Trump de­mü­tigt May

Der US-Prä­si­dent ver­ur­teilt bei sei­nem Groß­bri­tan­ni­en-Be­such die Br­ex­it-Po­li­tik der Re­gie­rung, spricht aber von „star­ken Be­zie­hun­gen“zu sei­nem wich­tigs­ten Al­li­ier­ten.

Der Standard - - INTERNATIONAL - Se­bas­ti­an Bor­ger aus London

In der schmal­zi­gen Film­ko­mö­die Lo­ve, Ac­tual­ly spiel­te Hugh Grant 2003 ei­nen bri­ti­schen Pre­mier­mi­nis­ter, der den Be­such ei­nes ar­ro­gan­ten und se­xis­ti­schen US-Prä­si­den­ten er­dul­den muss. In der Pres­se­kon­fe­renz macht der ge­quäl­te Re­gie­rungs­chef sei­nen Ge­füh­len Luft. Das Ver­hält­nis zu den USA ha­be sich ver­schlech­tert: „Ein Freund, der uns her­um­schubst, ist kein Freund mehr. Und da sol­che Leu­te nur auf Stär­ke re­agie­ren, soll­te sich der Prä­si­dent dar­auf ge­fasst ma­chen, dass ich von nun an mehr Stär­ke zei­gen wer­de.“, sag­te er.

Ob The­re­sa May gern die­se Sät­ze ge­spro­chen hät­te, als sie am Frei­tag­nach­mit­tag mit Do­nald Trump vor die Ka­me­ras trat? Die 61-Jäh­ri­ge müss­te ein Herz aus St­ein ha­ben, wenn sie sich vom der­zei­ti­gen Be­woh­ner des Wei­ßen Hau­ses nicht her­um­ge­schubst („bul­lied“) fühl­te. Aber die Kon­ser­va­ti­ve wür­de an die­sem Tag nicht die Voll­en­dung ih­res zwei­ten Jah­res in der Dow­ning Street fei­ern, wenn sie nicht ge­lernt hät­te, sich zu be­herr­schen. Al­so spult sie al­les ab, was man eben so sagt: Die Be­zie­hun­gen zu den USA sei­en her­vor­ra­gend und wür­den nach dem Br­ex­it im kom­men­den März noch bes­ser wer­den – wenn die bei­den Län­der näm­lich den ge­plan­ten Frei­han­dels­ver­trag ab­schlie­ßen wür­den.

Schwie­ri­ge Di­plo­ma­tie

Nur ein­mal in ih­rem Ein­gangs­state­ment lässt May durch­bli­cken, dass es nicht nur ge­müt­lich zu­ging hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren. Auf der Welt­büh­ne müs­se man „ge­le­gent­lich auch da­zu be­reit sein, Din­ge zu sa­gen, die an­de­re nicht hö­ren wol­len“. Das muss sie sein, die An­spie­lung auf je­nes Zei­tungs­in­ter­view, mit dem Trump am Vor­abend die Kri­se der bri­ti­schen Re­gie­rung we­gen des EUAus­tritts mut­wil­lig ver­grö­ßer­te. Er ha­be May ge­sagt, wie sie die Ver­hand­lun­gen mit der EU füh­ren sol­le, wird der US-Prä­si­dent im Bou­le­vard­blatt The Sun zi­tiert. „Aber sie hat nicht auf mich ge­hört.“Die im neu­en Weiß­buch an­ge­streb­te en­ge Ko­ope­ra­ti­on mit Brüssel sei „nicht das, wo­für die Men­schen ge­stimmt ha­ben“. Den als Au­ßen­mi­nis­ter zu­rück­ge­tre­te­nen Br­ex­it-Cheer­lea­der Bo­ris John­son lobt er hin­ge­gen für des­sen „rich­ti­ge Ein­stel­lung: Er wä­re ein groß­ar­ti­ger Pre­mier­mi­nis­ter.“

Die Frei­tag­aus­ga­be des Mil­lio­nen­blat­tes mit der Schlag­zei­le „May hat den Br­ex­it rui­niert“ist von Don­ners­tag­abend an in Re­gie­rungs- und Par­la­ments­zir­keln das The­ma Num­mer eins. In der ge­mein­sa­men Pres­se­kon­fe­renz am Frei­tag­nach­mit­tag ver­sucht der Be­su­cher noch, das In­ter­view als „fa­ke news“her­un­ter­zu­spie­len. Da­mit knüpft er an die ver­zwei­fel­ten Scha­dens­be­gren­zungs­ver­su­che an, die Mays und Trumps Teams vom frü­hen Frei­tag­mor­gen an un­ter­nom­men hat­ten, um die pro­to­kol­la­ri­sche Kriegs­er­klä­rung ab­zu­schwä­chen. Das Br­ex­it-Weiß­buch sei ja erst Don­ners­tag­mit­tag vor­ge­stellt wor­den, hieß es in der Dow­ning Street. Der Prä­si­dent ha­be „nie ir­gend­et­was Schlech­tes“über May ge­sagt, hal­te sie im Ge­gen­teil für ei­ne „wirk­lich tol­le Per­son“, teil­te Sa­rah Hu­cker­bee San­ders, Spre­che­rin des Wei­ßen Hau­ses, mit. Der bri­ti­sche Au­ßenStaats­mi­nis­ter Alan Dun­can ver­nein­te ge­gen­über der BBC, dass Trump sich un­höf­lich ver­hal­ten ha­be; als Gast­ge­ber wer­de man je­den­falls den kon­tro­ver­sen Gast auch wei­ter­hin freund­lich und zu­vor­kom­mend be­han­deln.

Der Prä­si­dent weiß es zu schät­zen. Bei der Pres­se­kon­fe­renz nach sei­nen Ge­sprä­chen mit May auf de­ren Land­sitz Che­quers über­häuft Trump die Gast­ge­be­rin mit Kom­pli­men­ten: May sei „ganz be­son­ders“, er emp­fin­de gro­ße Zu­nei­gung für sie. Ne­ben der mit stoi­scher Mie­ne zu­hö­ren­den Re­gie­rungs­che­fin schwärmt der groß­spu­ri­ge New Yor­ker von den „sehr, sehr star­ken Be­zie­hun­gen“. Dass es grund­le­gen­de Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über die Be­deu­tung der Na­to und des Welt­han­dels gibt, dass die Pre­mier­mi­nis­te­rin kürz­lich auch öf­fent­lich die Be­hand­lung il­le­ga­ler Ein­wan­de­rer in den USA kri­ti­siert hat­te – al­les ver­ge­ben und ver­ges­sen.

Nur ein­mal pral­len die dia­me­tral un­ter­schied­li­chen Welt­sich­ten Trumps und Mays auf­ein­an­der. Die Ein­wan­de­rung der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te sei „schlecht ge­we­sen für Eu­ro­pa“, be­haup­tet Trump pau­schal und setzt er­kenn­bar Im­mi­gran­ten mit Ter­ro­ris­ten gleich. May be­kräf­tigt aber: „Al­les in al­lem war die Ein­wan­de­rung gut für un­ser Land. Die Kon­trol­le über un­se­re Gren­zen ge­hört da­zu.“

Trumps ers­ter of­fi­zi­el­ler Ter­min auf der In­sel war am Don­ners­tag­abend ein Be­such auf Schloss Blen­heim bei Ox­ford, dem Ge­burts­ort des be­rühm­ten Welt­kriegs­pre­miers Wins­ton Chur­chill (1874–1965). Dort wur­den der Prä­si­dent und sei­ne Gat­tin Me­la­nia von May und ih­rem Mann Phi­lip mit mi­li­tä­ri­schen Eh­ren emp­fan­gen, ehe die Paa­re mit In­dus­trie­ver­tre­tern schot­ti­schen Lachs, eng­li­sches Beef und Erd­bee­ren mit Sah­ne ver­zehr­ten. Beim Ga­lad­in­ner ha­be Trump höchst po­si­tiv über die künf­ti­gen Han­dels­be­zie­hun­gen zwi­schen den At­lan­ti­kAn­rai­nern ge­spro­chen, sag­te Au­ßen­han­dels­mi­nis­ter Li­am Fox.

Das klang in Trumps Sun- In­ter­view ganz an­ders. Die vor Wo­chen­frist fest­ge­leg­te wei­che­re Br­ex­it-Li­nie, die den Rück­tritt John­sons so­wie des Br­ex­it-Mi­nis­ters Da­vid Da­vis nach sich ge­zo­gen hat­te, ma­che den ins Au­ge ge­fass­ten Frei­han­dels­ver­trag un­mög­lich, heißt es dar­in. „Wir müss­ten ja wie­der mit der EU ver­han­deln an­statt mit dem Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich“, gab Trump zu be­den­ken. Tat­säch­lich wün­schen sich die Bri­ten ei­ne Frei­han­dels­zo­ne für Gü­ter mit der EU; da­für wol­len sie „ein ge­mein­sa­mes Re­gel­werk“, al­so die EU-Re­geln, an­wen­den.

Tee mit der Queen

Weil Br­ex­i­teers in­ner­halb und au­ßer­halb der kon­ser­va­ti­ven Frak­ti­on Sturm lau­fen, sind Trumps Wor­te Was­ser auf de­ren Müh­len. „Freun­de und Ver­bün­de­te soll­ten zu­sam­men­hal­ten”, schrieb Ba­rack Oba­ma vor zwei Jah­ren den Bri­ten ins Stamm­buch; die EU ver­min­de­re den bri­ti­schen Ein­fluss nicht, son­dern ver­grö­ße­re ihn. Br­ex­itVor­kämp­fer Bo­ris John­son führ­te Oba­mas Hal­tung da­mals auf des­sen „halb-ke­nia­ni­sche Her­kunft und Ab­nei­gung ge­gen­über dem Bri­ti­schen Em­pi­re“zu­rück.

Der Amts­in­ha­ber fei­ert an die­sem Wo­che­n­en­de sei­ne halb­schot­ti­sche Her­kunft bei ei­nem Be­such auf sei­nem Golf­platz bei Glas­gow. Am Frei­tag run­de­te ei­ne Tas­se Tee mit Queen Eliz­a­beth II auf Schloss Wind­sor das gut 24stün­di­ge Be­suchs­pro­gramm des Prä­si­den­ten­paa­res ab.

Zehn­tau­sen­de de­mons­trier­ten in London, Glas­gow und Edin­burgh ge­gen den US-Staats­gast, ge­lei­tet von ei­nem sechs Me­ter ho­hen He­li­um­bal­lon in Form ei­nes zor­ni­gen Trump-Ba­bys in Win­deln.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.