Mis­si­on ös­ter­rei­chi­scher Is­lam

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Ra­sit Sim­sek steht auf dem Män­ner­klo und macht sich be­reit für Gott. Ei­lig dreht er den Was­ser­hahn auf und wäscht sich gründ­lich die Ar­me und das Ge­sicht. Gleich ist es vier nach eins – und Al­lah war­tet nicht. Es ist Zeit für Ge­bet drei von fünf heu­te, so wie es der Koran vor­sieht.

Ra­sit wirft sei­nen Turn­sack über den Rü­cken und macht sich auf den Weg zur Ab­stell­kam­mer. Die Haa­re hat er zu ei­nem Zopf ge­bun­den, seit­lich ra­siert, die Kon­tu­ren sei­nes dich­ten Barts sind scharf de­fi­niert. Er geht vor­bei an ei­ni­gen Ko­pie­rern und öff­net die Tü­re zu ei­nem kah­len Raum.

Ra­sit nimmt ei­nen tür­kis­schwar­zen Tep­pich vom Kas­ten und legt ihn vor sich hin. Er hebt die Hän­de und be­ginnt auf Ara­bisch zu sin­gen, dann kniet er sich hin, die Stirn auf den Bo­den. Er be­tet zu Al­lah. Su­re eins, Vers eins bis sie­ben, ein Schnell­durch­lauf durch den Koran.

Ziel: Ima­me aus Ös­ter­reich

Ra­sit hat, ge­mein­sam mit 39 an­de­ren Stu­die­ren­den, vor ei­nem hal­ben Jahr ei­ne Aus­bil­dung zum is­la­mi­schen Theo­lo­gen be­gon­nen. Die Kam­mer, in der er be­tet, be­fin­det sich nicht in ei­ner Mo­schee, son­dern an der Uni­ver­si­tät Wi­en.

Es ist der ers­te Jahr­gang is­la­mi­scher Theo­lo­gen, die auf ös­ter­rei­chi­schem Bo­den aus­ge­bil­det wer­den. Bis­lang stu­dier­ten hier ar­bei­ten­de Pre­di­ger ih­re Re­li­gi­on und den Koran im Aus­land, in An­ka­ra, Sa­ra­je­vo oder Te­he­ran. Vie­le wur­den aus der Tür­kei in hei­mi­sche Mo­sche­en ent­sandt, ob­wohl sie we­der Deutsch noch die hei­mi­sche Kul­tur kann­ten.

Laut dem Theo­lo­gen Ed­nan As­lan, Chef des In­sti­tuts für Is­la­misch-Theo­lo­gi­sche Stu­di­en an der Uni Wi­en, gibt es hier­zu­lan­de kei­nen ein­zi­gen mus­li­mi­schen Ver­band, der nicht in der ei­nen oder an­de­ren Wei­se ei­ne Ver­bin­dung zum Aus­land hat, et­wa zu Bos­ni­en, der Tür­kei oder Sau­di-Ara­bi­en, vie­le da­von zu po­li­ti­schen Be­we­gun­gen.

Weil dort völ­lig an­ders auf die Welt ge­blickt wird, sind Mus­li­me wie Ra­sit in ös­ter­rei­chi­schen Mo­sche­en mit ei­nem Is­lam kon­fron­tiert, der häu­fig sehr kon­ser­va­tiv bis re­ak­tio­när aus­ge­legt und nicht sel­ten po­li­tisch miss­braucht wird.

Dass es nun den Stu­di­en­gang Is­la­mi­sche Theo­lo­gie in Wi­en gibt, geht auf ei­ne Initia­ti­ve von Kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz zu­rück. 2011 rich­tet die­ser, da­mals noch Staats­se­kre­tär für In­te­gra­ti­on, das Dia­log­fo­rum Is­lam ein, in die­sem tau­schen sich Po­li­tik und Mus­li­me aus. Ein Plan wird aus­ge­ar­bei­tet, ein Teil da­von ist der neue Stu­di­en­gang. Der soll ein Mei­len­stein für die In­te­gra­ti­on sein, ei­ne Theo­lo­gie be­för­dern, die es schafft, die Re­li­gi­on in die Ge­gen­wart zu über­set­zen.

Kor­an­zi­ta­te im Fri­sör­sa­lon

Orts­wech­sel. Ein klei­ner Fri­sör­sa­lon ne­ben dem Wie­ner Matz­leins­dor­fer Platz, aus dem Fern­se­hen dröhnt tür­ki­scher Fuß­ball. „Mein La­den“, sagt Ra­sit. Ge­ra­de ist nie­mand da, Ra­sit nutzt die Zeit, um für die Prü­fung mor­gen zu ler­nen. Viel Zeit bleibt nicht, bald kommt der nächs­te Ter­min. Wie vie­le sei­ner Kun­den ist auch Ra­sit gläu­bi­ger Mus­lim.

Ra­sit küm­mert sich im Sa­lon um die Haa­re und Bär­te sei­ner Kun­den, hier phi­lo­so­phiert er – und man könn­te so­gar sa­gen, hier pre­digt er. Er zi­tiert aus der Bi­bel und er­zählt Ge­schich­ten aus dem Koran. Ra­sit er­reicht in sei­nem La­den vie­le, die nie in ei­ne Mo­schee ge­hen wür­den. Denn mit dem Gang dort­hin neh­men es vie­le so ge­nau wie die Chris­ten mit dem in die Kir­che.

Ra­sit kommt mit 19 nach Wi­en, er stu­diert Be­triebs­wirt­schaft, hört wie­der auf, ar­bei­tet als Tech­ni­ker. Nach sei­nem ers­ten Kran­ken­stand wird er ge­kün­digt, dann geht er zu Cos­mos – ein hal­bes Jahr spä­ter ist die Han­dels­ket­te plei­te. Ra­sit macht sich dar­auf­hin selbst­stän­dig. Für ihn scheint der Koran ei­ne An­lei­tung fürs Le­ben zu sein, er will ein gu­ter Mensch, to­le­rant, hilfs­be­reit, re­spekt­voll sein. Wir sei­en al­le leicht zu ver­füh­ren, die Re­li­gi­on ge­be da Halt, sagt Ra­sit. Das will er ver­mit­teln, an der Uni er­hält er das phi­lo­so­phi­sche Rüst­zeug da­für. Den Is­lam legt er so aus, wie sich das hier vie­le wün­schen: of­fen und hu­ma­nis­tisch.

Im Grun­de geht es im Stu­di­um dar­um: Man kann mit dem Koran ei­nen ewi­gen Krieg ge­gen Un­gläu­bi­ge recht­fer­ti­gen oder das stren­ge Ver­bot, auch nur ei­ner Flie­ge et­was zu­lei­de zu tun. Vom Schwie­ger­sohn des Pro­phe­ten Mo­ham­med ist über­lie­fert: Der Koran ist stumm, erst der Mensch ver­leiht ihm ei­ne Stim­me.

Doch wer leiht ihm die­se Stim­me in Ös­ter­reich?

Geht es nach In­te­gra­ti­ons­fach­leu­ten und Theo­lo­gen an­de­rer Glau­bens­rich­tun­gen, dann sind es noch die fal­schen. Der So­zio­lo­ge Ken­an Gün­gör, der im Expertenrat für In­te­gra­ti­on von Au­ßen­mi­nis­te­rin Ka­rin Kn­eissl sitzt, be­schreibt es so: In Ös­ter­reichs Mo­sche­en wer­de oft das Bild ver­mit­telt, man müs­se ein „rei­ner Mus­lim“sein. „In die­ser Lo­gik gibt es so et­was wie ei­nen ös­ter­rei­chi­schen Mus­lim gar nicht. Das Bild ist, man muss in der Fremd­heit sei­ne Rein­heit be­wah­ren.“Für Gün­gör liegt das Pro­blem in den mus­li­mi­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen: „Die meis­ten ver­brei­ten welt­an­schau­lich hoch­pro­ble­ma­ti­sche In­hal­te.“

Kon­ser­va­ti­ver Ver­band

Das Stu­di­um sei ei­ne gu­te Sa­che – doch ehe in den Mo­sche­en in Wi­en aus­ge­bil­de­te Theo­lo­gen pre­di­gen, wer­den noch Jah­re ver­ge­hen. Denn ei­ne Mo­schee ent­schei­det selbst, wer in ihr ar­bei­tet. Durch das 2015 in Kraft ge­tre­te­ne Is­lam­ge­setz wur­de die Si­tua­ti­on noch ver­schärft. Seit­her hat die Is­la­mi­sche Glau­bens­ge­mein­schaft IGGiÖ laut dem His­to­ri­ker Hei­ko Hei­nisch das letz­te Wort, wenn es um die Grün­dung neu­er Mo­sche­en geht. Die Glau­bens­ge­mein­schaft steht für ei­nen kon­ser­va­ti­ven Is­lam, Theo­lo­gie ist für sie die Ver­wal­tung von Re­li­gi­ons­ge­lehr­sam­keit.

An­ders in Berlin: Dort wur­de im Vor­jahr ei­ne Mo­schee ge­grün­det, in der, an­ders als üb­lich, Frau­en auch oh­ne Kopf­tuch be­ten kön­nen, in ei­nem Raum mit Män­nern. In Ös­ter­reich ist das un­denk­bar. Der Prä­si­dent der Is­la­mi­schen Glau­bens­ge­mein­schaft in Ös­ter­reich, Ibra­him Ol­gun, sagt da­ge­gen, ein mus­li­mi­sches Ge­bets­haus, in dem Frau­en kein Kopf­tuch tra­gen, sei kei­nes.

„Wir dür­fen nicht mehr län­ger zu­se­hen“, sagt Re­gie­rungs­be­ra­ter Gün­gör. Er for­dert, der Glau­bens­ge­mein­schaft den Re­li­gi­ons­un­ter­richt zu ent­zie­hen. Es sei ver­hee­rend, wem man da Kin­der an­ver­traue. Denn auch Kin­der von nicht so re­li­giö­sen El­tern wür­den dort mit ei­nem Is­lam kon­fron­tiert, der in kein li­be­ra­les Land pas­se.

Da­bei stel­len mo­de­ra­te Mus­li­me die Mehr­heit im Land. Leb­ten in der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on der Zu­wan­de­rung die meis­ten noch stark nach re­li­giö­sen Vor­stel­lun­gen, so sind es in der drit­ten Ge­ne­ra­ti­on nur mehr drei von 100, wie aus der Stu­die „Mus­li­mi­sche Di­ver­si­tät: Kom­pass zur re­li­giö­sen All­tags­pra­xis in Ös­ter­reich“von Ed­nan As­lan, Jo­nas Kolb und Erol Yil­diz her­vor­geht.

So wie Ra­sit. Er in­ter­es­siert sich für sei­ne Re­li­gi­on, Imam möch­te er aber nicht wer­den. Er will dank des Stu­di­ums vor al­lem je­nen Mus­li­men bes­ser wi­der­spre­chen, die den Koran wirr in­ter­pre­tie­ren.

Seit Herbst ver­gan­ge­nen Jah­res kann man in Wi­en Is­la­mi­sche Theo­lo­gie stu­die­ren. Ra­sit Sim­sek ist ei­ner von 40 Mus­li­men, die das tun. Ziel des Stu­di­en­gangs ist es, den Glau­ben in die Ge­gen­wart zu über­set­zen. Das wä­re ein Mei­len­stein für die In­te­gra­ti­on – aber der Weg dort­hin ist weit. RE­POR­TA­GE: Andre­as Sa­tor

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