Rechts­ex­trem traf Blau

Das Ab­wehr­amt des Bun­des­heers in­fil­trier­te im Früh­jahr 2016 rechts­ex­tre­me Grup­pen, de­ren Ver­tre­ter nur Wo­chen zu­vor in der Stei­er­mark auf FPÖ-Chef Heinz-Chris­ti­an Stra­che ge­trof­fen wa­ren.

Der Standard - - FORSIDE - Fa­bi­an Schmid, Mar­kus Sulz­ba­cher

Ver­tre­ter rechts­ex­tre­mer Grup­pen tra­fen FPÖ-Chef Heinz-Chris­ti­an Stra­che im De­zem­ber 2015 in der Stei­er­mark.

Wi­en – Mai 2016, kurz nach 22 Uhr: Zwei Män­ner schlei­chen um die Gra­zer Mo­schee. Sie füh­ren ei­nen Schwei­ne­kopf und Schwei­ne­blut mit sich. Ei­ner da­von ist Tho­mas Kir­sch­ner, Chef der rechts­ex­tre­men Grup­pie­rung „Par­tei des Vol­kes“. Der an­de­re, Ge­org B., ist ein Ver­bin­dungs­mann des Ab­wehr­amts, des mi­li­tä­ri­schen In­lands­nach­rich­ten­diensts. Um 22.30 Uhr schreibt B. sei­nem Ver­bin­dungs­mann, dass es jetzt los­ge­he. Der in­for­miert die Po­li­zei. We­nig spä­ter steckt ein Schwei­ne­kopf an ei­nem Zaun, die Mo­schee ist mit Blut be­spritzt. Kir­sch­ner und B. wer­den fest­ge­nom­men.

Die Fest­nah­men sind das jä­he En­de ei­ner mo­na­te­lan­gen Ope­ra­ti­on, bei der das Ab­wehr­amt er­folg­reich ra­di­ka­le Grup­pen in­fil­triert hat. Das Ab­wehr­amt soll et­wa ver­hin­dern, dass Sol­da­ten an rechts­ex­tre­me Grup­pie­run­gen an­do­cken. B. war ei­ner die­ser Sol­da­ten. Er nahm En­de 2015 an ei­ner Mi­liz­übung in der Stei­er­mark teil. Ab­wehr­amts­mit­ar­bei­ter hat­ten bei ihm Kon­tak­te zur „ein­schlä­gi­gen Sze­ne“ge­fun­den. Laut ei­nem in­ter­nen Be­richt gab B. da­mals an, selbst „kein Hard­li­ner“zu sein, er gab dann „frei­wil­lig In­for­ma­tio­nen aus der Sze­ne be­kannt“.

Haupt­säch­lich war das Ab­wehr­amt an der Iden­ti­tä­ren Be­we­gung in­ter­es­siert. Das er­gibt Sinn: Die zieht jun­ge Män­ner an, die durch den Prä­senz­dienst mit dem Heer zu tun ha­ben. Im April 2016 woll­te die rechts­ex­tre­me Grup­pe ei­ne Ak­ti­on set­zen: Laut Ak­ten plan­te sie, die Mo­schee in Graz zu schän­den, in­dem sie dort ein Trans­pa­rent mit den Wor­ten „Is­la­mi­sie­rung tö­tet!“an­bringt.

Das Ab­wehr­amt in­for­mier­te den Ver­fas­sungs­schutz, der Po­li­zis­ten zum Schutz der Mo­schee zu­sam­men­zog. Die Iden­ti­tä­ren än­der­ten spon­tan ih­re Plä­ne und mar­schier­ten nun zur Par­tei­zen­tra­le der Gra­zer Grü­nen, wo sie das für die Mo­schee ge­plan­te Trans­pa­rent ent­roll­ten (sie­he Bild un­ten).

Iden­ti­tä­re wer­den vor­sich­tig

Die Iden­ti­tä­ren wur­den dann vor­sich­ti­ger. Des­halb wand­te sich der Ver­bin­dungs­mann B. nun ver­stärkt der Par­tei des Vol­kes zu, die von Tho­mas Kir­sch­ner, der spä­ter mit dem Schwei­ne­kopf vor der Mo­schee ste­hen wird, ge­lei­tet wird. Ge­ne­ral­se­kre­tär der PDV war da­mals Wolf­gang Pestl, der auf De­mos et­wa da­zu auf­for­der­te, sich „Waf­fen ge­gen die Ter­ro­ris­ten“zu be­sor­gen, und an­gab, sich selbst „ei­ne Waf­fe im Aus­land be­sor­gen“zu wol­len. Rund ei­nen Mo­nat nach der Ak­ti­on der Iden­ti­tä­ren soll die Schän­dung der Mo­schee durch Mit­glie­der der PDV er­fol­gen. Doch nur Par­tei­chef Kir­sch­ner taucht bei der Mo­schee auf, wo er sich mit B. trifft. Nun wird seit über 15 Mo­na­ten ge­gen zwölf Be­schul­dig­te er­mit­telt.

Fünf Mo­na­te zu­vor, kurz vor Weih­nach­ten 2015: Seit Mo­na­ten or­ga­ni­sie­ren Iden­ti­tä­re und die PDV frem­den­feind­li­che De­mos am Grenz­über­gang Spiel­feld. Für Mit­te De­zem­ber hat sich FPÖ-Ob­mann Heinz-Chris­ti­an Stra­che zu ei­nem Be­such vor Ort an­ge­sagt. Er nimmt an ei­nem „Bür­ger­stamm­tisch“teil – und spricht bei sei­nem Be­such mit drei Per­so­nen, die nur Wo­chen spä­ter als ge­fähr­li­che Rechts­ex­tre­me im Vi­sier des Ab­wehr­am­tes ste­hen.

Die Stim­mung im Kul­tur­saal in Spiel­feld ist auf­ge­heizt. Stra­che ver­spricht den An­we­sen­den: „Ich bin für euch da.“In der ers­ten Rei­he sit­zen Kir­sch­ner und Pestl von der PDV. Fotos zei­gen, wie Pestl mit Stra­che und dem stei­ri­schen FPÖ-Chef Mario Ku­na­sek dis­ku­tiert. Nur sechs Wo­chen zu­vor hat Stra­che auf Face­book ein In­ter­view mit Pestl in der Klei­nen Zei­tung ver­brei­tet, in dem die­ser er­klärt, dass die „Re­gie­rung ge­stürzt und nicht de­mo­kra­tisch ab­ge­wählt wer­den soll“. Heu­te sagt Pestl, dass er es „be­reue, sich mit win­di­gen Per­so­nen ein­ge­las­sen zu ha­ben“. Aus der Politik hat er sich ver­ab­schie­det.

„Macht wei­ter so“

„Die PDV­ler bei Stra­cherl und Ku­ni! Schö­ner Abend ge­we­sen!“, pos­te­te Kir­sch­ner nach der Ver­an­stal­tung. „Macht wei­ter so“, soll Stra­che zu den PDV-Ver­tre­tern ge­sagt ha­ben. Kei­ner der ge­nann­ten FPÖ-Po­li­ti­ker re­agiert auf An­fra­gen des Stan­dard. Nach dem Bür­ger­stamm­tisch zog Stra­che mit den stei­ri­schen FPÖ-Spit­zen­po­li­ti­kern Mario Ku­na­sek und Sepp Rie­mer wei­ter. In ei­nem Lo­kal wird Stra­che mit acht an­de­ren Per­so­nen zu Abend es­sen. Ei­ner da­von ist Iden­ti­tä­ren-Spre­cher Patrick Len­art. Die durch Fotos be- leg­ten Tref­fen zei­gen, dass das Spit­zen­per­so­nal der Frei­heit­li­chen di­rek­te Kon­tak­te mit Rechts­ex­tre­men hat­te. PDV-Chef Kir­sch­ner und Mario Ku­na­sek ken­nen ein­an­der dem Ver­neh­men nach seit Jah­ren.

Die Ent­wick­lun­gen er­schei­nen aber auch im Zu­sam­men­hang mit ei­ner kürz­lich er­folg­ten Ent­hül­lung des Stan­dard, dass ein Ab­wehr­amts-Ab­tei­lungs­lei­ter für die FPÖ kan­di­diert hat, in neu­em Licht. Die­ser Ab­tei­lungs­lei­ter war nicht in die „Schwei­ne­kopf­af­fä­re“in­vol­viert. Die Ent­hül­lun­gen und die bis­he­ri­ge öf­fent­li­che Darstel­lung der Er­eig­nis­se be­schä­dig­ten ei­ne an­de­re Ab­tei­lung.

Die Frei­heit­li­chen stell­ten ei­ne An­fra­ge an den Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter, die In­ter­na aus dem Ab­wehr­amt ent­hielt. Dar­in wur­de nach Kon­se­quen­zen für Ver­ant­wort­li­che in der „Schwei­ne­kopf­af­fä­re“ge­fragt. Da­hin­ter könn­te der le­gi­ti­me Wunsch nach Auf­klä­rung ste­cken. An­de­rer­seits könn­te die FPÖ so ver­sucht ha­ben, die Po­si­ti­on ih­res Par­tei­freun­des zu stär­ken und je­ne Ab­tei­lung, die PDV und Iden­ti­tä­re in­fil­trie­ren konn­te, po­li­tisch un­ter Druck zu set­zen – denn die­se ist bei ih­ren Er­mitt­lun­gen der FPÖ ge­fähr­lich na­he ge­kom­men.

Fo­to: Der Plan­ke­n­au­er

Beim „Bür­ger­stamm­tisch“im De­zem­ber 2015 in Spiel­feld tra­fen die FPÖ-Po­li­ti­ker Hein­zChris­ti­an Stra­che (re.) und der stei­ri­sche Lan­des­chef Mario Ku­na­sek (li.) auch auf rech­te Re­cken wie Wolf­gang Pestl.

Im April 2016 ent­roll­ten die rechts­ex­tre­men Iden­ti­tä­ren ein Trans­pa­rent auf der Grü­nen-Zen­tra­le in Graz. Ur­sprüng­lich war ei­ne Mo­schee in Graz Ziel der Pro­vo­ka­ti­on, der Plan wur­de spon­tan ge­än­dert.

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