Im­pul­si­ves Fes­ti­val: Mu­sic Un­li­mi­ted mit Brötz­mann-in­ten­si­tät

Der Standard - - Kultur -

Wels – Soll­ten Tin­ni­tus-dia­gno­sen in Wels und Re­st­eu­ro­pa zu­neh­men, könn­te man da­für ei­ne kon­kre­te Ur­sa­che be­nen­nen: Pe­ter Brötz­mann. Der kul­tig ver­ehr­te Wup­per­ta­ler Sa­xo­fo­nist cho­reo­gra­fier­te im Jahr sei­nes 70. Ge­burts­tag das 25. Mu­sic-un­li­mi­te­dFes­ti­val so, wie dies nie­mand an­de­rer tun dürf­te: als Brötz­man­nTo­ta­le mit Aus­stel­lung, Fil­men und ei­nem Mu­sik­pro­gramm der frei im­pro­vi­sier­ten Kat­har­sis, das sich um Kon­tras­te nicht viel küm­mert. Auch be­wies der Ju­bi­lar mit zehn (!) Kon­zert­ein­sät­zen sei­ne tol­le Fit­ness.

Dass man sich die­sem Brötz­mann-over­kill im (seit Wo­chen aus­ver­kauf­ten) Al­ten Schlacht­hof ger­ne aus­setzt, regt zum Grü­beln an: Was macht das Phä­no­men ei­nes Mu­si­kers aus, der im Prin­zip seit 45 Jah­ren die­sel­be Mu­sik spielt? Ist es gera­de die kom­pro­miss­lo­se Stur­heit, mit der Brötz­mann an frei­er Im­pro­vi­sa­ti­on fest­hält? Oder hat es zu­al­ler­erst mit der Be­to­nung des ar­chai­schen In­ten­si­täts­mo­ments zu tun, das sel­te­ne Er­leb­nis­se emo­tio­na­ler Un­mit­tel­bar­keit be­schert?

Nach Wels lock­ten je­den­falls auch kon­kre­te Acts: Da war Kei­ji Hai­no, Brötz­manns See­len­bru­der der Selbst­ent­äu­ße­rung, der in ei­ner un­glaub­li­chen So­lo­per­for­mance ent­rück­te Kopf­stim­men­ge­sän­ge und ab­grund­tie­fes To­des­geg­rum­mel hö­ren ließ, zu­dem im­mer wie­der Klän­ge ei­ner ge­schun­de­nen Krea­tur her­vor­würg­te. Da war das wie­der­ver­ei­nig­te Chi­ca­go­er DKV-TRIO um Ken Van­der­mark, das in sei­ner nu­an­cen­rei­chen Groo­vy­ness ei­nen bei­na­he kam­mer­mu­si­ka­li­schen Ge­gen­ent­wurf zum eu­ro­päi­schen Dampf­ham­mer-jazz be­deu­te­te.

Auch Brötz­mann selbst war für denk­wür­di­ge Mo­men­te gut: et­wa in der Be­geg­nung mit Bill Las­well, dem Part­ner aus al­ten Last-exitTa­gen, der Brötz­mann (mit dem Ma­rok­ka­ner Maâl­lem M. Ga­nia und Ha­mid Dra­ke) tat­säch­lich pha­sen­wei­se den Groo­ve bei­brach­te! Auch ge­fiel er im fa­mo­sen Chi­ca­go Ten­tet, das im Rah­men des „Fu­kus­hi­ma Pro­ject“in kon­trast­rei­che Spontan­dia­lo­ge mit ja­pa­ni­schen So­lis­tin­nen ein­trat, die im Fal­le von Ko­to-spie­le­rin Mi­chiyo Ya­gi vom De­zi­bel-in­fer­no bis zum fi­li­gra­nen Steck­na­del­klang reich­ten. Kein Zwei­fel: Ei­nen Pe­ter Brötz­mann braucht die Welt. (felb)

Fo­to: AP

Bri­an Wil­son (Vier­ter von links) und die Beach Boys auf dem Hö­he­punkt ih­res Schaf­fens 1966.

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