„An ent­schei­den­den Stel­len Nein ru­fen“

Wie in Ös­ter­reich plät­schert auch in Deutsch­land der Wahl­kampf eher so vor sich hin. Trotz­dem pas­siert ei­ni­ges – mit hef­ti­gen Aus­wir­kun­gen für uns al­le. Stich­wort fle­xi­bler Ein­satz der Mit­ar­bei­ter.

Der Standard - - BILDUNG & KARRIERE - Chris­ti­an Scholz

GASTKOMMENTAR:

– Wol­len Sie fle­xi­ble­re Ar­beits­zei­ten? Al­so ei­nen schö­nen Som­mer­mon­tag am Ba­de­see ver­brin­gen und da­für an ei­nem ver­reg­ne­ten Mitt­woch et­was län­ger ar­bei­ten? Oder ein­mal am Wo­che­n­en­de et­was ar­bei­ten, um da­für ei­nen frei­en Don­ners­tag mit den Kin­dern zu be­kom­men? So ei­ne Fle­xi­bi­li­tät wün­schen sich vie­le. Ge­ra­de die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on will an­geb­lich ei­ne sol­che Fle­xi­bi­li­tät und sieht sie als wich­tig für die At­trak­ti­vi­tät von Ar­beit­ge­bern.

Vor die­sem Hin­ter­grund passt es ins Bild, wenn in Deutsch­land die Wahl­pro­gram­me der zen­tra­len Par­tei­en ei­ne Fle­xi­bi­li­sie­rung der Ar­beits­zeit be­inhal­ten. Die­se Idee wird als so gut an­ge­se­hen, dass man dar­über zwar kaum spricht, da­für steht sie aber auf dem Sprung in die Ge­set­zes­än­de­rung.

Die neue „Ka­po­vaz“

Hin­ter die­ser Initia­ti­ve steckt aber we­ni­ger Men­schen­freund­lich­keit als viel­mehr der knall­har­te Wunsch der Ar­beit­ge­ber nach auf­trags­ab­hän­gi­gen Ar­beits­zei­ten. Das könn­te zur „Ka­pa­zi­täts­ori­en­tier­ten va­ria­blen Ar­beits­zeit“(Ka­po­vaz) eben­so füh­ren wie zu den in En­g­land zu­läs­si­gen Ar­beits­ver­trä­gen mit ei­ner ver­ein­bar­ten Wo­chen­ar­beits­zeit von „min­des­tens null St­un­den“(Ze­roHour-Contracts).

Plötz­lich geht es we­ni­ger um ei­ne Fle­xi­bi­li­tät für die Mit­ar­bei­ter, son­dern um ei­ne Fle­xi­bi­li­sie­rung ih­rer Ein­setz­bar­keit: Wenn näm­lich be­gren­zen­de Re­ge­lun­gen zur Ar­beits­zeit weg­fal­len, kann der Ar­beit­ge­ber leicht fle­xi­bel über den Mit­ar­bei­ter ver­fü­gen.

Wenn al­so der Sonn­tag wie heu­te üb­li­cher­wei­se nicht zur Re­gel­ar­beits­zeit zählt, kann der Chef nicht ver­lan­gen, dass am Sonn­tag ge­ar­bei­tet wird. Aber wenn der Sonn­tag Re­gel­ar­beits­zeit ist? Si­cher­lich kann der Ar­beit­neh­mer sei­ne Ar­beit in den Sonn­tag ver­la­gern, falls – und nur dann – sein Chef da­mit ein­ver­stan­den ist. Aber um­ge­kehrt kann jetzt der Chef de fac­to ver­lan­gen, dass am Sonn­tag plötz­lich ge­ar­bei­tet wer­den und der Sonn­tags­aus­flug mit der Fa­mi­lie ins Was­ser fal­len muss.

Das al­les – und noch viel mehr – sa­gen nicht nur Lob­by­is­ten, son­dern deut­sche Per­so­nal­vor­stän­de: Sie be­schäf­ti­gen sich seit 2016 mit die­sem The­ma und ha­ben am 29. Ju­ni ih­re Wün­sche im Kanz­ler­amt in Ber­lin über­ge­ben.

Be­reits pas­send: Selbst ge­werk­schafts­na­he Ver­ei­ni­gun­gen wie die Hans-Böck­ler-Stif­tung und die ar­beit­neh­mer­na­he In­qa küm­mern sich schon mehr dar­um, wie Mit­ar­bei­ter in Zu­kunft mit ih­rer „stän­di­gen Ver­füg­bar­keit“le­ben sol­len – aber we­ni­ger dar­um, ob Mit­ar­bei­ter die­ses „Work-Li­feB­len­ding“wol­len oder ob es be­triebs­wirt­schaft­lich sinn­voll ist.

An die­ser Stel­le wer­den Ro­man­ti­ker un­gläu­big den Kopf schüt­teln und ver­trau­ens­voll auf Tra­di­tio­nen wie Mit­be­stim­mung, So- zi­al­part­ner­schaft, Ver­trau­en so­wie Frei­wil­lig­keit ver­wei­sen. Rich­tig. Die­se Tra­di­tio­nen gibt es. Noch.

Denn wenn es nach den ak­tu­el­len For­de­run­gen in Deutsch­land geht, könn­ten die Rest­lauf­zei­ten die­ser Tra­di­tio­nen be­grenzt sein. So se­hen Per­so­nal­vor­stän­de in ih­ren For­de­run­gen nicht nur ex­pli­zit ei­ne „Mit­be­stim­mung light“, son­dern brin­gen auch Ex­pe­ri­men­tier­klau­seln ins Spiel.

Si­cher­lich: An­ders als bei der Fle­xi­bi­li­sie­rung, die, so­weit er­kenn­bar, von al­len Par­tei­en ver­tre­ten wird, kommt bis­her das of­fe­ne Be­kennt­nis zu ei­nem Mo­dell der so­ge­nann­ten Frei­heits­zo­nen, so­weit er­kenn­bar, aus­schließ­lich aus den Rei­hen der FDP. Ih­re kla­re Fra­ge: „Re­gu­lie­ren wir zwang- haft im Vor­aus oder las­sen wir es erst mal lau­fen und grei­fen, wie die USA, ex post ein? Hal­ten wir die So­zi­al­part­ner­schaft hoch, wenn Ge­werk­schaf­ten das Tem­po brem­sen?“

Die­se „Frei­heits­zo­nen“könn­ten Mit­be­stim­mung, Ar­beits­zeit­ge­set­ze und vie­les an­de­re au­ßer Kraft set­zen: Ein An­ruf am Sams­tag „Mor­gen wird lei­der ge­ar­bei­tet“ist dann vi­el­leicht är­ger­lich, aber ver­pflich­ten­de Auf­for­de­rung.

Ob die Mehr­heit in Deutsch­land un­ter die­sen Be­din­gun­gen noch die so­ge­nann­te Fle­xi­bi­li­sie­rung wäh­len wür­de, muss be­zwei­felt wer­den.

Vor al­lem die Ju­gend­li­chen der Ge­ne­ra­ti­on Z wol­len so­wie­so auch bei der Ar­beits­zeit lie­ber kla­re Re­ge­lun­gen und ganz si­cher kei­ne Mo­gel­pa­ckun­gen wie „Ver­trau­ens­ar­beits­zeit“oder „Frei­heits­zo­nen“. Und be­triebs­wirt­schaft­lich ist ei­ne ab­so­lu­te Fremd­be­stim­mung von Mit­ar­bei­tern ver­kehrt und ih­re Be­grün­dung über Di­gi­ta­li­sie­rung sub­stanz­lo­se Nai­vi­tät selbst­er­nann­ter Di­gi­ta­li­sie­rungspäps­te.

Ra­di­ka­li­tät. Not­ge­drun­gen?

Die­se Fak­ten könn­ten aber in we­ni­gen Mo­na­ten be­deu­tungs­los sein. Denn hin­ter der FDP ste­hen zwar vi­el­leicht nur sechs Pro­zent al­ler Wäh­ler, doch ver­tritt die FDP ih­rer Tra­di­ti­on ge­mäß durch­aus schon mal ge­zielt die In­ter­es­sen ei­ner sehr klei­nen Grup­pe (Stich­wort „Mö­ven­pick-Steu­er“nach der Bun­des­tags­wahl 2009). Und laut so ziem­lich al­len Be­rech­nun- gen wird die FDP ab Ok­to­ber in der nächs­ten Re­gie­rung in Ber­lin ver­tre­ten sein.

Dann dürf­te sie über den Ko­ali­ti­ons­ver­trag das pro­ble­ma­ti­sche Mo­dell der „Fle­xi­bi­li­sie­rung der Ar­beit“mit der noch pro­ble­ma­ti­sche­ren „Frei­heits­zo­ne“kom­bi­nie­ren und bei­des über ihr Mi­nis­te­ri­um für Di­gi­ta­li­sie­rung be­zie­hungs­wei­se ih­ren Staats­mi­nis­ter für Di­gi­ta­li­sie­rung durch­set­zen.

Noch ist es mög­lich

Da­mit könn­te sich die Ar­beits­welt wie durch die Agen­da 2010 von Ger­hard Schrö­der dras­tisch ver­än­dern – nur dass sich noch ra­scher we­ni­ger Ge­win­ner und vie­le Ver­lie­rer her­aus­kris­tal­li­sie­ren wer­den.

Die gu­te Nach­richt zum Schluss: Nicht al­les, was sich Un­ter­neh­men und Po­li­tik aus­den­ken, wird Wirk­lich­keit. Manch­mal kommt es an­ders, als man denkt – ge­ra­de weil man dar­über nach­denkt. Des­halb soll­ten wir im Vor­feld an den ent­schei­den­den Stel­len laut Nein ru­fen, al­so mit­den­ken und mit­re­den: Un­se­re Zu­kunft wird nicht nur di­gi­tal, und selbst Di­gi­ta­li­sie­rung be­deu­tet nicht zwin­gend Mark­t­ra­di­ka­li­tät. Es gibt vie­le an­de­re Op­tio­nen und da­mit Chan­cen so­wie Ver­pflich­tun­gen, uns in die Dis­kus­si­on über un­se­re Zu­kunft of­fen­siv ein­zu­brin­gen.

CHRIS­TI­AN SCHOLZ ist Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des und Au­tor der Bü­cher „Ge­ne­ra­ti­on Z“und „Mo­gel­pa­ckung Work-Li­fe-Blen­ding“.

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