dass 24 Mil­li­ar­den Eu­ro in den nächs­ten Jah­ren am Bal­kan in­ves­tiert wer­den kön­nen. Bei vie­len Pro­jek­ten wür­de das al­ler­dings be­deu­ten, dass bis­her na­tur­be­las­se­ne Flüs­se ver­baut wer­den.

Ein Was­ser­kraft­werk, wie es an der Učja ge­plant ist, ver­än­dert die Ge­wäs­ser­art. Nicht nur der Fluss selbst, son­dern auch al­le Ge­wäs­ser, die mit ihm ver­bun­den sind, ver­än­dern sich. Wenn man ein Kraft­werk an der Učja baut, wird die Stein- und Was­ser­zu­fuhr der Soča be­ein­träch­tigt. ›Ei­gent­lich ent­steht ein Hy­brid. We­der ist es ein ste­hen­des Ge­wäs­ser, noch ein Fluss‹, sagt For­scher Ste­ven Weiss von der Uni Graz. Der ge­bür­ti­ge US-Ame­ri­ka­ner ist an Flüs­sen auf­ge­wach­sen, schon früh stieß er auf Was­ser­kraft­wer­ke. Weiss wur­de neu­gie­rig. Und bald dar­auf wü­tend: Wo im- mer er ei­nen Fluss sah, schien die­ser zer­stört zu wer­den. Seit 1994 in Ös­ter­reich, er­forscht der heu­te 60-Jäh­ri­ge, wie ein Was­ser­kraft­werk ein Ge­wäs­ser be­ein­flusst. Be­son­ders oft ist er in Slo­we­ni­en. Sein Fa­zit: Der Le­bens­raum ver­än­dert sich für Tie­re und Pflan­zen mas­siv. Das kommt vor al­lem da­her, dass bei den so­ge­nann­ten St­au­kraft­wer­ken, wie je­nem, das an der Učja ge­plant ist, zwei bis vier Mal am Tag plötz­lich ein gro­ßer Schwall Was­ser frei­ge­setzt wird. Dar­in stimmt ihm auch Ste­fan Schmutz von der Uni­ver­si­tät für Bo­den­kul­tur Wi­en (BOKU) zu, der eben­falls Was­ser­kraft­wer­ke und ih­re Fol­gen er­forscht. ›Für Tie­re und Pflan­zen be­deu­tet das ein Hoch­was­ser, das für ein paar St­un­den an­hält und sich dann plötz­lich in Nie­der­was­ser ver­wan­delt‹, sagt er. Das Pro­blem da­ran? Der stän­di­ge Wan­del zwi­schen Was­ser­knapp­heit und Über­fluss ist zu viel für die meis­ten Le­be­we­sen.

Klei­ne Kraft­wer­ke gel­ten als mi­ni­mal­in­va­siv. In der Pra­xis stimmt lei­der das Ge­gen­teil.

Es

gibt zwei Ar­ten von Was­ser­kraft­wer­ken. An der Učja ist ein so­ge­nann­tes St­au­kraft­werk ge­plant. So ein Kraft­werk ge­winnt Ener­gie, in­dem aus ei­nem Stau­see in ei­nem Schwall Was­ser ab­ge­las­sen wird. Au­ßer­dem gibt es noch Lauf­kraft­wer­ke, die durch ei­ne Tur­bi­ne Ener­gie aus dem Fluss ge­win­nen. Bei­de Ar­ten zer­stö­ren den Le­bens­raum Fluss, un­ab­hän­gig von ih­rer Grö­ße. Den­noch herrscht ein My­thos vor: Klei­ne Kraft­wer­ke gel­ten als mi­ni­mal­in­va­siv. In der Pra­xis stimmt lei­der das Ge­gen­teil. Oft wer­den für klei­ne Kraft­wer­ke meh­re­re Flüs­se zu­sam­men­ge­lei­tet, und gan­ze Flüs­se ver­schwin­den oder füh­ren in der Fol­ge viel zu we­nig Was­ser. Land­stri­che trock­nen aus, Tie­re und Pflan­zen ver­lie­ren ih­ren Le­bens­raum. Für sehr we­nig Ener­gie-Out­put wird be­son­ders viel Na­tur zer­stört. Auch die lo­ka­le Be­völ­ke­rung spürt die Aus­wir­kun­gen: Ein­hei­mi­sche Hir­ten, die ih­re Tie­re an den Flüs­sen trin­ken las­sen, fin­den zum Bei­spiel in Al­ba­ni­en im­mer schwe­rer Ge­wäs­ser und Fut­ter für ih­re Her­den.

Die mas­si­ven Ein­grif­fe recht­fer­ti­gen die Auf­trag­ge­ber mit den Kli­ma­zie­len. Ei­ne Stu­die des Welt­kli­ma­rats (IPCC) sorgt mit neu­en Er­kennt­nis­sen für Auf­se­hen: Nur zwölf Jah­re blei­ben der Welt laut den Wis­sen­schaft­lern dem­nach, um Maß­nah­men ge­gen den Kli­ma­wan­del zu

set­zen. Dann wird mit 1,5 Grad Er­der­wär­mung ein so­ge­nann­ter ›tip­ping po­int‹ er­reicht, wo­nach sich das Welt­kli­ma dras­tisch und un­wi­der­ruf­lich ver­än­dert. ›Wir müs­sen un­se­re Am­bi­tio­nen im Kampf ge­gen den Kli­ma­wan­del er­hö­hen, so­dass sie den An­for­de­run­gen des Be­richts ent­spre­chen,‹, sa­gen EU-Kom­mis­sar Mi­guel Ari­as Cañe­te und EU-Kom­mi­sar Car­los Mo­e­das. Wie ist das zu schaf­fen?

Ös­ter­reich setzt schon seit dem ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert auf Was­ser­kraft. 70 Pro­zent der mög­li­chen Kraft­wer­ke hier­zu­lan­de sind schon in Be­trieb und er­zeug­ten 2016 34,7 Pro­zent der in Ös­ter­reich pro­du­zier­ten er­neu­er­ba­ren Ener­gie. Die Zahl der Kraft­wer­ke ist seit den 1980ern aber kaum ge­stie­gen, denn seit­her wird ge­gen das Ver­bau­en der Flüs­se pro­tes­tiert. Die we­ni­gen Flüs­se, die noch wild flie­ßen, sol­len un­be­rührt blei­ben. Wie die in den 1980ern um­kämpf­te Hain­bur­ger Au sind sie oft Teil ei­nes Na­tio­nal­parks. In Ös­ter­reich ist da­mit klar, dass hier so rasch kei­ne Was­ser­kraft­wer­ke mehr ge­baut wer­den. Gleich­zei­tig steigt Ös­ter­reichs Ener­gie­ver­brauch ste­tig. 2016 wur­de laut Sta­tis­tik Aus­tria mehr als dop­pelt so viel Strom im­por­tiert, wie in Ös­ter­reich er­zeugt wird. Ob­wohl die­se Ener­gie oft von fos­si­len Ener­gie­trä­gern kommt, ruht man sich hier­zu­lan­de auf dem grü­nen Image der Was­ser­kraft aus. Der Druck auf an­de­re EU-Län­der steigt: Sie sol­len ih­re er­neu­er­ba­ren Ener­gie­quel­len aus­bau­en. Für Ös­ter­reichs Un­ter­neh­men ist das ein Vor­teil. Weil es im In­land kaum noch Auf­trä­ge gibt, drän­gen die Un­ter­neh­men auf aus­län­di­sche Märk­te. So sind zwei ös­ter­rei­chi­sche Fir­men laut der NGO ›bank­watch› un­ter den größ­ten In­ves­to­ren für Was­ser­kraft: Die Fir­ma Ener­gy Eas­tern Eu­ro­pe Hy­dro Power GmbH hat bis­her 27 Kraft­wer­ke in Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na und Ma­ze­do­ni­en ge­baut, die Fir­ma Ke­lag Group 13 in Bos­ni­en, im Ko­so­vo und in Mon­te­ne­gro. Auch die­se Kraft­wer­ke ste­hen teil­wei­se in ge­schütz­ten Ge­bie­ten. ›Al­le un­se­re Klein­kraft­wer­ke ver­fü­gen über die er­for­der­li­chen na­tur­schutz­recht­li­chen Ge­neh­mi­gun­gen und lie­gen nicht in Na­tur­schutz­ge­bie­ten‹, sagt In­go Preiss von der Ke­lag hin­ge­gen da­zu. Die Ener­gy Eas­tern Eu­ro­pe Hy­dro Power GmbH, ei­ne Toch- ter der Wi­en Ener­gie, möch­te sich zu der The­ma­tik nicht äu­ßern.

Auch die Soča ist teil­wei­se durch Na­tio­nal­parks ge­schützt. Den Wirt­schafts­fak­tor ›Na­tur­schön­heit‹ nützt man hier längst: In Bo­vec, der größ­ten Stadt der Ge­gend, wim­melt es von Ka­jak­schu­len und Was­ser­sport­zen­tren. Die jun­gen, braun­ge­brann­ten Men­schen, die hier ar­bei­ten, sind sich längst der Ge­fahr für ihr Ge­wer­be be­wusst. Fast je­der Ka­jak­leh­rer und Raf­ting­gui­de ist zugleich Ak­ti­vist. An ei­ner der Ein­stiegs­stel­len wird klar, wie wich­tig der Tou­ris­mus hier in­zwi­schen ist: Knapp 60 Tou­ris­ten und Leh­rer be­stei­gen gera­de Ka­jaks oder Raf­ting­boo­te. Man hört Eng­lisch, Deutsch, Rus­sisch und vie­le an­de­re Spra­chen. ›Der Fluss ist wun­der­schön‹, sagt ei­ne braun­haa­ri­ge Bri­tin und legt ihr Pad­del am Fluss­ufer ab. Sie ist gera­de zum ers­ten Mal Ka­jak ge­fah­ren. ›Der Tou­ris­mus ist die wich­tigs­te Ein­kom­mens­quel­le der Re­gi­on‹, sagt Flei­scher Pun­gar­sek. Die Hälf­te sei­ner Be­kann­ten ar­bei­tet in die­sem Sek­tor.

Noch vor ei­ni­gen Jah­ren wuss­te kei­ner um die Plä­ne zu Was­ser­kraft­wer­ken. Dass das jetzt an­ders ist, ist vor al­lem ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on ge­schul­det: Der NGO Bal­kan Ri­vers De­fence. Die Or­ga­ni­sa­ti­on wur­de 2015 mit der ers­ten ›Bal­kan Ri­vers Tour‹ ge­grün­det. Rok Roz­man, lei­den­schaft­li­cher Ka­jak­sport­ler, zog auf Goog­le Maps ei­ne ro­te Li­nie ent­lang der letz­ten un­be­rühr­ten Flüs­se und be­schloss, die­se mit sei­nen Freun­den hin­un­ter­zu­fah­ren, um auf die Be­dro­hung durch Was­ser­kraft auf­merk­sam zu ma­chen. Mit Er­folg: Was als klei­ner Pro­test ei­ni­ger Ka­jak­fans an­fing, ist heu­te ein in­ter­na­tio­na­les Event mit gro­ßer Pres­se­auf­merk­sam­keit.

Auch

Ve­ra Knook wid­met ihr Le­ben der Or­ga­ni­sa­ti­on Bal­kan Ri­vers De­fence. Auf der Soča ist die jun­ge Frau in ih­rem Ele­ment: Ge­schickt ma­nö­vriert sie ihr Ka­jak zwi­schen zwei gro­ße Stei­ne, Was­ser spritzt, plötz­lich geht es schnell: Die star­ke Strö­mung des Flus­ses reißt das Boot über ei­ne Schot­ter­bank. Knook pad­delt in schnel­len Be­we­gun­gen, das Ka­jak dreht sich ein­mal im Kreis, dann ist al­les still. Die 27-Jäh­ri­ge hat ihr klei­nes Boot in ein so­ge­nann­tes Kehr­was­ser ge­lenkt, in ei­nen Be­reich oh­ne Strö­mung. Hier kann die Nie­der­län­de­rin durch­at­men. Ih­re lan­gen blon­den Haa­re, in ei­nen lo­sen Zopf ge­bun­den, be­rüh­ren fast die Ober­flä­che des Ka­jaks, in dem die Frau sitzt. Das hell­grü­ne Pad­del hat sie vor sich ab­ge­legt, der Blick schweift in die Wei­te: Die ho­hen Gip­fel der slo­we­ni­schen Al­pen, tief­grü­ne Tan­nen­wäl­der, tür­kis­blau­es Was­ser. Auf dem Fluss ist das Rau­schen des Was­sers so laut, dass man fast schrei­en muss, um sich zu ver­ste­hen. Knook fin­det das wun­der­schön. ›Der Fluss ist mei­ne Hei­mat‹, sagt sie. Seit knapp ei­nem Jahr lebt die ge­bür­ti­ge Nie­der­län­de­rin aus ih­rem dun­kel­grü­nen Au­to. Auf den mit­tel­grau­en Rück­sit­zen des al­ten Wa­gens lie­gen Brot und Mar­me­la­de, Klei­dung, Bü­cher und ein Cam­ping­ko­cher. Im Kof­fer­raum ist Platz für Pad­del, Tro­cken-

an­zü­ge und Knooks Kof­fer, wenn sie gera­de den Ort wech­selt. Ihr ro­tes Ka­jak schnallt sie dann mit zwei Zurr­gur­ten an das Dach.

Knook hält ihr klei­nes Boot gera­de an ein paar der gro­ßen, hel­len Stei­ne fest und holt ei­ne Tu­be Son­nen­creme aus ei­ner Ta­sche an ih­rer Schwimm­wes­te. Wäh­rend sie die Cre­me auf­trägt, er­klärt sie die Um­ge­bung: Hier mün­det die Učja in die Soča: ›Siehst du, wie we­nig Was­ser das ist? Ich ver­ste­he nicht, war­um man hier ein Kraft­werk bau­en möch­te‹, sagt die Ak­ti­vis­tin. Ei­ne wü­ten­de Fal­te gräbt sich zwi­schen ih­re Au­gen­brau­en, wenn sie über die Plä­ne spricht. Fast has­tig er­zählt sie, wie sie den Fluss ret­ten möch­te: Ver­gan­ge­nen Sams­tag war hier ein Pro­test, das sei erst der An­fang, die Be­völ­ke­rung müs­se auf­wa­chen, ver­ste­hen, dass Was­ser­kraft nicht grün sei. Ei­gent­lich hat Knook wie vie­le an­de­re Ak­ti­vis­ten Was­ser­wirt­schaft und In­ge­nieurs­we­sen in der nie­der­län­di­schen Stadt Ro­er­mond stu­diert. Doch nach ih­rem Mas­ter konn­te sie sich nicht ent­schlie­ßen, für ei­nes der Un­ter­neh­men zu ar­bei­ten, die – wie sie sagt – ›ih­re‹ Flüs­se ver­bau­en.

Das Zer­stö­ren von wil­den Ge­wäs­sern wol­len al­le ›Fluss­men­schen‹ ver­hin­dern. Gera­de vor der Bal­kan Ri­vers Tour sam­meln sie sich an den Ein­stiegs­stel­len der Soča. Ei­ne Span­nung liegt über den jun­gen Frau­en, die das Was­ser aus ih­ren Boo­ten lee­ren, und den braun­ge­brann­ten Män­nern, die sich la­chend un­ter­hal­ten. Je­der hier weiß: Die­ser Som­mer könn­te der letz­te sein. Ei­ner von ih­nen ist Ben Webb. Der Aus­tra­li­er war in Pe­ru auf Ur­laub, als sich sein Le­ben ver­än­der­te. Er er­kun­de­te mit dem Ka­jak ei­nen der wil­den Flüs­se, die man ta­ge­lang hin­un­ter­fah­ren kann, oh­ne da­bei auf ei­nen Men­schen zu sto­ßen. In­mit­ten des pe­rua­ni­schen Ur­wal­des stieß er plötz­lich auf Bag­ger. Ein Kraft­werk soll­te ge­baut wer­den. Webb ist nie wie­der von sei­ner Rei­se zu­rück­ge­kom­men. Seit fünf Jah­ren kämpft er für die Flüs­se. Nun ist er in Slo­we­ni­en, um die Bal­kan Ri­vers Tour zu un­ter­stüt­zen. ›Be­droh­te Flüs­se gibt es in fast je­dem Land der Welt. Es ist ein glo­ba­les Pro­blem, das glo­bal ge­löst wer­den muss‹, sagt der Ak­ti­vist. ›Die Men­schen müs­sen ver­ste­hen, dass Was­ser­kraft nicht mehr grün ist.‹

Durch

Ak­ti­vis­ten wie Webb wur­de die Bot­schaft von der Zer­stö­rung durch Was­ser­kraft aus Slo­we­ni­en fluss­ab­wärts ge­tra­gen. In Bul­ga­ri­en kla­gen Fi­scher über zu we­ni­ge Fi­sche, ru­fen da­zu auf, die noch un­ge­re­gel­ten Flüs­se so zu be­las­sen. In Al­ba­ni­en be­teu­ern mehr und mehr An­woh­ner, die Vjo­sa sei Teil ih­rer Iden­ti­tät, und for­dern, dass die­se nicht ver­baut wer­den darf. Be­son­ders die­ser Fluss hat viel Pres­se­auf­merk­sam­keit be­kom­men. Bal­kan Ri­vers De­fence prä­sen­tiert die­ses Jahr ei­nen Film über die Vjo­sa als Herz­stück der Tour. ›The Un­da­ma­ged‹ heißt er. Der letz­te Fluss Eu­ro­pas, der von Ur­sprung bis Mün­dung, 270 Ki­lo­me­ter weit, un­ge­re­gelt fließt, soll mit 33 Stau­däm­men ver­baut wer­den, heißt es dar­in. In Bos­ni-

en-Her­ze­go­wi­na blo­ckier­ten die ›Frau­en von Krušči­ca‹ über ein Jahr lang ei­ne Brü­cke, da­mit das Kraft­werk Dra­go­bia nicht wei­ter­ge­baut wer­den konn­te. Jetzt ha­ben sie ei­nen ge­richt­li­chen Baustopp er­reicht, da das Kraft­werk in ei­nem Na­tio­nal­park ste­hen wür­de.

Trotz

teils dra­ma­ti­scher Fol­gen plä­die­ren vie­le Ak­ti­vis­ten nicht ge­gen Was­ser­kraft, son­dern nur ge­gen ih­ren un­kon­trol­lier­ten Aus­bau. Vie­le for­dern ei­ne ver­pflich­ten­de Um­welt­ver­träg­lich­keits­prü­fung vor Bau­be­ginn je­des Kraft­werks. Denn Was­ser­kraft­wer­ke wer­den oft von kor­rup­ten Po­li­ti­kern ge­neh­migt, oh­ne dass die­se über die öko­lo­gi­schen Fol­gen nach­den­ken. ›Es ist kom­plet­ter Wild­wuchs‹, sagt Ste­fan Schmutz von der BOKU. Die na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Po­li­tik igno­rie­re selbst Was­ser­kraft­wer­ke, die in Na­tio­nal­parks ge­baut wer­den. War­um?

Die Ak­ti­vis­ten sind nicht ge­gen Was­ser­kraft, son­dern ge­gen den un­kon­trol­lier­ten Aus­bau.

Die Men­schen wol­len ei­ne ein­fa­che, tech­ni­sche Lö­sung für den Kli­ma­wan­del. Die ge­be es aber nicht. Der glo­ba­le Ener­gie­ver­brauch müs­se re­du­ziert wer­den, egal wie vie­le Kraft­wer­ke man baue, meint Schmutz. ›Er­neu­er­ba­re Ener­gi­en sind nicht un­be­grenzt‹, sagt auch Ste­ven Weiss von der Uni Graz. ›Es muss Was­ser­kraft­wer­ke ge­ben, aber auch Flüs­se.‹

Und was sagt Slo­we­ni­en? ›Die Wei­ter­ent­wick­lung von Was­ser­kraft hat für uns ho­he Prio­ri­tät. Wir se­hen uns dem Pa­ri­ser Ab­kom­men ver­pflich­tet‹, gibt die Pres­se­stel­le des slo­we­ni­schen Mi­nis­te­ri­ums für In­fra­struk­tur auf An­fra­ge an. Auch die EU för­dert kli­ma­freund­li­che Initia­ti­ven am Bal­kan: Die ›So­fia-De­kla­ra­ti­on‹, 2018 ver­fasst, ver­si­chert, dass die EU Staa­ten am West­bal­kan wei­ter­hin bei der Ent­wick­lung nach­hal­ti­ger Ener­gie­ver­sor­gung un­ter­stüt­zen möch­te. ›Er­neu­er­ba­re Ener­gie ist gut für Eu­ro­pa, und heut­zu­ta­ge ist Eu­ro­pa gut für er­neu­er­ba­re Ener­gie‹, sagt Mi­guel Ari­as Cañe­te, Kom­mis­sar für Kli­ma und Ener­gie.

Ist al­so die EU schuld an der La­wi­ne an Was­ser­kraft­wer­ken? Neža Pos­njak sieht das dif­fe­ren­zier­ter: ›Die EU för­dert zwar er­neu­er­ba­re Ener­gie, aber sie zwingt nie­man­den, Flüs­se zu ver­bau­en‹, sagt die 28-Jäh­ri­ge vom WWF. Sie ar­bei­tet seit über fünf Jah­ren für NGOs, die sich ge­gen Stau­däm­me am Bal­kan en­ga­gie­ren. Wie an­de­re Na-

tur­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen plä­diert auch der WWF für For­men der er­neu­er­ba­ren Ener­gie, die bis­her we­ni­ger ge­nutzt wer­den. Auch Ste­ven Weiss von der Uni Graz stimmt zu, wenn auch aus an­de­rem Grund: Die In­ves­ti­ti­on in Was­ser­kraft loh­ne sich ei­gent­lich nicht. So­lar­ener­gie sei lu­kra­ti­ver, aber we­ni­ger ver­brei­tet. ›Weil die­se Tech­no­lo­gie neu­er ist, wird we­ni­ger in­ves­tiert‹, sagt der Ex­per­te. Vor al­lem pri­va­te Geld­ge­ber hät­ten das Ge­fühl, we­ni­ger Ri­si­ko mit der Was­ser­kraft ein­zu­ge­hen. Das stim­me oft nicht. Ein wei­te­rer Grund für das gro­ße Ver­trau­en in Hy­dro­en­er­gie ist aber doch auch ein wirt­schaft­li­cher Vor­teil: Was­ser­kraft­wer­ke kön­nen Ener­gie pro­du­zie­ren, wenn es am güns­tigs­ten ist. Der Preis für Strom ist nicht kon­stant gleich, son­dern ver­än­dert sich stän­dig, je nach An­ge­bot und Nach­fra­ge. So ent­ste­hen so­ge­nann­te ›Spit­zen›, zu de­nen der Strom­preis be­son­ders hoch ist. Gera­de dann lohnt es sich für die In­ha­ber, die Schleu­sen ei­nes Stau­dam­mes zu öff­nen und ei­nen Schwall Was­ser ab­zu­las­sen. Die Mög­lich­keit, sei­ne Ener­gie­pro­duk­ti­on so zu steu­ern, bie­tet nur die Was­ser­kraft. Sie wird des­halb oft als not­wen­di­ge Er­gän­zung zu an­de­ren er­neu­er­ba­ren Ener­gie­pro­duk­ti­ons­ar­ten wie Son­ne und Wind ge­han­delt.

Letzt­lich liegt es aber vor al­lem bei klei­ne­ren Kraft­wer­ken an lo­ka­len Po­li­ti­kern, ob ein Was­ser­kraft­werk ge­baut wird oder nicht. Neža Pos­njak vom WWF schüt­telt den Kopf, wenn man sie da­nach fragt. ›Po­li­ti­ker kann man ver­ges­sen. Ent­we­der sie sind kor­rupt, oder es ist ih­nen so­wie­so egal‹, sagt sie. Für Pos­njak gibt es nur we­ni­ge Aus­nah­men. Ei­ne da­von ist Val­ter Mle­kuž. Dank ihm schaut es ak­tu­ell gut aus, für die slo­we­ni­schen Flüs­se Učja und Soča. ›Das Pro­jekt ist tot‹, sagt der Bür­ger­meis­ter der Re­gi­on Bo­vec, wenn man ihn nach dem ge­plan­ten Stau­damm fragt. Er lehnt sich in sei­nen ro­ten Le­der­ses­sel. Der 59-Jäh­ri­ge ist seit 2016 im Amt. Er trägt Blue­jeans, in die er ein ro­sa Hemd ge­steckt hat. Ei­ne sil­ber­ne Uhr leuch­tet auf sei­ner son­nen­ge­bräun­ten Haut. Hin­ter ihm ste­hen drei Fah­nen: die von Bo­vec, die von Slo­we­ni­en und die der EU. ›So­lan­ge ich in die­sem Amt bin, wird nichts auf der Soča ge­baut‹, sagt der Po­li­ti­ker und ver­schränkt die Fin­ger. Der Tou­ris­mus ist so wich­tig für Bo­vec, dass der Bür­ger­meis­ter kei­nen Rück­gang der Be­su­cher ris­kie­ren möch­te. Er sitzt mit ge­ra­dem Rü­cken, lä­chelt breit und viel. Für sei­ne Re­gi­on hält Mle­kuž das Ener­gie­pro­blem für ge­löst: ›Wir bau­en ei­ne neue High-Speed-Strom­lei­tung. Sie wird un­ter­ir­disch ver­lau­fen, und oben drauf kommt ein Fahr­rad­weg‹, sagt er mit stol­zer Stim­me. 2020 wird das Pro­jekt fer­tig, recht­zei­tig vor den nächs­ten Wah­len. Was­ser­kraft ist für Mle­kuž pas­sé.

Über­blick über die Was­ser­kraft am Bal­kan zu er­lan­gen, ist ei­ne Si­sy­pho­sauf­ga­be. Oft kann nie­mand sa­gen, ob an ei­nem Fluss wirk­lich ein Was­ser­kraft­werk ge­plant ist, be­vor die ers­ten Bag­ger an­rü­cken. Klei­ne Kraft­wer­ke wer­den meist durch pri­va­te Mit­tel fi­nan­ziert, die Ent­schei­dun­gen der In­ves­to­ren blei­ben der Öf­fent­lich­keit un­be­kannt. Lan­des­re­gie­run­gen er­zäh­len am liebs­ten die Ge­schich­te von der gu­ten Was­ser­kraft und in­ter­es­sie­ren sich nur we­nig für öko­lo­gi­sche Be­den­ken. Ihr Fo­kus sind die Kli­ma­zie­le. Die meis­ten Wis­sen­schaft­ler und Ex­per­ten hin­ge­gen en­ga­gie­ren sich für den Er­halt der Flüs­se. Vie­le der Ak­ti­vis­ten ha­ben in den be­tref­fen­den Fä­chern stu­diert.

Selbst ein Na­tio­nal­park lässt die › Fluss­men­schen‹ nicht auf­at­men. ›Na­tur­schutz­ge­bie­te sind egal, wenn man ge­nug Geld hat‹, sagt Knook. Das klingt ab­surd, ist aber wahr: Ei­ne Stu­die der NGO ›bank­watch‹ be­stä­tigt meh­re­re Kraft­wer­ke, die trotz Na­tio­nal­parks in ge­schütz­ten Ge­bie­ten ge­baut wur­den. Fast al­le Ex­per­ten stim­men zu. Al­lei­ne im ma­ze­do­ni­schen Mav­ro­vo-Na­tio­nal­park sind 22 Was­ser­kraft­wer­ke ge­plant, bei de­nen die Fi­nan­zie­rung teil­wei­se von der Eu­ro­päi­schen Bank für Wie­der­auf­bau und Ent­wick­lung (EBRD) kommt. Ein klei­nes Kraft­werk steht be­reits. Des­halb plant Bal­kan Ri­vers De­fence wei­te­ren Wi­der­stand, ob­wohl ein gro­ßer Teil der Soča be­reits in ei­nem Na­tur­schutz­ge­biet liegt und der ak­tu­el­le Bür­ger­meis­ter Mle­kuž de­zi­diert ge­gen den Bau ei­nes Kraft­werks ist. Da­mit das so bleibt, will man an der Soča und am gan­zen Bal­kan wei­ter Pro­tes­te or­ga­ni­sie­ren, egal was Po­li­tik und Wirt­schaft sa­gen. Denn wirk­lich si­cher sei ein Fluss, so Knook, nur dann, ›wenn man nicht auf­hört, für ihn zu kämp­fen‹. •

Be­vor die ers­ten Bag­ger an­rü­cken, kann oft nie­mand sa­gen, ob wirk­lich ein Was­ser­kraft­werk ge­plant ist.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.