Li­sa Eck­hart, Sprach­künst­le­rin auf ho­hem Ni­veau

Li­sa Eck­harts Kunst Klein­kunst zu nen­nen wä­re ei­ne Ge­ring­schät­zung. Dass sie im Ka­ba­rett ge­lan­det ist, war ja bloß ein Zu­fall. Aber gut, mischt sie halt dort auf. Ir­gend­wo muss man ja be­gin­nen.

Der Standard - - FORSIDE - POR­TRÄT: Karl Fluch

Der Schlitz an der Seite ih­res Klei­des en­det knapp un­ter der ers­ten Rip­pe. Er of­fen­bart blas­ses Fleisch oh­ne tex­ti­le Un­ter­bre­chung. Un­ten, wo der Schlitz be­ginnt, legt er ein paar or­dent­li­che Trüm­mer High Heels frei, und an­hand der Bli­cke in den ers­ten Pu­bli­kums­rei­hen ist klar, dass dort die Fra­ge kur­siert: Trägt sie über­haupt Un­ter­wä­sche?

Li­sa Eck­hart ist ei­ne Er­schei­nung. Ker­z­en­ge­ra­de steht sie auf der Büh­ne, fast zwei St­un­den lang, und trägt vor. Feh­ler­frei, gach­blond, punkt­ge­nau. Sie­ben Tex­te zu den Tod­sün­den, die un­ter dem Ti­tel Die Vor­tei­le des

Las­ters ihr ak­tu­el­les Pro­gramm bil­den. Es be­ginnt mit den Wor­ten „Es war nicht al­les schlecht un­ter Gott“.

An den Schul­tern ih­res Klei­des ste­hen schwar­ze Fe­dern weg. Die mö­gen an ih­rer Flug­un­taug­lich­keit nichts än­dern, ab­ge­ho­ben hat sie trotz­dem. Li­sa Eck­hart ist ge­ra­de Shoo­ting­star. Dass sie aus­ge­rech­net im Ka­ba­rett be­kannt wur­de, war Zu­fall. Ei­ner mit Ablauf­da­tum, wenn es nach ihr geht. Tat­säch­lich er­scheint ih­re Kunst als zu groß, um als Klein­kunst durch­zu­ge­hen. Je­den­falls reg­net es Prei­se und An­er­ken­nung, die Sä­le sind aus­ver­kauft, die Kol­le­gen­schaft streut ihr Blu­men.

Pelz und bunt

Ihr Pro­gramm ist ein schnei­dend klar for­mu­lier­ter Mo­no­log. Aben­teu­er­lich paart sie Schön­geis­ti­ges mit Schwei­ni­schem und legt sich ge­nuss­voll in den Ab­wechs­lungs­reich­tum ih­rer Spra­che. Da wech­selt sie flie­ßend vom Wie­ner Schnö­sel­idi­om ins Stei­ri­sche – um schließ­lich ei­ne ar­ro­gan­te Po­in­te zu set­zen. Tei­le des Pu­bli­kums brül­len los, an­de­ren nimmt sie da­mit die Luft: Hat die das ge­ra­de wirk­lich ge­sagt?

Li­sa Eck­hart ist ei­ne Er­schei­nung – auch im Kaf­fee­haus. Da sitzt sie, an­ge­tan in schwar­zen Lack­leg­gings, ein­ge­wi­ckelt in ei­ne Pelz­ja­cke. Ist das Fell echt? „Na­tür­lich.“

Aus der Jacke lugt ein Hemd, für das Wasch­mit­tel­her­stel­ler das Wort Bunt­wä­sche er­fun­den ha­ben. Links oben hin­ten hat sie ei­ne Zahn­lü­cke, die Fin­ger­nä­gel ver­strö­men Dro­ge­rie­markt­schick. Sie raucht Selbst­ge­dreh­te, ein biss­chen feig mit Fil­ter, trinkt ei­nen wei­ßen Sprit­zer und gibt be­reit­wil­lig Aus­kunft über sich. In der­sel­ben ge­schlif­fe­nen Spra­che, mit der­sel­ben Lust am For­mu­lie­ren, mit der­sel­ben Un­barm­her­zig­keit, mit der sie auf der Büh­ne über Sui­zid, Fe­mi­nis­mus, Gott, den Teu­fel und die Mys­te­ri­en des Anal­ver­kehrs par­liert.

Li­sa Eck­hart ist Li­sa Eck­hart. Im­mer. Gut, ihr rich­ti­ger Na­me ist Li­sa Las­sels­ber­ger, aber an­sons­ten gibt sie sich viel Mü­he, da­mit ih­re Büh­nen­fi­gur nicht als Kunst­fi­gur miss­in­ter­pre­tiert wird. Da oben steht sie selbst und ge­nießt es. Die net­te Li­sa, die Freun­de an­ru­fen, weil sie je­man­den zum Kis­ten­schlep­pen beim Um­zug brau­chen, die gibt es nicht. Eck­hart tickt an- ders. Auf der Su­che nach ei­ner Er­klä­rung fällt der Na­me Klaus Kin­ski. „Der war die per­fek­te In­kar­na­ti­on von Kunst. Da weiß man, es gab kei­nen Mo­ment, in dem er nicht Klaus Kin­ski war. Der kam nicht heim, setz­te sich aufs So­fa und war auf ein­mal g’miat­lich. Der konn­te nicht raus aus sich.“Kunst, sagt sie, dür­fe kein Par­al­lel­l­e­ben sein.

Pro­vinz mi­nus Bled­sinn

Ihr Le­ben hat 1992 in der Stei­er­mark be­gon­nen. Auf­ge­wach­sen ist sie in Sankt Pe­ter-Frei­en­stein, ei­nem Kaff hin­ter Leo­ben. In der Wirt­schaft heißt das Stand­ort­nach­teil. Die Mut­ter stu­dier­te noch, der Va­ter war in post­na­ta­ler De­pres­si­on ge­fan­gen – die Groß­el­tern über­nah­men das Kind. Es sei ein gutes Ar­ran­ge­ment ge­we­sen, sagt sie. Tiefs­te Pro­vinz zwar, doch die Groß­el­tern hät­ten sie mit ge­sun­dem Men­schen­ver­stand vor den schlimms­ten Ein­flüs­sen des Pro­vin­zia­lis­mus be­wahrt. Als Klein-Li­sa ei­nes Abends plötz­lich be­ten woll­te, sag­te der Groß­va­ter: „Mit so an Bled­sinn fang’ ma gar net erst an.“

Mit sechs Jah­ren wur­de sie zu den El­tern nach Graz um­ge­zo­gen. Das form­te ih­re Vor­stel­lung ei­ner Stadt, bis sie raus­kam und die scham­lo­se An­ma­ßung er­kann­te, mit der sich Graz als Stadt ge­rier­te. Ih­re Ju­gend be­schreibt sie als über­heb­li­ches Ne­ben­her­le­ben mit ein, zwei Gleich­ge­sinn­ten. Bis zu ih­rem Stu­di­um gab es kei­ne kul­tu­rel­len Ein­flüs­se, Eck­hart spricht von ei­nem an­ti­in­tel­lek­tu­el­len Be­wusst­sein, sie sei sehr leer ge­we­sen. Das än­der­te sich mit dem Stu­di­um.

Eck­hart stu­dier­te in Wi­en und an der Pa­ri­ser Sor­bon­ne Ger­ma­nis­tik und Sla­wis­tik und un­ter­rich­te­te an­schlie­ßend, päd­ago­gisch wert­los, ein Jahr in Lon­don. Der Be­ruf und die Be­ru­fung der Mut­ter hat­ten deut­lich nicht auf die Toch­ter ab­ge­färbt.

Wäh­rend des Stu­di­ums las sie Klas­si­ker der deut­schen, eng­li­schen und fran­zö­si­schen Li­te­ra­tur, da­zu Wer­ke zur Psy­cho­ana­ly­se und der Ge­schich­te. Da­mit ha­be sie ei­nen il­lu­sio­nä­ren Ein­druck be­kom­men, den sie fort­an als Ge­samt­wis­sen ver­kau­fen konn­te. Be­frie­di­gend war das nicht. Es zog sie auf die Büh­ne. Schau­spie­le­rin wer­den, das wär’ doch was.

An die 20 Vor­spre­chen hat sie ab­sol­viert und eben­so vie­le Ab­sa­gen kas­siert. Ein De­sas­ter, aber doch ei­ne ers­te Büh­ne. Denn plötz­lich sa­ßen da vier, fünf Men­schen, die ihr zu­schau­ten. Die fan­den sie zwar furcht­bar, hat­ten aber 15 Mi­nu­ten lang kei­nen an­de­ren Zweck, als ihr zu lau­schen. Eck­hart hat­te Blut ge­leckt.

Ge­fal­len am Gro­tes­ken

Dann lan­de­te sie beim Poe­try­Slam. Das Fach ent­stand 1984 in den USA. Es ist ei­ne of­fe­ne Büh­ne vor Pu­bli­kum, auf der sich Vor­tra­gen­de in Ge­dicht­form mit­tei­len und matchen: gro­ßes Elend und klei­ne Klas­se auf engs­tem Raum. In Ös­ter­reich gibt es Poe­try-Slams seit rund 15 Jah­ren. Eben hat Doris Mit­ter­ba­cher ali­as Mie­ze Me­du­sa mit Mar­kus Köh­le das Buch Slam, Oi­da – 15 Jah­re Poe­try Slam in Ös­ter­reich ver­öf­fent­licht. Mie­ze Me­du­sa gilt als Grün­de­rin der hei­mi­schen Szene. Sie at­tes­tiert Eck­hart ein Aus­nah­me­ta­lent. Be­reits ih­re ge­styl­te Er­schei­nung sei un­ge­wöhn­lich. „Das ver- gibt die Szene sonst nicht, ihr aber schon, weil sie so su­per ist. Sie macht sich nicht klein, son­dern be­haup­tet ih­re Grö­ße.“

Eck­hart sagt, Poe­try-Slam hän­ge ihr nach wie ei­ne nicht ab­ge­trenn­te Nach­ge­burt. Das sei nicht schlimm, aber sie se­he sich nicht als Slam­me­rin. Für sie bot sich da­mit bloß ei­ne Büh­ne, de­rer sie sich be­mäch­tig­te. Ihr Herz­blut hängt an kei­ner Form, es hängt an der Büh­ne. Au­ßer­dem ist ihr Poe­try­Slam schon viel zu ge­schlif­fen. Es ha­be nicht mehr die­ses Gro­tes­ke, es feh­len die Ty­pen, die sich da hin­stel­len, voll­kom­men un­fä­hig, mit ih­rem Le­ben fer­tig zu wer­den. „Das hat mir gut ge­fal­len.“

Not­wen­di­ge Iso­la­ti­on

Mitt­ler­wei­le gin­ge es meist nur noch um er­wart­ba­re Reiz­the­men und ver­san­de in Be­stä­ti­gungs­kul­tur. Nicht ih­res. Das gilt für vie­les. Sie will über­haupt mit mög­lichst we­nig zu tun ha­ben. Sie be­fin­det sich in ei­ner Phase des Schaf­fens und des Pro­du­zie­rens. Da­bei ist Iso­la­ti­on obers­tes Ge­bot. Ta­ges­po­li­ti­sches in­ter­es­siert sie nicht. Sie war­tet auf das, was über­bleibt, wenn die Ta­ges­po­li­tik von der Ge­schich­te ge­fil­tert wor­den ist. An­de­re Ka­ba­ret­tis­ten? Kein In­ter­es­se. Sie sagt, sie hät­te in ih­rem Le­ben noch kein gan­zes Ka­ba­rett­pro­gramm ge­se­hen. „Das ist wie­der nur ein Ein­fluss, ein Tropf, an den ich mich nicht hän­gen will.“

Ganz her­me­tisch ge­stal­tet sich ihr Da­sein den­noch nicht. In ih­rem Pro­gramm fin­den sich na­tür­lich Hin­wei­se auf ei­ne Durch­läs­sig­keit des Ko­kons Eck­hart für Themen des All­tags. Bloß for­cie­ren tut sie das nicht, lie­ber geist­frei Lin­den­stra­ße glot­zen. Nur im Zu­stand der Ab­schot­tung ge­lin­gen ihr die aben­teu­er­li­chen Fall­hö­hen in ih­ren Tex­ten. Dar­in wetzt das Schwei­ni­sche den geist­vol­len Dis­kurs. Zwei St­un­den übers Pu­dern zu re­den kön­ne je­der, die Mi­schung aus vul­gär und an­spruchs­voll ma­che es aus. „Das fin­de ich sehr ex­klu­siv.“

Da­mit ist sie hier­zu­lan­de, wenn nicht im gan­zen deut­schen Sprach­raum, ein­zig­ar­tig. Aber das reicht na­tür­lich nicht. Die Ta­len­te Nar­ziss­mus und Grö­ßen­wahn sind hung­ri­ge Kol­le­gen und rin­gen der grund­sätz­lich fau­len Per­son Ehr­geiz ab. Sie möch­te sich vom Dik­tat des Lus­ti­gen lö­sen und in die Li­te­ra­tur ge­hen. Dann könn­te sie, oh­ne zu rei­sen, län­der­über­grei­fend ar­bei­ten. Ih­re Auf­trit­te wä­ren nicht län­ger die Be­din­gung, um Eck­harts Pu­bli­kum zu ban­nen, son­dern Lu­xus. Die Aus­sicht dar­auf ent­lockt ihr ei­nen Seuf­zer. Der Plan ist am Rei­fen. Meh­re­re Ro­man­pro­jek­te soll es be­reits ge­ben, noch sei sie am Ab­wä­gen, mit wel­chem sie den bes­ten Start hin­le­gen könn­te.

Die Zu­kunft leuch­tet al­so hell für Li­sa Eck­hart – mit ei­ner pro­fa­nen Ein­schrän­kung. Denn so be­frie­di­gend Ar­beit und Er­folg sind, ei­nes liegt wie ei­ne kal­te Hand auf ih­rer Schul­ter: die Ver­gäng­lich­keit. War­um sie als 25-Jäh­ri­ge mit dem Tod ha­dert? „Ach, weil ich ihn nicht weg­be­kom­me.“

Gla­mour und Kloa­ke – in Li­sa Eck­harts Kunst hängt das ei­ne sym­bio­tisch am an­de­ren. Dar­aus er­ge­ben sich ex­qui­si­te Sicht­wei­sen, die ih­rem Pu­bli­kum manch­mal fast die Luft neh­men.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.