Der En­kel des „En­gels der Mie­ter“

Mit sei­nen 31 Jah­ren ist Ro­bert Krot­zer (KPÖ) der bis­her jüngs­te Stadt­rat von Graz

Der Standard - - INLAND - Wal­ter Mül­ler

Graz – Sieg­fried Nagl, der Gra­zer ÖVP-Bür­ger­meis­ter, könn­te lo­cker sein Va­ter sein, KPÖ-Stadt­rä­tin El­ke Kahr sei­ne Mut­ter. Theo­re­tisch ver­steht sich. Mit sei­nen jetzt 31 Jah­ren ist Ro­bert Krot­zer je­den­falls das bis­her jüngs­te Re­gie­rungs­mit­glied im Rat­haus der stei­ri­schen Lan­des­haupt­stadt.

Im ver­gan­ge­nen Jahr wur­de der ehe­ma­li­ge Leh­rer als Ge­sund­heits­stadt­rat für die KPÖ – der zweit­stärks­ten Par­tei nach der 2017er-Wahl – an­ge­lobt. Von ei­ni­gen Po­li­tik­be­ob­ach­tern in Graz wird er mitt­ler­wei­le gar schon als „En­kel“– um im Ver­wandt­schafts­bild zu blei­ben – des be­reits le­gen­dä­ren „En­gels der Mie­ter“, Er­nest Kal­te­negger, KPÖ-Fak­to­tum und Ex-Stadt­rat, ge­han­delt.

Links­ideo­lo­gisch ge­fes­tigt

Krot­zer sei gleich zu­rück­hal­tend, fast schüch­tern, aber ziel­stre­big, em­pa­thisch im Um­gang mit „den Men­schen da drau­ßen“, aber links­ideo­lo­gisch or­dent­lich ge­fes­tigt, wie es auch Kal­te­negger war.

Die­ser hat­te die KPÖ in Graz mit sei­ner linksprag­ma­ti­schen Po­li­tik in zwei­stel­li­ge Hö­hen ge­führt.

Ro­bert Krot­zer ent­deck­te sehr früh sei­ne po­li­ti­sche Vor­lie­be fürs dunk­le Rot. Er ha­be schon als 14Jäh­ri­ger Marx und En­gels ge­le­sen. „90 Pro­zent ha­be ich zwar nicht ver­stan­den“, sagt Krot­zer, aber die Li­te­ra­tur ha­be auf ihn doch ei­ne ge­wis­se Ma­gie aus­ge­übt.

„Es war dann für mei­ne El­tern schon ein klei­ner Schock, dass der Sohn Kom­mu­nist ge­wor­den ist“, er­in­nert sich Krot­zer. Es war ja ei­ne fast got­tes­läs­ter­li­che Ab­wei­chung von der el­ter­li­chen Spur. Die Groß­fa­mi­lie, in der er im Inn­vier­tel auf­wuchs, war stark ka­tho­lisch-kon­ser­va­tiv ge­prägt, die Groß­el­tern wa­ren Bau­ern, der Va­ter lern­te sich zum Bank­an­ge­stell­ten hoch, die Mut­ter ar­bei­tet ak­tu­ell im Kran­ken­haus.

So rich­tig po­li­ti­siert hät­ten ihn die ers­te schwarz-blaue Re­gie­rung und die Pro­tes­te da­ge­gen.

Da sei et­wa die­se De­mo ge­gen die FPÖ ge­we­sen. „Ich hab mir von mei­ner Ma­ma ein ro­tes Tuch aus- ge­borgt und es als Fah­ne ver­wen­det. Da sind dann Jun­ge von der KPÖ ge­kom­men und ha­ben mich ge­fragt, ob ich das Tuch ge­gen Sti­cker ein­tau­schen mag.“Und schon war er da, der Kon­takt zu den Kom­mu­nis­ten.

Noch als Schü­ler dockt er bei der Kom­mu­nis­ti­sche Ju­gend Ös­ter­reichs (KJÖ) an, de­ren Bun­des­vor­sit­zen­der er von 2008 bis 2014 wird. Nach der Hak-Ma­tu­ra will er nach Wien zum Stu­di­um, bleibt aber nach ei­nem Kurz­be­such bei sei­ner bes­ten Freun­din in Graz hän­gen: „Die Stadt war ir­gend­wie Lie­be auf den ers­ten Blick.“

Als Ge­schenk ei­ne Sei­fe

Nach dem Lehr­amts­stu­di­um star­tet Krot­zer ei­ne Kurz­zeit­kar­rie­re als Pro­fes­sor für Deutsch und Ge­schich­te. Sei­ne Schü­ler schen­ken ihm, als er in die Stadt­re­gie­rung wech­selt, ei­ne Sei­fe. Da­mit er als Po­li­ti­ker „sau­ber bleibt“.

Der Gra­zer KPÖ-Füh­rung war sein En­ga­ge­ment bei den Jung­kom­mu­nis­ten na­tür­lich nicht ent­gan­gen, sie hol­ten den da­mals knapp 26 Jah­re al­ten Leh­rer be­reits 2013 in den Ge­mein­de­rat.

Na­tür­lich wis­se er um die be­las­te­te Ge­schich­te des Kom­mu­nis­mus, sagt Krot­zer, er ha­be auch viel dar­über nach­ge­dacht, aber den­noch: „Ich glau­be, er ist heu­te not­wen­di­ger denn je, wenn man be­denkt, wo­hin der schran­ken­lo­se Ka­pi­ta­lis­mus führt, der vie­le Er­run­gen­schaf­ten zer­stört. Wir brau­chen ei­ne Re­or­ga­ni­sa­ti­on der Ar­bei­ter­be­we­gung.“Aber we­ni­ger mit gro­ßen Wor­ten.

Es er­ge­be we­nig Sinn, die Zeit in phi­lo­so­phi­schen Dis­kus­si­ons­zir­keln zu ver­brin­gen. Po­li­tik be­gin­ne mit den Mü­hen der Ebe­ne. Bei der städ­ti­schen Impf­stel­le, die ge­ra­de noch er­hal­ten wer­den konn­te, bei der Ak­ti­on „Gesundheitsamt vor Ort“, um den Ser­vice der Stadt nä­her zu den Bür­gern zu brin­gen, bei Sucht­gip­feln oder den Pfle­ge­pro­ble­men in der Stadt.

Mit ei­ner ka­ri­ta­ti­ven Po­li­tik der klei­nen Schrit­te für die klei­nen Leu­te ha­ben Krot­zer und die KPÖ auch bür­ger­li­che Wäh­ler auf ih­re Sei­te ge­zo­gen – und ne­ben­bei die städ­ti­sche SPÖ aus der Re­gie­rung ge­drängt. Die Welt­re­vo­lu­ti­on kann da ru­hig war­ten.

Foto: Heinz Pa­cher­negg

Ro­bert Krot­zer ent­deck­te früh sei­ne Lie­be fürs dunk­le Rot.

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