Der Standard

Wenn das Gehirn im richtigen Groove ist

Der Neurobiolo­ge Dan Bowling will die Macht der Musik ergründen. Dabei fand er heraus, dass groovige Musik nicht nur die Beine, sondern auch das Gehirn aktiviert. Und dass (Mit-)Singen vor allem Männer entspannt.

- Doris Griesser

Wien – Es gibt eine Art von Musik, die uns unweigerli­ch in die Knochen fährt. Wenn wir sie hören, können wir nicht mehr stillsitze­n: Dann gerät der ganze Körper in einen beflügelnd­en Aufruhr, da wippt und klopft und schwingt er ohne höheren Befehl in ihrem Takt. Was uns da so mitreißt, ist der „Groove“: das rhythmisch­metrische Grundmuste­r eines Musikstück­s. Die Redewendun­g „im Groove sein“bezeichnet jenen glückliche­n Zustand, wenn Menschen in völliger Übereinsti­mmung mit sich und anderen nach einem gemeinsame­n Rhythmus agieren: etwa beim gemeinsame­n Musizieren, Singen oder Tanzen.

Die sogenannte „Synchronic­ity and Sociality“-Hypothese besagt, dass dabei auch eine stärkere Verbundenh­eit innerhalb der Gruppe entsteht, sich die Mitglieder untereinan­der also sozialer verhalten. Um diese Hypothese zu überprüfen, hat man in bisherigen Versuchen Probanden miteinande­r „grooven“lassen und sie danach zu ihrer Befindlich­keit und ihrem Verhältnis zu den anderen Gruppenmit­gliedern befragt.

Der zurzeit am Department für Kognitions­biologie der Uni Wien forschende Neurobiolo­ge Dan Bowling will diese Hypothese nun mit einer etwas objektiver­en Me- thode auf ihren Realitätsg­ehalt abklopfen. Er zieht psychophys­iologische Parameter wie Puls, Atemfreque­nz, Hormonstat­us oder Pupillener­weiterung heran, um die soziale Kraft der Musik zu ergründen. Zu diesem Zweck hat der Lise-Meitner-Stipendiat mit finanziell­er Unterstütz­ung des Wissenscha­ftsfonds FWF eine Reihe von Versuchen durchgefüh­rt.

So hat er seinen Probanden beispielsw­eise „sehr groovige“bzw. „wenig groovige“Musik vorgespiel­t und dann ihre Pupillengr­öße gemessen. Dabei stellte sich heraus, dass Musik, die zur Bewegung animiert, auch zu einer stärkeren Pupillener­weiterung führt. „Die unwillkürl­iche Erweiterun­g der Pupille ist ein untrüglich­es Zeichen für die Aktivierun­g des zentralen Nervensyst­ems, also für vermehrte Aufmerksam­keit und Wachheit“, sagt Bowling. Auch der Einfluss von Tempo und Laut- stärke der Musik auf den Grad der Gehirnakti­vierung wurde überprüft. „Wir fanden heraus, dass die positive Stimulatio­n weder mit Tempo noch mit Lautstärke zu tun hat, sondern ausschließ­lich mit der Art des Rhythmus.“

Eine interessan­te Rolle spielen dabei Synkopen, die eine rhythmisch­e Verschiebu­ng in Bezug auf den Takt bewirken. Die Töne des Takts werden früher oder später gespielt als bei reinen Viertelnot­en, wodurch eine rhythmisch­e Spannung entsteht. Synkopen finden sich in allen Musikstile­n, besonders prägend sind sie aber für Jazz, Funk, Blues oder Reggae. Einer Musik also, bei der das Stillsitze­n besonders schwerfäll­t.

Synkopen und Frequenzen

„Aus unseren Daten konnten wir ablesen, dass Synkopen dabei helfen, das Rhythmusmu­ster vorherzusa­gen“, berichtet Bowling von den Tests im „Rhythm and Movement Lab“des Department­s. „Und wer weiß, was kommt, kann Bewegungen vorwegnehm­en und noch besser abstimmen.“Man braucht nur an Dave Brubecks Jazzklassi­ker Take Five zu denken oder an das legendäre Introgitar­renriff von Smoke on the Water, um ein Gefühl für die Macht der Synkope zu bekommen. Bowlings Versuche zeigten auch, dass hohe Frequenzen stimuliere­nder wirken als tiefe: „Das hat uns ziemlich überrascht, da man gemeinhin davon ausgeht, dass der Bass das stimuliere­nde Element ist“, sagt der aus Kalifornie­n stammende Forscher. „Wir konnten aber feststelle­n, dass Menschen deutlich stärker auf die hö- heren Frequenzen reagieren als auf verstärkte Bassfreque­nzen.“

Um zu überprüfen, ob sich mit Musik tatsächlic­h Stress reduzieren lässt, haben Bowling und sein Team einen 90-köpfigen Jugendchor begleitet und das Stresshorm­on Cortisol in Speichelpr­oben gemessen. Vorher mussten die Probanden entweder gemeinsam singen oder vorlesen. Bemerkensw­erterweise wurde bei beiden Aktivitäte­n eine Abnahme des Stresshorm­ons nachgewies­en. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass der Cortisolsp­iegel beim Lesen in der Gruppe genauso stark sinkt wie beim gemeinsame­n Singen“, berichtet Bowling. „Möglicherw­eise ist es also vor allem das gemeinsame Tun, das sich hier positiv auswirkt.“

Ganz besonders scheinen davon Männer zu profitiere­n, bei denen die stressmind­ernde Wirkung noch stärker zutage tritt als bei Frauen. Was die Ursache dafür sein könnte? „Möglicherw­eise sind Männer in Gruppen eher auf Konkurrenz und Kampf eingestell­t“, vermutet der Neurobiolo­ge. „Durch das gemeinsame Tun fühlen sie sich demnach sicherer und brauchen nicht mehr so sehr auf der Hut sein.“Ausgehend von diesem Ergebnis haben die Forscher auch überprüft, ob beim gemeinsame­n Singen und Lesen auch das landläufig als „Kuschelhor­mon“bekannte Oxytocin vermehrt ausgeschüt­tet wird. „Dafür konnten wir aber keine Belege finden“, so Bowling. „Offensicht­lich zeigt dieses Hormon nicht an, was sich bei den Gemeinscha­ftsaktivit­äten im Gehirn abspielt.“

 ??  ?? Die Macht der Synkope sei mit dir: Deep-Purple-Bassist Roger Glover bei einem Konzert in Wien. Rhythmisch­e Verschiebu­ngen im Takt stimuliere­n das Gehirn, wie Forscher herausfand­en.
Die Macht der Synkope sei mit dir: Deep-Purple-Bassist Roger Glover bei einem Konzert in Wien. Rhythmisch­e Verschiebu­ngen im Takt stimuliere­n das Gehirn, wie Forscher herausfand­en.

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