An­ge­spann­te La­ge vor Mon­sun in Ro­hin­gya-Camps

Im größ­ten Flücht­lings­la­ger der Welt be­droht der Mon­sun die la­bi­len Struk­tu­ren. Mar­tha Wir­ten­ber­ger vom Ro­ten Kreuz ist in Cox’s Ba­zar und setzt auf die Stär­ke der Ro­hin­gya.

Der Standard - - INTERNATIONAL - An­na Sa­wer­thal

Die Zah­len blei­ben un­vor­stell­bar. Über ei­ne Mil­lio­nen Men­schen lebt im welt­größ­ten Flücht­lings­la­ger, in Cox’s Ba­zar in Ban­gla­desch an der Gren­ze zu Myan­mar. Die meis­ten von ih­nen, 700.000 Men­schen, sind seit Au­gust aus der Pro­vinz Rak­hi­ne in Myan­mar ge­kom­men, wo sich ein schwe­len­der Kon­flikt zwi­schen den Bud­dhis­ten und der mus­li­mi­schen Ro­hin­gya-Min­der­heit ge­walt­tä­tig ent­la­den hat­te. Vie­le Ro­hin­gya sind nach Ban­gla­desch ge­flo­hen.

In Cox’s Ba­zar le­ben sie nun in Camps. Frü­her war Cox’s Ba­zar ein Ur­laubs­ort, dann wur­de bin­nen kür­zes­ter Zeit auf engs­tem Raum ei­ne Stadt aus Bam­bus­hüt­ten und Plas­tik­pla­nen er­rich­tet. 700.000 Men­schen – so groß wie Frankfurt. Die Uno ist be­müht, ei­ne Rück­kehr zu er­mög­li­chen, mit Myan­mar gibt es ei­nen Rück­kehr­plan. An­fang Ju­li war Uno- Ge­ne­ral­se­kre­tär An­tó­nio Gu­ter­res im La­ger, sprach von Be­rich­ten über Tö­tun­gen und Ver­ge­wal­ti­gun­gen in Myan­mar, sprach von ei­nem „hu­ma­ni­tä­ren und men­schen­recht­li­chen Alb­traum“.

Psy­cho­so­zia­le Hil­fe

Für Mar­tha Wir­ten­ber­ger vom Ro­ten Kreuz be­deu­te­te der Be­such des Uno-Chef­di­plo­ma­ten, dass ih­re Ar­beit zwei St­un­den spä­ter als nor­mal be­gann. Die Kon­vois blo­ckier­ten die Stra­ßen. Die 41-jäh­ri­ge Ti­ro­le­rin ist seit zwei Mo­na­ten vor Ort, um psy­cho­so­zia­le Un­ter­stüt­zung zu leis­ten. Sie muss Ant­wor­ten auf die Fra­gen fin­den: Wie kann man die aus dem Bo­den ge­stampf­te Stadt or­ga­ni­sie­ren? Wie ver­pfle­gen? Wie kann man den Men­schen das Ge­fühl ge­ben, dass es wei­ter­geht? „Psy­chi­sche Ers­te Hil­fe“nennt sie das.

Die Haupt­sor­ge, die der­zeit im La­ger herrscht, ist der ein­set­zen- de Mon­sun, er­zählt sie, der Erd­rut­sche und Er­kran­kun­gen aus­lö­sen kann.

Ganz un­ab­hän­gig vom Mon­sun herrscht in al­len La­gern Un­ge­wiss­heit dar­über, wie lan­ge man noch aus­har­ren müs­se. Ein Jahr? Zwei Jah­re? Es ge­be vie­le Ge­rüch­te, doch ak­tiv fragt nie­mand nach. Wäh­rend am Frei­tag die Uno vor­be­rei­tet, Ex­per­ten nach Rak­hi­ne zu schi­cken, um zu er­kun­den, wie man ei­ne Rück­kehr or­ga­ni­sie­ren könn­te, geht in Cox’s Ba­zar das Le­ben und Wir­ten­ber­gers Ar­beit wei­ter. „Un­ser An­satz ist, die Men­schen zu stär­ken und ih­nen Hoff­nung zu ge­ben.“Sie möch­te nichts schön­re­den, be­tont sie. „Die Men­schen ha­ben Dra­ma­ti­sches er­lebt und im Camp kei­nen leich­ten All­tag. Aber wir ver­su­chen ein­fach, sie ein biss­chen zu er­leich­tern.“

Die Her­aus­for­de­run­gen sind groß: Ein Schlüs­sel ist Be­schäf­ti­gung. Vor al­lem Män­ner äu­ßern oft den Wunsch, ar­bei­ten zu kön­nen. Der­zeit bie­tet die Or­ga­ni­sa­ti­on die Mög­lich­keit an, Fi­scher­net­ze her­zu­stel­len. Au­ßer­dem gibt es Näh- und Strick­grup­pen. Ge­ra­de bei Ju­gend­li­chen be­steht die Ge­fahr, dass sie un­ter­be­schäf­tigt sind, auch Bil­dung ist wich­tig.

Trau­er nor­mal

Der an­de­re Schlüs­sel ist, Räu­me zu schaf­fen, in de­nen die Men­schen die Mög­lich­kei­ten fin­den, über das Er­leb­te zu re­den – wenn sie das wol­len. „Wir zwin­gen nie­man­den, sei­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len, aber es gibt vie­le, die er­zäh­len wol­len. Wir ver­su­chen, hier zu­zu­hö­ren.“Sie und ihr Team möch­ten den Men­schen ver­mit­teln, dass es nor­mal ist, trau­rig zu sein. „Oft hilft es, dass die Men­schen wis­sen, dass ih­re Re­ak­tio­nen nor­mal sind.“

Die Camp­be­woh­ner sei­en jetzt schon viel stär­ker als frü­her. Durch Be­schäf­ti­gung hät­ten sie in sich neue Res­sour­cen ge­fun­den. „Es ist wich­tig, Raum und Be­schäf­ti­gung zu be­kom­men, um nicht über­wäl­tigt zu sein von den Er­in­ne­run­gen und den Un­si­cher­hei­ten – egal, ob das jetzt der Re­gen ist oder die Fra­ge: Wie lan­ge noch?“

Wir­ten­ber­ger war über­wäl­tigt von der Gast­freund­schaft der Ban­gla­de­scher. Ein Punkt, den auch Gu­ter­res her­vor­hob: Er lob­te „das Mit­leid und die Groß­zü­gig­keit“– es hät­te ge­hol­fen, „vie­le Tau­send Le­ben zu ret­ten“.

Mehr als ei­ne Mil­li­on Men­schen lebt in den La­gern um Cox’s Ba­zar an der Gren­ze zu Myan­mar. Zwei St­un­den braucht man, um durch die La­ger zu fah­ren.

Fo­to: De­vji Bu­chi­ja / IFRC

Mar­tha Wir­ten­ber­ger (41) ist Päd­ago­gin. Für das Ro­te Kreuz schafft sie Räu­me zum Re­den.

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