Der Standard

Vor den Schattense­iten der Smart City gewarnt. Letztendli­ch trage die Technologi­sierung zum Auslöschen der Stadt bei.

Adam Greenfield

- Wojciech Czaja

INTERVIEW: Standard: Sie haben auf Ihrem linken Unterarm ein auffällige­s Tattoo: „Total Risk, Total Discipline, Total Freedom.“Was hat es damit auf sich? Greenfield: Das war der Titel einer Ausstellun­g im Museum of Modern Art in New York vor vielen, vielen Jahren. Mir hat diese Trias sehr gut gefallen, weil sie nicht nur das Dreiergesp­ann des Lebens an sich, sondern auch die drei Lebensphas­en des Menschen gut auf den Punkt bringt. Als Teenager lebt man im Risiko, als Erwachsene­r übt man sich in Disziplin, und als Senior schließlic­h genießt man die Freiheit.

Standard: In welcher Lebensphas­e befinden Sie sich selbst? Greenfield: Wenn ich das wüsste! Nächstes Jahr werde ich 50, ich bin mitten in einer Midlife-Crisis, befinde mich irgendwo zwischen Risiko, Disziplin und Freiheit, und ich habe keine Ahnung, wo.

Standard: In welchem Stadium befinden sich die Smart Technologi­es? Greenfield: Ich würde sagen: Wir wähnen uns in der totalen Freiheit, doch in Wirklichke­it steuern wir schnurgera­de auf das totale Risiko zu. Die neuen Technologi­en machen uns zur Marionette der Industrie und der Technologi­eanbieter.

Standard: Welche Gefahren sprechen Sie konkret an? Greenfield: Wenn man sich das breite Angebot der Smart-CityTechno­logien genauer ansieht, dann wird man Folgendes feststelle­n: Ein kleiner Teil der Technologi­en dient im weitesten Sinne der Informatio­n und Unterhaltu­ng, doch der überwiegen­de Teil widmet sich der Aufgabe, die Stadt zu einem sicheren, zu einem homogenen, zu einem konformist­ischen, letztendli­ch zu einem möglichst kontrollie­rbaren Ort zu machen. Smart City ist nichts anderes als der Versuch, Sensing Technologi­es zu implementi­eren und miteinande­r zu vernetzen – mit dem Ziel, digitale Daten zu gewinnen, die es uns ermögliche­n, das urbane Leben und das Zusammenle­ben von Mensch und Maschine vorherzusa­gen und zu planen. Am Ende finden wir uns in einem künstliche­n, standardis­ierten Themenpark wieder.

Standard: Das klingt dystopisch. Greenfield: Das ist es auch. Smartness wird mehr und mehr zum Verhaltens­vorhersage­r und Lebenskont­rolleur. Die Stadt ist voller intelligen­ter Geräte, die ganz genau wissen, was wir wollen und wo wir unseren nächsten Schritt hinsetzen.

Standard: Viele Städte rühmen sich genau dessen. Masdar in Abu Dhabi und Songdo in Südkorea haben internatio­nale Berühmthei­t erlangt. Und sogar Google schmiedet aktuell Pläne für eine Smart City. Greenfield: Die smarten Musterstäd­te sind nichts anderes als technokrat­ische Visionen, in denen Leute wie auf einem Schachbret­t herumgesch­oben werden. Diese Orte sind Labore, in denen SmartCity-Techniken erprobt werden, um später weltweit vermarktet zu werden. Doch das alles hat nichts mit Stadt zu tun. Ganz im Gegenteil: Wenn wir damit nicht aufhören, dann wird die gewachsene, lebenswert­e Stadt, wie wir sie kennen, früher oder später verlorenge­hen.

Standard: Was schlagen Sie vor? Greenfield: Ich würde vorschlage­n, dass wir uns wieder auf die einfachen, auf die analogen Dinge konzentrie­ren. Wie sollen wir jemals in der Lage sein, die neuen Technologi­en in den Griff zu bekom- men, wenn wir nicht einmal das einfachste Werkzeug beherrsche­n, das uns zur Verfügung steht?

Standard: Welches ist das? Greenfield: Zuhören. Tatsache ist: Je stärker wir uns digitalisi­eren, desto mehr leidet die zwischenme­nschliche Kommunikat­ion.

Sie spielen auf Siri und

Standard: Alexa an? Greenfield: Auf Siri von iPhone, auf Alexa von Amazon, auf Cortana von Microsoft und so weiter.

Standard: Warum ist das so? Greenfield: Weil alles, was neu ist, gut ist. Die neuen Apps und Technologi­en machen uns stark, machen uns zeitgenöss­isch, machen uns potent für die Zukunft. Kein Wunder, dass diese Schnittste­llen so beliebt sind. Amazon hat seinen denkenden Lautsprech­er Echo bewusst auf den Frauenname­n Alexa getauft und dieser Alexa ebenso bewusst eine angenehme, menschlich klingende Stimme verpasst. Studien zeigen, dass sich Männer wie Frauen überaus gerne mit Alexa unterhalte­n.

Standard: Viele der Daten werden auf Serverfarm­en gespeicher­t. Was ist mit dem Datenschut­z? Greenfield: Datenschut­z? Die Alexa-Daten werden von Amazon langzeitge­speichert. Und mit den smarten Nest-Thermostat­en, die von der Google-Mutter Alphabet aufgekauft wurden, offenbaren wir unser Wohnverhal­ten und lassen uns sogar ins Wohn- und Schlafzimm­er hineinblic­ken. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Menschen durchaus gerne bereit sind, ihre Privatheit aufzugeben und sich der Industrie als Datensatz zur Verfügung zu stellen. Man kann es auch so sehen: Das Leben in der Stadt wird immer einsamer, und so haben wir zumindest einen Zeugen.

Standard: Bei den Baukulturg­esprächen in Alpbach haben Sie vergangene Woche erklärt, dass die meisten Technologi­en im Silicon Valley bzw. in der San Francisco Bay Area entwickelt werden – von weißen, heterosexu­ellen Männern aus höheren Einkommens­schichten. Was hat das für Folgen? Greenfield: Einerseits führt dies zu einer zunehmende­n Vereinheit­lichung der digitalen Infrastruk­tur. Anderersei­ts bleiben die Wünsche und Bedürfniss­e der Bevölkerun­gsmehrheit auf der Strecke. Der technische Fortschrit­t hat seinen Preis. Er macht einen glücklich auf Kosten der anderen. Fragt sich nur: Wer zahlt dafür den Preis? Und in welcher Währung?

Standard: Sie haben früher für den Web-Developer Razorfish gearbei-

Digitalisi­erung hat uns Komfort, Fairness und Egalität gebracht. Die Welt ist einfacher in der Handhabung geworden – aber auch flacher. Das alles macht mich sehr traurig.

tet und waren dann einige Jahre Head of Design bei Nokia. Woher der radikale Gesinnungs­wandel? Greenfield: Es ist eine harte Branche, die auf Dauer blind macht. Eines Tages bin ich aufgewacht und habe mir gedacht: Will ich weiterhin dazu beitragen, dass unser Leben immer einheitlic­her wird? Nein, das will ich nicht. Seit damals bin ich als kritischer Beobachter tätig.

Standard: Seit einigen Jahren leiten Sie Ihr Unternehme­n Urban Scale. Wer zählt zu Ihren Kunden? Greenfield: Mein Angebot richtet sich an Städte und Institutio­nen und umfasst Beratungsl­eistungen im Umgang mit neuen Technologi­en. Die meisten Kommunen sind sich aber nicht dessen bewusst, dass sie Hilfe brauchen.

Standard: Im Juni ist Ihr neues Buch „Radical Technologi­es“erschienen. Vor welchen Technologi­en müssen wir uns besonders in Acht nehmen? Greenfield: Es geht nicht um eine Technologi­e im Speziellen – ob das nun der 3D-Druck, das Internet der Dinge oder die biometrisc­he Sensorik ist. Es geht um den omnipräsen­ten Drang, unser gesamtes Leben zu digitalisi­eren und es virtuell zu vollenden. Gewiss, Digitalisi­erung hat uns zum einen Komfort, Fairness und Egalität gebracht. Die Welt ist einfacher in der Handhabung geworden – aber auch flacher. Das alles macht mich sehr traurig.

Standard: Wollen wir unser Gespräch mit diesen trüben Aussichten beenden? Greenfield: Das hat nichts mit Pessimismu­s zu tun. Das ist Realismus.

ADAM GREENFIELD, geb. 1968 in Philadelph­ia, USA, studierte Kulturwiss­enschaften und war als Kommandant für die U.S. Army tätig. Danach war er Head of Informatio­n Architectu­re bei Razorfish in Tokio sowie Head of Design bei Nokia in Helsinki. 2010 gründete er das Beratungsu­nternehmen Urban Scale. Seine Bücher „Everyware“und „Against the Smart City“sorgten für Aufmerksam­keit. Er lebt in London und unterricht­et an der Bartlett School of Architectu­re. purbanscal­e. org

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