„Die Haus­frau­en­ehe ist ei­ne his­to­ri­sche Lü­ge“

Ma­ria Stern, de­si­gnier­te Che­fin der Lis­te Pilz, und Schei­dungs­an­wäl­tin He­le­ne Klaar ver­schwes­tern sich im Som­mer­ge­spräch – ge­gen den ver­tei­lungs­un­ge­rech­ten Fa­mi­li­en­bo­nus und für ei­nen fried­li­che­ren Po­lit­stil.

Der Standard - - INLAND - MO­DE­RA­TI­ON: Ni­na Wei­ßen­stei­ner

STAN­DARD: Als re­nom­mier­te Schei­dungs­an­wäl­tin ken­nen Sie die Ab­grün­de, die sich zwi­schen Frau­en und Män­nern auf­tun kön­nen. Nicht nur rund um den Wie­der­ein­zug von Par­tei­grün­der Pe­ter Pilz in den Na­tio­nal­rat spiel­ten sich bei der gleich­na­mi­gen Lis­te ei­ni­ge Dra­men ab – wie lau­tet Ihr Be­fund? Klaar: Grund­sätz­lich ist es Pe­ter Pilz zwar ge­lun­gen, für die Na­tio­nal­rats­wahl ei­ni­ge recht in­ter­es­san­te Per­sön­lich­kei­ten und gu­te Leu­te auf der Lis­te zu ver­ei­nen. Doch ge­ra­de sehr ge­schei­te Men­schen ha­ben dann im Um­gang mit­ein­an­der oft Pro­ble­me.

Stern: Das ist ei­ne tref­fen­de, knap­pe Zu­sam­men­fas­sung, mit der ich gut le­ben kann.

STAN­DARD: Als Frau­en­spre­che­rin ha­ben Sie Ih­ren Man­dats­ver­zicht für Pilz als „fe­mi­nis­ti­schen Akt“be­zeich­net und da­für viel Hä­me ein­ste­cken müs­sen. Was wer­den Sie als Par­tei­che­fin an­ders ma­chen als Pilz? Stern: Als ehe­ma­li­ge Leh­re­rin bin ich ge­wohnt, Te­am­playe­rin mit Durch­griffs­recht zu sein. Mein Haupt­au­gen­merk will ich auf die Bür­ger­be­tei­li­gung le­gen.

STAN­DARD: Wenn es so wei­ter­geht bei Ih­rer Lis­te, wer­den Sie wahr­schein­lich aber im­mer wie­der ein deut­li­ches Macht­wort spre­chen müs­sen?

Stern: Macht­voll ha­be ich ja be­reits ge­han­delt, in­dem ich mein Man­dat nicht an­ge­nom­men ha­be. Denn da­mit ha­be ich voll­kom­men an­de­re Vor­aus­set­zun­gen für den Klub ge­schaf­fen – und das zählt auch durch­aus zu mei­nem Stil.

Klaar: Da ha­ben Sie schon recht: In die­ser heik­len Si­tua­ti­on muss­te ja ir­gend­je­mand in Ih­rer Par­tei ein­len­ken. Ich hal­te es für ein ty­pisch männ­li­ches Ver­hal­ten, zu sa­gen: „Das ist mein Na­tio­nal­rats­man­dat, als Le­ben­der bringt mich hier kei­ner mehr weg!“– wie es die Ab­ge­ord­ne­ten ja ge­macht ha­ben. Doch war­um soll­ten Frau­en die schlech­ten Ver­hal­tens­wei­sen von Män­nern imi­tie­ren? Da­her ha­be ich da durch­aus mit Ih­nen sym­pa­thi­siert. Mit Ih­rer Ent­schei­dung ha­ben Sie die wirk­lich an die Sub­stanz ge­hen­de Kri­se bei­ge­legt.

STAN­DARD: Un­längst hat der Klub das Di­enst­ver­hält­nis von Tier­schutz­spre­cher Se­bas­ti­an Bohrn Me­na, eben­falls oh­ne Man­dat, auf­ge­löst. Zu­vor hat er un­ter an­de­rem die man­geln­de Trans­pa­renz in Ih­rer Kon­troll­par­tei be­klagt: Es ge­be kei­ne Sit­zungs­pro­to­kol­le, kei­ne Fi­nanz­pro­to­kol­le, kei­ne Rech­nungs­prü­fer – wird sich das un­ter Ih­nen än­dern? Stern: Ich kom­men­tie­re kei­ne lau­fen­den Ver­fah­ren. Nur so viel: Ich bin er­leich­tert, dass sei­ne Fa­keAn­schul­di­gun­gen und kol­por­tier­ten Halb­wahr­hei­ten auf den Tisch kom­men und dass end­lich al­les auf­ge­klärt wird.

Klaar: Ich wün­sche Herrn Bohrn Me­na, dass er end­lich ei­ne Par­tei fin­det, die für ihn gut ge­nug ist.

STAN­DARD: Sie spie­len dar­auf an, dass Bohrn Me­na da­vor bei der SPÖ war. Stern: Und da­vor bei den schwar­zen Ge­werk­schaf­tern ge­we­sen ist.

STAN­DARD: Sie ken­nen Pe­ter Pilz aus Stu­den­ten­ta­gen – wie sind Sie mit­ein­an­der aus­ge­kom­men?

Klaar: Dass wir uns nä­her kann­ten, ist stark über­trie­ben. Ich war im Ver­band so­zia­lis­ti­scher Stu­den­ten ak­tiv – und in der Ära von Kanz­ler Bru­no Kreis­ky ha­ben wir gro­ßen Zu­lauf von jun­gen Her­ren aus bür­ger­li­chem Mi­lieu ge­habt, die – of­fen­bar in Op­po­si­ti­on zu ih­ren Vä­tern – plötz­lich ih­re Lie­be zum rea­len So­zia­lis­mus ent­deckt ha­ben, wie et­wa Jo­sef Cap. Des­we­gen hat es mir da­mals ganz gut ge­fal­len, als der Pe­ter Pilz dann aus­ge­schert ist und auf trotz­kis­ti­sche Op­po­si­ti­on ge­macht hat. In­so­fern ha­be ich für ihn ei­ne ge­wis­se Grund­sym­pa­thie ge­habt.

STAN­DARD: Ha­ben Sie ver­gan­ge­nen Herbst dar­über nach­ge­dacht, viel­leicht Lis­te Pilz zu wäh­len? Klaar: Nein – und des­halb se­he ich ih­re Pro­ble­me jetzt auch oh­ne be­son­de­re in­ne­re Be­tei­li­gung.

Stern: Ich bin in der DDR ge­bo­ren wor­den, war mit den rea­len Aus­wir­kun­gen des Kom­mu­nis­mus kon­fron­tiert und ken­ne die ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen der Dik­ta­tur. Ge­ra­de im Ge­denk­jahr von Karl Marx, in dem sich des­sen 200. Ge-

burts­tag jährt, stellt sich für mich heu­te aber mehr denn je wie­der die Fra­ge der Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit – des­we­gen freue ich mich auf die Marx-Aus­stel­lung in Tri­er.

STAN­DARD: Ih­re Par­tei hat zu­letzt ge­gen den neu­en Fa­mi­li­en­bo­nus der Re­gie­rung, der steu­er­li­che Ent­las­tung mit sich bringt, und den mög­li­chen Zwölf­stun­den­tag für die Ar­beit­neh­mer ge­stimmt. Doch was lässt sich ge­gen all das als klei­ne, kri­sen­ge­schüt­tel­te Op­po­si­ti­ons­par­tei tat­säch­lich aus­rich­ten?

Stern: Frei­lich ge­stal­tet sich un­se­re Ar­beit oft zach. Doch was den Fa­mi­li­en­bo­nus be­trifft, grün­de ich jetzt den SOS-Fa­mi­li­en­bo­nus – kon­kret ein Pro­jekt, bei dem Men­schen, die den Fa­mi­li­en­bo­nus be­kom­men, ihn aber nicht wirk­lich brau­chen, ein­zah­len kön­nen – so wie ich mit drei Kin­dern zum Bei­spiel. Aus die­sem Topf sol­len dann ein­kom­mens­schwa­che Fa­mi­li­en ei­nen Bo­nus be­kom­men, die das Geld tat­säch­lich be­nö­ti­gen. Da­her mei­ne gro­ße Bit­te, dass sich mei­nem Bei­spiel mög­lichst vie­le an­schlie­ßen. Oh­ne gro­ßen Ver­wal­tungs­auf­wand kön­nen wir da­durch ein we­nig Um­ver­tei­lung von oben nach un­ten er­rei­chen.

Klaar: Das ge­fällt mir an Ih­nen, die­ser Ak­ti­vis­mus – das ist ei­ne wirk­lich ori­gi­nel­le Idee. Hof­fent­lich fol­gen Ih­nen da ei­ni­ge nach.

Stern: Ich hof­fe da sehr auf ei­nen ge­wis­sen zi­vi­len Un­ge­hor­sam, den man da im SOS-Fa­mi­li­en­bo­nus aus­le­ben kann.

Klaar: Fest steht, dass der Fa­mi­li­en­bo­nus vor al­lem Al­lein­ver­die­nern mit ho­hem Ein­kom­men nützt – und das sind in der Re­gel Fa­mi­li­en­vä­ter, de­ren Ehe­frau­en Haus­frau­en mit gro­ßer Kin­der­schar sind. Aus mei­ner Sicht geht das in die fal­sche Rich­tung, dass der Staat vor al­lem die­se Le­bens­wei­se so hoch do­tiert.

Stern: Tat­säch­lich wer­den laut Sta­tis­tik drei Vier­tel des Fa­mi­li­en­bo­nus männ­li­chen Kon­ten zu­gu­te­kom­men. Die Al­lein­er­zie­he­rin­nen wer­den nun zwar mit 250 Eu­ro pro Jahr be­rück­sich­tigt, aber das ist ja qua­si nur ei­ne pein­li­che klei­ne Spen­de.

STAN­DARD: Und wie lau­tet Ih­re Ein­schät­zung an­ge­sichts der an­ste­hen­den mög­li­chen Zwölf­stun­den­ta­ge: Wird da­mit die Zahl der nicht prä­sen­ten Fa­mi­li­en­vä­ter wei­ter stei­gen – und wo­mög­lich so­gar die Schei­dungs­ra­te? Klaar: Ob sich das kon­kret auf die Schei­dungs­zah­len aus­wirkt, weiß ich nicht – und das wä­re mir auch ziem­lich wurscht. Fakt ist aber: Al­les, was rund um die ge­setz­li­chen Ar­beits­zei­ten er­mög­licht wird, ge­schieht dann auch. Da­mit wird das Le­ben von Frau­en noch ein­mal un­er­träg­li­cher. Ich war ja stets ei­ne Geg­ne­rin des Acht­stun­den­tags, weil schon ei­ne Vier­zig­stun­den­wo­che oft zu Ehe­pro­ble­men führt, wenn man da­ne­ben noch die Kin­der be­treu­en muss. Und die ha­ben es sich auch nicht ver­dient, jetzt viel­leicht zwölf bis vier­zehn St­un­den in Kin­der­be-

treu­ung zu sein. Das kann sich doch al­les zu­sam­men nicht mehr aus­ge­hen, mit An­fahrts­zei­ten, Schla­fens­zei­ten, Ein­kau­fen und ge­sun­der Er­näh­rung, bei der man am bes­ten noch selbst die ge­sun­den Ka­rot­ten putzt – da muss man doch das meis­te zu­kau­fen. Ich er­ach­te den Zwölf­stun­den­tag da­her als An­schlag auf die Le­bens­qua­li­tät al­ler ar­bei­ten­den Men­schen.

Stern: Noch da­zu, wo die Re­gie­rung nicht mehr Geld in den Aus­bau von Kin­der­be­treu­ungs­plät­zen für die Drei- bis Fünf­jäh­ri­gen in­ves­tie­ren will. Wenn wir auf mög­li­che 60-St­un­den-Wo­chen kom­men, schaut es so aus, dass in Wi­en nur zehn Pro­zent des Be­darfs an Kin­der­gär­ten mit län­ge­ren Öff­nungs­zei­ten ab­ge­deckt sein wer­den – und im Bund gan­ze hei­ße ein Pro­zent. All das ist so dumm und kurz­sich­tig ge­dacht.

STAN­DARD: Und wie steht’s dann mit dem wün­schens­wer­ten Hal­be­hal­be bei der Auf­tei­lung von Ver­sor­gungs- und Kin­der­be­treu­ungs­pflich­ten zu Hau­se?

Klaar: Na, ein­mal darf man ra­ten: Die Müt­ter blei­ben eher zu Hau­se, und die Vä­ter wer­den ih­re Kin­der in der Früh nicht se­hen, weil die­se noch schla­fen – und schon wie­der schla­fen, wenn der Pa­pa nach Hau­se kommt.

Stern: Jetzt schon be­dau­ern ja vie­le Vä­ter, dass sie zu we­nig Zeit mit ih­ren Kin­dern ver­brin­gen – aber lei­der müs­sen sie ja Über­stun­den leis­ten, um sich das gan­ze Le­ben samt stei­gen­der Le­bens­hal­tungs­kos­ten für die Fa­mi­lie leis­ten zu kön­nen. Die Müt­ter wer­den da­mit si­cher ver­mehrt in die Haus­frau­en­rol­le ge­drängt. Da­bei ist die Haus­frau­en­ehe ei­ne his­to­ri­sche Lü­ge: Die Re­gie­rung setzt da ein Mo­dell voraus und tut so, als ob es nor­mal wä­re, was am En­de des 19. Jahr­hun­derts in der Ober­schicht erst­ma­lig vor­han­den war – und was in den Fünf­zi­ger- und Sech­zi­ger­jah­ren durch den Wirt­schafts­boom für die brei­te Mas­se mög­lich ge­we­sen ist. Doch heu­te ist das längst nicht mehr der ge­sell­schaft­li­che Nor­mal­fall. pVi­deo zu weib­li­chen wie männ­li­chen Stär­ken auf der­Stan­dard.at/In­land

Ma­ria Stern von der Lis­te Pilz ruft zu „zi­vi­lem Un­ge­hor­sam“rund um den Fa­mi­li­en­bo­nus der Re­gie­rung auf – An­wäl­tin He­le­ne Klaar (li.) sym­pa­thi­siert mit „die­sem Ak­ti­vis­mus“.

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