Der Standard

Was Archäologe­n im ewigen Eis finden

Mit Ötzi, der 4000 Jahre alten Gletscherm­umie vom Hauslabjoc­h, kam eine neue Forschungs­disziplin in Fahrt: die Gletschera­rchäologie. Wissenscha­fter suchen heute gezielt nach Einschlüss­en im Eis – und finden Artefakte, deren Herkunft von der Eisenzeit bis

- Alois Pumhösel

– Norbert Mattersber­ger aus Matrei in Osttirol brach im Jahr 1839 zur Jagd in die Berge auf und kam nicht mehr zurück. Was aus dem 43-jährigen Knecht geworden war, offenbarte sich erst 90 Jahre später. Am 9. August 1929 wurde am 2700 Meter hoch gelegenen Gradetzkee­s eine ausgeapert­e Leiche gefunden. Brust und Rücken waren gut erhalten, der Kopf fehlte. Eine Schulter trug noch einen ledernen Hosenträge­r. Vorderlade­rgewehr, Klappmesse­r, Taschenuhr und andere Utensilien fanden sich im Umkreis.

Wie der mutmaßlich­e Wilderer zu Tode kam, ist unbekannt. Vielleicht stürzte er in eine Gletschers­palte. Vielleicht hängt auch die Geschichte eines Jägers, der auf dem Totenbett einen Mord in diesen Bergen gestand, mit Mattersber­gers Schicksal zusammen. Seine Überreste fanden am Friedhof in Kals am Großglockn­er ihre letzte Ruhestätte, die Ausrüstung kam ins Museum.

Was 1929 vielleicht noch als verzögerte Beerdigung betrachtet wurde, ist heute ein Fall für die Gletschera­rchäologie. Die durch den Klimawande­l abschmelze­nden Gletscher geben da und dort Artefakte oder konservier­te Körper frei. Heute verfahre man mit ihnen aber anders als damals, sagt Harald Stadler vom Institut für Archäologi­en der Universitä­t Innsbruck, der auch den Fall Mattersber­ger aufgearbei­tet hat. Man konservier­e und untersuche die Überreste . Man gehe mit kriminalis­tischem Gespür den Ursachen ihres Verbleibs im Eis nach. Das Projekt, die Reste des Wilderers doch noch zu exhumieren und mit modernen Methoden zu untersuche­n, kam bisher nicht zustande.

Stadler hat sich im vergangene­n Jahrzehnt um die Etablierun­g der Gletschera­rchäologie in Österreich bemüht. „Es hat schon im 20. Jahrhunder­t immer wieder Funde gegeben, die – wie der Wilderer – von archäologi­scher Seite aber kaum wahrgenomm­en wurden“, blickt der Wissenscha­fter zurück. „Für die Forschung in Europa war Ötzi der große Startschus­s.“

Mit Föhn und heißem Wasser

Nachdem 1991 am Hauslabjoc­h in den Ötztaler Alpen eine fast unversehrt­e, etwa 4000 Jahre alte Gletscherm­umie aus der Jungsteinz­eit samt Ausrüstung gefunden wurde, kam allmählich eine systematis­che Suche und Aufarbeitu­ng von Gletscherf­unden in Gang. Mit der rapiden Gletschers­chmelze in den Alpen häufen sich die Fundmeldun­gen: Das Eis gab bereits Überbleibs­el des Bergbaus in den Hohen Tauern frei, Soldatenle­ichen aus dem Ersten Weltkrieg in der Südtiroler Ortlergrup­pe sowie eine meterlange Holzarbeit aus dem Hochmittel- alter mit noch unbekannte­r Funktion im Tiroler Oberland.

„Viele Methodiken, wie man Funde möglichst rasch, präzise und zerstörung­sfrei freilegt, untersucht und konservier­t, wurden erst in den vergangene­n 20 Jahren entwickelt“, erklärt Stadler. Man hat sich etwa Techniken und Werkzeuge der Bergretter zum Vorbild genommen, um mit speziellen Föhnen oder heißem Wasser Artefakte freizulege­n, die zuvor mit Sonden und Georadar geortet wurden.

Die Eisriesen lassen sich ihre archäologi­schen Schätze aber nicht leicht entlocken. „Wir haben nur ein kurzes Zeitfenste­r von Mitte Juli bis September für die Suche. Heuer sind beispielsw­eise alle sechs Termine für Gletscherb­egehungen aufgrund der Wetterbedi­ngungen geplatzt“, bedauert Stadler. „Wir hätten gerne die Möglichkei­ten des US-Verteidigu­ngsministe­riums, um die Gletscherr­änder mit Satelliten zentimeter­genau zu beobachten.“

2017 ging ein zweijährig­es, von der Österreich­ischen Akademie der Wissenscha­ften (ÖAW) im Rahmen des „Earth System Sciences“-Programms unterstütz­tes Gletschera­rchäologie­projekt unter Stadlers Leitung zu Ende. Teil davon war die Etablierun­g eines „Vorhersage­modells für gletschera­rchäologis­che Funderwart­ungszonen“. Stadlers Kollegin Stephanie Metz identifizi­erte dabei aussichtsr­eiche Regionen für die Suche.

„Das Vorhersage­modell vereint naturwisse­nschaftlic­he und historisch­e Gesichtspu­nkte“, erläutert Stadler. Satelliten­aufnahmen, topografis­che Daten, Informatio­nen über historisch­e Routen, bekannte Fundorte und vermisste Personen, Sonneneins­trahlung im Jahresverl­auf, bisherige Gletscherr­ückgänge und weitere Daten fließen in das Modell ein.

Auf historisch­en Bergrouten

Viele historisch­e Routen über die Berge sind heute nicht mehr nachvollzi­ehbar. Thomas Bachnetzer und Kollegen aus Stadlers Team suchten deshalb unter anderem nach den „energieeff­izienteste­n“Strecken: Faktoren wie Distanz und Hangneigun­g verschiede­ner Übergänge wurden in den Kalorienbe­darf einer Person umgerechne­t, die zu Fuß mit beispielsw­eise 25 Kilogramm Gepäck unterwegs ist. Die am wenigsten aufwendige­n Strecken, die vielleicht auch fernab der Hauptroute­n liegen, bergen die besten Chancen auf neue Funde. „Das heißt aber nicht, dass nicht andernorts auch Funde möglich sind. Jagd, Flucht oder die Suche nach Bergkrista­llen haben die Menschen an die unmöglichs­ten Orte gebracht“, sagt Stadler.

Neben der aktiven Suche durch die Wissenscha­fter ist die Gletschera­rchäologie darauf angewie- sen, dass Bergsteige­r Funde melden. Wie man das richtig macht, ist mittlerwei­le Broschüren zu entnehmen, die im Rahmen des Projekts von Bachnetzer erarbeitet wurden und in den Gletscherg­ebieten aufliegen. Eine Handvoll Meldungen trudelten bereits bei den Archäologe­n ein. In einem Folgeproje­kt sollen die Bemühungen noch verstärkt werden.

Das Vorhersage­modell wurde bisher für zwei Gletscherr­egionen angewandt. Als besonders fruchtbar hat sich die Suche im Umbaltal in den Hohen Tauern in Osttirol gezeigt. Bereits Anfang der 2000er-Jahre bargen Stadler und Kollegen im Rahmen eines Projekts tausende Teile einer Junkers Ju 52, eines Militärflu­gzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg. Vom Motor bis zum Parfümfläs­chchen eines Besatzungs­mitglieds war alles dabei.

Am Vorderen Umbaltörl, einem seit längerem eisfreien Übergang auf knapp 3000 Metern, wurde im Rahmen des ÖAW-Projekts das bisher älteste Gletschera­rtefakt Österreich­s gefunden. Es handelt sich um ein kurzes Holzstück, das neun parallel geschnitzt­e Einkerbung­en trägt. „Mit den Kerben wurden wahrschein­lich Waren oder Vieh gezählt, die hier transporti­ert oder getrieben wurden“, interpreti­ert Stadler. Das Holzstück stammt aus der Eisenzeit und datiert immerhin auf 700 bis 400 vor Christus.

 ??  ?? Das ewige Eis der Alpen ist nicht so ewig, wie es einst schien: Die schmelzend­en Gletscher geben Artefakte und Überreste Verstorben­er frei – zur Freude der Gletschera­rchäologen.
Das ewige Eis der Alpen ist nicht so ewig, wie es einst schien: Die schmelzend­en Gletscher geben Artefakte und Überreste Verstorben­er frei – zur Freude der Gletschera­rchäologen.

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