Ein Spiel zwei­er Lei­den­schaf­ten

Sonn­tag, 17 Uhr, Lu­sch­ni­ki-Sta­di­on, Mos­kau: Die XXI. Welt­meis­ter­schaft geht ins Fi­na­le. Mit Frank­reich und Kroa­ti­en tref­fen fuß­bal­le­ri­sche Bril­lanz, tak­ti­sche In­tel­li­genz und hoch­gra­di­ge Lei­den­schaft auf­ein­an­der.

Der Standard - - SPORT - Wolf­gang Weis­gram

Gi­an­ni In­fan­ti­no, der Welt­ver­bands­prä­si­dent, bei des­sen An­sich­tig­wer­den ei­nem stets das schö­ne Wort „schar­wen­zeln“je­de wei­te­re Über­le­gung zu die­sem Mann und sei­ner Trup­pe ein we­nig ein­trübt – die­ser Gi­an­ni In­fan­ti­no hat sein Ur­teil schon ge­fällt. Es ist ein­deu­tig. „Es ist die bes­te WM, die je­mals statt­ge­fun­den hat.“

Die­se „Seit ein paar Jah­ren ha­be ich ge­sagt, dass das die bes­te WM über­haupt sein wird“-Welt­meis­ter­schaft wird am Sonn­tag mit ei­ner sehr über­ra­schen­den End­ent­schei­dung zu En­de ge­hen. Frank­reich vs. Kroa­ti­en! Wer hät­te ernst­haft da­mit ge­rech­net? Ab­ge­se­hen von den 67 Mil­lio­nen Fran­zo­sen und den vier Mil­lio­nen Kroa­ten?

Frank­reich gilt ge­mein­hin als Fa­vo­rit, wenn auch als leich­ter, zu­mal es hof­fär­tig wä­re, in ei­nem WM-Fi­na­le ei­ne Bank iden­ti­fi­zie­ren zu wol­len.

Die spek­ta­ku­lä­ren Stär­ken der Fran­zo­sen un­ter ih­rem Coach Di­dier De­schamps lie­gen zwei­fels­oh­ne in der Sturm­ab­tei­lung. In die schal­ten sich zu­wei­len auch Paul Pog­ba oder Blai­se Ma­tui­di ein.

Pog­ba bil­det ge­mein­sam mit dem nicht ganz 1,70 Me­ter gro­ßen N’Go­lo Kan­té von Chel­sea, der un­auf­fäl­lig tut, was die­ses fran­zö­si­sche Team so stark macht, das Herz­stück.

Die Strahl­kraft ei­nes Ky­li­an Mbap­pé oder ei­nes An­toi­ne Griez­mann über­tüncht ein we­nig den Um­stand, dass die­se Blau­en auch ei­ne sehr de­fen­si­ve Aus­strah­lung ha­ben kön­nen. Bel­gi­en et­wa ist im Halb­fi­na­le dar­an ver­zwei­felt.

Auch des­halb, weil De­schamps es ver­steht, die Sei­nen pe­ni­bel auf den Geg­ner ein­zu­stel­len. Und un­ter den Sei­nen hat er – Na­men wur­den schon er­wähnt – sol­che, die das stets zu­ge­schnit­te­ne, in sich aber auch ex­trem si­tua­ti­ons­elas­ti­sche Kon­zept um­zu­set­zen wis­sen. Paul Pog­ba ge­gen Lu­ka Mo­d­rić – das wird wohl ein gro­ßes, denk­wür­di­ges Du­ell.

Man schleppt al­ler­dings auch ein Pin­kerl mit hin­ein in die­ses Spiel, ein viel­leicht ent­schei­dungs­träch­ti­ges. Da­heim näm­lich scheint sich die Freu­de über die­se jun­ge, schö­ne, stol­ze Trup­pe zu ei­ner Art An­spruch ver­dich­tet zu ha­ben. Die Nie­der­la­ge im Fi­na­le der Heim-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2016 ge­gen Por­tu­gal soll nun aus­ge­bü­gelt wer­den. Was heißt soll? „Wir müs­sen das Fi­na­le ge­win­nen, weil wir die Nie­der­la­ge von vor zwei Jah­ren noch im­mer nicht ver­ar­bei­tet ha­ben“, sagt De­schamps. Aber das haue schon hin, weil: „Die Spie­ler sind zwar jung, ha­ben aber Cha­rak­ter. Ei­ne Sie­ger­men­ta­li­tät.“

Die Men­ta­li­tät

Jetzt er­zäh­le aber ein­mal ei­nem Kroa­ten et­was über Sie­ger­men­ta­li­tät! Ne­ben all der bal­leste­ri­schen Hoch­qua­li­tät und der je­weils punkt­ge­nau­en tak­ti­schen Va­ria­bi­li­tät der kroa­ti­schen Bries­ki­cker ver­blüff­te und be­ein­druck­te in der K.-o.-Run­de vor al­lem die­se Un­er­bitt­lich­keit ge­gen sich selbst, der Wil­le, den Er­folg auch weit jen­seits der Schmerz­gren­ze zu su­chen. Die­ses kroa­ti­sche Team hat vor dem Fi­na­le nicht nur ei­nen Tag we­ni­ger zum Re­ge­ne­rie­ren ge­habt, son­dern auch ein Match mehr in den Bei­nen als der Geg­ner. Drei­mal hin­ter­ein­an­der ging es ja über 120 Mi­nu­ten, das sum­miert sich.

Zlat­ko Da­lić, der 51-Jäh­ri­ge, der das Team im Ok­to­ber des Vor­jah­res über­nom­men hat, gibt zwar zu, dass es hart ist, 90 Mi­nu­ten mehr in den Kno­chen zu ha­ben. „Aber es sieht so aus, dass je här­ter es wird, des­to bes­ser wer­den wir.“Da­lić, von Ver­bands­chef Da­vor Šu­ker als Not­na­gel mit­ten in die be­reits ge­schei­tert schei­nen­den Qua­li­fi­ka­ti­on ge­holt, hat es ge­schafft, aus ei­ner Trup­pe alt­ge­dien­ter, ver­dien­ter Le­gio­nä­re ei­ne ein­ge­schwo­re­ne Par­tie zu ma­chen. In der er ge­wis­ser­ma­ßen Pri­mus in­ter Pa­res ist. Zlat­ko Da­lić ist ganz ge­wiss die Trai­ne­r­ent­de­ckung die­ser WM.

Jetzt sagt er: „Es gibt kei­ne Aus­re­den. Es ist in un­se­rem Le­ben ei­ne ein­zig­ar­ti­ge Chan­ce. Ich bin si­cher, dass wir die nö­ti­ge Stär­ke und Mo­ti­va­ti­on fin­den wer­den.“Denn im Ge­gen­satz zum Geg­ner ste­he man ja nicht un­ter Druck. Der drit­te Platz von 1998 ist be­reits nur mehr zweit­bes­tes Na­tio­na­l­er­geb­nis. Jetzt ge­be es die Chan­ce, als zweit­kleins­tes Land nach Uru­gu­ay mit sei­nen 3,5 Mil­lio­nen Ein­woh­nern Welt­meis­ter zu wer­den.

Frank­reich und Kroa­ti­en strei­ten sich am Sonn­tag auch um den Ti­tel des bes­ten Spie­lers im Tur­nier. Frank­reich schickt Ky­li­an Mbap­pé ins Ren­nen. Kroa­ti­en wohl Lu­ka Mo­d­rić.

Den lobt nicht nur sein Trai­ner über den grü­nen Klee. Di­dier De­schamps soll sich fürch­ten: „Nach die­ser Sai­son mit Re­al Ma­drid sprin­tet Lu­ka noch im­mer nach 116 Mi­nu­ten dem Ball hin­ter­her. Er führt das Team, er ist für mich der Mann des Tur­niers. Er ver­dient die­se Tro­phäe.“

Nein, sagt Paul Pog­ba. Das Ver­dienst ge­hö­re wohl dem jun­gen Ky­li­an Mbap­pé, der selbst schon dies­be­züg­lich auf­ge­zeigt hat: „Er will es, weil er das Ta­lent da­zu hat und das Recht, es zu sa­gen.“

„Will see“, sagt man heu­te, wo­zu die Oma einst rich­ti­ger ge­sagt hat: „Es mu­aß sein und net a.“Und da­mit liegt kei­ner falsch.

Das jun­ge Ge­sicht der WM: Frank­reichs 19-jäh­ri­ger Ky­li­an Mbap­pé will den Gol­de­nen Ball für den bes­ten Spie­ler.

Das Ge­sicht der Er­fah­rung: Kroa­ti­ens Spiel­ma­cher Lu­ka Mo­d­rić ist se­riö­ser Kan­di­dat für die Tro­phäe als bes­ter Spie­ler.

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